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Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Andreas Dresen
Halbe Treppe

  • Produktionsjahr 2002
  • Farbe / LängeFarbe / 106 Min.
  • IN-Nummer IN 1700

Frankfurt/Oder. Alltag von zwei befreundeten Ehepaaren zwischen Kneipe, Job an einer Radiostation und Verkäuferin. Scheinbar ohne jeden äusseren Anlass verlieben sich der Ehemann des einen und die Ehefrau des anderen Paares. Die Betrogenen sind entsetzt, ratlos, verletzt. Das neue Paar sucht schon eine Wohnung, aber schliesslich kehrt der Mann wieder zu seiner Frau zurück. Nur der Andere wird alleine bleiben, denn seine Ehefrau will frei sein.

Franfurt/Oder, Alltag von zwei befreundeten Ehepaaren, zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Uwe betreibt eine Kneipe auf halber Höhe einer Freitreppe in einer Grünanlage, seine Frau Ellen ist Verkäuferin in einer Parfümerie. Chris ist Morgenmoderator eines lokalen Radiosenders und wird dafür bezahlt, muntere Sprüche zu klopfen, das Horoskop zu erfinden und gleich über den Äther zu geben. Seine Frau Katrin fertigt LKWs auf einem großen Autohof ab.

Das Leben geht seinen Trott, man trifft sich zum Dia-Abend oder die Frauen machen gemeinsam Gymnastik, die dann zum Schluss mit Sahnetorte abgerundet wird. Aufregendes Ereignis ist schon die Suche nach dem entflohenen Wellensittich. Man ist schon lange verheiratet und im Bette tut sich auch nicht mehr allzu viel.

Eines Tages findet sich Chris in der Parfümerie ein. Er kauft zwar Parfum für seine Frau, aber blickt dabei irgendwie tief in die Augen von Ellen. Und als wenig später Ellen bei Katrin anruft wegen eines gemeinsamen Kinobesuchs, ist Chris am Apparat und das Ganze endet im Auto unter einer großen Brücke. Man liebt sich und sogar eigentlich nicht mit schlechtem Gewissen. Das geht solange gut, bis Katrin unverhofft abends nach Hause kommt und ihren Mann mit Ellen in der Badewanne findet. Als Ellen später ihrem Mann gesteht, sie habe sich verliebt, fällt auch er aus allen Wolken. Schnell stellt sich heraus, wer wen betrügt.

Uwe versucht, die Dinge zu retten und schlägt eine gemeinsame Aussprache vor. Sie kommt zwar zustande, aber bringt nichts. Ellen und Chris schauen sich schon nach einer gemeinsamen Wohnung um. Uwe hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, seine Frau zurückzugewinnen. Aber es ist Chris, der zu Katrin zurückfindet und Ellen stehen lässt. Ellen aber, nun allein, wird aus der Wohnung ihres Ehemanns ausziehen und die Kinder mitnehmen. Als Uwe glaubt, Ellen käme zurück, sagt sie: Du hast nichts verstanden.

Der Titel "Halbe Treppe" hat natürlich einen Doppelsinn. Es geht nicht nur um die Kneipe auf halbe Höhe der Treppe, sondern auch um die beiden Paare, die auf der halben Höhe des Lebens angelangt sind. Wie wird es weitergehen? Wahrscheinlich so wie bisher. Man wurstelt sich durch und überlebt. Das wäre nun freilich eine dürftige Botschaft eines solchen Films und verdiente kaum, dass man innehält. Beim Film wie bei jedem Kunstwerk kommt es mehr darauf an, wie der Künstler seinen Teig knetet, will sagen, was er aus seinem Rohstoff macht, ob also die Menschen, um die es geht, uns interessieren, vielleicht sogar anrühren. Der örtliche Rahmen unsrer Geschichte ist sehr genau beschrieben. Wir sind in Frankfurt/Oder, keine sehr schöne Stadt, aber auch kein Ort des Elends. Zwar hat der Regisseur in einem Interview gesagt, es sei ihm besonders wichtig gewesen, dass bestimmte Menschen nicht vergessen würden. Wir bewegten uns in einem schicken Ambiente und vergäßen, dass es heute in diesem Lande gebe, denen es nicht so gut gehe. Er wollte von der Möglichkeit des sozialen Absturzes erzählen, eine mögliche Fallhöhe andeuten. Was passiere mit Menschen, die den Boden unter den Füssen verlören.

Doch das soziale Schicksal der hier vorgestellten Menschen ist so bedrückend nicht. Alle haben eine Arbeit - was in Ostdeutschland keineswegs selbstverständlich ist - und diese Arbeit, Sekretärin, Verkäuferin, Kneipenwirt, Radiomoderator (der sogar als Journalist zum Magazin "Focus" nach München hätte gehen können) ist nicht auf der untersten Ebene angesiedelt. Das unterscheidet diesen Film von Dresens vorangegangenem "Die Polizistin", der mit den gleichen Hauptdarstellern Prahl und Schmeide im ostdeutschen Rostock spielte und in dem es sehr viel bedrückender zuging, sozial wie menschlich. Das ist auch ein Unterschied zu den sozialkritischen Filmen aus Großbritannien, besonders von Ken Loach, der den Blick auf die düstere, manchmal aussichtslose Lage dortiger Arbeiter richtet. Loach hat zwar auch etwas Heiterkeit seinen ansonsten düsteren Bildern der Ausbeutungsgesellschaft beigegeben, aber Hoffnung ist dort letztendlich kaum zu finden.

Dresen verzichtet hier sowohl auf soziale Not wie auf Ausweglosigkeit. Das eine Paar findet wieder zusammen und im anderen Falle sieht Dresen gerade bei Ellen, die sich definitiv von ihrem Uwe trennt, eine Form von Ausbruch und Hoffnung. Die besondere Qualität des Films liegt in der Wärme und Genauigkeit der Personenbeschreibung. Das galt schon für "Die Polizistin" und ebenso für die ganz unterschiedlichen Figuren von hundearm bis schrullig der "Nachtgestalten". Auch hier hat jeder der vier Protagonisten sein Eigenleben. Uwe ist der nüchterne kleine Kneipier, grundanständig und vielleicht ein bisschen naiv (als seine Frau ihn verlässt, lässt er sich die Zähne reparieren, um Mundgeruch zu beseitigen). Sein Freund Chris ist ein bisschen intellektueller, aber hat sich in der Welt des flockigen Radiotalks offenbar bequem eingerichtet. Katrin ist ganz gutartig, sie leidet, wenn die Tochter im Nebenzimmer mit dem Freund zugange ist. Sie braucht Wärme und Liebe, sie gibt sie auch und darüber finden sich die Eheleute wieder. Komplexer ist Ellen angelegt, die unter der Routine der Ehe und dem nicht mehr Miteinander, sondern Nebeneinander leidet.

Alle artikulieren ihre Probleme kaum, aber auch darin zeigt sich die Präzision von Dresens Personenbeobachtung. Denn Schicksale definieren sich in Handlungsweisen und nicht in Selbstaussagen. Die scheinbare lockere Form der Erzählung wie auch der Inszenierung beruht auf zwei Besonderheiten. Dresen hat kein Drehbuch geschrieben, sondern nur sozusagen Szenenüberschriften. Am Drehort ist dann vom Regisseur und von den Darstellern improvisiert worden. Passend zu dieser lockeren Erzählform ist auch die Kameraarbeit. Der Film wurde in digitaler Videotechnik mit Handkamera aufgenommen, was größere Spontaneität und ein höheres Drehverhältnis erlaubt. Am Ende hatte Dresen vor dem Schnitt rund 7o Stunden Material. Bei einem Film mit Drehbuch und auf Filmmaterial aufgenommen wären üblich 1o bis 15 Stunden Material. Dresen konnte und musste also aus sehr viel mehr Material auswählen. Damit wird das Bild seiner Helden, die ja im Übrigen eher Antihelden sind, genauer.

Ulrich von Thüna

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
2001/2002
Produktionsjahr
2002
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,85

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Drama, Komödie
Thema
Liebe, Beziehung / Familie, Freundschaft, Sexualität

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
31.12.2025
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige)

Verfügbare Medien
DVD, 35mm, DCP
Originalfassung
Deutsch (de)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Portugiesisch (Bras.) (pt), Spanisch (es), Deutsch (de)

35mm

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es)

DCP