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Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Rainer Werner Fassbinder
Fontane Effi Briest

  • Produktionsjahr 1974
  • Farbe / Länges/w / 140 Min.
  • IN-Nummer IN 1161

Effi Briest ist viel zu jung, als sie den ehrgeizigen Baron von Instetten heiratet. Die Begegnung mit Major Crampas bringt vorübergehend Abwechslung in ihr Leben. Jahre später erfährt der Baron von der längst beendeten Beziehung seiner Frau; es kommt zur Katastrophe. Fassbinder hält sich eng an die literarische Vorlage und entwickelt dennoch eine sehr eigenständige Bildsprache.

Nach dem Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane

Die junge, unbekümmerte Effi Briest wird mit dem sehr viel älteren Baron von Instetten verheiratet. Obwohl Effi ihren Mann schätzt und sich bemüht, ihn zu lieben, wird sie in dieser Ehe nicht glücklich: Zwar hält auch sie auf gesellschaftliche Formen und Konventionen, doch im Grunde ist sie ein Naturkind, von spielerischer, manchmal leichtsinniger Art, so dass Instetten mit seinem korrekten, strengen Wesen, seinem schulmeisterlichen Gehabe ihr innerlich fremd bleiben muss. In der Kleinstadt Kessin, wo der Baron als Landrat tätig ist, beginnt Effi sich bald zu langweilen. In die Monotonie und Einsamkeit ihres Lebens bringen nur der liebenswürdige Apotheker Gieshübler und dessen Freundin, die Sängerin Marietta Trippelli, etwas Abwechslung. Instetten ist häufig verreist, und allein in ihrem großen Haus fürchtet sich Effi, zumal ihr Mann und die Dienerin Johanna ihre Ängste durch Spukgeschichten nähren: ein Mittel, sie zu unterdrücken und zu überwachen. Auch die Geburt einer Tochter ändert nichts an Effis tristem Dasein. Weniger aus Leidenschaft denn aus Langeweile und Sehnsucht nach Wärme beginnt sie eine Affäre mit dem routinierten Verführer Crampas, einem früheren Militärkameraden ihres Mannes.

Doch widerspricht das heimliche Verhältnis ihrem offenen Wesen ebenso wie ihrem Pflichtbewusstsein gegenüber dem Ehemann und der gesellschaftlichen Norm, so dass sie unter Schuldgefühlen leidet. Als Instetten befördert und nach Berlin versetzt wird, fühlt sie sich zunächst erleichtert und befreit, doch bald kehren die alten Ängste und Gewissensbisse zurück. Effi erkrankt häufig. Durch Zufall entdeckt Instetten eines Tages Crampas' Liebesbriefe. Obwohl die Affäre Jahre zurückliegt und der Baron seiner Frau gerne verzeihen möchte, folgt er seinem "Pflichtgefühl" und handelt so, wie die Gesellschaft es von einem betrogenen Ehemann erwartet. Er erschießt Major Crampas im Duell und verstößt Effi, die von da an, gemieden von der Gesellschaft und sogar von den eigenen Eltern, ein völlig abgeschiedenes, trostloses Dasein fristet. Nur die Kinderfrau Roswitha hält treu zu ihrer ehemaligen Herrin. Erst als Effis gesundheitlicher Zustand sich immer mehr verschlechtert, holen ihre Eltern sie nach Hause. Wenige Zeit später stirbt sie. Vor ihrem Tod hat sie Instetten verziehen.

FONTANE EFFI BRIEST hat Rainer Werner Fassbinder seinen Film betitelt, weil er sich getreuer als frühere Verfilmungen des Romans an die literarische Vorlage hält. Zwar hat der Regisseur Nebenhandlungen und -figuren vernachlässigt und stilisiert, um sich ganz auf die Hauptcharaktere Effi und Instetten zu konzentrieren, doch kommt der Autor ausführlich zu Wort; denn Fassbinder hat nicht nur selbst die Rolle des Erzählers übernommen, sondern hat einen ironisch-kühlen Stil entwickelt, der dem der Vorlage genau entspricht, ohne sich ihm unterzuordnen. So findet der Regisseur eine für das Genre der Literaturverfilmung seltene ideale Mitte zwischen der Treue zum Original und der zum eigenen Anspruch - vielleicht, weil er eine besondere Affinität zu Fontane empfand und empfinden wollte, eine Affinität, in der Resignation mitklingt: "Fontane hat, ähnlich wie ich, so eine Sicht der Welt, die man sicherlich verurteilen kann, nämlich dass die Sachen so sind und dass man sie so schwer verändern kann. Obwohl man begreift, dass man sie verändern müsste, setzt irgendwann einmal die Lust aus, sie zu verändern, und man beschreibt sie dann nur noch."

Unter dem Eindruck der politischen Tendenzwende, mit der sich schon in den frühen 70ern ein Ende des linken Trends ankündigte, und sicherlich auch aufgrund seiner Auseinandersetzung mit dem Terrorismus als dem radikalsten Ausdruck eines Veränderungswillens, zieht Fassbinder sich in diesem Films auf die Rolle des Beschreibenden, des distanzierten Beobachters gesellschaftlicher Zustände zurück. Er übernimmt einen historischen Stoff, verzichtet darauf, ihn zu aktualisieren und geht sogar noch hinter Fontanes von Schopenhauer inspirierte Gesellschaftskritik zurück. Fassbinders Effi Briest, von Hanna Schygulla mit anrührender Kindlichkeit gespielt, ist nicht mehr eine in ihrer reinen Naturhaftigkeit als Gegenbild zur Gesellschaft konzipierte, ihrer selbst kaum bewusste Figur; sie ist Opfer und Mittäterin zugleich, weil sie duldet, was sie zerstört. Der lange Untertitel des Films beschreibt ebenso Instettens wie Effis Haltung und ist wohl auch ein Ausdruck der persönlichen Problematik des Regisseurs: "Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen."

Die Einschaltung eines Erzählers und die zahlreichen Zwischentitel - Fontanezitate und Kurzkommentare - verhindern die Identifikation mit den Figuren; ihre Handlungen werden entwirklicht: häufig agieren die Darsteller*innen stumm, während Fassbinder den Fontaneschen Text rezitiert. Die Kamera konzentriert sich auf die Räume, so dass die Personen in den Hintergrund rücken, in Spiegeln oder durch Türrahmen gezeigt werden: bewegungslos, erstarrt, Gefangene ihrer Umgebung, die eine übermächtige, von ihnen unabhängige Existenz gewonnen zu haben scheint. Durch die Schwarzweißtechnik, die bewusst gesetzten Kontraste und Nuancierungen, gewinnen die Filmbilder an Tiefe und verlieren an Naturalismus. Die wenigen Naturaufnahmen sind keine Gegenbilder mehr zu den Innenräumen; vielmehr wirken sie wie Fotografien, künstliche Arrangements im Freien. Während der langen Einstellungen vermittelt nur die Erzählung, dass etwas geschieht. Dabei verselbständigt sich die Schönheit der Filmbilder jedoch nie zu einem bloßen Ästhetizismus, einer Verklärung des Verfalls, sondern dient der Beschreibung: einer sterilen, lebensfeindlichen Welt, die zwar eine historische ist, doch keine vergangene.

Annette Meyhöfer

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
1972-1974
Produktionsjahr
1974
Farbe
s/w
Bildformat
1:1,37
Basiert auf
Theodor Fontane

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Literaturverfilmung, Historienfilm
Thema
Gewalt, Liebe, Beziehung / Familie

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
31.12.2028
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Frankreich (FR), USA (US), Kanada (CA), Italien (IT), Vereinigtes Königreich (GB)

Verfügbare Medien
DVD
Originalfassung
Deutsch (de)

DVD

Untertitel
Deutsch (de), Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Italienisch (it), Japanisch (ja), Russisch (ru)