Band des Monats
Disarstar
Deutschrap ist längst mehr als Selbstdarstellung, Luxusfantasien und Sexismus – zumindest dort, wo Künstler*innen wie Disarstar das Wort ergreifen. Der Hamburger Rapper nutzt seine Musik nicht als Flucht aus der Realität, sondern als Werkzeug, um sie zu analysieren: Klassenunterschiede, staatliche Gewalt und soziale Ungleichheit stehen im Zentrum seiner Texte. Zwischen persönlicher Biografie und politischer Analyse erzählt Disarstar vom Leben in einem System, das nicht für alle gemacht ist – und davon, warum Wegsehen keine Option ist.
Von Katharina Edelmann
Aufwachsen zwischen Pleite sein und Eigenheim
Disarstar ist ein Produkt Hamburgs – aber nicht jenes Teils der Stadt, den man auf Postkarten druckt. Gerrit Falius, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, wuchs auf St. Pauli auf – einem heute zunehmend gentrifizierten Stadtteil, der zu seiner Jugend aber noch als Problemviertel galt. Anders als in anderen Großstädten ist dieses Viertel räumlich nicht stark von reichen Stadtteilen abgegrenzt – zwischen der Reeperbahn, dem Rotlichtviertel der Stadt auf St. Pauli, und Blankenese, dem Viertel, in dem sich Villen mit Panoramablick auf die Elbe aneinanderreihen, liegen nur wenige Kilometer. Aus diesen dicht beieinanderliegenden sozialen Gegensätzen und ihrer Reibung speist sich Disarstars Musik. Seine Geschichten entstehen zwischen Hochhaus und Stadtvilla, zwischen Pleite sein und Eigenheim.
Als Teenager kämpft Disarstar mit Drogen- und Alkoholproblemen, Depressionen und Panikattacken. Mit elf fliegt er von der Schule, mit fünfzehn zieht er von zu Hause aus. Als Jugendlicher wird er straffällig und erhält eine Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Dieses Ereignis stellt einen Wendepunkt in seinem Leben dar: Er baut ein gutes Verhältnis zu dem ihm zugeteilten Sozialarbeiter auf und wendet sich von den Drogen ab und der Musik zu. In seinen Songs erzählt er aus seinem eigenen Leben, vom Aufwachsen in prekären Verhältnissen und seiner daraus folgenden Politisierung.
Klassenkampf und Kitsch
Dieses reale Storytelling vom Aufwachsen in einem Brennpunkt und dem anschließenden sozialen Aufstieg unterscheidet ihn von vielen seiner Kollegen: Disarstar erzählt keine klassische Selfmade-Story, wie sie im Deutschrap so oft reproduziert wird. In seinen Texten wird kein neoliberales Erfolgsnarrativ entworfen, dass seinen Hörer*innen verkauft, dass auch sie es aus dem schwierigen Viertel herausschaffen können, wenn sie es nur wollen. Er nutzt seine Reichweite nicht für die Zurschaustellung von Luxusartikeln, die er sich früher nie leisten konnte und jetzt im Überfluss besitzt, sondern vielmehr dafür, auf strukturelle Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Nachbarschaft handelt zum Beispiel von der in seinem Viertel herrschenden Prekarität, die in krassem Gegensatz zum Luxus steht, in dem andere Teile der Gesellschaft schwelgen:
Gefall'n und nicht aufgefang'n, weil die Volkswirtschaft nicht alle gebrauchen kann
Du hast 'n Haus am Strand, Plänе sind aufgegang'n
Der Typ auf der Trеppe vom Haus gegenüber ist froh, wenn er trinken und rauchen kann
Dabei wird dieser Gegensatz oft in Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Debatten gesetzt. So veröffentlicht Disarstar zum Beispiel 2025, als ganz Deutschland angesichts der Kriege in der Ukraine und in Gaza über die mögliche Wiedereinführung einer Wehrpflicht spricht, den Song Meine Söhne geb‘ ich nicht. Die folgende Line aus dem Song zeigt gut, wie der Rapper Wehrplicht und Wohlstand zusammendenkt:
Frag' mich, was ein Leben wert ist
Die sitzen in Palästen und dann reden sie von Wehrpflicht
Nichts ist hier sicher, aber ein paar Dinge stehen fest (Ja)
Würden nie sterben für ein Land, das uns so leben lässt
Menschen, die selbst in Sicherheit und Luxus leben, entscheiden also darüber, dass andere ihr Leben für ein Land riskieren sollen, dessen Sozialstaat sie zunehmend im Stich lässt.
Disarstar beteiligte sich auch an einem Benefizsong für die Opfer des rechtsextremen Terroranschlags von Hanau im Jahr 2020 - auch hier wieder mit klarer politischer, antikapitalistischer Message:
(Die Grenze) Die Grenze liegt nicht zwischen innen und außen
Sondern zwischen unten und oben
Die einen geh'n Yachten shoppen
Die andern geh'n unter in Booten
Wettkampf, der bestimmende Faktor in diesem System
Wer nützt? Wer wird abgeschoben?
Gewinner kann's ohne Verlierer nicht geben
Bedeutet, die Schlacht sie zu schlagen, bleibt
Heißt, im Gegensatz zu dem
Was BILD, AfD und so'n Maaßen mein'n
Nie schwarz und weiß, sondern arm und reich
Mit Nazis wird nicht diskutiert – friss oder stirb!
Es geht uns alle was an, wenn diese Welt die Besinnung verliert
Er unterscheidet sich also in der Deutlichkeit seiner politischen Aussagen stark von seinen Rapkolleg*innen. Die kritisiert er nicht nur dafür, dass diese ihre enorme Reichweite lieber fürs Flexen nutzen als für politische Inhalte. Er prangert zudem die im Deutschrap weit verbreiteten homophoben und sexistischen Songtexte an. Dabei versteht er Rap als Resonanzraum gesamtgesellschaftlicher Einstellung. In einem Interview sagt er zum Beispiel, Deutschrap habe Frauenfeindlichkeit nicht erfunden – aber er reproduziere sie, mache sie hörbar und somit salonfähig. Er versucht es in seinen Texten anders zu machen: Sie kommen ohne sexistische Beschreibungen von Frauenkörpern und Abwertung von queeren Menschen aus – und die Line Weiße Tauben den Arbeiter*innen kann wohl als die erste gegenderte Line im Deutschrap gelten. Generell tritt Disarstar in seinen Songs nach oben statt nach unten: Es geht gegen rechte Politiker*innen, die Boulevardpresse, insbesondere die Bild- Zeitung und deren ehemaligen Chefredakteur Julian Reichel, gegen Unternehmenschefs und das kapitalistische System.
Disarstar ist kein linker Studirapper wie die Antilopengang, seine Songs sind kein Philosophieseminar mit Beat. Schließlich ist der Zugang ein ganz anderer. Der Rapper entwickelt seine politische Haltung, die sich in seinen Songs widerspiegelt, aus persönlichen Erfahrungen struktureller Ungerechtigkeit heraus, statt sich ausschließlich auf Theorietexte zu stützen. Und doch ist seine Kapitalismuskritik theoretisch fundiert. In Interviews bezeichnet er sich offen als Marxist, zitiert aus dem Kapital und spricht von dialektischen Widersprüchen in seiner Geschichte. Die Lyrics seiner Songs bleiben trotzdem immer greifbar und verankert im Alltag derjenigen, die sonst selten gehört werden.
Deutschraps Rudi Dutschke?
Da Disarstar weder ins unpolitische Erfolgsnarrativ des Mainstream-Raps noch ins akademisch-saubere linke Milieu passt, polarisiert er mit seinen Texten in verschiedenen Gruppen. Für die einen ist er zu moralisch, seine Texte sind von oben herab verfasst, als hätte er allein Fragen von Klasse verstanden. Andere kritisieren, dass er in seinen Lyrics den Staat und vor allem die Polizei als ausschließlich repressive statt schützende Instanz definiert. Sein Song Siamo tutti, der ein sample des Hits Around the World verwendet und die klare politische Haltung bereits im Namen trägt (Siamo tutti ist eine Anspielung auf den international in der linken Szene verwendeten Slogan Siamo tutti antifascisti), kam aufgrund seiner klaren Anti-Polizei Message nicht überall gut an.
Kein Flex und kein Drip, keine heftigen Hits
Aber Zeil'n wie Steine (verwechsel uns nicht)
Mach frei am ersten Mai, Herr Polizei
Glaub mir, ist besser für dich
Ja, ja, A.C.A.? Oder wie? A.C.A.B.?
AC/DC? Ne, AC/D, ACBC
A.C.A.B.
Wir kommen in Schwarz, Digga
Mit paar Liter Ethanol
Keine Liebe für den Staat
Siamo tutti Antifa
Die Lyrics sind klar politisch aufgeladen und mithilfe von Codes und Szene-Sprache gebaut. Sie stellen ein selbstbewusstes Bekenntnis des Rappers zu linker, antifaschistischer Protestkultur dar. Statt Statussymbolen stehen harte, politische Aussagen im Vordergrund (kein Flex und kein Drip sondern Zeilen wie Steine, also mit politischer Sprengkraft), die sich gegen Staat, Polizei und gesellschaftliche Machtverhältnisse richten. Referenzen auf den 1. Mai, den Schwarzen Block und internationale Antifa-Slogans betonen die Notwendigkeit von Kollektiven, Widerstand und Konfrontation. Insgesamt geht es weniger um Unterhaltung als um Haltung – auf bewusst provokante und unversöhnliche Art. Ob es für diese Provokation die Wortspielerei um den Slogan A.C.A.B. (All cops are bastards) braucht, bleibt für einige Fans fraglich.
Trotz provokanten Lyrics steht fest: Disarstars Musik ist von enormer Bedeutung angesichts des immer weiter fortschreitenden Rechtsrucks in Deutschland und dem Schweigen vieler Mainstream-Musiker*innen zu dieser Entwicklung.
Diskografie
Alben
2015: Kontraste
2017: Minus X Minus = Plus
2019: Bohemien
2020: Klassenkampf & Kitsch
2021: Deutscher Oktober
2022: Rolex für alle
2025: Hamburger Aufstand
EPs
2010: Endstation
2012: Scheinwelt (mit Tonee Jukeboxx )
2014: Tausend in Einem
2022: Microdose (mit Jugglerz)
2023: Autopilot EP
Singles (Auswahl)
2022: Miss You (mit The Cratez & Evangelia)
2023: Wovon sollen wir träumen (so wie wir sind) (mit Jugglerz feat. Frida Gold)
2023: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
2024: Why Does My Heart Feel So Bad? (feat. Moby)
Band des Monats auf Spotify
Jeden Monat stellen wir euch eine Band oder eine*n Sänger*in aus einem deutschsprachigen Land vor – den Musikstilen sind keine Grenzen gesetzt. Mit dieser Playlist könnt ihr in die Musik der vorgestellten Künstler*innen hineinschnuppern.