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Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Werner Herzog
Echos aus einem düsteren Reich

  • Produktionsjahr 1990
  • Farbe / LängeFarbe / 93 Min.
  • IN-Nummer IN 3585

Eine Spurensuche nach Jean-Bédel Bokassa (1921 – 1996), dem diktatorischen Präsidenten und späteren Kaiser von Zentralafrika. Ausgangspunkt ist die Recherche des amerikanischen Journalisten Michael Goldsmith, der einst in einem Gefängnis Bokassas beinahe zu Tode gekommen wäre.

Eingangs macht Werner Herzog, vom Schreibtisch aus, den Zuschauer mit Michael Goldsmith indirekt bekannt: Er hat gerade die Nachricht erhalten, dass sein Freund seit Wochen in Liberia – dort herrscht gerade Bürgerkrieg – verschollen ist. Der Filmemacher liest einen Brief des Journalisten vor; mit diesen Zeilen wird klar: Goldsmith ist ein mutiger und besonnener Mann und ein Experte für Schwarzafrika. Dann sehen wir den Mann auf der Suche nach den Spuren seines einstigen Peinigers Bokassa. Als Ausgangspunkt dient nun ein Traum von Goldsmith, in dem hellrote Krebse über die Erde kommen wie eine biblische Plage: Herzog wiederholt diesen Traum mit der Kamera: ein gleichnishaftes Alptraumbild, das der Filmemacher in seinen Arbeiten mehrfach verwendet hat. Das legt die Vermutung nahe, dass Herzog an diesem Traum als Autor mitbeteiligt war – wie er einst in LAND DES SCHWEIGENS UND DER DUNKELHEIT seiner Heldin Fini Straubinger Sätze in den Mund legte, die er in Wirklichkeit selbst geschrieben hatte.

Auch bei der folgenden Recherche des Journalisten macht der Filmemacher sofort klar, dass er keine Scheu davor hat, inszenierend einzugreifen: Er zeigt Goldsmith in seinem Auto, erst von außen, dann innen; wenn der Mann anhält, ist die Kamera schon vor ihm angekommen und zeigt ihn bei Aussteigen. So wird früh die Methode klar, die immer wieder die Regeln des dokumentarischen Purismus durchkreuzt. Später kann man beobachten, dass Herzog mitunter mit mehreren Kameras arbeitet, um für den Schnitt nicht nur Bilder aus einer einzigen Perspektive zu haben. So erinnert die Montage immer wieder an die Erzähltechnik von Herzogs Spielfilmen.

Goldsmith besucht Schloss Hardricourt westlich von Paris, in dem Bokassa nach seiner Vertreibung aus seinem zentralafrikanischen „Kaiserreich“ lebte, bevor er unter nie ganz geklärten Umständen in seine Heimat zurückkehrte. Viele Bilder an den Wänden erinnern an den aufwendigen Prunk des Ex-Kaisers, der sich als eine Art Nachfolger von Napoleon Bonaparte sah. „Bokassa hat mich einst fast umgebracht“, erklärt der Journalist der dort lebenden letzten Frau Bokassas (sie war eine von rund 20 Frauen Bokassas, der weit über 50 Kinder gezeugt haben soll!). Vergeblich versucht der US-Journalist die Gründe für Bokassas Rückkehr herauszufinden, obwohl dieser damit rechnen musste, hingerichtet zu werden.

Goldsmith – und mit ihm Herzog – befragen Juristen nach dem Prozess gegen Bokassa; zusätzlich verwendet der Regisseur aufschlussreiches Archivmaterial, vom Prozess gegen Bokassa und vor allem von seiner Kaiserkrönung (1977): eine eher gespenstische Pomp-Veranstaltung, die das bettelarme Land viele Millionen gekostet hat. Aber man sieht auch einige berühmte Staatsmänner, wie sie Bokassa hofieren, von Chrustschow bis zum Papst. Goldsmith spricht mit einigen Nachkommen Bokassas und mit David Dacko, der vor und nach dem Diktator Staatspräsident war. Und er besucht die ehemalige, inzwischen fast völlig zerstörte Residenz und erzählt dort, wie ihn Bokassa verhaften ließ und persönlich misshandelt hat.

ECHOS AUS EINEM DUNKLEN REICH ist keine lückenlose Chronik über Aufstieg und Fall eines Tyrannen, der sich zunächst in der französischen Armee, auch im Indochinakrieg, hochgedient und es später zum Lieblingsvasallen des Präsidenten Giscard gebracht hatte. Der Titel des Films ist wichtig: Herzog und Goldsmith registrieren ein Echo, den Nachhall des Schreckens, der sich nur in Fragmenten vernehmen und erforschen lässt.

Skrupellose, obsessive und meist irrationale Ausübung von Macht und ihr Missbrauch gehören zu den zentralen Motiven in Herzogs Werk. Bokassa ist ein dokumentarisches Gegenstück zu den fiktiven Tyrannen von Aguirre bis Nosferatu und Cobra Verde. Dass die menschlichen Abgründe, bis hin zum Kannibalismus, hier nicht erfunden, sondern recherchiert sind, macht den Horror entsprechend verstörender. Herzog braucht dazu weder eine sofort erkennbare didaktische Struktur noch einen wertenden Kommentar. Sichtbar wird auch, dass der Wahnsinn des afrikanischen Tyrannen Bokassa nicht denkbar wäre ohne die vom Kolonialismus geschaffenen Voraussetzungen und Vorbilder. Und auch nicht ohne Duldung der Mächtigen der Welt.

Später befragt Goldsmith Zeugen nach Bokassas Haft in der Hauptstadt Bangui; man sagt ihm, der Tyrann sei ein frommer Mann geworden, habe sich für eine Art Apostel gehalten und fast nur noch in der Bibel gelesen. Dann besuchen der Journalist und der Filmemacher den alten Zoo von Kolongo; viel ist davon nicht mehr übrig geblieben, aber noch gibt es die Zeugnisse von Raubtieren, denen der Tyrann einst seine wirklichen oder auch nur vermeintlichen Feinde vorgeworfen hat. Dann stehen die beiden vor einem Schimpansen-Käfig; ein Wärter gibt dem Tier eine Zigarette. Der Affe raucht sie, halb gierig, halb mechanisch: ein unendlich trauriges, verzweifelt deprimierendes Bild der Perversion von Natur. Erschüttert bittet Goldsmith den Regisseur, die Kamera abzuschalten. Herzog lässt sie noch eine Weile laufen, verspricht aber, dass dies das letzte Bild des Films sein werde.

Produktionsland
Frankreich (FR), Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
1990
Produktionsjahr
1990
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,66

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Dokumentarfilm
Genre
Biografie / Portrait
Thema
Kolonialismus, Gewalt, Filmgeschichte

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
Hinweis: Vorführungen der Werner Herzog Filme außerhalb der Goethe-Institute im Ausland, z.B. in herkömmlichen Kinos, müssen im Vorfeld mit der Werner Herzog Stiftung abgesprochen werden.
Lizenzdauer bis
14.12.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Italien (IT)

Verfügbare Medien
DCP, Blu-ray Disc, DVD
Originalfassung
Deutsch (de), Französisch (fr)

DCP

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Türkisch (tr), Arabisch (ar), Litauisch (lt)
Anmerkung zum Format
DCP ist verschlüsselt

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Türkisch (tr), Arabisch (ar), Litauisch (lt)

DVD

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Türkisch (tr), Arabisch (ar), Litauisch (lt)