Unzivilgesellschaft - künstlerische Strategien

Triangular Stories © Henrike Naumann

Mi, 28.04.2021

goethe.de/youtube

Digitales Künstler*innengespräch mit Henrike Naumann und Christina Varvia (Forensic Architecture)

Die Veranstaltung muss leider verschoben werden. Sie wird zeitnah nachgeholt.


Digitales Künstler*innengespräch mit Christina Varvia (Forensic Architecture) (UK) und Henrike Naumann (D)

Für das Gespräch sind zwei Positionen aus der Bildenden Kunst eingeladen, die beide stark recherchebasiert arbeiten, aber in ihrer Form sehr verschiedene Wege gehen.
Die Künstlerin Henrike Naumann ist in Zwickau – dem Ort, an dem der NSU im Untergrund lebte – geboren und erkundet seit der Selbstaufdeckung des NSU anhand von Möbeln und anderen Gegenständen der Inneneinrichtung, wie sich politische Überzeugungen im Geschmack und der persönlichen Alltagsästhetik spiegeln. In Ihren großformatigen Installationen mit Titeln wie 14 Words oder Triangular Stories baut sie dabei vor allem Interieurs aus der neonazistischen Subkultur nach und lässt einen somit spüren, wie sich das neonazistische Lebensgefühl materialisiert.

Die Londoner Forschungsgruppe Forensic Architecture baute für ihre Recherchen hingegen das Kasseler Internetcafé, indem sein Betreiber Halit Yozgat vom NSU erschossen wurde, nach. In dem nachgebauten Tatort wurde der Tathergang analysiert und die Aussage des Mitarbeiters des deutschen Inlandsgeheimdiensts Andreas Temme, dass er während der Tat nicht mehr am Tatort anwesend war in Zweifel gezogen. Die Ergebnisse wurden in dem Video The Murder of Halit Yozgat: 77sqm_9:26min festgehalten und erstmals auf der Documenta 14 in Kassel präsentiert.

Zusätzlich zu der Diskussion wird ab dem 26.04.2021 auf der VOD-Plattform des Goethe-Instituts ein Streaming der besprochenen Filme angeboten:
The murder of Halit Yozgat (Forensic Architecture, 2017)
Triangular Stories (Henrike Naumann, 2013)
 

Zu den Gästen:

Henrike Naumann reflektiert gesellschaftspolitische Probleme auf der Ebene von Design und Interieur und erkundet das Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik. In ihren immersiven Installationen arrangiert sie Möbel und Objekte zu szenografischen Räumen, in welche sie Video- und Soundarbeiten integriert. In Ostdeutschland aufgewachsen, erlebte Henrike Naumann in den 90er Jahren die rechtsextreme Ideologie als dominante Jugendkultur. Ihre Praxis reflektiert die Mechanismen der Radikalisierung und deren Zusammenhang mit persönlicher Erfahrung.

Forensic Architecture (FA) ist eine Forschungsagentur mit Sitz an der Goldsmiths, University of London, die Menschenrechtsverletzungen untersucht, einschließlich Gewalt, die von Staaten, Polizeikräften, Militärs und Unternehmen begangen wird. FA arbeitet mit Institutionen aus der gesamten Zivilgesellschaft zusammen, von Basisaktivist*innen über Anwält*innengruppen bis hin zu internationalen NGOs und Medienorganisationen, um Untersuchungen mit und im Namen von Gemeinschaften und Einzelpersonen durchzuführen, die von Konflikten, Polizeigewalt, Grenzregimen und Umweltgewalt betroffen sind. Die Untersuchungen stützen sich auf neuste Techniken wie der Raum- und Architekturanalyse, Open-Source-Untersuchungen, digitale Modellierung und immersive Technologien sowie dokumentarische Recherchen, situierte Interviews und akademische Kollaborationen. Christina Varvia leitete für FA die Untersuchung zu Halit Yozgat.

Matthias Dell arbeitet als Film-, Medien- und Theaterkritiker, ist freier Mitarbeiter beim Deutschlandradio, Zeit-Online, Cargo, epd Film, Spiegel.de, FAS. Buchveröffentlichungen: "'Herrlich inkorrekt'. Die Thiel-Boerne-Tatorte" (2012), "Über Thomas Heise" (2014), "Duisburg –Düsterburg. Werner Ruzicka im Gespräch" (2018).

© Forensic Architecture 2017

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