Filmfestival Berlinale Forum in Brüssel

Berlinale Forum 2019 „Nos Défaites“, Jean-Gabriel Périot

Di, 10.09.2019 -
Do, 12.09.2019

BOZAR

Rue Ravenstein - Ravensteinstraat 23
1000 Brüssel

Mit fünf Filmen aus dem Programm 2019

Im September ist das Berlinale Forum in Brüssel zu Gast. Im Bozar gibt es Filmvorführungen, im Cinéma Galeries eine Ausstellung, die Werke des Forum Expanded präsentiert.

Im Rahmen der Reihe „German Film Festivals on Tour“ im BOZAR präsentiert das Berlinale Forum erneut eine Auswahl seines aktuellen Programms in Brüssel: Fünf Filme aus Österreich, Frankreich, Lesotho und Portugal geben einen Einblick in die experimentierfreudigste Sektion der Berlinale. Vier davon sind belgische Premieren. Das Forum ist bekannt dafür, neue Trends des Weltkinos zu zeigen und dabei keine formalen Grenzen zu kennen.


Eröffnet wird am 10. September mit dem Dokumentarfilm „Nos Défaites“ von Jean-Gabriel Périot, der eine Reflexion über Streik, Widerstand und Arbeitskampf bietet. Der Regisseur wird anwesend sein und mit Birgit Kohler, die als Interims-Leiterin des Forums für das diesjährige Hauptprogramm verantwortlich war, über seinen Film sprechen.

Am 11. und 12 September werden durch sehr unterschiedlichen Formen - vom Essayfilm zum Dokumentar bis zur freien Romanadaptation - Themen wie Feminismus, Trauer und Umwelt angesprochen. Callisto Mc Nulty, die Regisseurin von „Delphine et Carole, insoumuses“ wird am 11. September in Brüssel sein.

Erde, Nikolaus Geyrhalter Erde, Nikolaus Geyrhalter
Zu den Filmen und zum Programm:
  • 10.09.2019, 19:00 Uhr: Nos Défaites von Jean-Gabriel Périot (Frankreich 2019, 94', Französisch mit englischen Untertiteln) in Anwesenheit des Regisseurs - Q&A mit Birgit Kohler auf FR
Im Mai/Juni 2018 arbeitet Jean-Gabriel Périot mit zehn Schüler*innen des Filmkurses eines Gymnasiums in Ivry-sur-Seine an einem Projekt, das Kino und Politik verbindet. Er reinszeniert mit ihnen Szenen des Streiks, Widerstands, Arbeitskampfs aus Filmen von Jean-Luc Godard, Alain Tanner u.a. aus der Zeit zwischen Ende der 1960er- und Ende der 1970er-Jahre. Die Jugendlichen stehen dabei vor und hinter der Kamera. Nos défaites versammelt die Ergebnisse der Drehs und ergänzt sie um Bilder, in denen die Schüler*innen vor der Kamera vom Regisseur befragt werden, zu der gerade gespielten Szene, zu Begriffen wie „Klasse“, „Gewerkschaft“, „Engagement“, zu größeren gesellschaftlichen Kontexten. In diesem so einfachen wie prägnanten Set-up wird die Perspektive einer jungen Generation auf Politik und politisches Kino der Vergangenheit sichtbar. Zugleich dokumentiert der Film auch den Versuch einer Agitation. Die Unterhaltungen changieren zwischen Begegnungen auf Augenhöhe, eher lehrerhaftem Abfragen durch den nie sichtbaren Filmemacher, bis hin zum Nachdenken über die Revolution im Hier und Jetzt: Der Performance des Aufstandes folgt die Reflexion des Aufstandes. Kann ein realer daraus werden? (Alejandro Bachmann)
 
  • 11.09.2019, 18:30 Uhr: Delphine et Carole, insoumuses von Callisto Mc Nulty (Frankreich 2019, 70', Französich mit englischen Untertiteln) in Anwesenheit der Regisseurin - Q&A mit Birgit Kohler auf EN
Die legendäre Schauspielerin Delphine Seyrig war in den 70er Jahren als singende Fee, lesbische Vampirin, ätherische Botschaftergattin und Kartoffeln schälende Hausfrau im Kino zu sehen. Gleichzeitig engagierte sie sich als Feministin und nahm als solche selbst die Kamera in die Hand. Zusammen mit Carole Roussopoulos gehörte sie zu den ersten Videoaktivistinnen in Frankreich, die nicht nur Demonstrationen der französischen Frauenbewegung dokumentierten, sondern das neue Medium auch nutzten, um die dominante Darstellung von Frauen im TV und anderswo mit eigenen Bildern und Kommentaren zu kontern. Auch Video-Workshops und die Gründung des feministischen Archivs „Centre audiovisuel Simone de Beauvoir“ waren Teil des Projekts, sich selbst zu erzählen. Anhand von zahlreichen Ausschnitten aus feministischen Arbeiten der Videogruppen „Les Insoumuses“ und „Video Out“ sowie aus Talkshows mit u.a. Simone de Beauvoir, Marguerite Duras und Chantal Akerman schreibt der Film ein Kapitel der Geschichte des Feminismus und skizziert die Anfänge einer kreativen politischen Praxis, die kollektive Aktion, mediale Intervention und archivarische Dokumentation frech, subversiv und mit Humor verband. (Birgit Kohler)
 
  • 11.09.2019, 20:30 Uhr: A Portuguesa von Rita Azevedo Gomes (Portugal 2018, 136', Portugiesisch/Deutsch mit englischen Untertiteln)
Seine Heimat ist der Krieg. Ihre Heimat ist Portugal. Doch die frisch verheiratete junge Frau des Lords von Ketten ist wild entschlossen, den Familiensitz ihres Mannes, ein unwirtliches Schloss auf einem Felsen im Norden Italiens, zu ihrem Zuhause zu machen. Als er mit seinen Männern in den Kampf zieht und sie zurück zu ihren Eltern schickt, bleibt sie. In den elf Jahren seiner Abwesenheit beharrt sie auch gegenüber dem seltenen Verwandtschaftsbesuch, der den Ort als Grab wahrnimmt und ihre Einsamkeit bedauert, darauf: Das ist mein Platz. Und tatsächlich erobert sie sich hier ein eigenes Leben. Sie liest, singt, musiziert, zeichnet, schwimmt, reitet durch den Wald und zieht einen jungen Wolf groß. Der Wolf steht ihr näher als die beiden Söhne – so legt es jedenfalls die mit prächtigen Kostümen und opulenten Bildern einer elegant gleitenden Kamera aufwartende Adaption der im Mittelalter angesiedelten Novelle „Die Portugiesin“ von Robert Musil nahe. Die Tiere sind hier sehr auffällig platziert, als kämen sie von woanders her. Genau wie Ingrid Caven, die im Hof des Schlosses im schulterfreien Abendkleid Lieder gurrt oder Walther von der Vogelweide rezitiert. Tandaradei! (Birgit Kohler)
 
  • 12.09.2019, 18:30 Uhr: Erde von Nikolaus Geyrhalter (Österreich 2019, 115', Englisch / Deutsch / Spanisch / Italienisch / Ungarisch mit englischen Untertiteln)
Ein Porträt der Erde im Anthropozän – an sieben Orten, die der Mensch gewaltig umgestaltet: das Versetzen ganzer Berge in Kalifornien, das Durchbohren des Gebirges am Brenner, ein Kohletagebau in Ungarn, ein Marmorsteinbruch in Italien, eine Kupfermine in Spanien, das Salzbergwerk mit Atommülllagerung in Wolfenbüttel und eine Ölsandabbaulandschaft in Kanada. Top Shots zeigen die Terrains zunächst als abstrakte Gemälde, anschließend erforscht der Film on the ground das Gelände, beobachtet Maschinen bei der Arbeit und verwebt dies mit Gesprächen mit den Arbeiter*innen. Neben Aussagen zu Arbeitsprozessen, Umweltschäden und Technologiewandel lässt Erde in seiner subtilen Reduziertheit diese gemachte Welt auch in besonderer Weise sichtbar werden: die grauen Haufen, Hügel und Berge. Die Schwärze und die Risse. Die sandigen Landschaften, durchquert von einer Vielzahl verschiedenster mechanischer Hilfsmittel, die wie Raupen oder Regenwürmer hin- und herkriechen. Die Dimensionen sind gigantisch, die Relationen abhandengekommen, die Welt ist dem Menschen entglitten. „There is always a bigger machine, a bigger engine and when all fails there is dynamite. We always win“. Oder auch nicht. (Alejandro Bachmann)
 
  • 12.09.2019, 21:00 Uhr: Mother I Am Suffocating. This is My Last Film about You. von Lemohang Jeremiah Mosese (Lesotho / Katar 2019, 76', Englisch)
Die Menschen auf den staubigen Straßen Lesothos starren neugierig auf die junge Frau, die – wie Jesus – ein Holzkreuz auf dem Rücken trägt. Sie schaut zurück, in Gesichter, auf mystisch-schöne Landschaften, eine Schafherde und ein Paar Hände, die unablässig stricken. Was sie sieht wird visuell durch Schwarzweiß präzisiert, durch Verlangsamungen abstrahiert und durch Erinnerungen gefiltert. Eine raue Off-Stimme, die sich bewusst ist, nicht von denen gehört zu werden, an die sie sich richtet, formt den Bilderfluss zu einem filmischen Klagelied. Lemohang Jeremiah Mosese gelingt es in diesem Essayfilm, die Chronik einer sich radikalisierenden Trauer nachzuerzählen, die sich vom persönlichen Abschied von der Mutter zur politisch bewussten Lossagung vom Mutterland steigert. Der schmerzhafte Prozess der Verschiebung von der Innen- zur Außenperspektive auf das kleine afrikanische Land wird zutiefst persönlich visualisiert und kommentiert – von heute aus, aus dem Berliner Exil. Ein hübscher Engel begleitet den Transit. Dieses ungewöhnliche Lamento zu einer afrikanischen Migrationsgeschichte erhellt schmerzlich und intensiv einen nicht nur im Kino tabuisierten Erfahrungsraum. (Dorothee Wenner)

(Textquelle Synopsen: Arsenal — Institut für Film und Videokunst e.V.)
 

Berlinale Forum

Avantgarde, Experiment, Essay, Langzeitbeobachtungen, politische Reportagen und noch unbekannte Kinematografien: Das Berlinale Forum ist die risikofreudigste Sektion der Berlinale und steht für neue Strömungen des Weltkinos und innovative Erzählformen. Die formalen Beschränkungen bei der Filmauswahl sind gering, die Freiheiten umso größer. Die Filme des Forums bewegen sich im Grenzbereich von Kunst und Kino. Forum Expanded erweitert das Programm seit 2006 um Videokunst sowie installative und performative Arbeiten im Kino und im Ausstellungsraum. Das Berlinale Forum ist eine Veranstaltung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin.
Die Veranstaltung „Berlinale Forum / Forum Expanded in Brussels“ ist eine Initiative des Goethe-Instituts Brüssel, BOZAR Cinéma und Cinéma Galeries in Zusammenarbeit mit dem Berlinale Forum und Arsenal - Institut für Film und Videokunst e..V. Mit der Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa des Landes Berlin und des Österreichischen Kulturforums Brüssel. Kommunikationspartner: Festival Elles Tournent, Ambassade de France à Bruxelles, Alliance française, Ciné-club Insas.

 

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