FUTURE PERFECT Junge Ideen retten die älteste Straße der Welt

Virtual Reality Lab - Faculty of Engineering - Alexandria University - Student Competition 2015
©Fouad Street Competition 2015

In Alexandria entwickeln Studierende Lösungen zur Rettung von Kulturerbe. Ihre Professoren haben dafür einen Wettbewerb entwickelt, den örtliche Unternehmen fördern. 

„Wir wollten einen Teil der Straße langsam in eine Fußgängerzone verwandeln, da die Leute in ihren Autos nicht die Möglichkeit haben, den historischen Wert der Straße zu bemerken und zu schätzen. Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zur erfolgreichen Veränderung in der Förderung von Bewusstsein und in der sukzessiven Umsetzung“, sagt Gasser Mohamed. Er ist Student an der Fakultät der Schönen Künste an der Universität Alexandria sowie Mitglied eines der Gewinnerteams in einem Wettbewerb zur Wiederbelebung von Alexandrias Fouad-Straße, die als eine der ältesten Straßen der Welt gilt.

Eine der Koordinatoren dieses Wettbewerbs ist Dr. Dina Taha, Professorin für Architektur an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Universität Alexandria: „Die Sommeraktivitäten für Architekturstudenten begannen schon im Jahr 2012. Sie beschränkten sich auf die Dokumentation und die virtuelle Modellierung bestimmter Orte. 2015 haben wir uns entschieden, diese in einen Studentenwettbewerb zu verwandeln, mit dem Ziel, einen Teil der Fouad-Straße wiederzubeleben. Das Hauptanliegen dabei war es, das Bewusstsein zu schärfen und die Studenten in internationale Experimente im Bereich des Erhalts und der Restaurierung von Kulturerbe einzuführen. Das Renovieren eines historischen Gebäudes erfordert die Anwendung wissenschaftlicher Methoden, um den ursprünglichen architektonischen Stil des Gebäudes zu bewahren.“

Eine seltene Straße mit intaktem Erbe


Die Fouad-Straße, die nach König Fouad benannt wurde, liegt in der Innenstadt von Alexandria. Ihre Geschichte geht auf die ptolemäische Zeit zurück, im dritten Jahrhundert vor Christus, wobei sie damals noch als Kanub-Weg bezeichnet wurde. Natürlich hat die Straße viele Veränderungen durchgemacht, wurde aber trotzdem nie ganz aufgegeben. Außerdem zählt sie zu den wenigen Orten in der Stadt, dessen bauliches Erbe bis heute erhalten geblieben ist.

Trotz der Bemühungen einiger Bürger und organisierter Initiativen – wie Rettet Alexandria – zum Erhalt der historischen Gebäude, konnte ein Teil des historischen Erbes der Stadt nicht gerettet werden, wodurch ein Teil der Geschichte verloren gegangen ist. Laut Dr. Dina Taha, die auch Mitglied des Technischen Sekretariats für den Denkmalschutz der Stadt Alexandria ist, sind 1135 Gebäude in der Kulturerbeliste von Alexandria aufgeführt. Nach einer Gerichtsanordnung wurden 47 aus der Kulturerbeliste gestrichen, und 52 wurden abgerissen.

„Alexandria ist eine große Stadt mit vielen historischen Gebäuden. Es wäre ein unrealistischer Versuch, all diese Gebäude auf einmal zu retten. Wir können uns aber erst einmal auf die Innenstadt konzentrieren, die das Herz des alten Alexandria repräsentiert“, sagt Dr. Zeyad El Sayad, Professor für Architektur an derselben Fakultät wie Dr. Taha und ebenso Koordinator im Wettbewerb zur Wiederbelebung von Alexandrias Fouad-Straße.

Drei Dimensionen der Wiederbelebung


Der Wettbewerb war in drei Kategorien unterteilt. Die erste Kategorie – „Stadtgestaltung“ – befasste sich damit, Lösungen für konkrete Probleme zu finden, die bestimmte Bereiche der Straße betreffen, wie zum Beispiel Verkehrsstau. „Straßenmöbel und Accessoires“ war der Titel der zweiten Kategorie, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Designs für die öffentliche Möblierung, wie etwa Laternenpfähle und Beschilderungen, eingereicht haben. Die letzte Kategorie betraf die Gestaltung „städtischer Bänke“. Die Jury war zusammengesetzt aus Professoren der Fakultät der Ingenieurwissenschaften der Universität Alexandria sowie Vertretern von zwei Firmen, die den Wettbewerb gesponsert haben: Einerseits Sigma Properties, ein Immobilienverwaltungsunternehmen, das auf die Entwicklung und Wiedernutzung historischer Gebäude und Baudenkmäler spezialisiert ist, mit der Absicht, diese dann in zentrale Stücke städtischer Infrastruktur zu verwandeln. Weiterhin war Nofa Egypt beteiligt, ein Unternehmen, das Holz- und Parkettböden herstellt.

Der Ingenieur Sherif Saleh, Geschäftsführer von Nofa Egypt, erklärt, dass er sich bei der Designbewertung der Sitzbänke auf die Zweckmäßigkeit und Materialintensität konzentriert habe. Er fügt hinzu: „Einige der eingereichten Designs waren sehr gut und könnten auf dem Markt mithalten. Wir werden einen Prototypen des gewinnenden Sitzbankdesigns während einer Ausstellung in Dubai zur Schau stellen.“
 
  • Der Tag beginnt, die längste Straße Alexandrias wirkt noch etwas verschlafen. ©Butheina Shalan
    Der Tag beginnt, die längste Straße Alexandrias wirkt noch etwas verschlafen.
  • Nachts verwandelt sich die Fouadstraße zum Ausgehviertel junger Ägypter. ©Butheina Shalan
    Nachts verwandelt sich die Fouadstraße zum Ausgehviertel junger Ägypter.
  • Auf dem kleinen Schild steht der zweite Name der Fouadstr. Nach dem König Fouad benannt, wurde sie nach der Revolution von 1952 zur El Horreya Avenue (Straße der Freiheit) umbenannt. ©Butheina Shalan
    Auf dem kleinen Schild steht der zweite Name der Fouadstr. Nach dem König Fouad benannt, wurde sie nach der Revolution von 1952 zur El Horreya Avenue (Straße der Freiheit) umbenannt.
  • In der Fouad Straße treffen verschiedene architektonische Epochen aufeinander. ©Butheina Shalan
    In der Fouad Straße treffen verschiedene architektonische Epochen aufeinander.
  • Die Fouadstraße ist auch als El Horreyastr. bekannt. ©Butheina Shalan
    Die Fouadstraße ist auch als El Horreyastr. bekannt.
  • Jedes Fenster hat eine Geschichte, wie lange noch? ©Butheina Shalan
    Jedes Fenster hat eine Geschichte, wie lange noch?
  • Der Verfall schreitet voran. ©Butheina Shalan
    Der Verfall schreitet voran.
  • Das Haus hat bessere Zeiten gesehen. ©Butheina Shalan
    Das Haus hat bessere Zeiten gesehen.
  • Ein schönes altes Haus, vermutlich in Vorbereitung auf den illegalen Abriss? ©Butheina Shalan
    Ein schönes altes Haus, vermutlich in Vorbereitung auf den illegalen Abriss?
  • Mausoleum eines moslemischen Gelehrten. ©Butheina Shalan
    Mausoleum eines moslemischen Gelehrten.
  • Fassade des Alexandria Opernhauses. Auch als Sayed Darwish Theater bekannt. ©Butheina Shalan
    Fassade des Alexandria Opernhauses. Auch als Sayed Darwish Theater bekannt.
  • Eingang des Alexandria Opernhauses, mit der Statue von Nobar Pasha, dem ersten Premierminister Ägyptens. ©Butheina Shalan
    Eingang des Alexandria Opernhauses, mit der Statue von Nobar Pasha, dem ersten Premierminister Ägyptens.
  • Wie überall Gegensätze: Hinter der Fassade verbirgt sich ein Treffpunkt für die Elite (Alexandria Club), und unten ist eine Filiale des traditionellen ägyptischen Schnellrestaurants „GAD“. ©Butheina Shalan
    Wie überall Gegensätze: Hinter der Fassade verbirgt sich ein Treffpunkt für die Elite (Alexandria Club), und unten ist eine Filiale des traditionellen ägyptischen Schnellrestaurants „GAD“.

Unterricht außerhalb des Klassenraums


„Ich habe mich für diesen Wettbewerb interessiert, weil wir die Geschichte der Fouad-Straße im Studium durchgenommen haben. Der Entwurf, mit dem wir gewonnen haben, war ein Baumtor aus flachem Metall. Um dieses Tor mit der Geschichte der Straße zu verbinden, haben wir es mit einer Gravur versehen, die lateinische Sätze beinhaltet“, sagt Moaaz Ashraf, Student an der Fakultät der Schönen Künste und Mitglied des Gewinnerteams in der Kategorie Straßenmöbel und Accessoires. Für Rehab Mahmoud, Studentin an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und Mitglied des Teams, das in der Kategorie der Sitzbankdesigns gewann, liegt der größte Vorzug ihrer Teilnahme am Wettbewerb darin, dass sie die Straße besser kennengelernt hat und dadurch die erlernten theoretischen Grundlagen in der Realität umsetzen konnte.

„Wir hatten bereits im Bereich der Entwicklung der historischen Gebäude auf der Fouad Straße gearbeitet“, sagt Karim Mahmoud, Vorstandsmitglied der Sigma Properties. „Dr. Zeyad hat also vorgeschlagen, dass seine Studenten ihre Ideen mit uns austauschen, damit sie das im Klassenraum Gelernte mit der Realität verbinden können. Einige der eingereichten Ideen waren gut, es mangelte aber an praktischer Erfahrung und der Optimierung der Baukosten. Es war ein guter Anfang, und wenn diese Wettbewerbe weiterhin fortgesetzt werden, verbessern sich die Ergebnisse,“ sagt er ganz überzeugt.

„Die Geschichte der Gebäude und der Bewohner der Fouad-Straße ist sehr reichhaltig. Das ist der Grund, warum ich angefangen habe, Führungen in dieser Straße zu organisieren“, erklärt Zahraa Awad, eine Reiseführerin. Sie nennt einige Probleme der Gegend, wie beispielsweise „die Problematik der fehlenden Parkplätze, das überaltete Entwässerungssystem – wegen dem die Straße im Winter überschwemmt wird –, die Vernachlässigung der historischen Gebäude oder die Unfähigkeit, sie angemessen zu restaurieren, und schließlich das Errichten von neuen Gebäuden, die die Geschichte der Straße nicht widerspiegeln, stellen einige Probleme dar, die mir während meiner Touren auffielen.“


Regeln schaffen und Routinen für die Zukunft


Über alternative Ansätze im Denkmalschutz hat Dr. Zeyad eine dezidierte Meinung: „Die logische Methode, um historische Gebäude zu erhalten, ist es, sie profitabel zu machen. Zum Beispiel: Nachdem einige Restaurants in der Fouad-Straße eröffnet wurden, ist die Miete für diese Geschäfte gestiegen. Die Eigentümer der umliegenden Gebäude fingen an, diese als Investitionsmöglichkeiten statt als Last zu betrachen, die sie unbedingt loswerden wollen.“

Auch eine Initiative zur Wiederbelebung der Fouad-Straße entsprang dem Wettbewerb. Diese arbeitet gerade an der Gründung einer NGO, die die Vertreter der öffentlichen Verwaltung, Anwohnerinnen, denkmalschutzinteressierte Bürgerinnen, Studenten sowie Vertreterinnen von profitierenden Unternehmen mit einbezieht. Eine Aufgabe der NGO wird darin bestehen, Regeln aufzustellen. So sollen bestimmte Handlungen, die dem historischen Erbe der Straße schaden, verhindert werden. Außerdem soll so eine monatliche Gebühr für die Wartung erhoben werden, die alle Nutzer der Straße wie Ladenbesitzer und Bewohner entrichten müssen. Dank des Wettbewerbs und der NGO blickt eine der ältesten Straßen der Welt jetzt in eine leuchtende Zukunft.