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Anna Vikár
Fake news und Glaubwürdigkeit im Journalismus

Klartexte, Grafik: Kristóf Ducki
© Goethe-Institut Ungarn

Die Nachricht über die Ermordung des russischen oppositionellen Journalisten Arkadi Babtschenko im Mai 2018 stellte sich schnell als strategische Lüge des ukrainischen Geheimdienstes heraus. Sie rückte jedoch die Frage nach dem Verhältnis von Fake news und Journalismusbranche stärker denn je in den Fokus. Um Vertrauen wieder herzustellen sind jedoch nicht nur die Journalisten am Zug, sondern auch die Medienkonsumenten selbst.

Am 29. Mai 2018 ging die Meldung durch die Weltpresse, der russische oppositionelle Journalist Arkadi Babtschenko sei in seinem Wohnhaus in Kiew erschossen worden. Die Nachricht – von der ukrainischen Polizei veröffentlicht – schockierte die Welt. Sie lag durchaus im Bereich des Vorstellbaren. In Jahren zuvor waren mehrere oppositionelle russische Politikerinnen und Politiker sowie Journalistinnen und Journalisten unter verdächtigen Umständen gestorben. Andere haben im Interesse ihrer Sicherheit Russland verlassen – so auch Babtschenko.
 
Der Kriegskorrespondent, ein lautstarker Kritiker der Invasion in der Ostukraine, flüchtete aus Russland und zog mit seiner Familie nach Kiew, nachdem seine Adresse veröffentlicht worden war und er Todesdrohungen erhalten hatte. Sowohl ukrainische Politikerinnen und Politiker als auch die internationale Presse vermuteten daher sofort, dass Russland hinter dem Mord an Babtschenko stecke. Russland wiederum erklärte, die Ukraine verwandle sich zum unsichersten Ort für Journalistinnen und Journalisten (in Kiew starben in den vergangenen Jahren mehrere aus Russland geflüchtete Oppositionelle).
 
Am Tag nach der Todesnachricht allerdings bat der Leiter des ukrainischen Geheimdienstes auf einer Pressekonferenz den lebendigen und unverletzten Babtschenko in den Raum. Der Mord sei inszeniert worden, um diejenigen fassen zu können, die ihm tatsächlich nach dem Leben trachteten. Laut ukrainischen Informationen habe der russische Geheimdienst einen ukrainischen Staatsbürger mit der Abwicklung des Mordes beauftragt, der seinerseits jemanden für die Durchführung bezahlte. Letzterer kooperierte mit den ukrainischen Geheimdiensten und trug so dazu bei, seinen Auftraggeber auffliegen zu lassen, der am selben Tag festgenommen wurde.

Zweifelhaftes Mittel im Interesse einer guten Sache?

Die ganze Geschichte schien wie aus einem Spionageroman entnommen. Es kommt äußerst selten vor, dass staatliche Organe eine solche Aktion unter Einbeziehung der Öffentlichkeit durchführen. Als Reaktion darauf brachten journalistische Organisationen, ein Teil der internationalen Presse sowie westliche Politikerinnen und Politiker ihre Entrüstung zum Ausdruck. Dass der ukrainische Sicherheitsdienst mit der Wahrheit spiele, sei betrüblich und bedauernswert, hieß es etwa von der Organisation Reporter ohne Grenzen. Das internationale Komitee zum Schutz von Journalisten rief die ukrainischen Behörden dazu auf, offenzulegen, was diese extreme Maßnahme erforderlich machte.
 
Die ukrainischen Behörden veröffentlichten als Antwort darauf das Video über die Verhaftung Die ukrainische Staatsanwaltschaft erklärte außerdem, es sei die Ermordung weiterer dreißig russischer Oppositioneller geplant gewesen, durch die Aktion sei man jedoch an eine Liste mit ihren Namen gekommen und könnte deshalb nun auch sie beschützen. Nichtsdestotrotz ebbte die heftige Kritik nicht ab, sogar die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verurteilte die Aktion.
 
Der belgische Außenminister Didier Reynders sah die Aktion der ukrainischen Behörden in Widerspruch mit den europäischen Prinzipien zur Verbreitung glaubwürdiger Presseinformationen und sagte: „Falschmeldungen bekämpft man nicht mit Falschmeldungen.“
 
Wegen der Reaktionen auf ihn spiegelt der Fall Babtschenko sehr gut das Problem des Verhältnisses zwischen Journalismusbranche und Fake news wider. Ob der ukrainische Geheimdienst die Möglichkeit gehabt hätte, weniger drastisch vorzugehen, können nur er selbst oder seine Kontrollorgane wirklich beurteilen. Was wir wissen: Die Aktion, die möglicherweise 30 Menschenleben gerettet hat, war offenbar erfolgreich, und die Wahrheit ist schnell bekannt geworden. Dennoch war der Großteil der westlichen Presse wegen der Untergrabung ihrer eigenen Glaubwürdigkeit besorgt: Wer werde denn nun noch glauben, dass die westliche Presseverlässlich sei?

Wettlauf gegen die Lüge

Schon Winston Churchill soll gesagt haben: „Die Lüge ist schon um die halbe Welt, bevor die Wahrheit die Hosen angezogen hat.“ Für das Internet und insbesondere die sozialen Medien trifft das sogar verstärkt zu. Laut einer Langzeitstudie über elf Jahre werden auf Twitter Fake news mit um 70% größerer Wahrscheinlichkeit als wahre Nachrichten „geretweetet“. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Mittel zur Beschleunigung – ja, sogar Automatisierung – des Faktenchecks entwickelt. Während diese sehr wichtig sind und die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten unterstützen, muss man dennoch akzeptieren, dass wahre Nachrichten den Wettlauf gegen falsche Nachrichten nicht gewinnen können.
 
Fake news und andere Desinformationen werden nämlich durch Widerlegung oder Abschwächung nicht ausgelöscht. Denn die Widerlegung wird kaum alle erreichen, die zuvor die Falschmeldung rezipiert haben. Zudem kann sich die Falschmeldung auch noch nach ihrer Entlarvung weiterverbreiten.
 
Aus diesen Gründen sollten Medienkonsumenten in die Lage versetzt werden, die Glaubwürdigkeit von Informationen selbst beurteilen zu können. Natürlich kann nicht von der Journalismusbranche erwartet werden, dass sie im Alleingang ein Bewusstsein für kritischen Umgang mit Medien in der Gesellschaft entwickelt. Dennoch sollten sich Journalistinnen und Journalisten bewusst sein, dass sie aufgrund ihrer berufsbedingten Skepsis und ihrer praktischen Erfahrung Fake news und andere irreführende Informationen schneller herausfiltern können als durchschnittliche Medienkonsumenten. Es ist also hilfreich, wenn sie dieses Wissen teilen. In Ungarn zum Beispiel haben die Initiativen Átlátszó.hu (Anm. d. Übers.: átlátszó = transparent) und Magyar Tartalomszolgáltatók Egyesülete (Association of Hungarian Content Providers) gemeinsam ein Online-Spiel mit dem Namen Álhírvadász (Fake-news-Jäger) entwickelt und sie halten auch Schulworkshops zu diesem Thema.

Gemeinsame Verantwortung von Journalisten und Medienkonsumenten

Seit Nachrichten im Internet ohne große Investitionen massenhaft verbreitet werden können, hat der Wettbewerb und der Kampf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten riesige Ausmaße angenommen. Das Aufkommen unzähliger neuer Nachrichtenquellen hat gravierende Finanzierungsprobleme bei den klassischen Medien verursacht, vor allem bei der Printpresse. Viele Publikationen mussten ihren Betrieb einstellen, bei anderen muss aufgrund von Personalabbau dasselbe Arbeitspensum nun von weniger Journalistinnen und Journalisten bewältigt werden. So hat der Kampf um das Gewinnen und Halten der Konsumenten auch zu Qualitätseinbußen geführt, man denke nur an Clickbaiting-Titel in der Online-Presse.
 
All diese Vorgänge haben der Glaubwürdigkeit der Medien geschadet. Die Vielfalt erschwert ein eindeutiges Urteil, was als verlässliche Quelle gelten kann und was nicht. Blogs und soziale Medien, die potenziell allen Userinnen und Usern das Erstellen von Inhalten ermöglichen, haben die Grenzen des Fachs verwischt. Zwar wurde die Nachrichtenverbreitung demokratisiert, die Kompetenz zur Selektion und Redaktion beziehungsweise die Übernahme der Verantwortung dafür blieb jedoch größtenteils innerhalb der Branche.
 
In dieser Glaubwürdigkeitskrise kommt der Journalismusbranche eine neue Aufgabe zu: Sie muss die Konsumenten besser in ihre Funktionsweise einweihen und ihre redaktionellen Prinzipien offenlegen. So könnte sie den Konsumenten Hilfestellung zur bewussteren Nachrichtenselektion geben und eventuell deren Vertrauen zurückerlangen. Diesen Weg geht zum Beispiel The Trust Project, eine internationale Initiative von Akademikern, Redaktionen und Social-Media-Unternehmen.
 
Die Journalismusbranche gibt also durchaus Antworten auf das Fake-news-Problem. Damit sie funktionieren können, müssen aber auch die Medienkonsumenten ihre Konsumgewohnheiten hinterfragen: Wie bewusst wählen wir unsere Informationsquellen und wie offen sind wir für Informationen, die der eigenen Weltanschauung widersprechen?
 
 
Weiterführende Literatur

Álhírvadász (Fake-News-Hunter) – spielerische Einführung in das kritische Nachrichtenlesen der Nichtregierungsorganisation Átlátszó sowie der Association of Hungarian Content Providers (MTE) (ungarisch) alhirvadasz.hu
 
The Trust Project – Internationale Initiative von Nachrichtendiensten für glaubwürdigen Journalismus (englisch) thetrustproject.org
 
Studie über die Verbreitung von wahren und falschen Nachrichten im Internet (englisch) ide.mit.edu/sites/default/files/publications/2017%20IDE%20Research%20Brief%20False%20News.pdf
 
The Guardian (englisch) theguardian.com/world/2018/may/29/russian-journalist-arkady-babchenko-shot-dead-in-kiev

Index (ungarisch) index.hu/kulfold/2018/05/31/babcsenko_megrendezett_gyilkossag_nemzetkozi_visszhang

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