Bal folk
Wollen wir tanzen?
Die große Vielfalt des Bal Folk – in Frankreich auch bal trad genannt – und der Menschen, die ihn heute zum Leben erwecken, lässt sich nicht leicht in wenigen Worten zusammenfassen. In den vergangenen Monaten haben die französischen Medien Le Monde, France Inter und Libération versucht, die facettenreiche Folkszene zu beschreiben. Daher erscheint nun auch ein Artikel in unserer Kulturrubrik, um der erneuerten Begeisterung für den Bal Folk Rechnung zu tragen. Hierbei gibt es zahlreiche Verbindungen zwischen Frankreich und Deutschland, zum Beispiel nach Berlin und Bockendorf.
Von Claire Géhin
Was ist ein Bal Folk überhaupt? Im Lexikon der Website Occitania.eu findet man eine recht umfassende Beschreibung: „Zwar unterscheiden sich die Bezeichnungen je nach Region, doch bei balètis, bals gascons, bals auvergnats und bals trads handelt es sich jeweils um dasselbe gesellschaftliche und kulturelle Phänomen: die Erneuerung des sogenannten ‚traditionellen‘ Tanzabends.“ Dieses Phänomen ist in ganz Europa zu beobachten und ein „Zeichen einer allgemeinen Hinwendung der Gesellschaft zu Musik- und Tanzformen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts unter dem Niedergang der traditionellen ländlichen Gesellschaft und ihrer örtlichen Zusammenkünfte litten, aber auch unter einem Imageverlust, der die traditionell mündliche Weitergabe von einer Generation an die nächste unterbrochen hat […].“ Seit ihrem Revival in den 1970er Jahren werden nun in Frankreich, aber auch in Deutschland und sogar in ganz Europa, in den Städten ebenso wie auf dem Land, wieder Walzer und Bourrée, Rondeau und Mazurka getanzt.
Dafür begeistert sich auch die junge Französin Mélanie. Sie lebt in Berlin und ist Mitglied des Orgateams im Verein Spreefolk, dessen jährliches Festival vom 30. Januar bis zum 1. Februar 2026 stattfindet. Vor allem schätzt sie dabei ein Gefühl der Gemeinschaft, der Inklusion und des Entgegenkommens. „Außerdem steht beim Bal Folk“, so Mélanie, „die Freude an Livemusik im Vordergrund, was bei anderen Tanzveranstaltungen meist nicht der Fall ist, dort wird eher Musik out of the box gespielt.“ Im Limousin, wo sie aufgewachsen ist, hat sie schon in jungen Jahren Tanzveranstaltungen besucht und kann bestätigen: „Als ich in Berlin ankam, dachte ich: Wow, hier ist was los auf dem Parkett! Hier gibt es Leute, die eine Bourrée im Dreiertakt, einen Kost ar c’hoad tanzen können!“
Wer diese Tänze noch nicht kennt, kann es einfach mal versuchen: In Berlin wird das ganze Jahr über am Dienstagabend getanzt (im Sommer auf der Museumsinsel), an einem Freitag im Monat in der Wabe und am Ende des Winters ein ganzes Wochenende lang beim jährlichen Festival, das der Verein organisiert. Zu den Gruppen aus Frankreich, die in Berlin spielen, gehören Bargainatt, Man Encantada, Cosmos Chocolat, Ciac Boum, Farenheit, Trio Loubelya … Übrigens spricht Mélanie meist vom europäischen Bal Folk, denn auf den Festivals besteht unter den Organisator*innen der Tanzveranstaltungen aus ganz Europa der Wunsch, sich zusammenzuschließen und gegenseitig zu unterstützen.
So auch auf dem Festival Comboros, das seit zehn Jahren in der Auvergne von den Brayauds organisiert wird. Eine kleine Gruppe vom Verein der Kulturwerkstätten JohannesHof fuhr hin, um zu tanzen und ehrenamtlich mitzuhelfen. Einige Monate später, im November 2025, kamen vier Duos der Brayauds verschiedener Generationen in den ehemaligen Gasthof des Örtchens Bockendorf, um sich ein Wochenende lang zu künstlerischen und methodischen Themen auszutauschen, ermöglicht durch die Unterstützung des Deutsch-Französischen Bürgerfonds. Mit Akkordeons, Banjos und Dudelsäcken unter dem Arm diskutierten die Musiker*innen aus der Auvergne mit ihren sächsischen Kollegen über die Entwicklung nachhaltiger und inklusiver Modelle bei der Veranstaltungsorganisation und die Stärkung europäischer demokratischer Werte durch eine feste Zusammenarbeit, Austauschformate und die Vermittlung von Musik und Kultur.
Und so fanden an den zwei Tagen in dem winzigen 250-Seelen-Dorf viele Begegnungen, Tanzkurse und natürlich Tanzabende statt. Ringo von den Kulturwerkstätten JohannesHof freut sich über die wachsende Beliebtheit des Bal Folk: „Das sächsische Netzwerk der Folk-Musik und des Bal Folk ist sehr aktiv und steckt viel Energie und Zeit in die Organisation und Umsetzung großartiger Veranstaltungen.“ Wie Mélanie betont auch er die Bedeutung der Verbindungen, die durch das Tanzen entstehen: „Der Bal Folk hätte in jedem Dorf einen großen Einfluss auf das Gemeinschaftsleben und die Prozesse der demokratischen Beteiligung.“
Die Folkszene ist bei Weitem nicht antiquiert und weltfremd, sondern beschäftigt sich mit allen Fragen der Gesellschaft. Beispiele dafür sind das Projekt Queeringbalfolk des Tanzduos Line und Mara, das ebenso wie das französische Kollektiv Matière vivante Tänze umdeutet, die Heteronormen fortschreiben (ein Geschlecht führt, das andere folgt, zum Beispiel bei Paartänzen), oder das Manifest der Akteur*innen der französischen Folkbewegung für eine gemeinsame antifaschistische Front. Denn auch der Bal Folk bleibt von den aktuellen Versuchen der extremen Rechten, sich Folklore und regionale Kulturen anzueignen, nicht verschont.
Bevor wir uns nun auf dem Parkett in Frankreich, Deutschland oder anderswo in Europa treffen, um diesen Kulturkampf fortzuführen, hier schon mal etwas Musik zum Aufwärmen!
Komred : bourrée à Funambals - YouTube