Die Situation von Kindern und Jugendlichen in Südkorea
„Wir sollten die schwierige Lage nicht ignorieren“

Die Maßnahmen zum Social Distancing bedeuten auch für Südkoreas Kinder und Jugendliche große Einschränkungen in ihrem Alltag.
Die Maßnahmen zum Social Distancing bedeuten auch für Südkoreas Kinder und Jugendliche große Einschränkungen in ihrem Alltag. | Foto (Ausschnitt): © Keun Young Lee

Kinder und Jugendliche haben bislang am stärksten unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten. Wie hat sich ihr Leben während der Coronakrise in Südkorea verändert und wie kann es Chancengleichheit für alle geben? Ein Gespräch mit der Sozialarbeiterin Jinhee Sunwoo.

Von Minjee Kum

Das südkoreanische „Good Neighbors“-Forschungszentrum für Kinderrechte in Seoul führte 2020 eine Studie zu Reaktionen von Kindern auf Katastrophen im Jahr 2020 an 3.375 südkoreanischen Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 18 Jahren sowie deren Eltern durch. Wir haben mit Jinhee Sunwoo, Sozialarbeiterin beim „Good Neighbors“-Forschungszentrum, die die Studie mitdurchgeführt hat, über die Auswirkungen auf Bildung und Sozialleben von südkoreanischen Kindern und über mögliche Lösungsansätze gesprochen.

Wie hat sich das Leben der Kinder und Jugendlichen seit Beginn der Coronakrise verändert?

Jinhee Sunwoo: Als die Maßnahmen zum Social Distancing beschlossen wurden, waren Regelungen, die die Gesellschaft betreffen, sowie solche, die für Bildung, Schutz und Betreuung von Kindern sorgen, mit einem Mal außer Kraft gesetzt. Das hat vor allem die Ernährung von Kindern betroffen. Viele haben begonnen, sich schlechter zu ernähren, da sie vermehrt Mahlzeiten ausgelassen oder zu Fertigprodukten, Fastfood und dergleichen gegriffen haben. Auch sind sie mit Problemen beim Lernen konfrontiert, da ihr Unterricht hauptsächlich online stattfindet.

Da viele Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verstärkt am Smartphone oder mit dem Spielen von Computerspielen verbringen, kommt es häufiger zu Streit mit ihren Eltern oder Betreuer*innen. Durch den größeren Stress, dem Eltern oder Betreuer*innen wegen der Schulsituation und der neu hinzugekommenen Aufgaben zu Hause ausgesetzt sind, erleben Kinder und Jugendliche verschiedene Formen von Gewalt, zu Hause und online. Zusammenfassend kann man also sagen, dass die südkoreanische Jugend momentan einen starken Verlust in den Bereichen Bildung und Betreuung erlebt, mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, und ihre grundlegenden Rechte auf eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, auf die Möglichkeiten der Weiterentwicklung und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt werden.

Das Problem der fehlenden Kinderbetreuung ist gravierender geworden.

Jinhee Sunwoo

Vor der Pandemie hatten südkoreanische Jugendliche unter allen OECD-Ländern die niedrigste Stundenanzahl an Schlaf. Seit der Coronapandemie ist diese gestiegen. Was könnte der Grund dafür sein und kann man das als eine positive Erscheinung werten?

Jinhee Sunwoo: Im Jahr 2018 schliefen südkoreanische Kinder und Jugendliche durchschnittlich 7,6 Stunden täglich, 2020 waren es hingegen 8,3 Stunden. Diese Entwicklung lässt sich allerdings nur bedingt als positives Phänomen betrachten. Denn da die Schulen geschlossen sind und der Unterricht zu Hause online stattfindet, haben Jugendliche Schwierigkeiten, einem geregelten Tagesablauf zu folgen. Sie verbringen mehr Zeit in der Wohnung und nicht in öffentlichen Einrichtungen, was dazu führt, dass sie natürlicherweise länger schlafen, vor allem, wenn Eltern oder Betreuer*innen selbst in ihrem Arbeitsleben so eingebunden sind, dass sie keine Zeit haben, ihre Kinder zu wecken. So stehen viele Kinder später auf, was zu einem unregelmäßigen Tages- und Nachtrhythmus führt.

Mit Beginn der Coronakrise ist das Problem der fehlenden Kinderbetreuung größer geworden. Welche Probleme stellt dies für Kinder und Jugendliche dar?

Jinhee Sunwoo: Seit der Pandemie verbringen Kinder deutlich mehr Zeit zu Hause. Ihre Eltern müssen bei ihnen sein, um ihnen bei der Schularbeit zu helfen – eine neue Situation für viele Familien. Arbeiten beide Elternteile oder ein alleinerziehendes Elternteil, müssen sie Verwandte oder andere Personen aus ihrem Umfeld bitten, auf ihre Kinder aufzupassen. Im Falle von Familien mit niedrigem Einkommen kann es sein, dass sie ihre Kinder gänzlich unbeaufsichtigt alleine zu Hause lassen müssen. Das Problem der fehlenden Kinderbetreuung ist also noch einmal gravierender geworden. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen: 0,5 Prozent aller Vorschüler*innen im Alter bis sieben Jahren antworteten, dass sie unter der Woche ohne Betreuung seien. Bei Grundschüler*innen der ersten bis dritten Schulklasse, also bei den Sieben- bis Zehnjährigen, waren es im Jahr 2020, als die Studie durchgeführt wurde 4,5 Prozent; bei Grundschüler*innen der vierten bis sechsten Schulklasse, den Zehn- bis Dreizehnjährigen, 15,5 Prozent; bei den 13- bis 16-jährigen Schüler*innen der Mittelschule 22,7 Prozent und 29,1 Prozent bei den Schüler*innen der Oberstufe, den 16- bis 19-Jährigen. Die mangelnde Betreuung führt, wie erwähnt, auch dazu, dass Kinder und Jugendliche Mahlzeiten auslassen. Vor der Pandemie, im Jahr 2018 nahmen 50,1 Prozent der Kinder drei Mahlzeiten pro Tag zu sich ein. Nach Beginn der COVID-19-Pandemie, im Jahr 2020, waren es nur noch 35,9 Prozent - demnach ließen also zwei von drei Kindern Mahlzeiten aus. 

Die Leistungskluft wird größer.

Jinhee Sunwoo

Hängen in Südkorea die Schwierigkeiten, mit denen Kinder und Jugendliche zu kämpfen haben, mit dem Einkommen ihrer Eltern zusammen?

Jinhee Sunwoo: Laut der Umfrage werden die fehlende Kinderbetreuung und auch das Problem der Mangelernährung größer, je geringer das Einkommen der Eltern ist. Außerdem haben Eltern, die wegen der Coronapandemie Einbußen in ihrem Einkommen erlitten haben oder generell einkommensschwach sind, größere Probleme damit, ihre Kinder beim Onlineunterricht zu unterstützen oder zu betreuen. Zudem sind die Stunden, die ihre Kinder mit außerschulischem Unterricht und Lernen verbringen, wesentlich geringer. Aufgrund der Pandemie ist das südkoreanische Bildungssystem stark in Mitleidenschaft gezogen worden und die Leistungskluft, die bereits vorher bestand, hat sich erneut vergrößert, was ein Nachteil für diejenigen Kinder ist, die aus bildungsfernen Schichten kommen.

Was kann gegen diese Situation, in der sich viele Kinder befinden, unternommen werden und wie kann es Chancengleichheit für alle geben?

Jinhee Sunwoo: Bei der vom Bildungsministerium vorgenommenen Bewertung schulischer Leistungen 2020, wurde deutlich, dass der Anteil der Kinder und Jugendlicher, die eine mangelhafte Grundbildung aufweisen, im Vergleich zu 2019 drastisch zugenommen hat. Auf Regierungsebene muss vieles unternommen werden, um die Defizite der Schulbildung wieder zu beheben und die schulischen Leistungen der Kinder zu stärken. Dazu gehört Familien, Schulen und Gemeinschaften auf lokaler Ebene enger miteinander zu vernetzen, damit Kinder, die aufgrund der Pandemie isoliert wurden, die Bildung, Fürsorge und den Schutz erfahren, den sie benötigen. Bereiche wie die psychische Stabilität, soziale Beziehungen, Freizeit und Spaß müssen ebenfalls ganzheitlich gefördert und gestärkt werden.

Als Reaktion auf die Bewertungsergebnisse der schulischen Leistungen aus dem Jahr 2020 entwarf das südkoreanische Bildungsministerium im Juni 2021 eine ganzheitliche Maßnahme, den Plan zur Verbesserung der Schulbildung, der individuell angepassten Unterricht, unterstützende psychologische und soziale Angebote zur Regenerierung, sowie besondere Maßnahmen für benachteiligte Gesellschaftsschichten umfasst. Es sollte unser Ziel sein, die schwierige Lage, in der sich unsere Kinder und Jugendlichen aktuell aufgrund der Pandemie befinden, nicht zu ignorieren und Lösungen zu finden, welche die Situation verbessern.

 

Interviewpartner


Jinhee Sunwoo - Sozialarbeiterin am „Good Neighbors“-Forschungszentrum für Kinderrechte in Seoul. Foto (Ausschnitt): © privat

Jinhee Sunwoo ist seit 2017 als Sozialarbeiterin am „Good Neighbors“-Forschungszentrum für Kinderrechte in Seoul beschäftigt. Dort führt sie Studien für die Verbesserung von Kinderrechten und -fürsorge durch. Zurzeit arbeitet sie an Studien zum Leben von Kindern während der Coronapandemie und führt die Studie zu Reaktionen von Kindern auf Katastrophen auch im Jahr 2021 durch.

 

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