Frank Beyer
Jakob der Lügner
- Produktionsjahr 1974
- Farbe / LängeFarbe / 100 Min.
- IN-Nummer IN 4078
1944, in einem jüdischen Ghetto in Polen: Jakob Heym schnappt zufällig die Meldung auf, dass die Roten Armee auf dem Vormarsch sei. Die Nachricht könnte den Hoffnungslosen im Ghetto neuen Mut machen. Um sie zu verbreiten, muss Jakob lügen, denn die wahren Umstände, unter denen er zu seinem Wissen kam, sind viel zu unwahrscheinlich, als dass sie jemand glauben könnte. Sie stammt aus dem Quartier der Gestapo, Jakob hätte sie niemals mitbekommen dürfen. Er behauptet, er habe bei sich ein Radio versteckt. Von da an muss er notgedrungen weitere Nachrichten erfinden; die Opfer im Ghetto schöpfen neue Hoffnung, die Zahl der Selbstmorde geht zurück. Doch Jakobs Erfindungsreichtum kann die Deportation am Ende nicht verhindern.
Vielleicht hätte Jakob die Neuigkeiten für sich behalten: Zufällig schnappte er eine Nachricht vom Vormarsch der Roten Armee auf – er hörte sie aus einem Radio der Gestapo. Er hätte davon nie erfahren dürfen, denn die Insassen des Ghettos irgendwo in Polen lebten strikt von der Außenwelt abgeschnitten. Aber dann wollte der junge Mischa am Güterbahnhof, wo die Männer Zwangsarbeit leisten, sein Leben riskieren, um ein paar Kartoffeln zu klauen.
Jakob hält Mischa mit dem Hinweis zurück, dass die russischen Soldaten auf dem Vormarsch und nicht mehr sehr weit entfernt seien. Weil die Nachricht unter den Gefangenen im Ghetto Hoffnung aufs Überleben bedeutet, macht sie – gegen Jakobs Willen – schnell die Runde. Er muss erklären, wie er zu seinem Wissen kam. Keiner hätte ihm die Wahrheit geglaubt, also muss er sich mit einer Notlüge behelfen: Er hätte, erklärt Jakob, in seiner Wohnung ein Radio versteckt; die Gestapo würde ihn wegen dieses heimlichen Besitzes sofort erschießen. Dennoch wächst die Zahl der Menschen, die sich bei Jakob nach Neuigkeiten erkundigen – jeder sucht einen neuen Anlass zur Hoffnung, im Ghetto sinkt die Suicid-Rate. Als Jakob den Mut aufbringt, seinem alten Freund Kowalski die Wahrheit zu gestehen, begeht dieser Selbstmord.
Aus Angst erfindet Jakob neue Lügen; sein Radio sei defekt, erklärt er, doch seine Leidensgenossen schleppen einen Mechaniker an, der das Gerät reparieren könnte. Die Lüge lässt sich einfach nicht mehr aus der Welt schaffen. Besonders schwierig ist es für Jakob, die Fragen der kleinen Lina zu beantworten, die in ihrer Naivität sogar eine alte Petroleumlampe für ein Radio hält. Andere halten Jakobs Verhalten für unverantwortlich, weil er damit alle Ghetto-Bewohner in Gefahr bringen würde. Der gutmütige Schwindler bereut seine Lüge immer wieder. Am Ende hat sie kein Leben gerettet, sondern nur einer Reihe von Menschen die letzten Tage in ihrem Leben erleichtert; auch der kleinen Lina, die noch im Augenblick der Deportation in ein Vernichtungslager jubelt: „Hurra, wir verreisen!“
Eingangs heißt es: „Die Geschichte von Jakob dem Lügner hat sich niemals zugetragen. Ganz bestimmt nicht. Vielleicht aber hat sie sich doch so zugetragen.“ Genau dieser Schwebezustand zwischen Dichtung und Wirklichkeit prägt den ganzen Film, bis hin zu den Schauplätzen. Das Ghetto wird geografisch nie wirklich lokalisiert, alle Indizien sprechen dafür, dass die Geschichte in Polen spielt. Wenn Jakob im Radio hört, dass die Russen „schon bei Bezanika“ seien, wird das noch einmal deutlich: Bezanika ist ein fiktiver Ort, wie auch die ganze Hoffnung auf das Eintreffen eines Retters ebenso an das biblische Warten auf den Erlöser erinnert wie an das sinnlose Ausharren von Estragon und Wladimir in Becketts „Warten auf Godot“.
Jurek Beckers Exposé lag der DEFA schon seit 1963 vor, es wurde ignoriert; der Autor, der als Kind mit seinen Eltern im Ghetto von Lodz, später im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert war, schrieb es um zu einem Roman, erst dessen Erfolg führte dann zur Verfilmung. Beyers Inszenierung verzichtet auf alle äußeren Schrecken und auf Bilder oberflächlichen Grauens. Im Gegenteil. Beyer inszeniert nicht nur Sequenzen aus der heilen Vergangenheit Jakobs, er setzt auch die Märchenvorstellung der kleinen Lina konkret um – bis an die Grenzen zum Kitsch und vielleicht auch darüber hinaus. „Die Geschichte von Jakob dem Lügner ist voller Poesie; Komisches steht neben Tragischem, Absurdes, Reales und Märchenhaftes durchdringen einander. Eine Geschichte mit hintergründigem Witz und tiefer Traurigkeit, die ganze Spannung menschlicher Existenz ausmessend. Die Geschichte endet tragisch und doch nicht pessimistisch.“ (Beyer)
Die Kritik hat teilweise die Sanftheit von Beyers Inszenierung gerügt, doch der Schmerz, der von ihr ausgeht, reicht tiefer. Dass die Betonung des puren Grauens den Stoff eher beschädigt als bereichert, ließ eine zweite, ästhetisch konträre Verfilmung des Stoffes von Peter Kassovitz (JACOB THE LIAR, 1999, mit Robin Williams in der Titelrolle) erkennen. Gerade die Zurückhaltung des Regisseurs Beyer zeigte die Vergeblichkeit der Humanität Jakobs angesichts der ultimativen Barbarei – und gleichzeitig die Unzerstörbarkeit der Menschenwürde, auch in den finstersten Zeiten der Unmenschlichkeit.
Hans-Günther Pflaum
- Produktionszeitraum
- 1974
- Produktionsjahr
- 1974
- In Zusammenarbeit mit
- Filmové Studio Barrandov (Prag)
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,37
- Basiert auf
- Jurek Becker
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama, Anti-/ Kriegsfilm
- Thema
- Gewalt, Zweiter Weltkrieg, Freundschaft, Jüdische Themen, Filmgeschichte, Diskriminierung / Rassismus, Holocaust, Nationalsozialismus, Demokratie / Menschenrechte
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2025
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- Blu-ray Disc, DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Indonesisch (id), Koreanisch (ko), Rumänisch (ro), Tschechisch (cs)
DVD
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Indonesisch (id), Koreanisch (ko), Rumänisch (ro), Tschechisch (cs)