Attila Bátorfy
Es könnte auch wahr sein

Klartexte, Grafik: Kristóf Ducki
© Goethe-Institut Ungarn

Obwohl der Grad der Leichtgläubigkeit einer Person von ihrer Weltanschauung, ihrer Medienkompetenz und ihrem Sozialverhalten abhängt, ist niemand ganz vor so genannten Fake News gefeit. Die in den Sozialen Medien angehäuften Massen von Nutzerdaten und die darauf aufbauende gezielte Verbreitung von Falschinformationen gestalten nicht nur die Medienkonsumgewohnheiten der Menschen, sondern auch die politische Weltkarte um.

„Terroristen in Europa angekommen?“ – fragte die ungarische Tageszeitung Magyar Idők am 8. September 2015 in einem ihrer Artikel. Darin wurde über eine Facebook-Gruppe namens This Is Christian Syria berichtet. Die Gruppe postete Fotopaare: Auf der einen Seite posierte ein Mann mit Militärwaffe, daneben war derselbe Mann in ganz normaler Straßenkleidung zu sehen. Die Facebook-Gruppe verbreitete außerdem Informationen über die Vergangenheit der Männer und über ihre feindliche Haltung gegenüber dem Regime von Baschar al-Assad. Diese Informationen lassen sich allerdings außerhalb dieser Gruppe nirgendwo anders finden.
 
Zwar wies die Zeitung Magyar Idők darauf hin, ihr „steht kein Instrumentarium zur Verfügung, um den Wahrheitsgehalt der Informationen zu überprüfen“. Allerdings suggerierten die eingeholten Meinungen sicherheitspolitischer Expertinnen und Experten, die Männer auf den Fotos seien Soldaten des Islamischen Staates, die als Flüchtlinge nach Europa gekommen seien. Am selben Tag brachte das Thema auch das ungarische Boulevardblatt Blikk. Unter dem Titel „Als Flüchtlinge getarnte Terroristen auf Facebook überführt“ veröffentliche das Blatt auch die in der Facebook-Gruppe geteilten Fotos.
 
Beide Zeitungen publizierten ihre Artikel, nachdem sich in der internationalen Presse bereits herausgestellt hatte, dass die Behauptung, die Männer auf dem einen Bild seien Soldaten des Islamischen Staates und auf dem anderen bereits in Europa angekommene Flüchtlinge, ganz einfach eine Lüge ist. Keiner der Männer war je IS-Soldat, mehrere hatten früher gerade gegen den IS gekämpft. Das Boulevardblatt Blikk ergänzte seinen Artikel später mit der Anmerkung, dass auf angelsächsischen Seiten die Glaubwürdigkeit der Facebook-Seite in Zweifel gezogen wurde, es „kann jedoch nicht entschieden werden, wo die Wahrheit liegt“.

Bátorfy screenshot ©   Bátorfy screenshot
Desinformation und Manipulation

Sehen wir uns nun anhand des genannten Beispiels an, warum wir uns mit Desinformationen so schwertun. 2015 sind zahlreiche islamistische Terroristen nach Europa eingesickert, indem sie unter anderem die Schwächen des europäischen Grenzschutzes und die mangelnde Vorbereitung der Behörden ausnutzten. Das bedeutet, die Behauptungen der Gruppe This Is Christian Syria und der oben erwähnten Zeitungen hätten auch wahr sein können. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass es sogar für Außenpolitikexpertinnen und -experten schwierig war zu entwirren, wann und mit wem sich die verschiedenen aufständischen Gruppen, militärischen Organisationen oder paramilitärischen Formationen im syrischen Bürgerkrieg verbündeten, warum und mit wem sie aneinandergerieten und warum sie sich auf die eine oder andere Seite stellten.
 
In den Facebook-Beiträgen beziehungsweise in den Artikeln wurden die Bilder nicht manipuliert, zumindest in dem Sinne nicht, dass die Fotos nachträglich digital verändert worden wären. Den Männern wurden also nicht durch digitale Bearbeitung Waffen in die Hand gedrückt oder kugelsichere Westen verpasst, auch wurde nicht mittels Fotomontage der Hauptplatz einer europäischen Stadt als Hintergrund eingefügt. Es wurden echte, bereits existierende Bilder verwendet. Durch das Nebeneinanderstellen der Bilder in Militärgewand und Zivilkleidung wurde jedoch ein Kontext generiert, der selbst ohne den Text, in dem tatsächliche Unwahrheiten verbreitet werden, die Behauptung schon erahnen lässt.
 
Das Bild des „arabischen“ Terroristen mit kugelsicherer Weste, Bart und Tuch oder das Bild des islamistischen Selbstmordattentäters mit Bombenweste gibt es seit den Siebzigerjahren. Die Attribute stehen dabei keineswegs für den Revolutionär, den Freiheitskämpfer, sondern für den nach dem Leben Unschuldiger trachtenden Bösen. Die Assoziation erfolgt automatisch. Dass diese Männer mit Bart und dunklerer Haut vielleicht auch auf einer anderen Seite stehen könnten, widerspricht dem altbekannten Bild.
 
Natürlich hätten den Redaktionen von Magyar Idők und Blikk die traditionellen journalistischen Instrumente zur Überprüfung der Fotos aus der Facebook-Gruppe zur Verfügung gestanden: nachfragen und nachforschen. Andere Redaktionen haben diese Recherche erledigt und bald festgestellt, dass durch die Bildpaare Unwahrheiten behauptet werden. Zwar haben die beiden erwähnten ungarischen Zeitungen darauf hingewiesen, dass sie keine Beweise für den Wahrheitsgehalt der Informationen hätten, veröffentlicht haben sie sie aber dennoch. Auf den Webseiten der Zeitungen ist bis heute keine Richtigstellung zu finden.

Lügen ist nicht gut, aber auch nicht falsch

Fragt man danach, ob Lügen gut sind, wird die Mehrheit der Befragten dies vermutlich verneinen. Zahlreiche Studien haben bestätigt, dass der Wahrheitsgehalt einer Information schwieriger zu beurteilen ist, wenn damit eine politische Frage verbunden ist. Forscherinnen und Forscher haben außerdem beobachtet, dass die Chance, auf so genannte Fake News hereinzufallen, größer ist, wenn der Medienkonsument oder die Medienkonsumentin ein dogmatisches Weltbild hat beziehungsweise wenig versiert im Umgang mit Medien ist. Und natürlich glauben die meisten Menschen, dass nur andere auf Falschinformationen hereinfallen, ihnen selbst das aber nie passieren könnte.
 
Fake News hat es immer schon in verschiedenen Formen und unterschiedlichem Ausmaß gegeben. Ein großes Problem allerdings ist, dass Fake News das Misstrauen gegenüber sämtlichen Informationsquellen steigern. Zu Beginn jedes Semesters bitte ich meine Studierenden, mir die Quellen aufzulisten, aus denen sie sich informieren. Vor ein paar Jahren zählten sie noch die als seriös geltenden ungarischen und internationalen Nachrichtenquellen auf (wenn sie überhaupt Nachrichtenquellen abgesehen von Facebook nannten), in letzter Zeit sagen jedoch immer mehr, in allen Nachrichtenquellen werde gleichermaßen gelogen.
 
Das ist nicht nur ein ungarisches Phänomen, meine Beobachtung deckt sich mit dem Ergebnis einer Studie, die im Jahr 2018 unter US-amerikanischen Mittelschülerinnen und Mittelschülern durchgeführt wurde.

Neues Zeitalter in der Nachrichtenproduktion

Noch 2015 waren Veröffentlichungen wie die oben erwähnten Fotopaare in Ungarn in den Medien der politischen Rechten und in der Boulevardpresse eher die Ausnahme. Damals wurde der Großteil solcher Desinformationen von schnell zusammengeschusterten Webseiten, Blogs und Facebook-Seiten veröffentlicht. Allein im Jahr 2015 gingen 38 solcher ungarischen Webseiten online, im Jahr 2018 war der Großteil davon schon nicht mehr abrufbar. Den Platz dieser Schundseiten haben in Ungarn die „Mainstream“-Medien der politischen Rechten sowie die öffentlich-rechtlichen Medien eingenommen. Die haben es nicht nötig durch billige, schlecht gemachte Google-Anzeigen an der Leichtgläubigkeit der Menschen zu verdienen, denn ihr Bestehen und ihre Verbreitung sind durch öffentliche Gelder gesichert.
 
Mittlerweile sind Nachrichten darüber, dass Migrantinnen und Migranten angeblich tödliche Krankheiten nach Europa einschleppen oder junge muslimische Männer massenweise weiße, europäische Mädchen vergewaltigen würden, Teil des ganz alltäglichen Informationsumfeldes in Ungarn. Die meisten dieser Nachrichten sind gelogen. Und das wissen vermutlich auch ihre Autorinnen und Autoren. Solche Falschmeldungen werden also nicht mehr nur von Facebook an arglose Omas verfüttert, diejenigen, die sie lesen, brauchen und suchen sie aktiv. Denn sie wollen eine Bestätigung dafür, dass ihre Angst angebracht und verhältnismäßig ist.
 
Hinter der Verbreitung von politischen Desinformationen und Fake News steht nicht nur die Absicht der Irreführung, sondern das Schaffen eines medialen Ökosystems, in dem nicht Fakten, sondern Narrative miteinander in Wettbewerb treten. Das steht in vollkommenem Widerspruch zu den Grundprinzipien eines rationalen Weltbildes, zur Sachlichkeit, Logik und Beweisbarkeit.
 
 
Weiterführende Literatur

Über die Regeln der Verbreitung von Fake-News: Soroush Vosoughi, Deb Roy és Sinan Aral: The Spread of True and False News Online. Science Vol 359 No 6380, pp. 1146-1151 science.sciencemag.org/content/359/6380/1146
 
Studie über das Verhältnis von Denkweise und Reaktion auf Fake-News niemanlab.org/2018/05/people-who-are-delusional-dogmatic-or-religious-fundamentalists-are-more-likely-to-believe-fake-news/
 
Studie von Ipsos über Vorstellungen bezüglich Fake-News ipsos.com/ipsos-mori/en-uk/fake-news-filter-bubbles-and-post-truth-are-other-peoples-problems
 
Studie der Northeastern University über den Medienkonsum von Studierenden und ihre Einstellung im Hinblick auf Nachrichten news.northeastern.edu/2018/10/16/faced-with-a-daily-barrage-of-news-college-students-find-it-hard-to-tell-whats-real-and-whats-fake-news

Top