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60. Jahrestag des Eichmann-Prozesses
„Solch monströse Verbrechen verjähren nie“

Gabriel Bach, 94, zuhause in Jerusalem. Auf dem historischen Foto ist er in der Bildmitte zu sehen, dahinter Adolf Eichmann im Glaskasten auf der Anklagebank.
Gabriel Bach, 94, zuhause in Jerusalem. Auf dem historischen Foto ist er in der Bildmitte zu sehen, dahinter Adolf Eichmann im Glaskasten auf der Anklagebank. | © Cedric Dorin/ Goethe-Institut Israel

Vor 60 Jahren begann in Jerusalem ein Gerichtsverfahren, an dessen Ende die Todesstrafe verhängt wurde – zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte des Staates Israel: der “Eichmann-Prozess”. Den millionenfachen Mord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden hatte Adolf Eichmann maßgeblich organisiert. Für Gabriel Bach ist dieser Jahrhundert-Prozess nach wie vor lebendige Geschichte. Der heute 94-Jährige war einer der Ankläger.

Von Cedric Dorin

Herr Bach, über Monate haben Sie damals die Anklage gegen Adolf Eichmann vorbereitet. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

Natürlich. Ich saß in meinem Büro, nur wenige Meter entfernt von seiner Zelle. Plötzlich hieß es, Eichmann wolle mich sehen. Als ich die Schritte auf dem Gang hörte, erschauderte ich etwas bei dem Gedanken, wie leicht es genau andersherum hätte sein können – wäre es meiner Familie nicht gelungen, rechtzeitig aus Deutschland zu fliehen. Als er schließlich vor mir stand, fiel es mir schwer, gerade in jenem Moment ein ruhiges Gesicht zu wahren.
 
Warum?


Nur zehn Minuten zuvor hatte ich die Autobiografie von Rudolf Höß, dem Kommandanten in Auschwitz, zu Ende gelesen. Darin beschrieb er eine Begegnung mit Eichmann. Als Höß Eichmann gesagt habe, dass ihm manchmal die Knie zittern würden, wenn er sieht, wie tausend Kinder pro Tag in die Gaskammern gestoßen werden, habe Eichmann ihn belehrt: Es seien doch hauptsächlich die Kinder, die man töten müsse, wo sei sonst die Logik? Wie ich mich in diesem Moment fühlte, können Sie sich vorstellen.
 


Was war Ihnen bei der Vorbereitung der Anklage wichtig?
 
Wir hatten uns entschieden, vor Gericht nicht nur belastende Dokumente zu präsentieren, sondern auch Zeugen zu bitten, von all dem Grauen zu erzählen, das sie persönlich erlebt haben. Nur so lässt sich das Ausmaß der Verbrechen von Eichmann und den Nationalsozialisten für andere begreifbar machen – nicht nur für die Richter, sondern für die Menschen in unserem Land und in der ganzen Welt.
 
Selbst für die Menschen hier in Israel, von denen doch viele Überlebende waren?
 
Ja. Sie müssen bedenken: Auch in Israel wurde über den Holocaust über Jahre kaum gesprochen. Viele Überlebende – traumatisiert, gedemütigt, beschämt wie sie waren – mieden das Thema selbst innerhalb der Familie. Zum Teil sahen sie sich auch dem Unverständnis der eigenen Kinder ausgesetzt: Warum sie sich nicht stärker gegen die Verfolgung, gegen die Vernichtung ihres eigenen Volkes gewehrt hätten? Erst der Prozess, die Aussagen der Zeugen, hat ihnen gezeigt, wie schwer, wie unmöglich es war, dieser bösartigen Maschinerie des Täuschens und Tötens der Nationalsozialisten zu entkommen. So wuchs innerhalb der jungen Generation ein neues Mitgefühl, Empathie und Verständnis für die Überlebenden. Auch der Stolz auf Israel wurde größer, auf den eigenen Staat, der in der Welt nun eintritt für die Rechte und die Würde des jüdischen Volkes.
 
Die Bilder, auf denen Eichmann im Gerichtssaal in einer Glaskabine sitzt, gingen um die Welt. Warum sollte er so auf der Anklagebank sitzen?
 
Wir wollten absolut sicherstellen, dass kein Attentäter diesen Prozess stört. Dass die Welt sieht, dass wir ein rechtstaatliches Verfahren garantieren. Eine Ermordung hätte zudem bedeutet, dass niemand über das Ausmaß seiner monströsen Verbrechen weiter gehört hätte. Seine Verteidigungsstrategie war ja, sich selbst als kleines Rädchen darzustellen, als jemand, der nur Befehle ausgeführt habe. Das war er nicht, Eichmann war die zentrale Figur, eine treibende Kraft. Er hat sogar manche Entscheidung von Hitler hintertrieben, wenn dieser aus außenpolitischen Gründen eine Gruppe von Juden einmal nicht deportieren wollte.
 
Was erinnern Sie vom ersten Prozesstag?

 
Ich werde nie vergessen, wie die Richter eintraten, hinter ihnen das Wappen von Israel an der Wand, und alle aufstanden, auch Eichmann. Dieser Augenblick zeigte mir, was es bedeutet, dass Israel als unser Staat existiert. Viele werden das genauso empfunden haben.
 
Welche Zeugenausage berührt Sie bis heute besonders?
 
Ein Vater, Martin Földi, schilderte die berüchtigte Selektion der Menschen in Auschwitz. Seine zweieinhalbjährige Tochter trug an jenem Tag einen roten Mantel. In der Menschenmenge war sie so ein klar sichtbarer Punkt, der für ihn immer kleiner wurde. Bis er für immer verschwand. Kurz zuvor hatte ich meiner Tochter Orli auch einen roten Mantel gekauft, sie war im gleichen Alter. Als Földi seine Schilderungen beendet hatte, die Richter mich baten, fortzufahren, versagte mir für Minuten die Stimme. Dieses Motiv des Mädchens mit dem roten Mantel hat Steven Spielberg später auch in seinem Film “Schindlers Liste” aufgegriffen.
 
Nach dem Todesurteil legte Eichmann Gnadengesuch ein. Was dachten Sie, als Sie hörten, dass der Präsident abgelehnt hatte?
 
Ich wusste, dass das Urteil nun binnen einer Stunde vollstreckt wird. Meine Frau sagt, ich sei plötzlich ziemlich blass geworden. Ich halte die Todesstrafe für jemanden, der einen Völkermord zu verantworten hat, aber bis heute für gerechtfertigt.
 
Hat dieser Prozess Auswirkungen in Deutschland gehabt?
 
Definitv. Die Nürnberger Prozesse befassten sich im allgemeinen mit den Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten. Aber erst durch den Eichmann-Prozess rückte der Holocaust am jüdischen Volk ins öffentliche Bewusstsein, wurde Gegenstand von Geschichtsbüchern, wurde im Schulunterricht behandelt. Es entwickelte sich nun erst die Entschlossenheit, an ihn zu erinnern. Zudem folgten auch in Deutschland weitere Prozesse gegen Verantwortliche dieses Völkermords. In den Jahren nach dem Eichmann-Prozess habe ich mich, zusammen mit anderen, auf diplomatischem Weg dafür eingesetzt, dass diese Verbrechen nicht verjähren.
 
Im Rückblick auf Ihre lange Karriere: Welchen Stellenwert hat der Eichmann-Prozess für Sie?
 
Als Generalstaatsanwalt und als Richter am Obersten Gericht habe ich mich tatsächlich mit vielen bedeutenden und herausfordernden Fällen auseinandersetzen müssen, die das Land bewegt haben. Und doch war es der Eichmann-Prozess, der mich selbst am tiefgreifendesten bewegt hat. Er hat mein Leben geprägt.
 
 
Gabriel Bach, geboren 1927 in Halberstadt, vertrat neben Gideon Hausner 1961 die Anklage gegen Adolf Eichmann, der die Deportation von Millionen Juden in Konzentrationslager organisiert hatte. Eichmann war 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien gefasst und nach Israel gebracht worden. Am Ende des öffentlichen Prozesses in Jerusalem stand 1962 das Urteil: Tod durch den Strang. Gabriel Bach war in den Jahrzehnten danach Generalstaatsanwalt und Richter am Obersten Gericht. Auch in Deutschland wurde er für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz.

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