Frank Beyer
Nackt unter Wölfen
- Produktionsjahr 1963
- Farbe / Länges/w / 124 Min.
- IN-Nummer IN 1633
Der erste deutsche Film, der das Leben und Sterben in einem Konzentrationslager zu seinem Thema macht, erzählt vom organisierten Widerstand politischer Gefangener im Konzentrationslager Buchenwald. Als ein Häftling ein Kind ins Lager schmuggelt, stehen die Männer vor der Frage, wieviele andere Menschen für das Leben des Kindes gefährdet werden dürfen. Nach einer authentischen Geschichte.
Im Frühjahr 1945 verbreitet sich unter den Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald die Nachricht, die amerikanischen Truppen hätten auf ihrem Vormarsch bereits den Rhein bei Remagen überschritten. "Remagen ist noch weit", dämpft Krämer, der Lagerälteste, die Hoffnungen seiner Leidensgenossen. Während die Front, vor allem aus westlicher Richtung, immer näher rückt, haben die politischen Gefangenen im Lager, Mitglieder der kommunistischen Partei, eine geheime Widerstandsorganisation aufgebaut; sie haben Waffen versteckt und damit begonnen, die eigene Befreiung vorzubereiten.
Unerwartet sehen die Männer ihre Pläne gefährdet. Ein polnischer Häftling, der mit einem Transport aus Auschwitz nach Buchenwald kommt, hat in einem Koffer ein kleines Kind ins Lager geschmuggelt. Während Bochow, der Leiter der Parteiorganisation, die Order erteilt, das Kind aus dem Lager zu bringen, entschließen sich die Genossen Höfel und Pippig, den kleinen Jungen in der Effektenkammer zu verstecken. Zufällig kommt einer der SS-Offiziere hinter das Geheimnis; weil indes die Nachrichten vom Vorrücken der Amerikaner das Ende des Kriegs in immer greifbarere Nähe rückt, beschließt er, als Rückversicherung für die eigene Zukunft, das Kind nicht zu verraten - bekommt aber gleichzeitig immer mehr Angst vor seinen Vorgesetzten.
Mit einem anonymen Brief löst der SS-Offizier eine wütende Suche nach dem Kind aus, die um so brutaler durchgeführt wird, je fester die Lagerleitung von der Existenz einer organisierten Widerstandsgruppe überzeugt ist und hofft, mit dem Kind auch deren Anführer aufspüren zu können. Als die SS vor den anrückenden Amerikanern flieht und nur die Wachmannschaft zurückläßt, befreien sich die Häftlinge; auch das Kind befindet sich unter den Geretteten.
NACKT UNTER WÖLFEN gilt als der erste deutsche Film, der konsequent vom Leben und Sterben in einem Konzentrationslager erzählt. Um so eindrucksvoller ist die Leistung von Frank Beyer: Er verfilmte die Vorlage von Bruno Apitz, der als politischer Gefangener von 1938 bis 1945 in Buchenwald inhaftiert war, ohne Pathos und ohne mit den Emotionen des Zuschauers zu spekulieren. Ebenso verzichtet er auf die unmittelbare Darstellung der äußersten physischen Greuel, ohne sie zu verschweigen oder herunterzuspielen. "Meiner Meinung nach ist es meist spekulativ, solche Dinge zu zeigen. Es gibt eine ganze Menge von Filmen, bei denen das antifaschistische Thema nur Vorwand für Schießereien und Verfolgungsjagden ist, oder um Techniken der Folter vorzuführen, die das Publikum schocken sollen... Indirektes Erzählen ist für mich immer eine bessere Methode gewesen, als Folter naturalistisch zu zeigen." (Frank Beyer)
Wichtiger für den Film ist das Motiv des organisierten Widerstands der Häftlinge, von denen jeder für sich wohl kaum die Kraft hätte, dem psychischen Druck und der physischen Folter standzuhalten, um nicht nur das eingeschmuggelte Kind, sondern auch die Mitglieder der Gruppe vor dem Zugriff der SS-Schergen zu bewahren. Frank Beyer geht es dabei keineswegs um die politische Verklärung des Widerstands, sondern um die Verteidigung von Solidarität und Menschenwürde. Immer wieder stehen die Häftlinge, allen voran der Lagerälteste, vor der schmerzhaften Frage, ob für das Leben des Kindes hunderte von anderen riskiert und vielleicht sogar geopfert werden dürfen. So wird die Rettung des kleinen Jungen auch zur symbolischen Tat, weil die Häftlinge damit auch erfolgreich gegen die Preisgabe ihrer Moral kämpfen.
"Authentisch ist die Geschichte des Kindes, wie es in Buchenwald ankam und versteckt wurde, und daß ihm die SS auf der Spur war... Nicht authentisch ist, daß es das einzige Kind war... Authentisch ist, daß die politischen Häftlinge mit der Lagerverwaltung betraut wurden... Authentisch ist weiterhin, daß es in Buchenwald eine internationale bewaffnete Widerstandsgruppe gegeben hat. Ein wenig überhöht in Buch und Film ist die Befreiung. Ich weiß nicht, ob tatsächlich Tausende von Häftlingen auf das Tor zugelaufen sind. Mich hat aber auch nicht interessiert, ob das der Realität entsprach. Ich wollte diesen großen Gegensatz zeigen: Die Euphorie der Masse, die sich befreit fühlt, und das weinende Kind, das nichts versteht, unter dem Arm des Lagerältesten Krämer." (Frank Beyer)
Nüchtern und mit klarem Willen zum Realismus versucht der Regisseur, Täter und Opfer zu porträtieren. "Beyer zeigt keine Teufel in Menschengestalt, keine dämonisierten Karikaturen, sondern eher durchschnittliche Bürokraten und Kleinbürger, die sich nur gelegentlich in zynischen Posen gefallen. Das Grauen ist grauenhaft banal, schon dadurch erklärt sich der Verzicht auf filmsprachliche Stilisierungen. Besonders gelungen ist die Figur des zwischen den Fronten lavierenden Kleinbürgers Zweiling, dem sein eigener Opportunismus zum Verhängnis wird: eher ein jämmerliches Opfer als ein schneidiger Scherge." (Hans C. Blumenberg)
Die Henker erscheinen nie als Zerrbilder von Psychopathen, die Brutalität liegt, auch wenn für Momente immer wieder Fanatismus aufflackert, in der schrecklichen Alltäglichkeit des Terrors im Konzentrationslager. Und je näher das Kriegsende rückt, desto deutlicher wird auch der Opportunismus in den Reihen der SS, mit dem sie sich mehr und mehr der Auflösung ihrer eigenen Machtstrukturen nähert. Den Tätern stellt sich der Konflikt zwischen Disziplin und Gewissen, Politik und Menschlichkeit, nicht einmal im Angesicht ihres Untergangs.
Hans Günther Pflaum
- Produktionszeitraum
- 1962/1963
- Produktionsjahr
- 1963
- Farbe
- s/w
- Bildformat
- 1:2,35 (Totalvision)
- Basiert auf
- Bruno Apitz
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama, Anti-/ Kriegsfilm
- Thema
- Gewalt, Zweiter Weltkrieg, Jüdische Themen, DDR, Filmgeschichte, Diskriminierung / Rassismus, Holocaust, Demokratie / Menschenrechte
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2025
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- Blu-ray Disc, DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Indonesisch (id), Rumänisch (ro)
DVD
- Untertitel
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