Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Künstliche Intelligenz und Kunst
Wann ist Kunst eigentlich Kunst?

Wenn eine KI ein Gemälde entwirft, ist das dann Kunst? Und wer ist eigentlich der Urheber?
Wenn eine KI ein Gemälde entwirft, ist das dann Kunst? Und wer ist eigentlich der Urheber? | Foto (Detail): © DeepArt

Künstliche Intelligenzen, die Kunst erschaffen, werfen alte Fragen neu auf: Ist das überhaupt Kunst? Und wer ist der Künstler – die Maschine, der Programmierer oder die Person, mit deren Daten man den Algorithmus gefüttert hat?

Von Harald Willenbrock

Jedes Mal, wenn der Berliner Künstler Roman Lipski sich an die Arbeit macht, hat sein Assistent bereits für ihn vorgearbeitet. Wenn Lipski ihm beispielsweise Bilder kalifornischer Landschaften vorlegt, skizziert sein Assistent für ihn vorab diverse Ansätze, wie man die Region zwischen Rocky Mountains und Pazifik anders darstellen könnte. Dem in Polen geborenen Maler dienen diese Skizzen als Inspiration, auf deren Basis er seine ganz eigenen Interpretationen entwickelt. Das Beste daran: Lipskis Assistent ist enorm fleißig. Sein Zuarbeiter, den er liebevoll „meine Muse“ nennt, ist nie krank, nimmt nie Urlaub, kennt kein Wochenende, sondern arbeitet klaglos Tag und Nacht jeden Auftrag ab, den ihm sein Arbeitgeber auf den Tisch legt. Denn Lipskis rechte Hand ist eine Maschine. 
 
Der Künstler selbst spricht euphorisch von einer „echten Partnerschaft zwischen einem Maler und künstlicher Intelligenz.“ Lipski entdeckte die Vorteile Künstlicher Intelligenz (KI) während einer Schaffenskrise. Damals lernte er den IT-Experten Florian Dohmann von der Künstlerinitiative YQP kennen, mit dem er gemeinsam seinen artifiziellen Assistenten entwickelte. Dieser analysiert seither Lipskis Bilder, zerlegt sie in ihre Bestandteile und setzt sie auf neue Art zusammen. Dem Maler dient er so als verlängerter Arm und erweitertes Gedächtnis in einem. 
 
So wie Roman Lipski setzen viele Maler*innen, Komponist*innen und Autor*innen heute auf virtuelle Werkzeuge. Für sie ist Machine Learning (ML) schon allein deshalb relevant, weil es ihnen – wie viele andere Technologien auch – ganz neue Ausdrucksformen ermöglicht. Die KI arbeitet aktiv mit und erzielt dabei erstaunliche Wirkung. „Es ist doch faszinierend, dass eine KI beitragen kann, etwas so zutiefst Menschliches wie Ekstase auszulösen“, meint beispielsweise die Komponistin Holly Herndon. Die Musikerin und Komponistin Holly Herndon präsentierte ihr Album „Proto“, das sie zusammen mit einer KI entwickelt hat, beim Club To Club Festival in Italien 2019. Die Musikerin und Komponistin Holly Herndon präsentierte ihr Album „Proto“, das sie zusammen mit einer KI entwickelt hat, beim Club To Club Festival in Italien 2019. | Foto (Detail): © picture alliance/Pacific Press/Alessandro Bosio Die amerikanische Künstlerin mit Wohnsitz in Berlin singt auf ihrem Album Proto – der Titel versteht sich als eine Kurzform des Begriffs „Protokoll“ – gemeinsam mit Spawn, einer von ihr selbst programmierten Künstlichen Intelligenz. Die Software hatte Herndon zuvor mit ihrer eigenen sowie mit den Stimmen eines kleinen Gesangsensembles gefüttert. Die Künstliche Intelligenz spielte dann Stimm-Samples ein, die ihren Algorithmen passend erschienen, auf die die menschlichen Sänger antworteten. Die Mensch-Maschine-Musik, die Spawn und Herndon gemeinsam einspielten, erinnerte einen Kritiker der Zeitschrift MusikExpress an „eine Art von Kirchenmusik aus einer fernen Zukunft“. 

Komponieren klappt – Musik machen nicht

Es gibt noch viele weitere KIs, die künstlerisch aktiv sind. In Frankreich komponierte ein neuronales Netz, dem Forscher*innen 45 Beatles-Songs als Datengrundlage gegeben hatten, eigenständig Daddy’s Car, einen Song ganz im Stile der Bandkomponisten John Lennon und Paul McCartney. Im Oktober 2018 erzielte Edmund de Belamy, ein von einer KI generiertes Gemälde, bei einer Auktion des New Yorker Auktionshauses Christie’s den Rekordpreis von 432.500 US-Dollar. In Tübingen entwickelte ein Team um den Neurowissenschaftler Matthias Bethge eine KI-Software, die die Werke großer Maler analysiert und reproduziert. Heute kann man auf Bethges Website deepart.io jedes beliebige Motiv hochladen und für 1.99 Euro in ein Kunstwerk im Stil des gewünschten Großmeisters verwandeln. „Kunst hat vor allem mit Wahrnehmung zu tun“, sagt der Wissenschaftler, „das macht dieses Feld für uns so spannend.“ Welcher Künstler oder Künstlerin hat dieses Bild erschaffen? Auf deepart.io verwandelt ein neuronales Netzwerk hochgeladene Bilder von User*innen in Kunstwerke im Stil berühmter Maler*innen. Welcher Künstler oder Künstlerin hat dieses Bild erschaffen? Auf deepart.io verwandelt ein neuronales Netzwerk hochgeladene Bilder von User*innen in Kunstwerke im Stil berühmter Maler*innen. | Foto (Detail): © DeepArt Allerdings haben die Algorithmen auch Schwächen. Viele rein KI-generierte Kreativprodukte wirken noch ähnlich vorhersehbar wie jene Art von Fahrstuhlmusik, die einem in Mittelklassehotels zwischen Rezeption und Zimmerflur berieselt. Auch musste die KI-Komposition Daddy’s Car von menschlichen Musiker*innen eingespielt werden, weil rein maschinelle Instrumentierung dann doch zu statisch anmutet. Und auch Matthias Bethge räumt ein, sein Zeichenprogramm sei aktuell wohl „eher noch ein Kunstwerkzeug“ denn eigenständiger Künstler. 

Kann KI Kunst?

Die Frage, ob KI richtige Kunst erschaffen kann, ist durchaus umstritten, und ihre Beantwortung hängt vor allem von der Perspektive ab. Schaut man auf den oder die Urheber eines Kunstwerks, oder bemisst man Kunststücke anhand der Wirkung, die sie zu erzeugen vermögen? Der Zukunftsforscher Bernd Flessner bewertet KI-Kunst vor allem mit Blick auf das Publikum. „Wenn ein Kunstwerk für die Rezipienten, die ein Bild anschauen, ein Musikstück anhören oder ein Buch lesen, etwas aussagt, dann ist es Kunst, völlig unabhängig davon, wie sie entstanden ist“, meint der Erlanger Wissenschaftler. Ein Algorithmus könne demnach genauso schöpferisch tätig werden wie ein Mensch.
 
Auch für den Neurowissenschaftler Bethge erfüllen Maschinen schon heute die klassischen Kriterien menschlicher Kreativität. „Die moderne Form der KI sammelt Erfahrungen, analysiert Strukturen, löst sich dann von der Vergangenheit und schafft auf dieser Basis etwas Neues, Überraschendes. Anders macht das ein kreativer Mensch auch nicht.“ 
 
Exakt das tat auch eine KI-Software namens AlphaGo in einem denkwürdigen Wettstreit im März 2016. Im Endspiel gegen den damals besten menschlichen Spieler des chinesischen Strategie-Brettspiels Go vollführte die KI einen Spielzug, den Kritiker*innen zufolge wohl kein humaner Spieler jemals gewählt hätte. Was für die Zuschauer*innen, die das Mensch-Maschine-Match live auf Youtube verfolgten, auf den ersten Blick wie ein schwerer Lapsus wirkte, entpuppte sich bald als genialer Schachzug, der das Spiel klar für die Maschine entschied und die Zuschauer*innen völlig überraschte.
 
Einer von ihnen war der Mathematiker Marcus du Sautoy. „Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich gerade einem Phasenwechsel beigewohnt hatte, der Auswirkungen auf meine eigene kreative Welt haben würde“, sagt der Wissenschaftler, der an der Universität Oxford lehrt und das Buch The Creativity Code über KI und Kreativität verfasst hat. In ihm legt du Sautoy dar, wie KI-Kunst, -Literatur und -Musik ganz neue Dimensionen erschließen kann, weil sie Daten schneller und ganzheitlicher erfassen, verarbeiten und zu etwas Neuem zu kombinieren vermag als der Mensch. Kurioserweise lässt sich Machine Learning sogar nutzen, um maschinelle Artefakte humanoid wirken zu lassen. So hatte das französische Kollektiv Obvious, das hinter dem Porträt des fiktiven Edmund de Belamy stand, zwei Algorithmen gegeneinander angesetzt: Der sogenannte Generator wurde von ihnen mit 15.000 Porträts aus dem 14. bis 20. Jahrhundert befüllt, aus denen er permanent neue Porträts generierte. Die Aufgabe des anderen Algorithmus, Discriminator genannt, bestand darin, jene Porträts zurückzuweisen, hinter denen er eine Maschine vermutete. Bei Edmund de Belamy überlistete der Generator seinen Widersacher – der Discriminator erkannte die künstlich erzeugten Gemälde des Generators nicht.

Die Frage nach dem Urheber

Während Software sich handwerklich immer weiter den menschlichen Künstler*innen annähert, fehlt ihr allerdings jedes Bewusstsein für soziale, emotionale oder gesellschaftliche Faktoren – und damit ein ganz zentraler Antrieb kreativen Schaffens. Soziologisch gesehen ist sie eine Kreuzung aus blindem Spiegel und Fachidiot. Denn so beeindruckend ihre Fähigkeit anmutet, jede digitalisierte Disziplin binnen kurzer Zeit bis an ihre Grenzen zu durchdringen, so naiv ist sie in allem, was links und rechts davon passiert. 
 
Momentan, so du Sautoy, liege darin noch eine der kreativen Fußfesseln künstlerischer KI: „Wir Menschen können auf Schätze visueller, akustischer und geschriebener Daten zurückgreifen und diese auf überraschende Art miteinander kombinieren. KI aber basiert auf sehr begrenzten Datenbeständen.“ Mit anderen Worten: Zwar können Maschinen riesige Datenbestände auswerten und verarbeiten. Ihre Fantasie reicht aber immer nur so weit wie der Datensatz, den man ihr vorgibt – Querverbindungen zu anderen Lebens- und Erfahrungsbereichen zieht sie nicht. 
 
Damit aber stellt sich die Frage, wer eigentlich der Urheber KI-generierter Kunst ist: die Software, ihre Programmierer*innen oder die Kodierer*innen, die sie mit Daten gefüttert und mit einem Auftrag versehen haben? Und was ist mit den Urheber*innen jener Musikstücke, Zeichnungen oder Romane, mit denen man sie gespeist hat? 
 
Diese Frage wurde nach dem Rekorderlös für das KI-Kunstwerk Edmond de Belamy sehr konkret. Denn der gesamte Auktionserlös ging an das Pariser Obvious-Kollektiv, das seine Arbeit als einen Hinweis „auf die Parallele zwischen dem Programmieren eines Algorithmus und der Expertise, die das Handwerk und den Stil eines Künstlers ausmachen“, verstanden wissen wollte. Sehr zum Ärger von Robbie Barat. Der US-amerikanische Künstler und Entwickler, der den Algorithmus Open Source ins Netz gestellt hatte, also zur freien Verwendung und Weiterentwicklung, ging genauso leer aus wie die zigtausend Zeichner*innen und Maler*innen, deren Werke man als Datensubstrat in den „Edmond de Belamy“-Generator gegossen hatte. 
 
KI erweist sich hier als ein Türspalt, durch den Licht auf unseren menschlichen Kunstbegriff fällt. Denn die Frage, wer eigentlich einen Hit, ein Gemälde oder einen Bestseller wirklich geschaffen hat, gilt für menschliche Künstler*innen genauso. Und so ist KI-unterstützte oder -generierte Kunst allein schon deshalb relevant, weil sie die uralte Kontroverse, wer oder was ein Künstler ist, auf neue Art aufwirft. Sie mag ein noch blinder Spiegel sein, aber einer, in dem wir uns selbst ein Stück besser erkennen. Allein das ist definitiv ein Kunst-Stück.

Top