Interview mit Matthias Gehrt “Gewalt, ohne Ziel, frisst sich selbst”

Matthias Gehrt
Foto: Cedric Dorin, Goethe-Institut Israel

Der deutsche Regisseur Matthias Gehrt spricht über seine Inszenierung von Friedrich Schillers “Die Räuber” am Tmuna Theater in Tel Aviv und den Unterschied zwischen der Arbeit in Deutschland und Israel.

Von Cedric Dorin

Nach dem großen Erfolg von “Draußen vor der Tür” inszenieren Sie jetzt zum zweiten Mal am Tmuna Theater in Tel Aviv. Was ist das Besondere an dieser Inszenierung?
 
Matthias Gehrt: Das Besondere ist zunächst einmal, dass dieses Stück hier in Israel noch nie auf Hebräisch aufgeführt wurde. In Deutschland gehört “Die Räuber” zu den großen Klassikern, jeder Schüler, zumindest im Gymnasium, wird davon gehört haben. Friedrich Schiller, der Autor, zählt neben Goethe ja zu den größten deutschen Dichtern überhaupt.
 
Worum geht es?
 

Gehrt: Das Stück erzählt eine Familiengeschichte, angesiedelt in den Kreisen der deutschen Aristokratie im 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen ein Vater und zwei Söhne. Es geht, und das ist das Interessante daran, um Widerstand gegen damalige politische Verhältnisse, um die Notwendigkeit, sich zu wehren. Das jedoch in einer Situtation, in der man keine wirkliche Alternative hat. Nicht einmal Schiller kennt sie. Man redet also über Rebellion, gar Revolution, aber ohne Perspektive. Es ist eine gewisse Ohnmacht: Man weiß, es muss sich etwas ändern, aber man weiß nicht, in welche Richtung.
 
Macht es gerade das auch für das israelische Publikum so relevant?
 
Gehrt: Ja. Schiller addressiert vor allem die Jugend, junge Menschen, die mit der Gegenwart nicht zurechtkommen, die sie als Perspektive nicht leben wollen. Das ist Gegenwart, in Deutschland wie in Israel. Für uns, Deutsche und Israelis, ist es geradezu ein Abenteuer, aus unseren zwei verschiedenen historischen Kontexten über politische Veränderung zu reden, über die Unzufriedenheit mit der Gegenwart. Es fällt hier auf einen ganz anderen Boden, und das befruchtet die Arbeit, daraus ein Stück zu entwickeln, unglaublich.
 

“Es ist eine gewaltige, eine gewaltätige Sprache”

 
Probenimpressionen ohne Kostüme und Bühnenbild

Was ist, verglichen mit “Draußen vor der Tür”, anders bei diesem Stück?
 
Gehrt: Vor allem die Sprache. Im Vergleich zu “Draußen vor der Tür” ist dieses Stück noch komplizierter. Schiller lebt von der Sprache, die Gewalt, von der dieses Stück erzählt, findet vor allem in der Sprache statt. Es ist eine sehr schöne, aber auch gewaltige und gewaltätige Sprache. Und das mit den Schauspielern herauszuarbeiten, das ist für mich bei diesen Projekt die größte Herausforderung.
 
Rein praktisch: Wie funktioniert das mit der Mehrsprachigkeit?
 
Gehrt: Ich spreche kein Hebräisch, niemand der Schauspieler Deutsch. Wir koordinieren uns also auf Englisch. Weil ich das Stück schon in Deutschland in meinem Theater inszeniert habe, kenne ich es Wort für Wort. Nur so kann ich mich an ein solches Projekt überhaupt heranwagen. Was ich bei der Arbeit mit den Schauspielern dann hier versuche, ist, eine Ähnlichkeit der Situationen zu erzeugen, gleichzeitig gibt es natürlich Unterschiede. Die Schauspieler hier in Israel sind anders.
 
Inwiefern?
 
Gehrt: Natürlich kenne ich die Theaterszene hier nicht umfassend, aber mein Eindruck ist: Sie spielen hier noch mehr, noch schneller aus dem Körper. In Deutschland sind die Schauspieler vielmehr darauf trainiert, alles aus der Sprache heraus zu entwickeln. Auch ich, als deutscher Regisseur, bin da ganz anders: Ich liebe die sprachlich komplizierten Texte, und versuche mit meinen Schauspielern dann dort Leben reinzukriegen. Insofern ist Schiller mein Terrain.
 
Für einen israelischen Regisseur wäre “Die Räuber” also schwerer zu inszenieren gewesen?

 
Gehrt: Ich denke schon. Wenn man das Stück im Original vor sich hat, dauert es fünf Stunden. Man muss eine geeignete Fassung haben, den deutschen Kontext ausreichend verstehen, um daraus etwas machen zu können. Insofern ist es von Vorteil, dass ich dieses Wissen schon mitbringe, gerade bei den Bedingungen hier am Tmuna-Theater mit den begrenzen Zeiten, in denen wir arbeiten können, weil die Schauspieler noch andere Jobs haben.
 
Gibt es, trotz der intensiven Beschäftigung mit dem Stück, noch Überraschungen für Sie?
 
Gehrt: Gerade weil wir diese sprachliche Barriere haben, uns in der Grauzone Englisch treffen, bohren die Schauspieler stark nach. Sie wollen sehr genau wissen, warum was wie ist, was genau ein Wort bedeutet. Das führt  tatsächlich dazu, dass ich, der das Stück eigentlich gut kennt, selbst neue Aspekte entdecke, in Teilen auch zum ersten Mal manch sprachliche Wendungen in ihrer Schönheit, ihrer Dringlichkeit sehe.

 
“Durch die Arbeit hier entdecke ich selbst noch etwas Neues”

 
Inwiefern unterscheidet sich die Probenarbeit?
 
Gehrt: Der ganz banale Unterschied ist erst einmal: Die Schauspieler, mit denen ich in Deutschland arbeite, leben von dieser Arbeit, ausschließlich. Deshalb sind Sie auch hoch trainiert darin, ständig im Modus des Erfindens zu sein, denn sie tun nichts Anderes. Wie alles ist auch Kreativität ein Muskel, den man trainieren muss, und wenn er hochtrainiert ist, dann passiert auch viel. Diese Chance haben die Schauspieler in diesem Ausmaß hier nicht. Sie haben mindestens einen weiteren Job, zum Beispiel Unterrichten, um überhaupt als Schauspieler arbeiten zu können, und weniger Gelegenheiten, auf der Bühne zu stehen als Mitglieder eines Theater-Ensembles in Deutschland. Das wiederum führt dann vielleicht zu dieser größeren Dringlichkeit, es ganz genau wissen zu wollen und sorgt gleichzeitig für ein Arbeitsklima, das für mich spürbar geprägt ist von einer großen Freude und Liebe zu diesem Projekt.
 
Normalerweise ist das Stück fünf Stunden lang. Sie führen eine Version auf, die unter zwei Stunden sein wird ...
 
Gehrt: In der Tat ist das Stück eigentlich viel, viel länger. Es ist ein Lesedrama, das gar nicht für die Bühne geschrieben wurde. Und selbst bei der Uraufführung 1782 wurde eine extreme Kürzung präsentiert. Dass man für eine Bühnenfassung kürzen muss, dass man reduziert auf Themen, die einem interessant erscheinen, ist normal bei dieser Art von Literatur, das geht gar nicht anders. Diese Fassung, die wir auch in Deutschland gespielt haben, ist zudem ergänzt um einige Texte, die gar nicht von Schiller stammen.
 
Welche Aspekte haben Sie rausgelassen?
 
Gehrt: Zum Beispiel Schillers Kampf mit der christlichen Kirche. Im Stück treten Priester auf, die lügen, die die Bigotterie in der Kirche verkörpern. Das ist nur noch begrenzt interessant, sowohl für das Publikum hier in Israel als auch in Deutschland. Das andere ist der große Kampf von Schiller gegen den Feudalismus, der sich in Deutschland auch erledigt hat. Was an Aktualität eben nicht verloren hat, ist die Rebellion, der Kampf um das richtige Leben, die Legitimität und Verselbständigung von Gewalt. Wenn die Gewalt kein richtiges Ziel hat, dann frisst sie sich selbst. Am Ende sind hier auf der Bühne fast alle tot.
 
Matthias Gehrt ist seit 2010 Schauspieldirektor am Theater Krefeld-Mönchengladbach. In seinen Anfangsjahren arbeitete er Mitte der 80er Jahre u.a fünf Jahre als Regieassistent an der Berliner Schaubühne mit Regisseuren wie Peter Stein und Luc Bondy zusammen, In diesen Jahren unternahm er zudem zahlreiche Reisen in Länder Mittelamerikas, nach Indien, China, in die USA und in den Nahen Osten. 60 Inszenierungen hat er als Regisseur mittlerweile verantwortet, an zahlreichen Theatern in ganz Deutschland: u.a. am Staatsschauspiel Dresden, an der  Berliner Schaubüne, am Schauspiel Chemnitz, am  Prinzregententheater München und am Deutschen Nationaltheater Weimar. Hinzu kommen Arbeiten im Ausland, häufig in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, in Lagos, Nigeria und Mexiko, in England, Kanada, Sri Lanka, Ghana und Israel.