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Literaturübersetzung und KI

Übersetzer-Sparring gegen die KI
© Goethe-Institut Krakau

Übersetzer*innen sind auch Autor*innen. Ersetzt die KI die literarischen Übersetzer*innen?

von Marta Gruszecka

Die KI entwickelt sich in rasantem Tempo. Was kann sie 2025 und wo lässt sie sich einsetzen? Teams vom Goethe-Institut und dem Verband Polnischer Übersetzer testen, wie gut die KI mit einer literarischen Übersetzung zurechtkommt.

Die Anfänge der KI reichen bis in die 1950er Jahre zurück. 1956 fand am Dartmouth College eine hochkarätig besetzte Konferenz (u.a. mit John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Shannon) statt, bei der definiert wurde, was KI ist, wofür sie eingesetzt werden bzw. in welche Richtungen sie sich möglicherweise entwickeln könnte. Damals konnte niemand erahnen, welche Anwendungsmöglichkeiten bzw. Effizienz diesem Instrument aus Menschenhand 70 Jahre später zukommen sollten.

Übersetzer contra KI – oder das „Übersetzer-Sparring gegen die KI“

Noch 2025 versetzen uns das Potenzial der KI und vor allem ihre Anwendungen in der Wirtschaft, Logistik, Kommunikation, Medizin, Wissenschaft und selbst in der Kultur in Erstaunen. Einige Beispiele sind hierbei besonders bemerkenswert. So kuratierte die KI das Unsound Festival in Krakau mit, eines der wichtigsten Musikfestivals in Polen, und beim Krakauer Patchlab-Festival für digitale Kunst bestimmte sie den Charakter einer Person anhand ihres jeweiligen Fotos.

Beinahe jedes Smartphone hat KI-Zugang, wodurch z.B. Bildaufnahmen optimiert bzw. retuschiert, Texte verfasst oder Hausaufgaben gemacht werden können. Die KI übersetzt außerdem Texte aller Art. Führt diese Funktion nun zum Verschwinden des Übersetzerberufs bzw. kann dieser noch mit ihr konkurrieren, zumal die KI in einer für Menschen unerreichbaren Geschwindigkeit agiert?

Um das zu testen, organisierten das Goethe-Institut und der Verband Polnischer Übersetzer im Rahmen der 28. Internationalen Buchmesse Krakau (23. bis 26. Oktober 2025) das „Übersetzer-Sparring gegen die KI“. Die Übersetzer*innen Ewa Mikulska-Frindo, Katarzyna Łakomik, Mark Ordon und Anna Wziątek nahmen die Herausforderung an. Die Aufgabe bestand in der Übertragung eines Auszugs aus den Romanen Lebensversicherung von Kathrin Bach, Alle Farben von Licht von Annika Scheffel, Das Narrenschiff von Christoph Hein und Das Herz von Kamp-Cornell von Susan Kreller, die allesamt Teil des aktuellen Polnisch-Schwerpunkts von Litrix.de sind. Dieselben Textausschnitte bekam auch die KI. Wer übersetzt nun besser: Mensch oder Maschine? Kann die Maschine literarische Nuancen ähnlich gut übertragen wie erfahrene Übersetzer*innen? Sind Literaturübersetzer*innen immer noch unersetzlich?

Wie wird „literarische Übersetzung“ überhaupt definiert?

„Für mich ist das vor allem die Kompetenz, nicht nur den Inhalt, sondern auch stilistische und künstlerische Feinheiten wiederzugeben sowie den kulturellen Kontext, die Atmosphäre, die Emotionen und das, was zwischen den Zeilen steht. Ich muss den Rhythmus, die Sprachmelodie, den Reichtum an stilistischen Mitteln des Originals reflektieren und dabei gleichzeitig in der Zielsprache »leben«“, erklärt Anna Wziątek, und ihre Kollegin Katarzyna Łakomik ergänzt: „Die literarische Übersetzung besteht darin, den spezifischen Stil des Autors – eine schwer zu fassenden Materie also – so wiederzugeben, dass er von den Lesenden in der Zielsprache möglichst ähnlich rezipiert wird wie im Original. Dadurch unterscheidet sich die literarische von allen anderen Arten der Übersetzung, mit denen ich mich sonst beschäftige und bei denen es vorrangig um die genaue Wiedergabe des Informationsgehalts in der Zielsprache geht. Hier aber geht die übersetzerische Arbeit über die rein sachbezogene Informationsvermittlung hinaus.“

Ewa Mikulska-Frindo, eine weitere Teilnehmerin des Übersetzer-Sparrings, fasst es wie folgt zusammen: „Das Motto unseres Literaturübersetzerverbandes […] lautet: »Der Übersetzer ist auch Autor«. Die literarische Übersetzung ist also eine Kunstform, in welcher der Übersetzer einen Text in der Zielsprache verfasst und so zum Co-Autor wird. Seine Aufgabe besteht nicht nur in der getreuen Inhaltswiedergabe, sondern auch im Beibehalten von Ästhetik, Stil und emotionalem Spannungsbogen des Originals. Für mich bedeutet es Passion, Herausforderung und Freude, wenn es mir gelingt, im Polnischen den Geist des deutschsprachigen Originals wiederzugeben“.

Fehler und Verflachungen

Wenn man dieser Argumentation folgt, dürfte die KI aktuell keine Gefahr für literarische Übersetzungen darstellen. Die Übersetzer*innen sind allerdings vorsichtig mit ihren Prognosen: „Wir können nicht vorhersehen, was die Zukunft bringt. Alles ist möglich! Vor zehn Jahren hätte niemand erwartet, dass wir es heute mit einer KI auf derart hohem Niveau zu tun haben. Derzeit ist sie mit dieser speziellen Art der Übersetzung aber noch überfordert, […] manche Informationen, ja sogar ganze Passagen werden von der KI notorisch übergangen – ganz zu schweigen von der Wiedergabe von Emotionen“, kommentiert Katarzyna Łakomik. Dem stimmt auch Anna Wziątek zu: „Solange die KI nicht »zwischen den Zeilen« lesen kann, kommt sie mit den Stilmitteln oder der Atmosphäre des Textes nicht zurecht, und ich sehe sie nicht als Konkurrenz für meine Arbeit.“

Verdirbt KI die Preise?

Wird die Entwicklung der KI den Übersetzerberuf dennoch in naher Zukunft verändern? „Der Übersetzer oder die Übersetzerin kann zu einer Art kreativem Assistenten werden, zu jemandem, der dank seiner Sensibilität dem Translat, das als maschinelle Übersetzung entstanden ist, ein »menschliches Antlitz« verleiht. Das kann leider zu einem geringeren Auftragsvolumen, erhöhtem Zeitdruck für das jeweilige Projekt und einem geringeren Honorarsatz führen“, stellt Ewa Mikulska-Frindo fest. „Der Markt für nichtliterarische Übersetzung basiert schon heute zum Großteil auf Postedition, der Überprüfung von Maschinen- oder KI-Übersetzungen also. Manche Übersetzer vermeiden das bewusst oder […] wechseln sogar die Branche. Denn die Übersetzungsbüros zahlen dafür natürlich geringere Honorare als für eigene Übersetzungen“, ergänzt Katarzyna Łakomik.

Augen auf bei der KI-Nutzung

Die Anwendung von KI wird in der Branche intensiv diskutiert, wobei die Meinungen geteilt sind: „Ich betrachte die KI als Werkzeug, das manche in Zukunft unterstützend einsetzen werden. Wir spüren alle ein leichtes Unbehagen, manche nutzen sie, andere nicht. Die einen sprechen offen darüber und andere haben Angst vor Kritik, […] das ist sehr individuell. Viele Übersetzer greifen auch deshalb nicht auf Hilfestellungen durch die KI zurück, um den »Originalitätseffekt«, also einen kognitiven Fehler, zu vermeiden, der darin besteht, die erste Version, also den ersten Vorschlag seitens der KI, als gelungen zu erachten; vielleicht sogar als einzig richtige Version. Wer sich dessen bewusst ist, müsste ständig die Vorschläge der KI infrage stellen, und es wäre schwierig, dies jedes Mal mit der gleichen Wachsamkeit zu tun.“

Auf meine Frage nach den besonderen Herausforderungen bei der Arbeit mit KI führt Katarzyna Łakomik weiter aus: „Bei literarischen Übersetzungen verwende ich KI für die Recherche und manchmal auch, um eine Blockade zu überwinden, wenn ich keine zufriedenstellende Lösung finden konnte. Dann beschreibe ich den Zusammenhang und das konkrete Problem, ein Äquivalent in der Zielsprache zu finden, und bitte die KI, mir andere Versionen anzubieten […].“

Wissensbasierte Übersetzung

Die Übersetzerin betont jedoch, dass man der KI nur bedingt trauen könne: „Die KI muss man überprüfen, überprüfen und nochmals überprüfen. Ich muss im jeweiligen Bereich oder Fachgebiet schlauer sein als sie, um feststellen zu können, ob die KI halluziniert oder nicht. Wenn es an entsprechendem eigenen Fachwissen fehlt, sind die KI-Angaben mithilfe von Fachliteratur zu prüfen. […] Mir geht es hier insbesondere um Wissenschaftspublikationen, Fach- und populärwissenschaftliche Literatur. Wir müssen uns in die jeweilige Wissens- oder Lebenswelt vertiefen, damit die Sprache, in der wir diese Welten beschreiben, dem Leser so natürlich erscheint, als wären wir die Autor*innen und somit Spezialist*innen des jeweiligen Fachgebiets.“

Auch Ewa Mikulska-Frindo weiß über die Nutzung von KI zu berichten: „Die KI schlägt mir oftmals verschiedene Lösungen zur jeweiligen Fragestellung vor. Aber ich bin es, die entscheidet, ob ich sie überhaupt nutze bzw. was ich auswähle. Dabei bin ich sehr zurückhaltend […] und überprüfe die Glaubwürdigkeit anhand der Quellen.“ Ihrer Meinung nach erleichtert der Einsatz von KI die Übersetzungsarbeit. Jedoch gelte es, auf der Hut zu sein, weil die eigene Kreativität durch die Flut an Ergebnissen leiden könne. Anna Wziątek befürwortet ebenfalls die Anwendung von KI: „Ich nutze sie gelegentlich, wenn ich mich nicht für eine konkrete Lösung entscheiden kann bzw. nicht sicher bin, wie ein sprachliches Problem zu lösen ist. Dann gebe ich der KI eine Chance und füge das entsprechende Fragment ins Übersetzungstool ein. Meistens ist das eher amüsant als hilfreich, aber manchmal führen diese »künstlichen« Übersetzungen auch zu der Lösung, nach der ich gesucht habe.“

KI glättet, wiederholt und vereinfacht Dialoge

Und wie ist das Sparring schließlich ausgegangen? Ein eindeutiger Sieg für den Menschen! Beim Vergleich des Originalauszugs aus Kathrin Bachs Roman “Lebensversicherung” mit der Übersetzung durch die deepl-Vollversion wurde deutlich, dass die KI besonders schlecht mit den lautmalerischen Elementen und den im Dialekt gehaltenen Dialogen zurechtkam. Erstere wurden eigentlich gar nicht übertragen, sondern einfach im Original belassen. Die Dialoge wirkten hölzern. Außerdem gab es zahlreiche Ungenauigkeiten, einige Grammatikfehler, unglückliche Formulierungen bzw. Lehnübersetzungen. Darüber hinaus wurde der Text an Stellen geglättet, an denen dies nicht notwendig gewesen wäre. Ein weiteres großes Problem stellten die Wiederholungen dar, die im Deutschen natürlich wirken, im Polnischen jedoch irritieren. „Im Polnischen muss man schon einige Mühe darauf verwenden, Wiederholungen zu vermeiden“, erklärt Ewa Mikulska-Frindo und ergänzt, dass der Roman Lebensversicherung, den sie im Wettstreit mit der KI übersetzt hat, sprachlich nicht so anspruchsvoll gewesen sei. „Die Autorin hat sich zurückgehalten mit komplizierten Sprachspielereien, Stilmitteln, kulturellen oder intertextuellen Bezügen. Für mich als Übersetzerin war der Roman keine allzu große Herausforderung“.

Wie sich die Kooperation von Übersetzer*innen und KI entwickeln wird, werden die kommenden Jahre zeigen. Fürs Erste heißt es Daumen drücken, dass die KI fachkundige Unterstützung bietet, und die Übersetzer*innen kritisch und – wie die Teilnehmer*innen am literarischen Sparring mehrfach betonten – kreativ im Umgang mit ihr bleiben.


Marta Gruszecka Marta Gruszecka ist eine polnische Journalistin, die u.a. für die größte polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ schreibt; Katzenliebhaberin und Marathonläuferin, die niemals aufgibt.

Aus dem Polnischen von Dietmar Gass

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