Uli Decker
Anima - die Kleider meines Vaters
- Produktionsjahr 2022
- Farbe / LängeFarbe + s/w / 99 Min.
- IN-Nummer IN 4620
Die Regisseurin Uli Decker verfilmt ein Familiengeheimnis: Ihr Vater trug sein Leben lang zeitweilig Frauenkleidung und -Accessoires, um eine Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu spüren. Er tat das heimlich, von Schuldgefühlen geplagt, da so ein Verhalten gemeinhin als Ungeheuerlichkeit galt. Erst an seinem Sterbebett erfuhr die Tochter davon. Also macht sie sich auf, die verborgenen Geschichte des Vaters zu entdecken und verquickt sie mit ihrer eigenen Biografie, die ebenfalls von der Ablehnung heteronormativer Ordnung geprägt ist. Daraus entsteht ein zarter, sehr persönlicher Film, der doch alles Notwendige sagt zur Härte von moralischer und gesellschaftlicher Konvention.
Schon in den ersten Szenen wird das Verhältnis von Uli Decker zu ihrem Vater Helmut thematisiert: ihre ganze Kindheit lang war es distanziert, wenig vertraut, eine Melancholie lag über ihrem Familienleben in der oberbayrischen Stadt Murnau. Ein greifbares Problem gab es nicht, nach außen hin wirkten die Deckers wie ein Paradebeispiel der glücklichen bürgerlichen Familie. Aber im Inneren war zu spüren, dass der Vater eine Last trug, die außer ihm keiner kannte.
Uli Decker führt Interviews mit ihrer Mutter, die in sanftem Bayrisch erzählt, dass es ein Geheimnis war, das ihn unglücklich machte. Sie selbst entdeckte es schließlich nach jahrelanger Ehe, behielt es aber für sich, gemäß dem Wunsch des Vaters. Erst an seinem Sterbebett erfuhren es die Töchter Cordula und Ulrike. Im Film sprechen die Schwestern über die damalige Situation, beide sind sich einig: sie waren nicht vom Inhalt des Geheimnisses schockiert, sondern davon, dass ihr Vater ihnen nie genug vertraut hat, um darüber zu reden.
Im Bild sieht man dazu persönliche Dinge, die Wohnung der Deckers, Pappkartons aus dem Nachlass des Vaters, Alben mit Familienfotos. Die Bilder sind eng, konzentriert auf Details, zwischendurch aber verändern sie sich in knallig bunte Bastelarbeiten: Uli Decker setzt Ausrisse aus Fotos und Gemälden, Sequenzen aus alten Werbespots und Nachrichten zusammen, die in zunehmend wilderen Collagen allmählich die Geschichte von einem verborgenen Transgender-Leben kommentieren. Denn in den Kartons stecken Pumps, Röcke, Perücken, die dem Vater gehörten. Er trug sie, wenn ihn niemand sah.
So erfährt man sein Geheimnis. Dazu werden bald Auszüge aus seinen Tagebüchern vorgelesen. Es sind schwierige, angsterfüllte Berichte, von einer Kindheit, in der Helmut Decker heimlich die Kleider der Mutter anzog; von einem Erwachsenenleben, in dem er sich im Wald umkleidete, um dann als Frau durch Kleinstädte zu flanieren - immer in der Furcht, jemand könne ihn ertappen. Denn das wird auch durch die Collagen sichtbar: das gesellschaftliche Geschlechterverständnis ist klar aufgeteilt, egal ob es sich um die 1950er oder um die 1990er Jahre handelt. Es gibt Frauen. Und es gibt Männer. Etwas anderes gibt es nicht.
Zwei Dinge kommen für den Vater erschwerend hinzu. Er ist streng katholisch, und er lebt in Bayern, das nicht berühmt ist für Toleranz. Also hält er sich für abartig und seine Sehnsucht nach Frauenkleidung durchgehend geheim, in der Jugend, im Beruf, in der Ehe. Zum Zeitpunkt seines Lebens, in dem er schon Familie hatte, setzt Uli Decker dann wieder ein - jetzt mit ihrer eigenen Geschichte. Schon als Kind war sie nicht die Tochter, die der Vater sich wünschte, war nie zufrieden damit, ein Mädchen zu sein. Sie sah genau hin, wer Abenteuer erleben durfte, und das waren nur Personen mit Bart. So einen hätte sie auch gern gehabt, ihr Berufswunsch war „Papst“, sie war verliebt in eine Lehrerin.
Zwischen Familienfotos und Interviews mit Mutter und Schwester bleibt in ANIMA Platz genug für das Erstaunen, das Uli Decker bis heute erfüllt. Gerade ihr Vater hätte sie doch verstehen müssen. Gerade er kannte die Schwierigkeit mit den Geschlechterstereotypen. Aber er habe sie nicht gesehen, erzählt sie, er habe nicht geholfen. Wegen solcher Feststellungen wird der Film manchmal ein bisschen bitter, oder auch, weil die zentrale Frage, wer denn dieser Vater war, der sich nie wirklich zu erkennen gab, unbeantwortet bleibt. Er starb durch einen Unfall, unverhofft, ohne ihr je etwas preiszugegeben.
Aber es steckt genug Humor in der Art, wie Uli Decker die Geschichten verquickt, genug Ehrlichkeit in den Antworten von Mutter und Schwester. Die Fragen, die Vermutungen, die Fantasie der Bilder sind eine Liebeserklärung, durch die man einen Einblick in eine bayrische Familie bekommt, der anders ist, als bayrische Familien sonst vorgestellt werden. Das weckt beim Zuschauen Neugier und Amüsement - vor allem weckt es am Ende die Erkenntnis, wie wenig Möglichkeiten die Gesellschaft denjenigen lässt, die von der simplen Norm abweichen.
Doris Kuhn (06.04.2023)
Kritiken, Empfehlungen, Presseschau:
Vor zirka 6 Jahren hab ich den Entschluss gefasst, einen Dokumentarfilm (aus meiner Familiengeschichte) zu machen. Das war gerade so eine Zeit, in der in bayrischen Schulen diskutiert wurde, ob Schüler überhaupt mit anderen Lebensformen, anderen Identitäten konfrontiert werden sollten. Da haben viele so argumentiert, als wären alle bayrischen Kinder wie fabrikmäßig strikt cis hetero konstruiert, und die würde man auf schlimme Ideen bringen, wenn man ihnen sagte, dass man sich auch anders fühlen kann. Da dachte ich, dann muss ich jetzt doch mal erzählen, was sich hinter der Fassade von einer ganz normalen bayrischen Familie abspielen kann.
(Auszug aus einem Gespräch mit Uli Decker im „SR Talk“, 28. 2. 2022)
Mir war es wichtig, dieses Verhalten (das Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung) auch als Reaktion auf die gesellschaftlichen Umstände zu deuten und damit diese Umstände zu hinterfragen.
(Auszug aus einem Gespräch mit Uli Decker in „Deutschlandfunk Kultur“, 15. 10. 2022)
Uli Decker arbeitet die Geschichte ihrer Familie und deren Geheimnisse auf und damit ihr eigenes Aufwachsen als nicht genderkonformer Mensch. Ihre auch stilistisch eigenwillige Auseinandersetzung war einer der beeindruckenden Beiträge des 43. Max Ophüls Filmfestivals. (taz)
Uli Decker nimmt die Erinnerungen, die sie aus ihrer Kindheit und Jugend hat ebenso wie die Erzählungen und Bilder aus dem Leben ihres Vaters und setzt diese neu zusammen, erzählt die Familiengeschichte neu, versucht, sich ein neues Bild zu machen von dem, was war – was wirklich war. … Der Blick ist immer ein enger, ein Ausschnitt von Leben eben, der deutlich macht: Das ist nur ein Teil dessen, was die erfahrbare Realität ist, nur ein Blickwinkel, eine Sichtweise. - (Sissy)
Preise:
2022 Max Ophüls Preis – Bester Dokumentarfilm
2022 Max Ophüls Publikumspreis Dokumentarfilm
2022 Achtung Berlin: Preis der ökumenischen Jury
2022 Achtung Berlin: Bester Dokumentarfilm
International Documentary Filmfestival Thessaloniki 2022: Preis WIFT (Women in Film and Television)
- Produktionsland
- Deutschland (DE)
- Produktionszeitraum
- 2019-2021
- Produktionsjahr
- 2022
- Farbe
- Farbe + s/w
- In Koproduktion mit
- Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) (Mainz)
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Dokumentarfilm
- Genre
- Biografie / Portrait
- Thema
- Beziehung / Familie, LGBTIQ / Queer , Heimat, Psychologie
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Lizenzdauer bis
- 03.11.2029
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Südtirol (Alto Adige)
- Verfügbare Medien
- DCP, Blu-ray Disc, DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DCP
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Kroatisch (hr)
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Kroatisch (hr)
DVD
- Untertitel
- Deutsch Teil UT, Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Kroatisch (hr)