Jacek Dehnel empfiehlt
Ein Buch über nichts

Der von Esther Kinsky beschriebene River Lea
Der von Esther Kinsky beschriebene River Lea | Quelle: Flickr; Foto (Ausschnitt) © Matt Brown; CC BY 2.0

Der Protagonist von Esther Kinskys „Am Fluss“ ist der Londoner Fluss Lea. Die Autorin beschreibt Un-Orte, es gibt hier keine Geschichte und die Figuren sind ganz normale Leute, schreibt Jacek Dehnel und entdeckt, dass auch das Über-Nichts-Schreiben es in sich hat.

Buchcover „Nad rzeką“, Esther Kinsky
© Biuro Literackie, Pressematerial
Wir alle treffen manchmal auf Bücher, die von allem Möglichen handeln, die so vollgestopft, so oberflächlich sind, dass sie zu Büchern über gar nichts werden. Am Fluss von Esther Kinsky ist deren Gegenteil: ein Buch über nichts, das dank der außergewöhnlichen Disziplin und des poetischen Talents seiner Autorin zu einem Buch über alles wird.

Es fängt sogar im Nirgendwo an: Die Erzählerin berichtet, wie sie an einem unbedeutenderen Londoner Flüsschen spazieren ging und Bilder mit ihrer Polaroid schoss (Polaroidbilder sind mit ihrer blassen Farbe, ihrer wenig geachteten, alltäglichen Technik und Schmierbuchhaftigkeit übrigens eine gute Metapher für dieses ganze Buch). Wenn sie etwas besucht, dann hauptsächlich Un-Orte: zufälliges Gestrüpp, Schutthalden, Schotterwege, alte Lagerhäuser, Plätze, auf denen sich früher einmal Schlachtereien befunden haben, Treppen, die nirgendwoher kommen und nirgendwohin führen, Territorien, für die niemand exakte Karten anzufertigen wüsste, Parzellen, die niemand will und sumpfige Gelände. „Der Fluß kräuselte sich am Fuße der North Mill Fields vorbei an Bootsschuppen und um eine Halbinsel voll ratloser Vögel und gestrandetem Abfall, bevor er unter einer Brücke verschwand. Die Straße, die hier das Marschgelände teilte, war eine der alten Adern zwischen Stadt und Ferne, Umland, Land. Wundfüßige Stadtsucher aus den Dörfern, aus ferneren Städten und von anderen Küsten hatten hier Zeit, Umkehr zu erwägen, sich übers Brückengeländer gebeugt im Fluß zu spiegeln oder entscheidungsunsicher flußauf und flußab zu schauen.“ Es ist eine Variante des Flaneurismus, wie man ihn bei Bruno Schulz finden kann: das Besuchen einer schlechteren Welt, ihrer weniger gelungenen, umgangenen Winkel, ein absichtsvolles Registrieren all dessen, was andere verachten. Der von Besuchern verworfene Ort wird zum Grundstein dieses Romans.

Ich wollte schreiben, dass diese Geschichte mäandert, aber hier gibt es gar keine Geschichte, es gibt nur Fetzen, wie abfalltragende Gischt nach einer Flut, die in einem Strudel ihre Kreise zieht. Episoden aus dem Leben der Erzählerin (also gut, nehmen wir doch an, dass es Esther Kinsky selbst ist), ihrer nahen und entfernten Verwandten, von Zufallsbekanntschaften, die sie auf dem Markt oder im Pub getroffen hat. Aber, wie es auch bei Schmutz im Wasser ist, ein besonderes Licht verwandelt sie manchmal in reines Gold.

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Es ist erstaunlich, wie konsequent Kinsky beim Aufbau dieses Buches zu Werke geht (der Titelseite „Am Fluss, Roman“ darf man nicht glauben, denn es handelt sich nicht um einen Roman, sondern eher um eine Mischform aus Essay, Erinnerungen, Ekphrasen und einem eigenartigen Reisetagebuch – das Spazieren am örtlichen Flüsschen als Reise um den Tisch – um einer Sprache willen, die manchmal in die Gefilde der poetischen Prosa ausgreift: „Mein Kind sprach kein Wort, als nähme es keinen Anteil an den Namen der Dinge“). Wie eng diese nicht offenkundige Form mit der erzählten Nicht-Geschichte über Un-Orte verbunden ist. Der Fluss fließt unaufhörlich von der Quelle zur Mündung, aber sein Wasser hat keine wichtigeren und weniger wichtigen Fragmente; Monotonie, aufeinanderfolgende Sedimentschichten. Alluvialprosa. Und doch passiert hier gleichzeitig so viel, dass es unmöglich ist, sich bei dieser Scheinmonotonie zu langweilen, alles zerfällt unaufhörlich und setzt sich wieder zusammen, wie Ziegel und Statuen aus Flusslehm, die, einmal zerschlagen, an ihren Ursprung zurückkehren, oder wie die winzigen fetten Rußpartikel von den Körpern der letzten in London verbrannten Ketzer, die sich auf dem Gefieder der Wat- und Sumpfvögel, der Reiher, Dommeln und Rohrsänger niederlassen. Die weiteren Kapitel und Erzählungen werden von den Wassern anderer Flüsse angeschwemmt: der Tisza, der Oder, des Hooghly Rivers, des Rheins, der Neretva, zwischen ihnen fehlt jegliche Hierarchie: Die Geschichte eines Jungen, der in einem abgebrannten Haus wohnt, ist ebenso wichtig wie diejenige von einigen Kindern, die ihre Spielsachen ins Feuer werfen, und wie diejenige von den alten Leuten, die in ein viktorianisches Bad gehen, um dort die alte Kunst des Spielens auf Metallwannen auszuüben, die vom Kunstreiter im Ruhestand oder die von der Eigentümerin eines Kosher Egg Stores.

Denn ähnlich wie die von Kinsky ausgewählten Landschaften sind auch ihre Helden nichts Besonderes: Es sind ganz normale Leute, deren relative Außergewöhnlichkeit nur daher rührt, dass sie Einwanderer in einer Einwandererstadt sind; eine Bruderschaft von Expats, eine verstreute und verschiedenartige Gemeinschaft, der diese Prosa Unterkunft gewährt und die ihnen in Worten einen Heimatersatz gibt: Das bewahrt auch diejenigen, die sonst niemand bewahren will. Die Spuren von Bruno Schulz sind hier übrigens kein Zufall: Kinsky hat sich für die Arbeit des Lehrers aus Drohobycz vor vielen Jahren, noch zu ihrer Schulzeit begeistert, als sie auf eine Übersetzung der Zimtläden stieß, und man sieht, dass ihre Ausflüge sie häufig in die Regionen der großen Ketzerei führen. Am sichtbarsten ist das vielleicht im Kapitel „Markt“, das ein schönes Beispiel für einen excercice de style ist. Die Ruinen eines einst schicken Viertels („Es war eine seit Jahren und durch alle Phasen des Verfalls hindurch beliebte Straße, die allerhand gesehen und mitgemacht hatte, wovon die Alteingesessenen gerne unter pfeifendem Keuchen aus ihren trümmerverstaubten Atemwegen berichteten.“) werden Wanderern und verdächtigen Händlern anvertraut („Es wurde im Handumdrehen ein Markt, den man als fröhlich pries und dessen stetes Gedeihen man lobte. […]. Von freundlichen und wohlmeinenden Einheimischen auf ihre Herkunft hin befragt, ersannen viele Heimatlose blumige und märchenhafte Geschichten ihrer angeblichen Heimatländer, in gebrochenen Sätzen und ungereimten Worten beschworen sie Begebenheiten, Schicksale, Helden, Könige und sogar Götter, von denen sie selbst bisher nicht im Traum etwas geahnt hatten [...]“), woraufhin sie für eine „Nacht der großen Saison“ („das verordnete Festival der Heimatlosigkeit“) zu einem noch schwindelerregenderen Ort werden, und alles nur, damit der Exzess es erlaubt, alles zu schließen und Bauunternehmer einzulassen, die nun Gebäude instand setzen und sie anschließend für märchenhafte Summen verkaufen konnten. All dies lehnt sich für einen Moment aus den Wellen des Buches heraus, blitzt auf und geht wieder unter.

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Die Klugheit von Am Fluss ist nicht nur in Kinskys außergewöhnlicher Empfindsamkeit (in emotionaler, visueller und jeder anderen Hinsicht), sondern auch in ihrem Mut verankert: Denn es braucht viel Mut, um über nichts zu schreiben, selbst dann, wenn man es – wie sich erweist – so ausgezeichnet kann. Das ganze Buch ist nämlich in vielerlei Hinsicht eine Überschreitung.

Indem es aber überschreitet (Orpheus „gehorcht“, wie Rilke schrieb, „indem er überschreitet“), gelangt es dorthin, wo sich der Großteil des Lebens abspielt: in die Normalität. Unser Leben leben wir doch im Allgemeinen an Un-Orten, die wir in kleinen, alltäglichen Nicht-Geschichten anordnen. Eine unwesentliche Geste am Rand eines Gestrüpps. Ein Stolpern, ein Wiederfinden des Gleichgewichts. Ein missglücktes Bild, das man zwischen Buchseiten legt und vergisst, das aber viele Jahre später eine allzu neugierige Erzählerin auf dem Gehweg findet, nicht weit vom Mülleimer, in den unaufmerksame Erben die Überreste einer vergänglichen Existenz geworfen haben. Einer Nicht-Existenz vielleicht.
 
Esther Kinsky: Am Fluss, Matthes und Seitz, Berlin 2014 [Titel der polnischen Übersetzung: Nad rzeką, übersetzt von Sława Lisiecka, Biuro Literackie, Stronie Śląskie 2017]
 

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