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Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Jan-Ole Gerster
Oh Boy

  • Produktionsjahr 2012
  • Farbe / LängeFarbe / 85 Min.
  • IN-Nummer IN 3822

Niko Fischer lebt einfach in den Tag hinein. Sein Jura-Studium hat er abgebrochen. Er streunt durch Berlin, beobachtet verwundert die Menschen in der Stadt und lässt sich treiben. An diesem Tag wird alles anders: Nikos Vater stellt die monatlichen Zahlungen ein, mit der Freundin klappt's nicht mehr, ein Psychologe entzieht ihm den Führerschein, ein Nachbar klagt Niko sein Leid und beginnt zu heulen, eine Bekannte aus der fernen Schulzeit macht ihn an und in einer Kneipe erzählt ihm ein alter Mann von einem traumatischen Kindheitserlebnis. Am Ende ist der alte Mann tot und Niko hat vielleicht zum ersten Mal so etwas wie Anteilnahme und Verantwortungsgefühl gezeigt. Es wird endlich Zeit für ihn, erwachsen zu werden. OH BOY erzählt in Episoden von turbulenten 24 Stunden aus dem Leben eines jungen Mannes, an deren Ende nichts mehr sein wird wie vorher. Mit seinem wunderbaren ersten Spielfilm gelingt es Jan Ole Gerster, an große Vorbilder zu erinnern, ohne sie auszubeuten: an frühe Arbeiten von Woody Allen und an Martin Scorseses AFTER HOURS - aber auch an die Schwabing-Filme der späten sechziger Jahre. Und trotz aller erkennbaren Vorbilder entwickelt Gerster eine ganz eigene Tonart, die er vom ersten bis zum letzten Bild durchhält.

Früh am Morgen steigt Niko Fischer aus dem Bett seiner Freundin. Er habe „Termine", sagt er, auch am Abend sei ein Treffen nicht möglich. Niko hat aber keinen Zeitplan, er lässt sich treiben und wartet, dass das Leben irgendwie auf ihn zukommt. Eine Vorladung verpasst er ums Haar: Niko wurde mit Alkohol am Steuer erwischt, jetzt geht es um seinen Führerschein. Der scheinbar witzige Psychologe hat nicht nur tückische Fragen auf Lager, sondern auch gemeine Unterstellungen. Am Ende des Gesprächs ist Niko seinen Führerschein los. Wenig später zieht ein Geldautomat Nikos EC-Karte ein. In seiner Wohnung, in der mehr Kartons als Möbel stehen, taucht ein anderer Mieter auf, stellt allzu neugierige Fragen und schüttet Niko unaufgefordert sein Herz aus und nervt ihn mit seinem Jammern.

Nikos alter Freund kommt und holt ihn mit dem Auto ab. Er schimpft wütend auf Berlin: „Jemand sollte diese Stadt ausmisten!" Niko erkennt sofort das Zitat aus TAXI DIVER. In einer Kneipe taucht Julika auf, spricht Niko an und gesteht, sie sei einst in der Schule heftig in ihn verliebt gewesen. Sie lädt die beiden jungen Männer für den Abend zu einer „Theaterkunst-Performance" ein. Matze stopft währenddessen einen riesigen Hamburger in sich hinein, Niko trinkt nur ein Glas Wasser. Den ganzen Film über sieht man ihn niemals essen, aber immer kämpft er um eine „normale" Tasse Kaffee, die er erst ganz am Ende bekommen wird - ein Zeichen der finalen Hoffnung.

Matze nimmt Niko mit zu einem Filmset; gedreht wird ein Melodram über die NS-Zeit; die Story klingt eher schwülstig und banal. Auf einem Golfplatz trifft Niko seinen Vater. Der hat kürzlich erfahren, dass der Sohn das Jura-Studium abgebrochen hat und ihm enttäuscht die EC-Karte sperren lassen. Aber zum Abschied bekommt Niko noch ein Bündel Geld hingeblättert. In der S-Bahn hat Niko Zoff mit zwei Kontrolleuren und flieht. Matze und Niko besuchen einen Dealer, der bei seiner leicht dementen Oma lebt. Niko interessiert sich für die alte Dame weit mehr als für Drogen, er umarmt sie zum Abschied - der erste wirklich zärtliche Moment des Films. Matze und Niko kommen zu spät ins Theater, verfolgen befremdet das Schreien, Stöhnen und Strampeln Julikas und ihrer Kolleginnen auf der Bühne und streiten hinterher mit dem Regisseur. Vorm Theater wird Julika von betrunkenen Jugendlichen angepöbelt. Niko verteidigt sie und holt sich eine blutige Nase - ein weiterer Moment, der ahnen lässt, dass Niko dabei ist, sich zu verändern: Er ist endlich bereit, sich einzumischen. Niko und Julika kommen sich körperlich näher, doch die Leidenschaft ist schnell vorüber, weil das Mädchen auch beim Sex auf einem Rollenspiel besteht. Spät in der Nacht landet Niko in einer Kneipe, ein alter Mann spricht ihn aufdringlich an und erzählt von einer traumatischen Kindheitserfahrung in der NS-Zeit. Anders als im Gespräch mit seinem Wohnungsnachbarn hört nun Niko wirklich zu, und anders als am Filmset geht es hier um authentische Erfahrungen. Wenig später bricht der alte Mann auf der Straße zusammen, Niko kümmert sich um einen Rettungswagen, fährt mit ins Krankenhaus und wartet die ganze Nacht, bis er im Morgengrauen erfährt, dass der Patient verstorben sei.

Die Episoden-Struktur mag OH BOY manchmal aussehen lassen wie eine Summe einzelner Kurzfilme, doch insgeheim steht jede Episode mit jeder anderen in Verbindung. Dem Regisseur und Autor gelingt es, eine Art filmischen „Entwicklungsroman" auf 24 Stunden erzählter Zeit zu komprimieren und dafür eine ganz eigene Tonart zu entwickeln. „Meine Intention war es gar nicht, eine reine Komödie zu schreiben. Ich finde den Film vermutlich auch tragischer als andere Leute. Darüber hinaus glaube ich aber, dass Humor dabei hilft, Ernsthaftes zu erzählen" (Jan Ole Gerster). OH BOY erreicht dabei eine souveräne Leichtigkeit, wie man sie im deutschen Kino lange nicht mehr gesehen hat - schon gar nicht bei einem Debutfilm. Alles wirkt leicht, auch die sorgsam komponierten Bilder kommen scheinbar ohne jede Anstrengung daher, die Schwebe zwischen Komik und Tragik ist oft gefährdet, gerät aber nie vollends aus der Balance. Während in den alten Schwabing-Komödien aus den späten sechziger Jahren die Menschen eher ungefährdet in den Tag hinein lebten, geht das im gegenwärtigen Berlin auf die Dauer nicht mehr gut. Es ist eine Zeit des kleinen Scheiterns, aber noch bleibt alles offen, kein Ausweg wird verbaut. Und das Finale gibt allen Anlass zur Vermutung dass der junge Mann gegen Ende seiner Zwanziger auf dem besten Weg ist, erwachsen zu werden.

Hans-Günther Pflaum

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
2010-2012
Produktionsjahr
2012
In Zusammenarbeit mit
Arte Deutschland TV GmbH (Baden-Baden)
Farbe
Farbe
Bildformat
16:9
In Koproduktion mit
Chromosom Film GmbH (Berlin) || Hessischer Rundfunk (HR) (Frankfurt am Main)

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Drama, Komödie
Thema
Beziehung / Familie, Coming of Age, Psychologie
Zielgruppe
Jugendfilm (12-17 Jahre)

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
31.03.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Niederlande (NL), Französisch-Guayana (GF), Guadeloupe (GP), Martinique (MQ), Mayotte (YT), Reunion (RE), Saint Pierre and Miquelon (PM), BL, Frankreich (FR), Italien (IT), USA (US), Spanien (ES), Dänemark (DK), Schweden (SE)

Verfügbare Medien
DVD, Blu-ray Disc

DVD

Untertitel
Deutsch (de), Spanisch (es), Englisch (en), Französisch (fr), Portugiesisch (Bras.) (pt), Italienisch (it), Rumänisch (ro), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Hebräisch (he), Bosnisch/Kroatisch/Serbisch , Indonesisch (id)

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Spanisch (es), Französisch (fr), Portugiesisch (Bras.) (pt), Hebräisch (he)