Archival Chain Reactions
Ausstellung|Between and Beyond Archivo Pinto Mi Raya, re.act.feminism, City of Women
-
Museum der zeitgenössischen Kunst Metelkova (+MSUM), Ljubljana
Kuratorinnen: Bettina Knaup, Iva Kovač und Mónica Mayer
Eröffnung: Donnerstag, 23. April 2026, um 19 Uhr*
"For me, working with the archive is an act of self-defence against indifference, invisibilization, and the censorship caused by ignorance or by power." – Mónica Mayer
Mit Arbeiten von: Milijana Babić, selma banich, Laura Anderson Barbata, CADA, Graciela Carnevale, Ana Čigon, Diamela Eltit, Exterra XX, Else Gabriel, Regina José Galindo, Anna Bella Geiger, Lydia Hamann & Kaj Osteroth, María Teresa Hincapié, Ana Victoria Jiménez, Magali Lara, María Evelia Marmolejo, Mónica Mayer, Lorena Orozco, Giulia Palladini & Rodolfo Suárez Molnar, Polvo de Gallina Negra (Maris Bustamante & Mónica Mayer), Producciones y Milagros Agrupación Feminista (Rotmi Enciso & Ina Riaskov), Jesusa Rodríguez and Liliana Felipe, Maja Smrekar, Gabriele Stötzer, Cecilia Vicuña, Lorena Wolffer.
*Führung mit Kuratorinnen für Journalist*innen: Donnerstag, 23. April 2026, um 11 Uhr
Die Ausstellung Archival Chain Reactions ist das Ergebnis eines kollaborativen Rechercheprojektes zwischen drei einflussreichen, aber prekären Archiven feministischer Kunst. Ausgehend von der langen Geschichte des Vergessens und Verdrängens feministisch – queerer, gender non-konformer Künstler*innen reagiert dieses Projekt auf die Gefahr des Verschwindens prekärer feministischer Archive und betont die Notwendigkeit der Vernetzung und des Austauschs zwischen Archiven in verschiedenen globalen Kontexten. Archive werden dabei nicht nur in ihrer stabilen und materiellen Dimension sondern auch als lebendige soziale Formationen verstanden, die fortlaufender Fürsorge, Pflege und Entwicklung bedürfen.
Zu den Partner*innen gehören das Archivo Pinto mi Raya (Mexiko), ein Archiv der Künstler*innen Mónica Mayer und Victor Lerma, das sich seit den siebziger Jahren auf experimentelle Kunst- und Textproduktion konzentriert, mit besonderem Schwerpunkt auf Performance und feministische Kunst; das Projekt re.act.feminism (Berlin), das seit 2008 als lebendiges Performance-Archiv durch Europa reiste und Arbeiten von mehr als 180 Künstler*innen aus aller Welt umfasst; sowie City of Women mit ihrem umfangreichen aber verstreuten Archiv, das im Laufe von 31 Jahren an regelmäßigen Festival- und Programmaktivitäten entstanden ist.
Keines dieser drei Archive wird von einer Organisation getragen, deren alleiniger Zweck seine Bewahrung ist. Alle sind prekär – abhängig von der Unterstützung Einzelner und ohne regelmäßige Finanzierung der Archivaktivitäten. Pinto mi Raya ist ein Künstler*innenarchiv, das zugleich Ausgangspunkt für Kunstproduktion ist. re.act.feminism ist ein Projekt, das sich in mehreren Episoden – mit Unterbrechungen und Pausen - entwickelt hat und spekulativ die Form eines im Entstehen begriffenen, lebendigen feministischen Performance-Archivs annimmt. City of Women ist eine kuratierte Veranstaltungsreihe, die im Laufe der Zeit ein reiches Archiv ihrer eigenen Spuren und Dokumente angesammelt hat.
Obwohl sie in ihren jeweiligen Kontexten und auch international maßgeblich zur Entwicklung und Förderung feministischer künstlerischer Praktiken beigetragen haben, bleiben ihre Archive prekär.
Nesten, Verankern und Zirkulieren
Die Ausstellung ist aus einer wechselseitigen (partiellen) Untersuchung der drei Archive entstanden, die zwischen vertiefenden Einblicken und Überblicksperspektiven oszillierte. Dabei traten ausgewählte Werke und Dokumente ebenso in den Fokus, wie eine Reihe von Methoden gegenseitiger Bezugnahmen, Resonanzen und Effekte, die wir als „archivische Kettenreaktionen“ bezeichnen.
Ein Beispiel für eine archivische Kettenreaktion ist die Strategie des Beherbergens oder „Nestens“. Während der Recherche stießen wir auf verschiedene solcher beherbergten, ineinander vernestelten Archive – also Bestände, die vollständig oder teilweise in einem anderen Archiv aufbewahrt werden. So befinden sich etwa Teile des Archivs von City of Women im Temporary Slovenian Dance Archive. Im Fall des Archivo Pinto mi Raya wurden zeitweise digitale Kopien anderer Künstlerinnenarchive aufgenommen – vorübergehend und zur sicheren Verwahrung –, etwa das Archiv der Fotografin und Aktivistin Ana Victoria Jiménez, einer wichtigen Verbündeten und Weggefährtin von Mónica Mayer über mehrere Jahrzehnte. Bevor das Archiv an eine Institution übergeben wurde, fungierte diese temporäre Form der Aufbewahrung als eine Art Sicherheitsnetz, das gewährleistete, dass ihre bedeutende künstlerische Praxis zusammen mit der umfangreichen Dokumentation der mexikanischen feministischen Kunstszene seit den 1970er Jahren nicht verloren geht.
Mónica Mayers Kunstprojekt Archiva – das feministische Kunstpraktiken in Mexiko dokumentiert und wiederum als Reaktion auf das Archiv von Ana Victoria Jiménez entstanden ist – ist eine weitere archivische Initiative, die in Ermangelung institutioneller Unterstützung für feministische Kunst die Materialien durch eine wandernde Reihe von Lecture-Performances unterschiedlichen Öffentlichkeiten zugänglich gemacht hat. Indem Mayer Archiva strategisch als eine Sammlung von Archivdokumenten präsentierte und diese an mehrere Institutionen übergab, unterlieft sie auf spielerische Weise die Hürde, die der Aufnahme feministischer Kunst in etablierte Kunstsammlungen im Wege stand. „Das System geschmeidig machen“, beschreibt Mayer diese Strategie. Einen Anker auswerfen kann als eine weitere Modalität archivischer Kettenreaktionen bezeichnet werden. Die Entwicklung vielfältiger Strategien des Verankerns innerhalb von Netzwerken und bisweilen auch in institutionellen Kontexten wie Museen und Universitäten – wie etwa bei der Einbindung des Videoarchivs von City of Women in das digitale Network Museum von MG+MSUM’s – kann dazu beitragen, Archive zugänglicher zu machen und zugleich ihre Prekarität zu verringern. Darüber hinaus kann die Weitergabe eines Archivs in die Hände anderer eine Strategie geteilter Verantwortung und gemeinschaftlichen Eigentums sein – genau auf diese Weise, also durch die Mitarbeit vieler Menschen und Organisationen, ist auch das Archiv von City of Women gewachsen.
Es sind solche Akte und Handlungen, die dazu beitragen die archivischen Infrastrukturen, die feministische Kunstproduktion erst ermöglichen, auch in Zukunft zu erhalten: feministische Kämpfe dokumentieren – (künstlerische) Aktionen entwickeln, diese Kämpfe zu erweitern und zugänglicher zu machen – sich um die Archive von Mitstreiter*innen kümmern.
Jede Begegnung mit einem Archiv erzeugt einen Nachhall. re.act.feminism entwickelte sich als wandernde Ausstellung und durch fortlaufende Recherchen, was zum Wachstum des Archivs beitrug und weitere Recherchen, Kollaborationen und Performances anstieß. Auf seiner Reise durch Europa wurde das Projekt auch im Rahmen von City of Women präsentiert, während seine ursprüngliche Konzeption nicht zuletzt durch die frühere Mitarbeit einer der Kurator*innen am Festival inspiriert war.
Ähnlich lässt sich Archiva – Mónica Mayers Archivprojekt über feministische Künstlerinnen in Mexiko – als Echo von Mayers Teilnahme an re.act.feminism verstehen. Ihre Begegnung mit diesem wandernden Archiv – das Werke lateinamerikanischer Performancekünstlerinnen umfasste, die sie zuvor nie hatte sehen können – hat sie tief bewegt und die Entwicklung von Archiva unmittelbar geprägt. Wir verstehen diese Strategie der Zirkulation daher als eine weitere produktive Kraft, die archivische Kettenreaktionen in Gang setzen kann.
Archive als Domizil. Archive in Bewegung. Archive als Netzwerk
Die Ausstellung zielt nicht auf eine umfassende Repräsentation dieser drei Archive, sondern darauf, die Dynamik zwischen ihnen sichtbar zu machen, wie sie sich im Verlauf eines einjährigen Dialogs entfaltet hat, und nachzuzeichnen, wie Ideen zirkulieren, sich gegenseitig befruchten und weiterentwickeln. Im Zentrum dieser Dynamik steht das umfangreiche Werk von Mónica Mayer, das Einblicke in vielfältige künstlerische Praktiken und Netzwerke in Mexiko und darüber hinaus eröffnet. Es macht die frühen internationalen feministischen Verbindungen sichtbar, an deren Aufbau sie maßgeblich beteiligt war, wie etwa durch das Projekt Translations, das zudem wenig bekannte Verflechtungen zwischen den Kontexten des ehemaligen Jugoslawiens und Mexikos aufzeigt.
Durch ausgewählte Dokumente, Kunstwerke und Methoden aus den drei Archiven können wir diese als ein Domizil beobachten (z.B. bei Pinto mi Raya), als mobiles Modul (wie im Fall von re.act.feminism und Archiva) oder als über ein Netzwerk und eine Stadt verteilte Struktur – wie im Fall des Archivs von City of Women, das sich direkt neben und auch im MG+MSUM befindet, aber zugleich auch bei vielen Personen, Institutionen und Organisationen der Kunstszene in Ljubljana verortet ist.
Während der Wechsel zwischen einem vertiefenden Eintauchen und Vogelperspektiven im Rahmen unseres experimentellen, nicht-akademischen Forschungsansatzes zu den drei Archiven eine umfassende Übersicht erschwerte, ermöglichte es uns dennoch, aus den vielfältigen Beziehungen zu lernen, die die Felder von Kunst und Aktivismus in ihren jeweiligen Kontexten konstituieren. Diese Beziehungen erscheinen uns als das tragende Gerüst, auf dem neue Verbindungen erwachsen können.
Archivo Pinto mi Raya (Mexiko-Stadt, seit 1975) ist ein persönliches und künstlerisches Archiv, das von den Künstler*innen Mónica Mayer und Víctor Lerma aufgebaut wurde. Ihr Haus ist zum physischen Domizil ihres Archivs geworden, während Teile an Museen, Bibliotheken und Universitäten übergeben wurden. Es wuchs organisch durch persönliche und familiäre Dokumente und Bücher sowie gezielt durch konzeptuelle Kunstprojekte wie Raya: crítica, crónica y debate en las artes visuales und Archiva: obras del arte feminista en México. Es sammelt und verbreitet Wissen über feministische und zeitgenössische Kunst, das von Institutionen seinerzeit nicht anerkannt wurde. Sein Umfang geht über feministische Kunst hinaus, doch Künstlerinnen und feministische Praktiken stehen im Zentrum.
re.act.feminism (Berlin, seit 2008) wurde von den Kuratorinnen Bettina Knaup und Beatrice E. Stammer als Ausstellungs- und Archivprojekt initiiert, das sich mit kollektiver, aktivistischer, transdisziplinärer und internationaler Performancekunst beschäftigt und auf das Fehlen zugänglicher Archive dieses ephemeren Mediums reagierte. Streng genommen handelt es sich nicht um ein Archiv im engen Sinne, sondern um eine temporäre Sammlung geliehener, verstreuter, sonst unzugänglicher Performancedokumente -von mehr als 180 Künstlerinnen und Kollektiven aus rund 40 Ländern- die mehrere Jahre durch Europa reiste. Mit jeder Edition wuchs die Sammlung an, da Partner*innen und beteiligte Forscher*innen die Auswahl erweiterten. Was zwischen den öffentlichen Manifestationen bleibt, sind eine Website bzw. ein digitales Archiv sowie Forschungsmaterialien sowie DVDs und Fotoabzüge in Aktenschränken und Kellern der beteiligten Kurator*innen. Zugleich fungiert das Projekt als Instrument der Wissensproduktion und als Entwurf eines lebendigen feministischen Performancearchivs.
City of Women (Ljubljana, seit 1995) wurde in den ersten Jahren der neu gegründeten Republik Slowenien als interdisziplinäres Festival ins Leben gerufen. Initiiert vom staatlichen Amt für Frauenpolitik, wurde die Organisation nach der ersten Ausgabe von einer prekär finanzierten NGO übernommen, die sich seither zu einer wegweisenden Institution für feministische künstlerische und kritische Praxis entwickelt hat. Über die Festivaleditionen und Jahresprogramme hinweg waren bisher mehr als 1.300 Künstlerinnen, Theoretikerinnen und Aktivistinnen beteiligt. Obwohl nicht als Archiv konzipiert, haben 31 Jahre Programmgestaltung eine einzigartige Sammlung von Dokumenten, Spuren und Überresten hervorgebracht. Diese Materialien sind über das Büro der Organisation, Partnerinstitutionen und Mitwirkende verstreut – ein fragmentiertes Archiv, das auch durch wechselnde künstlerische Leitungen geprägt ist, wobei jede Direktorin eigene Teile der Geschichte einbringt und hinterlässt. Dieses Wissensgefüge stellt eine wertvolle Ressource dar, die bislang nur teilweise zugänglich ist.
Produziert von: cross links e.V. Berlin & Association City of Women Ljubljana
Gefördert durch: Projektfonds Bildende Kunst des Goethe-Instituts; City of Women (Municipality of Ljubljana, Ministry of Culture of the Republic of Slovenia), Culture Moves Europe, a project funded by the European Union, cross links e.V. Berlin
Realisiert in Partnerschaft mit: Moderna galerija Ljubljana und Goethe-Institut Ljubljana.
Dieses Projekt wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union erstellt. Die hierin geäußerten Ansichten können in keiner Weise als offizielle Meinung der Europäischen Union angesehen werden.
Herzlich eingeladen!
Eröffnung: Donnerstag, 23. April 2026, um 19 Uhr*
"For me, working with the archive is an act of self-defence against indifference, invisibilization, and the censorship caused by ignorance or by power." – Mónica Mayer
Mit Arbeiten von: Milijana Babić, selma banich, Laura Anderson Barbata, CADA, Graciela Carnevale, Ana Čigon, Diamela Eltit, Exterra XX, Else Gabriel, Regina José Galindo, Anna Bella Geiger, Lydia Hamann & Kaj Osteroth, María Teresa Hincapié, Ana Victoria Jiménez, Magali Lara, María Evelia Marmolejo, Mónica Mayer, Lorena Orozco, Giulia Palladini & Rodolfo Suárez Molnar, Polvo de Gallina Negra (Maris Bustamante & Mónica Mayer), Producciones y Milagros Agrupación Feminista (Rotmi Enciso & Ina Riaskov), Jesusa Rodríguez and Liliana Felipe, Maja Smrekar, Gabriele Stötzer, Cecilia Vicuña, Lorena Wolffer.
*Führung mit Kuratorinnen für Journalist*innen: Donnerstag, 23. April 2026, um 11 Uhr
Die Ausstellung Archival Chain Reactions ist das Ergebnis eines kollaborativen Rechercheprojektes zwischen drei einflussreichen, aber prekären Archiven feministischer Kunst. Ausgehend von der langen Geschichte des Vergessens und Verdrängens feministisch – queerer, gender non-konformer Künstler*innen reagiert dieses Projekt auf die Gefahr des Verschwindens prekärer feministischer Archive und betont die Notwendigkeit der Vernetzung und des Austauschs zwischen Archiven in verschiedenen globalen Kontexten. Archive werden dabei nicht nur in ihrer stabilen und materiellen Dimension sondern auch als lebendige soziale Formationen verstanden, die fortlaufender Fürsorge, Pflege und Entwicklung bedürfen.
Zu den Partner*innen gehören das Archivo Pinto mi Raya (Mexiko), ein Archiv der Künstler*innen Mónica Mayer und Victor Lerma, das sich seit den siebziger Jahren auf experimentelle Kunst- und Textproduktion konzentriert, mit besonderem Schwerpunkt auf Performance und feministische Kunst; das Projekt re.act.feminism (Berlin), das seit 2008 als lebendiges Performance-Archiv durch Europa reiste und Arbeiten von mehr als 180 Künstler*innen aus aller Welt umfasst; sowie City of Women mit ihrem umfangreichen aber verstreuten Archiv, das im Laufe von 31 Jahren an regelmäßigen Festival- und Programmaktivitäten entstanden ist.
Keines dieser drei Archive wird von einer Organisation getragen, deren alleiniger Zweck seine Bewahrung ist. Alle sind prekär – abhängig von der Unterstützung Einzelner und ohne regelmäßige Finanzierung der Archivaktivitäten. Pinto mi Raya ist ein Künstler*innenarchiv, das zugleich Ausgangspunkt für Kunstproduktion ist. re.act.feminism ist ein Projekt, das sich in mehreren Episoden – mit Unterbrechungen und Pausen - entwickelt hat und spekulativ die Form eines im Entstehen begriffenen, lebendigen feministischen Performance-Archivs annimmt. City of Women ist eine kuratierte Veranstaltungsreihe, die im Laufe der Zeit ein reiches Archiv ihrer eigenen Spuren und Dokumente angesammelt hat.
Obwohl sie in ihren jeweiligen Kontexten und auch international maßgeblich zur Entwicklung und Förderung feministischer künstlerischer Praktiken beigetragen haben, bleiben ihre Archive prekär.
Nesten, Verankern und Zirkulieren
Die Ausstellung ist aus einer wechselseitigen (partiellen) Untersuchung der drei Archive entstanden, die zwischen vertiefenden Einblicken und Überblicksperspektiven oszillierte. Dabei traten ausgewählte Werke und Dokumente ebenso in den Fokus, wie eine Reihe von Methoden gegenseitiger Bezugnahmen, Resonanzen und Effekte, die wir als „archivische Kettenreaktionen“ bezeichnen.
Ein Beispiel für eine archivische Kettenreaktion ist die Strategie des Beherbergens oder „Nestens“. Während der Recherche stießen wir auf verschiedene solcher beherbergten, ineinander vernestelten Archive – also Bestände, die vollständig oder teilweise in einem anderen Archiv aufbewahrt werden. So befinden sich etwa Teile des Archivs von City of Women im Temporary Slovenian Dance Archive. Im Fall des Archivo Pinto mi Raya wurden zeitweise digitale Kopien anderer Künstlerinnenarchive aufgenommen – vorübergehend und zur sicheren Verwahrung –, etwa das Archiv der Fotografin und Aktivistin Ana Victoria Jiménez, einer wichtigen Verbündeten und Weggefährtin von Mónica Mayer über mehrere Jahrzehnte. Bevor das Archiv an eine Institution übergeben wurde, fungierte diese temporäre Form der Aufbewahrung als eine Art Sicherheitsnetz, das gewährleistete, dass ihre bedeutende künstlerische Praxis zusammen mit der umfangreichen Dokumentation der mexikanischen feministischen Kunstszene seit den 1970er Jahren nicht verloren geht.
Mónica Mayers Kunstprojekt Archiva – das feministische Kunstpraktiken in Mexiko dokumentiert und wiederum als Reaktion auf das Archiv von Ana Victoria Jiménez entstanden ist – ist eine weitere archivische Initiative, die in Ermangelung institutioneller Unterstützung für feministische Kunst die Materialien durch eine wandernde Reihe von Lecture-Performances unterschiedlichen Öffentlichkeiten zugänglich gemacht hat. Indem Mayer Archiva strategisch als eine Sammlung von Archivdokumenten präsentierte und diese an mehrere Institutionen übergab, unterlieft sie auf spielerische Weise die Hürde, die der Aufnahme feministischer Kunst in etablierte Kunstsammlungen im Wege stand. „Das System geschmeidig machen“, beschreibt Mayer diese Strategie. Einen Anker auswerfen kann als eine weitere Modalität archivischer Kettenreaktionen bezeichnet werden. Die Entwicklung vielfältiger Strategien des Verankerns innerhalb von Netzwerken und bisweilen auch in institutionellen Kontexten wie Museen und Universitäten – wie etwa bei der Einbindung des Videoarchivs von City of Women in das digitale Network Museum von MG+MSUM’s – kann dazu beitragen, Archive zugänglicher zu machen und zugleich ihre Prekarität zu verringern. Darüber hinaus kann die Weitergabe eines Archivs in die Hände anderer eine Strategie geteilter Verantwortung und gemeinschaftlichen Eigentums sein – genau auf diese Weise, also durch die Mitarbeit vieler Menschen und Organisationen, ist auch das Archiv von City of Women gewachsen.
Es sind solche Akte und Handlungen, die dazu beitragen die archivischen Infrastrukturen, die feministische Kunstproduktion erst ermöglichen, auch in Zukunft zu erhalten: feministische Kämpfe dokumentieren – (künstlerische) Aktionen entwickeln, diese Kämpfe zu erweitern und zugänglicher zu machen – sich um die Archive von Mitstreiter*innen kümmern.
Jede Begegnung mit einem Archiv erzeugt einen Nachhall. re.act.feminism entwickelte sich als wandernde Ausstellung und durch fortlaufende Recherchen, was zum Wachstum des Archivs beitrug und weitere Recherchen, Kollaborationen und Performances anstieß. Auf seiner Reise durch Europa wurde das Projekt auch im Rahmen von City of Women präsentiert, während seine ursprüngliche Konzeption nicht zuletzt durch die frühere Mitarbeit einer der Kurator*innen am Festival inspiriert war.
Ähnlich lässt sich Archiva – Mónica Mayers Archivprojekt über feministische Künstlerinnen in Mexiko – als Echo von Mayers Teilnahme an re.act.feminism verstehen. Ihre Begegnung mit diesem wandernden Archiv – das Werke lateinamerikanischer Performancekünstlerinnen umfasste, die sie zuvor nie hatte sehen können – hat sie tief bewegt und die Entwicklung von Archiva unmittelbar geprägt. Wir verstehen diese Strategie der Zirkulation daher als eine weitere produktive Kraft, die archivische Kettenreaktionen in Gang setzen kann.
Archive als Domizil. Archive in Bewegung. Archive als Netzwerk
Die Ausstellung zielt nicht auf eine umfassende Repräsentation dieser drei Archive, sondern darauf, die Dynamik zwischen ihnen sichtbar zu machen, wie sie sich im Verlauf eines einjährigen Dialogs entfaltet hat, und nachzuzeichnen, wie Ideen zirkulieren, sich gegenseitig befruchten und weiterentwickeln. Im Zentrum dieser Dynamik steht das umfangreiche Werk von Mónica Mayer, das Einblicke in vielfältige künstlerische Praktiken und Netzwerke in Mexiko und darüber hinaus eröffnet. Es macht die frühen internationalen feministischen Verbindungen sichtbar, an deren Aufbau sie maßgeblich beteiligt war, wie etwa durch das Projekt Translations, das zudem wenig bekannte Verflechtungen zwischen den Kontexten des ehemaligen Jugoslawiens und Mexikos aufzeigt.
Durch ausgewählte Dokumente, Kunstwerke und Methoden aus den drei Archiven können wir diese als ein Domizil beobachten (z.B. bei Pinto mi Raya), als mobiles Modul (wie im Fall von re.act.feminism und Archiva) oder als über ein Netzwerk und eine Stadt verteilte Struktur – wie im Fall des Archivs von City of Women, das sich direkt neben und auch im MG+MSUM befindet, aber zugleich auch bei vielen Personen, Institutionen und Organisationen der Kunstszene in Ljubljana verortet ist.
Während der Wechsel zwischen einem vertiefenden Eintauchen und Vogelperspektiven im Rahmen unseres experimentellen, nicht-akademischen Forschungsansatzes zu den drei Archiven eine umfassende Übersicht erschwerte, ermöglichte es uns dennoch, aus den vielfältigen Beziehungen zu lernen, die die Felder von Kunst und Aktivismus in ihren jeweiligen Kontexten konstituieren. Diese Beziehungen erscheinen uns als das tragende Gerüst, auf dem neue Verbindungen erwachsen können.
Archivo Pinto mi Raya (Mexiko-Stadt, seit 1975) ist ein persönliches und künstlerisches Archiv, das von den Künstler*innen Mónica Mayer und Víctor Lerma aufgebaut wurde. Ihr Haus ist zum physischen Domizil ihres Archivs geworden, während Teile an Museen, Bibliotheken und Universitäten übergeben wurden. Es wuchs organisch durch persönliche und familiäre Dokumente und Bücher sowie gezielt durch konzeptuelle Kunstprojekte wie Raya: crítica, crónica y debate en las artes visuales und Archiva: obras del arte feminista en México. Es sammelt und verbreitet Wissen über feministische und zeitgenössische Kunst, das von Institutionen seinerzeit nicht anerkannt wurde. Sein Umfang geht über feministische Kunst hinaus, doch Künstlerinnen und feministische Praktiken stehen im Zentrum.
re.act.feminism (Berlin, seit 2008) wurde von den Kuratorinnen Bettina Knaup und Beatrice E. Stammer als Ausstellungs- und Archivprojekt initiiert, das sich mit kollektiver, aktivistischer, transdisziplinärer und internationaler Performancekunst beschäftigt und auf das Fehlen zugänglicher Archive dieses ephemeren Mediums reagierte. Streng genommen handelt es sich nicht um ein Archiv im engen Sinne, sondern um eine temporäre Sammlung geliehener, verstreuter, sonst unzugänglicher Performancedokumente -von mehr als 180 Künstlerinnen und Kollektiven aus rund 40 Ländern- die mehrere Jahre durch Europa reiste. Mit jeder Edition wuchs die Sammlung an, da Partner*innen und beteiligte Forscher*innen die Auswahl erweiterten. Was zwischen den öffentlichen Manifestationen bleibt, sind eine Website bzw. ein digitales Archiv sowie Forschungsmaterialien sowie DVDs und Fotoabzüge in Aktenschränken und Kellern der beteiligten Kurator*innen. Zugleich fungiert das Projekt als Instrument der Wissensproduktion und als Entwurf eines lebendigen feministischen Performancearchivs.
City of Women (Ljubljana, seit 1995) wurde in den ersten Jahren der neu gegründeten Republik Slowenien als interdisziplinäres Festival ins Leben gerufen. Initiiert vom staatlichen Amt für Frauenpolitik, wurde die Organisation nach der ersten Ausgabe von einer prekär finanzierten NGO übernommen, die sich seither zu einer wegweisenden Institution für feministische künstlerische und kritische Praxis entwickelt hat. Über die Festivaleditionen und Jahresprogramme hinweg waren bisher mehr als 1.300 Künstlerinnen, Theoretikerinnen und Aktivistinnen beteiligt. Obwohl nicht als Archiv konzipiert, haben 31 Jahre Programmgestaltung eine einzigartige Sammlung von Dokumenten, Spuren und Überresten hervorgebracht. Diese Materialien sind über das Büro der Organisation, Partnerinstitutionen und Mitwirkende verstreut – ein fragmentiertes Archiv, das auch durch wechselnde künstlerische Leitungen geprägt ist, wobei jede Direktorin eigene Teile der Geschichte einbringt und hinterlässt. Dieses Wissensgefüge stellt eine wertvolle Ressource dar, die bislang nur teilweise zugänglich ist.
Produziert von: cross links e.V. Berlin & Association City of Women Ljubljana
Gefördert durch: Projektfonds Bildende Kunst des Goethe-Instituts; City of Women (Municipality of Ljubljana, Ministry of Culture of the Republic of Slovenia), Culture Moves Europe, a project funded by the European Union, cross links e.V. Berlin
Realisiert in Partnerschaft mit: Moderna galerija Ljubljana und Goethe-Institut Ljubljana.
Dieses Projekt wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union erstellt. Die hierin geäußerten Ansichten können in keiner Weise als offizielle Meinung der Europäischen Union angesehen werden.
Herzlich eingeladen!
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Museum der zeitgenössischen Kunst Metelkova (+MSUM)
Maistrova 3
1000 Ljubljana
Slowenien
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