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Die virale Stadt

Im August 2020 riefen wir Videokünstler*innen aus Kanada und Deutschland dazu auf, uns ihre Ideen zu dem Thema „Die Stadt in Zeiten des Virus“ einzureichen. Der Ausdruck inspirierte Künstler*innen zu traumhaften Visionen der Innenstadt als Spielplatz, als Insel einer - vielleicht trügerischen - Ruhe, in denen die Menschen und Körper sich frei bewegen und sich den Stadtraum zu eigen machen. Auf dieser Seite stellen wir euch die Künstler*innen, die Jury und die präsentierten Werke mit ihren Projektionsdaten vor.

Jens Pecho - Housebound© Foto (Ausschnitt): Monik Richter

Die (Groß-)Stadt nach COVID-19

Die Stadt während bzw. nach Covid-19 – in dem Ausdruck schwingen Sehnsüchte städtischer Utopisten nach grünen und autofreien Innenstädten, breiten Gehwegen – ja ganzen Flaniermeilen –, ausladenden Fahrradstraßen und zu Terrassen umgebaute Parkplätze. Gleichzeitig waren und sind die am dichtesten besiedelten urbanen Stadtzentren auch die während der Krise am härtesten getroffenen Spots: Wir denken dabei an dystopische Szenarien ausgestorbener Innenstädte, leere Straßen, verschlossene Ladenzeilen und ein quasi eingefrorenes kulturelles Leben und mittendrin temporäre Teststationen auf öffentlichen Plätzen, zu Krankenstationen umgebaute Parkhäuser und öffentliche Parks. 

Unser Aufruf richtete sich an Künstler*innen aus Deutschland und Kanada. Die eingereichten Videoarbeiten beschäftigten unter anderem mit folgenden Fragen: Wie lebt es sich in der (Groß-)Stadt während einer Pandemie? Wie wirken sich soziale Regeln und medizinische Hygienevorgaben auf unsere Körper aus? Wie bewegen wir uns im urbanen Raum? Wie interagieren und kommunizieren wir miteinander in Zeiten des social distancing? Und vor allem, wie halten wir es noch Zuhause aus?  

Die Werke blicken auf ungewisse - vielleicht sehr menschenleere - Zukünfte, richten das Augenmerk aber auch auf die Tatsache, dass in einigen Teilen der Welt - in Konflikt- und Kriegsgebieten und in unfreien Gesellschaften - das Eingeschlossensein auch ohne Pandemie traurige Realität ist. 
 

Von den zahlreichen Einreichungen hat unsere Expert*innen-Jury acht Arbeiten aus Kanada und Deutschland ausgewählt, die jeweils zwei Wochen lang, zwischen Oktober 2020 und März 2021, nach Einbruch der Dunkelheit auf den Schaufensterleinwänden des Goethe-Instituts Montreal präsentiert werden.

Die Künstler*innen und ihre Arbeiten

Vom 15. Oktober bis 31. Oktober 2020
 

Housebound

Video, 4:46 min. | Deutschland, 2020 
Regie : Jens Pecho

Housebound - Jens Pecho © Jens Pecho Der Film kombiniert eine Szene des Thrillers Copycat (1995) mit einem Mitschnitt des künstlerischen Arbeitsprozesses des Filmemachers. Dabei werden Fragen künstlerischer Originalität sowie die Automatismen kreativer Verwertungslogik beleuchtet, die selbst die aktuelle Gesundheitskrise nutzbar machen sollen. Housebound wurde von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gefördert und ist Beitrag zur Frage des Festivals: „Kann und muss man jetzt Filme machen?“ 
 

Jury Statement

Mit dem spontanen Aufruf „Kann und muss man jetzt Filme machen?“ luden die diesjährigen Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen eine Reihe von Video-Künstler*innen ein, ihr Statement in Form einer kurzen Video-Arbeit abzugeben. In diesem Kontext entstanden, reflektiert Housebound kritisch die Auswirkungen der Pandemie und derartiger Calls auf die Kunstproduktion. Als Screen-Video produziert, stellt die Arbeit zudem pointiert heraus, dass Computerscreens und Internet in Zeiten von Kontakteinschränkungen zum primären Medium der Wahrnehmung, der Produktion und zugleich der Diskussion von Kunst werden und mehr denn je die Rolle eines „Fenster zur Welt“ einnehmen.
(Anna Lena Seiser)

Über Jens Pecho

Jens Pecho studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln sowie der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Er arbeitet als bildender Künstler, meist installativ, mit Text und Video. Seine Arbeiten wurden international in Museen und auf Filmfestivals gezeigt, darunter die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, das Forum d'Art Contemporain – Casino Luxembourg, das Herzliya Museum of Contemporary Art, Israel, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Message to Man IFF St.

Vom 1. November bis 15. November 2020
 

jardins paradise

Video, 5:24 min. | Kanada, 2020 
Regie: Yza Laure Nouiga 

Jardins Paradise Jardins Paradise | © Yza Nouiga Garten Eden, jardin à la française, Englisch, Zen, Bahai, arabisch-islamisch: Gärten spiegeln Geschichte, Kultur und Erbe wider. Sie sind einige der seltenen Orte, an denen Intimität, Versammlungen, Spaß und Religion nebeneinander existieren. Jardins Paradise lenkt ironischerweise das Bild des Gartens als Verkörperung eines paradiesischen Garten Edens ab. Er hebt den bürgerlichen Erfindungsreichtum von Gemeinschaften hervor, die durch einen Mangel an Grün in ihrer Nachbarschaft stigmatisiert sind, sowie den Beitrag der ethnokulturellen Vielfalt zur Stadtlandschaft.

Der Film stellt sich vor, wie junge Mitglieder der arabischen Diaspora in Montreal mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine säkulare und demokratische Version des Gartens im arabisch-islamischen Stil entwickeln. Ein Parkplatz, eine Trockenzone ähnlich der Wüste, in der diese Gärten ursprünglich entstanden sind, wurde in einen ephemeren Garten umgewandelt. In Treue zu den Hauptbestandteilen des arabisch-islamischen Stils ist die Wasserquelle das Herzstück, Plätze mit Pflanzen besetzen die Parkplätze, ebenso wie Blumen und Früchte, und die Kontemplation ist die Hauptaktivität. Die Natur wird künstlich dargestellt, da sie nur ein momentanes Paradies ist, das der individuellen Freizeitgestaltung dient.

Und was wäre, wenn das Paradies nichts anderes wäre als ein grüner Parkplatz, der nach den eigenen Vorlieben gestaltet ist?
 

Jury statement

Das Projekt Jardins Paradise von Yza Laure Nouiga ist eine ambivalent surreale Erzählung, in der Strandschirme, Grasfliesen und ein Kinderplanschbecken auf einem nicht mehr genutzten Parkplatz einen Raum der Freizeitgestaltung geschaffen haben. Ein Moment der Entspannung am Strand oder der Zugang zu Wiesen und Feldern sind für Stadtbewohner*innen aufgrund der vielen Auswirkungen der Pandemie nicht leicht zu erreichen. Dieser komplexe Film wirft viele Fragen auf, unter anderem diese: Wie können wir unsere städtischen Betongärten für die darin lebenden Menschen neu organisieren? (Anyse Ducharme) 

über yza laure nouiga

Yza Nouiga ist eine aufstrebende französisch-marokkanische Regisseurin und Drehbuchautorin mit Sitz in Montreal. Sie ist in Marokko geboren und aufgewachsen und lebt seit 10 Jahren in Kanada. Sie hat gerade das „Programme d'aide à la création émergente“ der SODEC für einen ersten Spielfilm, Circo, erhalten, den sie zusammen mit Lamia Chraibi geschrieben hat. Zurzeit arbeitet sie auch an einem Kurzspielfilm, L'Oasis, zu den Themen Identität, doppelte Staatsbürgerschaft und Heimkehr.

Vom 7. Dezember bis 22. Dezember 2020
 

imperial valley (cultivated run-off)

Video, 13:58 min. | Deutschland, 2020 
Regie: Lukas Marxt 

Still 2 © Lukas Marxt Das Imperial Valley ist eine der bedeutendsten Regionen industrieller landwirtschaftlicher Produktion Kaliforniens. Rein geologisch Teil der Sonora-Wüste wird es durch ein riesiges Bewässerungssystem, das den Colorado-River anzapft, wie auch den eigens dafür angelegten All-American Canal – durch die Migrationsbewegung von Mexiko in die USA zu trauriger Berühmtheit gelangt – urbar und für die landwirtschaftliche Super-produktion bestens verwertbar gemacht. Der Abfluss dieses Systems von Rohren, Pumpen und Kanälen führt in die Salton Sea, ein künstlich angelegter See, der ebenso wie die angrenzenden Regionen Mexikos, auf eine ökologische wie ökonomische Katastrophe zusteuert.

Lukas Marxt nähert sich in Imperial Valley (cultivated run-off) diesem Problem auf sehr hinterlistige Weise: Er beginnt mit der Vogelperspektive auf einen Bewässerungskanal in einer Wüstenlandschaft. Die Drohnen-Kamera fliegt diesen Kanal ab und zeigt schließlich in weiterer Folge Landschaften des Imperial Valley aus derselben Perspektive, die ebenso überflogen werden. Zu Beginn nicht mehr als spektakuläre Dokumente landwirtschaftlicher Monokulturen, werden die Einstellungen – nicht zuletzt durch den einsetzenden elektronischen Score – immer abstrakter. Handelt es sich noch um real existierende Landschaften oder künstlich simulierte? Diese Ambiguität ist genau der Punkt: Das Imperial Valley wird zum „Uncanny Valley“, zum Ort der noch nicht oder gerade nicht mehr „natürlich“ und dadurch unheimlich erscheint. Die Landschaft nach der Landschaft (oder ihrer mediatisierten Repräsentation) ist ein geometrisches Konzept von Linien, Flächen, Punkten und Farbflecken, egal ob belebten oder unbelebten Ursprungs. Von Menschen gemacht, ist für diese darin jedoch kein Platz mehr, weder ontologisch, noch tatsächlich. Die Post-Apokalypse muss gar nicht mehr stattfinden, wir sind bereits mitten drin. (Claudia Slanar) 
 

jury statement

Ein Film von großer Meisterschaft, der einen Blick in die Zukunft wirft, während die industrielle Welt zusammenbricht. Was wird nach all den Exzessen von unseren Städten noch übrig bleiben? (Miryam Charles)

Über lukas marxt

Lukas Marxt ist ein Künstler und Filmemacher, der zwischen Köln und Graz lebt und arbeitet. Marxt's Interesse am Dialog zwischen menschlicher und geologischer Existenz und dem Einfluss des Menschen auf die Natur wurde zuerst in seinem Studium der Geographie und Umweltwissenschaften an der Universität Graz erforscht und durch sein audiovisuelles Studium an der Kunstuniversität Linz weiterentwickelt. Er erhielt seinen MFA an der Kunsthochschule für Medien Köln und besuchte das Postgraduiertenstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Marxt hat seine Forschungen in den Kontexten der visuellen Kunst und des Kinos gestellt. Seine Werke waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, zuletzt im Hamburger Bahnhof - Museum für zeitgenössische Kunst (Berlin, 2019), in der Landesgalerie Niederösterreich, (Krems 2019), im Torrance Art Museum (Los Angeles, 2018), der Biennale der Malerei, Museum Dhondt-Dhaenens (Belgien, 2018) und dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Rijeka (Kroatien, 2018). Seine Filme wurden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals präsentiert, darunter das Filmfestival von Locarno (Schweiz, 2019), die Viennale (Österreich, 2019), die Berlinale (Deutschland, 2017 und 2018), Curtas Vila do Conde (Portugal, 2018) und das Internationale Filmfestival von Gijón, wo er den Preis Principado de Asturias für den besten Kurzfilm erhielt (Spanien, 2018). Seit 2017 hat Marxt eine beträchtliche Zeit in Südkalifornien verbracht, wo er die ökologischen und sozio-politischen Strukturen rund um die Salton Sea erforscht hat.

Vom 5. Januar bis 20. Januar 2021
 

statu quo

Video, 10:00 min. | Kanada, 2020
Regie: Lamia Chraibi und Marion Chuniaud-Lacau 

Still 2 © Lamia Chraibi, Marion Chuniaud-Lacau In einer Welt in der Warteschleife wird eine gemeinsame Geschichte geschrieben. Ohne Sicht, ohne Berührung bewegen sich die Körper im Rhythmus der Einsamkeit. In ihrer Existenz gefangen, sind sie ungeduldig und verschlungen geworden. Sie rollen und strecken sich. In der Morgendämmerung des Wahnsinns durchbrechen sie den Status quo. In einem schöpferischen Impuls stehen sie gemeinsam auf und bringen uns zur Aufgabe der Gedanken. Tief in ihrem Inneren werden sie jedoch wissen, dass dies eines Tages nur noch Erinnerungen sein werden. Erinnerung ist Fiktion. Sie hat keinen Namen und keine Farbe. Und oft stehen wir vor einem Schwindelgefühl und vergessen am Ende alles. Nur unser Körper wird weiter vibrieren. Deshalb müssen wir hinausgehen und tanzen.

STATU QUO ist ein experimenteller Kurzfilm, der dank der aussergewöhnlichen Beteiligung von zehn Tänzerinnen und Tänzern aus Montreal entstanden ist, die zum ersten Mal seit der Covid-19-Pandemie vor den Kameras von Chraibi und Chuniauds aufgetreten sind. In den Straßen von Montreal haben sie einen Tanz improvisiert, allein oder zusammen. Ohne Choreographie oder Regie haben sie mit ihren Körpern und Augen ausgedrückt, was wir seit Monaten erleben und was die Zukunft bringt. Chraibi und Chuniaud haben ihre Bewegungen eingefangen und manchmal die Qual der Isolation oder die Freude des Wiedersehens inspiriert. Dieser Film ist ein Zeugnis der Bande, die sie verbinden, und der gemeinsamen Geschichte, die von ihren Körpern geschrieben wird.
 

jury statement

Dieser Film zeigt einen bezaubernden Tanz zwischen Leben und Tod, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Ode an die Hoffnung verschmelzen. (Miryam Charles)

Über die filmemacherinnen

Lamia Chraibi, in Frankreich geboren und in Marokko aufgewachsen, ist schon in sehr jungen Jahren in ein multikulturelles Umfeld eingetaucht. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften an der Sorbonne in Paris ist sie auf der Suche nach einer Vielzahl von Geschichten nach Lateinamerika gereist, die alle den gleichen verborgenen und geheimnisvollen Kampf gemeinsam haben. Ihr erster preisgekrönter Dokumentarfilm Amazon Voices ist ein wichtiger Dokumentarfilm über den Kampf der indigenen Gemeinschaften gegen die Ölausbeutung. Nachdem sie 2015 nach Montreal eingewandert war, studierte sie Dokumentarfilm am INIS (National Institute of Image and Sound). Seither widmet sie ihr Werk und Leben in der Hoffnung, den unbekannten sozialen Akteuren durch die Kunst des Kinos eine Stimme zu geben.

Marion Chuniaud hat einen Master-Abschluss in internationaler und interkultureller Kommunikation. Ihre Leidenschaft gilt der Kunst und den menschlichen Beziehungen. Sie interessiert sich für Gender, politische und kulturelle Fragen und die Prozesse der sozialen Transformation für eine gerechtere und integrativere Gesellschaft. Sehr schnell wandte sie ihre Sensibilität und ihren künstlerischen Sinn für ihre Reflexionen an, insbesondere durch Fotografie und Video. Nach einem ersten Kurzfilm in Kolumbien beschloss sie im Herbst 2020, ihre dokumentarischen Kenntnisse am Nationalen Institut für Ton und Bild von Montreal (INIS) zu vervollkommnen.

Vom 21. Januar bis 4. Februar 2021
 

why or why not?

Video, 6:46 min. | Deutschland, 2020
Regie: Kerstin Honeit 

Photo 2 © Kerstin Honeit Die Arbeit Why or Why not? wurde von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen in Auftrag gegeben. Lars Henrik Gass, der Festivaldirektor, bat Filmemacher*innen während des Lockdowns in Deutschland um einen Videobeitrag der die Frage verhandelt: Kann und soll man jetzt Filme machen?

Die Herausforderung, einen Film ohne Crew vor oder hinter der Kamera zu produzieren, war für Honeit weniger interessant als die massive Perspektivverschiebung des eigenen Tuns zu untersuchen, angesichts einer weltweiten Pandemie. Deshalb hat sie die Frage auf Why or Why not? reduziert, die weniger nach den Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten einer Fortführung (künstlerische) Praxis im Lockdown fragt, als vielmehr generell ein Fortschreiben des Lebens ‚wie gehabt‘ im Zeitalter des Kapitalozäns infrage stellt.

Die Kamera, die während des ersten Lockdowns in den Straßen Berlins im März 2020 aufgestellt wurde, rahmt mehrere Tableaux vivants des neuen Corona-Alltags mit Kommentaren analoger Texttafeln, die in das Bild gehalten werden. Zwei gegenläufige Erzählungen werden in unheimlicher Vertrautheit vorgestellt.
 

jury statement

In Zeiten der Pandemie schreit die "neue Normalität" die Gesellschaft geradezu an. Kerstin Honeit analysiert die Imperative der (Post-)Covid-19-Logiken, indem sie diese neue Realität durch ihre (selbst-)reflektierende Arbeit dekonstruiert. Standpunkt einer Filmemacherin, der die Zweideutigkeit alltäglicher Affirmationen zeigt, die das künstlerische Schaffen beeinflussen (oder auch nicht). (Peter Haueis)

Über kerstin honeit

Kerstin Honeit hat an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Bildende Kunst und Bühnenbild studiert. Sie lebt in Berlin und unterrichtet seit diesem Wintersemester Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Zuvor forschte sie neben ihrer Lehrtätigkeit als künstlerische Mitarbeiter*in von Bjørn Melhus an der Kunsthochschule Kassel zur Stimme als queerendes Ereignis innerhalb bewegter Bilder.

In ihrer Praxis als Künstler*in und Filmemacher*in bewegt sie sich an den Schnittstellen unterschiedlicher Formen der Inszenierung. Schwerpunkt ihrer künstlerischen Forschung ist die Untersuchung von Repräsentationsmechanismen in der Produktion von hegemonialen Bilderwelten, speziell in Zusammenhang mit kulturellen wie sprachlichen Übersetzungsmodi im Kontext des bewegten Bildes. Seit 2006 zeigt sie ihre Arbeiten in Ausstellungen und auf Festivals.

Vom 5. Februar bis 20. Februar 2021
 

{null}

Video, 10:41 min. | Kanada, 2020
Regie: Andrée-Anne Roussel

Photo 2 © Andrée-Anne Roussel Eine Performance-Künstler, ein schlafender Mann, ein sich küssendes Paar... {null} ist ein kontemplativer Kurzfilm an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, der sich aus zehn fixierten Tableaus zusammensetzt. Ein impressionistisches Porträt, in dem wir Individuen auf der Suche nach Sinn und realen Zusammenhängen beobachten.
 

jury statement

Andrée-Anne Roussels {null} fängt die Tristesse eines Lebens nach einer Pandemie mit einer offenen Schönheit ein. Als Beobachtende tauchen wir in diese Reflexionen des Vertrauten in einem fremden Kontext ein, begleitet von einer großartigen Klanglandschaft. (Annette Hegel)

Über andrée-anne roussel

Andrée-Anne Roussel ist sowohl Filmemacherin als auch Künstlerin für neue Medien. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in Filmproduktion und einen Master-Abschluss in Kommunikationswissenschaften (Schwerpunkt: Forschung und Kreation experimenteller Medien) von der Université du Québec à Montréal. Ihre interaktiven Videoinstallationen und sinnlichen Kurzfilme sind das Ergebnis ihrer Forschungen zu Themen wie Ambiguität, Zerbrechlichkeit, Empathie und Spiritualität. Ihre Arbeiten wurden auf dem Internationalen Kurzfilmfestival von Sapporo, im Musée d'art de Joliette und im LABoral Centre de Arte gezeigt.

Vom 21. Februar bis 7. März 2021
 

documentation report (no. 0617 - 0918)

Video, 4:50 min. | Deutschland, 2017-2019
Regie: Béatrice Schuett-Moumdjian 

Photo 2 © Beatrice Moumdjian Documentation Report ist ein fortlaufend nummeriertes, wachsendes Bildarchiv, das eine fiktive Performance einer Frau im öffentlichen Raum dokumentiert, die einen Hut trägt oder einen Kopf hat, der wie eine Überwachungskamera aussieht. Man sieht sie, wie sie in verschiedenen ehemals kommunistischen Städten spazieren geht und auf Überwachungskameras um wichtige Gebäude im öffentlichen Raum schaut. Zum Beispiel der Bundesnachrichtendienst in Berlin oder der Nationale Kulturpalast in Sofia.

Die Filmemacherin hat persönliche Verbindungen zu allen Orten, an denen sie und ihr Kameramann gefilmt haben. So wurde sie beispielsweise vor dem Fall der Berliner Mauer während des sozialistischen Regimes in Sofia geboren und in der Straße gedreht, in der sie gelebt hatte. Ihre Familie war, wie viele Menschen im Sozialismus, von der staatlichen Überwachung betroffen, ein Detail, über das sie wenig weiß.
 

jury statement

Dokumentation, Beobachtung, Überwachung. Überwachung von öffentlichen Räumen, Gebäuden, Menschen. Beatrice Moumdjian besucht leere Stadträume, wo Kameras in die Leere blicken, die hinter den eingeschlossenen Menschen zurückbleibt. Was schauen sie an, wenn alle zu Hause sind? (Peter Haueis)

Über Beatrice Schuett Moumdjian

Moumdjians Hauptziel bei all ihren künstlerischen Forschungen und ihrer praktischen Arbeit ist es, unterstützende Strukturen von Fakten und Situationen - zum Beispiel historische Ereignisse - zu berücksichtigen und sie sichtbar zu machen, indem sie sie aus dem Verborgenen ans Licht bringt, um sie zu untersuchen.

Ihre Methoden sind oft von der Kriminologie und Archäologie beeinflusst. Beatrice dekonstruiert oft einen Gegenstand, um ihn mit all seinen Facetten erfassen zu können. Sobald ihre Werke ausstellungsreif sind, haben sie sich über Jahre hinweg in mehreren Runden sowohl theoretischer als auch praktischer Forschung herauskristallisiert. Sie erhielt ihren MFA in Medienkunst und Fotografie im Jahr 2020 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Vom 8. März bis 22. März 2021
 

confinement.lands

Video, 14:55 min. | Kanada, 2020
Regie: Cinzia Campolese

Photo 2 © Cinzia Campolese Confinement.lands ist ein Projekt, das während der Confinement-Periode begonnen wurde. Es besteht aus einem Korpus von Werken, von denen eines ein Video-Triptychon ist, das mit Hilfe von Aufnahmen von Fotogrammetrien erstellt wurde, die während der Zeit der Gefangenschaft von einer Web-Plattform (Display land) aus gemacht wurden und Häuser, Orte und Menschen der Gefangenschaft auf der ganzen Welt darstellen. Das Stück soll einen Ausblick auf die Wiederaneignung intimer Räume und das Verschwinden der Rolle des Urbanismus geben und diese vollständig durch eine virtuelle Rolle ersetzen. Die Abschaltung eines großen Teils unserer kapitalistischen Maschine hat in unseren gebauten öffentlichen Räumen, Stadtvierteln, Straßen und Spielplätzen eine leere Bedeutung geschaffen und den Fokus auf die wichtigen Konzepte unserer bereits beschädigten sozialen Struktur gelegt: von der Vorstellung von Zeit und hysterischem Massenkonsum und -produktion bis hin zur letztendlichen Ausweitung unserer sozialökonomischen Ungleichheiten.
 

jury statement

 

Über cinzia campolese

Cinzia Campolese ist eine Künstlerin, die in Montreal lebt und arbeitet. Ihre Arbeit umfasst die Schaffung von audiovisuellen Umgebungen und generativen Stücken, die die Konzepte der Wahrnehmung und des Bewusstseins eines Raumes hinterfragen. Sie arbeitet auf verschiedenen Ebenen und hinterfragt die Allgegenwärtigkeit bestimmter visueller Elemente, die Teil unserer kulturellen Genetik sind. Ihre Kunstwerke wurden in Kulturinstituten, Galerien und bei kulturellen Veranstaltungen wie Stereolux, Raum B39, Centre Wallonie-Bruxelles, Biennale Chroniques, Biennale Nova XX und Mutek Montreal ausgestellt.

In ihren jüngsten Werken arbeitet Campolese an der Schaffung von interaktiven Stücken und Lichtskulpturen, wie ,,Error" und ,,Frame of Reference", für die sie im November 2019 den Preis für Kunstsammler erhielt. Ihre Projekte wurden in The Creators Project (Vice), L'Œil, Juliet Art Magazine, Archdaily, Fubiz und im 2019 Exibart-Buch ,,222 aufstrebende Künstler, in die es sich zu investieren lohnt”, vorgestellt.

Die Jury

Miryam Charles © Julie Artacho Miryam Charles ist eine in Montreal ansässige kanadische Filmemacherin. Sie studierte Film an der Concordia-Universität und hat als Regisseurin, Produzentin, Autorin und Kamerafrau gearbeitet. Zu ihren Kurzfilmen gehören Fly, Fly Sadness (2015), Towards the Colonies (2016), A Fortress (2018) und Three Atlas (2018). Ihre Werke wurden bei verschiedenen Filmfestivals auf der ganzen Welt gezeigt. Ihr jüngster Kurzfilm Second Generation (2019) wurde bei TIFF präsentiert. Eine Retrospektive ihres Werks wurde in der Cinémathèque québécoise (2019) gezeigt. Im Jahr 2020 wurde eine zweite Retrospektive während der vierten Ausgabe des Third Horizon Film Festivals zusätzlich zu einer Installation in der Leonard and Ellen Bina Gallery in Montreal präsentiert. Zurzeit arbeitet sie an ihrem ersten Dokumentarfilm, der mit einem Stipendium des Programms Talents to watch (Telefilm Canada) ausgezeichnet wurde. 

Anyse Durcharme © Gary Franks Anyse Ducharme ist eine französisch-ontarische Medienkünstlerin aus dem Nordosten Ontarios. Ihre künstlerische Praxis beschäftigt sich mit der Zirkulation digitaler Bilder und der Verformbarkeit von Daten. Sie hat in Sudbury, Ottawa, Toronto, Vancouver, Winnipeg, Middlesbrough, Boston und New York ausgestellt. Ducharme arbeitet als künstlerische Programmkuratorin im Knot Project Space - SAW Video Media Art Centre (Ottawa) und ist im Vorstand von La Galerie du Nouvel-Ontario und dem Media Art Network of Ontario. Sie hat einen MFA von der University of British Columbia (Vancouver), einen BFA von der University of Ottawa und ein Hochschuldiplom in 3D-Animation von La Cité collégiale (Ottawa). 

Peter Haueis © Nadine Mayer Peter Haueis ist Filmemacher und Kurator aus Hamburg. Er studierte in Weimar, Lyon und Hamburg. Neben seiner Arbeit als Regisseur und seiner Tätigkeit für das Kurzfilmfestival Hamburg ist er seit 10 Jahren festes Mitglied der Künstlergruppe A Wall is a Screen. Die Arbeit des Kollektivs konzentriert sich darauf, Kurzfilm, Architektur und soziale Räume zu kontextualisieren. Als mobiles Kurzfilmkino interveniert A Wall is a Screen weltweit im öffentlichen Raum und nutzt urbane Strukturen als Leinwände. Dabei schlagen sie immer wieder Perspektivwechsel vor, indem die Rezeption von Kurzfilmen und Medienkunst in einen neuen Kontext gestellt wird. Dabei werden oft gesellschaftspolitische, stadtpolitische und soziale Themen problematisiert.

Annette Hegel ist eine Multimedia-Künstlerin, die ihre Werke in Kanada und in Europa ausgestellt hat. Sie arbeitet von ihrem Atelier in der Innenstadt von Ottawa aus, ist Gründungsmitglied des Slipstream Collective und arbeitet mit vielen Künstler:innen in der ganzen Stadt zusammen. Darüber hinaus hat sie eine 30-jährige Karriere im kulturellen Marketing und in der Kommunikation, in der Entwicklung von Identitäten und der erfolgreichen Etablierung von Marken sowohl im gewinnorientierten als auch im nicht-gewinnorientierten Sektor hinter sich. Bevor sie sich dem SAW Video-Team anschloss, produzierte und leitete sie die Umsetzung von gezielten Marketing- und Kommunikationsstrategien für nationale Organisationen und internationale Marken. Sie ist Trägerin zahlreicher Auszeichnungen, darunter die Auszeichnung „Kulturmarke des Jahres“.


Anna Lena Seiser © Ina Niehoff Anna Lena Seiser ist Medien- und Kulturwissenschaftlerin und leitet das Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.). Als Kuratorin an der Kunsthalle, als Kuratorin an der Kunsthalle Düsseldorf realisierte sie in den letzten Jahren umfassende Einzel- und Gruppenausstellungen, darunter Fire on the Mountain mit Megan Rooney, 2019, Simon Fujiwara: Figures in a Landscape, 2016/2017, und in Ko-Kuration mit Jasmina Merz Welcome to the Jungle, 2018, mit Jonathas de Andrade, Kristina Buch, Laura Lima, Liu Shiuyan, Alvaro Urbano u. a. Von 2011–2015 war Seiser für die Künstlerförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie das postgraduale Karl Schmidt-Rottluff-Stipendienprogramm tätig. 2009/2010 war sie Teil des Programmteams der transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur. Seiser forschte und publizierte u. a. zur Mediengeschichte des lebendigen Bildes an den Schnittstellen von Kunst und Naturwissenschaft. Schwerpunkte ihrer kuratorischen Arbeit bilden experimentelle, ortsspezifische Ausstellungsformate, Performance und zeitbasierte Medien.

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