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Interview mit Helmut Lachenmann
Hören heißt, in sich Antennen entdecken

Helmut Lachenmann in Tel Aviv 2019
Foto: Cedric Dorin © Goethe-Institut Israel

Helmut Lachenmann zählt zu den bedeutendesten und einflussreichsten Komponisten neuer Musik. Im Interview blickt er zurück auf seine Meisterklassen und Konzerte in Israel und verrät, was er von den neuen Generationen an Komponisten erwartet. 

Von Cedric Dorin und Hadassa Levy

Sie hören mit nur einem Ohr. Belastet Sie das nicht, gerade als Komponist?
 
Nein, das belastet mich nicht, das hat sogar Vorteile. Immerhin blieben dem tauben Beethoven gesprochene und akustische Belästigungen erspart, vielleicht war er insofern ganz glücklich, denn mehr als unsereiner konnte er sich auf seine musikalischen Visionen konzentrieren. Natürlich, er galt als Menschenfeind, ich weniger, aber für einen Komponisten gilt: Er soll schreiben, was er hören will. Und es gibt ja ein inneres Ohr. So oder so, als Komponist bin ich permanent am Hören. Und zum Komponieren selbst gehört das Spekulieren mit neuen, ungewohnten, unbekannten Klangwelten. Und am Ende, nicht zuletzt bei den Proben, gibt es manchmal Situationen, nicht nur bei mir, wo der Komponist selbst vom Geschaffenen glücklich überrascht, total schockiert ist. Das gehört zum kreativen Abenteuer.
 
Bei Ihrem letzten Besuch in Israel haben Sie Konzerte und Meisterklassen gegeben. Können Teilnehmende an diesen Klassen jemanden wie Sie, der so viel Erfahrung hat, überhaupt noch überraschen?
 
Na klar. Eigentlich jeder einzelne. Da gibt es 19-Jährige, die bisher kaum etwas geschrieben haben, aber plötzlich riskieren sie etwas, wenn sie präsentieren. Manches ist aus meiner Perspektive vielleicht zunächst banal, doch ich merke immer wieder: Da ist etwas dahinter. Es hängt ja auch von mir ab, wie ich damit umgehe. Ein Teilnehmer will mich ja nicht überraschen, der will mich überzeugen, der will ermutigt werden. Und ich lerne immer wieder: Das Komplexeste ist nicht unbedingt das Interessanteste. Oder umgekehrt: Interessant Erscheinendes ist oft langweilig.
 
Interessant ist langweilig?
 
Wenn jemand zu mir sagt: „Ich fand Ihr Stück interessant”, dann kann ich nur die Schultern zucken. Wenn ich aus vollem Herzen zu jemandem sage: „Ich liebe dich” und bekomme die Antwort: „Ach, interessant!“, dann ist es aus.
 
Was für eine Rolle kommt Komponist*innen in der Gesellschaft zu?
 
Komponisten schaffen auf immer wieder andere Weise kollektiv, aber auch individuell, erlebbare Sinneserfahrungen, die uns als geistbegabte Kreaturen herausfordern, berühren, beglücken, oder wie auch immer innerlich öffnen sollen. Komponisten schaffen Musik mit den überlieferten und sich seit dem Mittelalter ständig erneuernden und weiter entwickelten Mitteln, und sie setzen sich heutzutage einem weithin ästhetisch vorgeprägten Publikum aus. Sie bedienen sich der vorhandenen kulturellen Einrichtungen, der ausgebildeten Musiker, ihres Instrumentariums, ihrer Spielpraxis, der Konzertsäle – all das haben Komponisten ja nicht selber erfunden, sondern das haben sie vorgefunden. Damit ist der Komponist sich selbst, aber auch dem Publikum gegenüber verantwortlich.
 
Um was zu tun?
 
Um immer wieder auf andere Weise klingende Beispiele von kreativem Glück und geistiger Freiheit zu geben. Er wird damit nicht jedem im Publikum entgegenkommen.
 
Sondern? Das Publikum irritieren?
 
Gelegentlich ja, zumindest die, die im Gefängnis ihrer unreflektierten Gewohnheiten hocken. Es gibt in der europäischen Musikgeschichte eine Tradition der Irritationen. Als Bach im Alter von 18 Jahren die vertrauten Luther-Choräle auf seine Weise neu harmonisierte, war er kurz davor, gefeuert zu werden. Mozarts späte, unglaublich tiefgründige Symphonien, Klavierkonzerte und Kammermusiken überforderten den Horizont seiner Zeit, diese Musik erschien zu kompliziert. Und beim „Don Giovanni“ sagte der Kaiser zu Mozart: „Nichts für den Gaumen der Wiener“.
 
Viele, seien es Zuhörer*innen oder Musiker*innen, meiden moderne Musik. Woher kommt diese Hemmung, sich darauf einzulassen?
 
Viele haben eine versteinerte Vorstellung, was Musik sein kann. Viele klammern sich an einem unbeweglichen Musikbegriff fest. Solchen Musikliebhabern beizukommen, ist nicht zuletzt eine Frage der Vermittlung. In Zürich gab es neun Vorstellungen meiner Oper, alle waren ausverkauft. Manche Leute sind Türen schlagend rausgegangen, aber das ist ok. Die sind rausgegangen, weil sie die ihnen vertraute Musik lieben und sich in unvertrauter Klangwelt vor den Kopf gestoßen fühlen.
In Deutschland sind die Zeiten der Verachtung neuer Musik weithin vorbei, nicht zuletzt, weil neugierige und abenteuerbereite Instrumentalstudenten nicht mehr von rückständigen Professoren terrorisiert werden. Ich finde übrigens, neue Musik, sei es nun Schönberg oder John Cage, sollte man immer zwei Mal spielen. Erst beim zweiten Mal gehen die Ohren weit auf.
 
Dass man diese Stücke in Konzertprogrammen also zwischen bekannten Stücken platziert?
 
Warum nicht, aber das sind Verlegenheitsstrategien. Wichtig ist die entsprechende Ausbildung und Motivation der Musiker. Wenn die sich mit ihrer Gestaltungskunst so wie bei klassischer Musik auch bei einem neuen Werk voll einsetzen, dann braucht man keine faulen Tricks. Hier in Israel, das ist mein Eindruck, werden die Instrumentalstudenten bei ihren Lehrern eher gewarnt vor neuer Musik. Und wenn diese dann doch mal gespielt wird, spürt das Publikum die Allergie der Musiker stärker als den Ausdruck des Werkes. So kann man auch keinen Schumann spielen. Man muss dahinterstehen. Technisch, aber auch innerlich.

Manche sagen: Die wahre neue Musik ist Pop.
 
Ja, Pop, Rock, Hiphop sind toll: als unverzichtbares Verdrängungsmedium in einer weithin von kommerziellen Interessen total manipulierten Zivilisation. Man wird mit neuer Musik nie ein Stadion füllen, aber das ist „eine andere Baustelle“. Unterhaltungsmusik heißt: Ich sitze da, lese dabei Zeitung oder mache sonst was, und genieße irgendwie. Im Pop- oder Rockkonzert schwinge ich vom Rhythmus mitgerissen die erhobenen Arme hin und her, aber musikalisches Hören geht anders.

Ein Konzertsaal ist für viele eine warme Badewanne.

Wenn am Karfreitagmorgen die Matthäuspassion gesendet wird und ich dabei mein Frühstücksei löffele, dann ist das Unterhaltungsmusik. Oder nehmen Sie die philharmonischen Konzerte: Das Abonnement-Publikum will doch nur das ihm Wohlbekannte hören. Die Mehrzahl will ihren – scheinbar – wohlvertrauten Schubert oder Rachmaninoff oder Chopin an die Brust drücken und dem Dirigenten und Solisten zujubeln. Im Urlaub macht man Bungee Jumping oder Wildwasserfahrten und im Konzertsaal sitzt man in der warmen Badewanne. Warum nicht mal frisches Wasser hinzugeben? Wir vergessen: Europäische Kunst hat sich immer weiter geöffnet, auch gegen den Geschmack einer Mehrheit. Nicht zuletzt verblöden wir durch die Medien mit ihren weithin standardisierten und oberflächlichen Vermittlungen von Schönheit und Kunst. Wir gehen ins Konzert und urteilen, ob es „gut“ oder „schlecht“ war. In Deutschland sehen wir, wie die AfD immer stärker wird und auch gegen die Förderung neuer Musik hetzt und sagt: „Schluss mit dem Betrug dieser neuen Musik. Die Leute, die so einen Dreck hören wollen, die sollen das selbst bezahlen.“
 
Wie sehr beunruhigt Sie, dass eine Partei wie die AfD Einfluss im öffentlichen Diskurs bekommt?
 
Sehr. Und bei aller erkannten Notwendigkeit, dass es ohne sie nicht geht, hat die Demokratie zwei Achillesfersen: Demagogie und Dummheit. Beides ist nicht verboten, beides aber ist viel gefährlicher als jede totalitäre Ideologie. Und ich habe die Nazizeit noch erlebt. Schauen Sie, welch geistfeindliche Zombies wir jetzt an vielen Regierungen haben. Das ist gespenstisch. Und wie gesagt: Dummheit ist gefährlicher als Bosheit. Das hat Schiller in seinem „Demetrius“ schon gewusst: „Gegen Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens“. Der „Führer“ Hitler kam 1933 auf demokratischem Wege an die Macht! Und die Werke unserer großen Komponisten wurden damals hemmungslos eingesetzt und missbraucht, nicht um das Denken zu öffnen, sondern um das Denken zu lähmen und gleichzuschalten. Und Komponisten, die diese Erfahrung vergessen oder ignorieren, verbleiben auf dem Niveau von Parasiten, die sich gleichgültig und ahnungslos der klingenden Mittel bedienen, welche unsere per Tradition wunderbar bereicherte Gesellschaft bereithält.
 
Parasiten?
 
Ich sage manchmal zu jungen Komponisten: Wir Komponisten sind Parasiten, und völlig überflüssig. Streikende Komponisten würden die Mitbürger kaum beunruhigen. Das unterscheidet unsereinen von der Müllabfuhr. Aber als Überflüssige in einer kulturell zunehmend verflachenden Gesellschaft sind wir mit unserem Angebot umso mehr unverzichtbar. Unverzichtbar, weil unser Wirken sich an jenes Potential im Menschen wendet, welches uns als geistfähige Kreaturen an unsere Vergänglichkeit und so an die Intensität, also an die Schönheit des Lebens, erinnert und in diesem Sinne unsere Liebe und Verantwortung herausfordert. Mehr kann Kunst nicht leisten.
 

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