Verkehr
Jujhar Singh, Busfahrer, Hessen
Jujhar Singh arbeitet als Busfahrer in Deutschland. Über das Arbeitsamt ließ er sich umschulen – denn in Deutschland fehlen tausende Fahrer. Inzwischen kennt er den Alltag im Linienverkehr genauso gut wie die Regeln der deutschen Gesellschaft.
Jujhar Singh parkt sein Auto am Betriebshof der Hessischen Landesbahn, greift zum Einsatzplan und geht auf direktem Weg zu seinem Linienbus. Das Fahrerhäuschen ist sein Arbeitsplatz. „Ich fahre seitvierJahren Bus“, sagt er. Seit 2009 lebt Singh in Deutschland.
Geboren im indischen Punjab, aufgewachsen in Neu-Delhi, hat Singh sein Berufsleben zunächst in seiner Heimat verbracht. Er machte seinen Schulabschluss in der indischen Hauptstadt, arbeitete dort als Taxifahrer und Lkw-Fahrer. Später gründete er mit einem Freund eine Transportfirma. 15 Jahre lang waren sie Geschäftspartner.
Dann kam sein Entschluss zur Auswanderung.„Ich wollte ein besseres Leben“, sagt er. „Hier habe ich es gefunden. “In Deutschland angekommen, arbeitete er zunächst im Restaurant seines Bruders, dann rund zehn Jahre lang in der Autoaufbereitung – in verschiedenen Autohäusern und Betrieben. „Das lief gut“, erzählt er. Bis zur Corona-Pandemie im Jahr 2020.
Beruflicher Neuanfang nach der Pandemie
Die Firma, bei der Singh damals angestellt war, kämpfte in der Pandemie mit wirtschaftlichen Problemen. Er wurde entlassen. Über das Arbeitsamt erhielt Singh mehrere Vorschläge für berufliche Neuorientierung – darunter auch die Umschulung zum Busfahrer. „Das war mein Traumberuf“, sagt er. „Aber der Führerschein ist sehr teuer.“Die Kosten von rund 10.000 bis 12.000 Euro wären ohne Unterstützung für Singh nicht finanzierbar gewesen. In Singhs Fall übernahm das Arbeitsamt sämtliche Ausgaben: Ausbildung, Fahrkostenundnotwendige Qualifikationen. Ein Jahr später fuhr er seine erste Linie bei der Hessischen Landesbahn.
Busfahrer in Deutschland dringend gesucht
Singhs Job ist heute gefragter denn je: In Deutschland fehlen laut dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (BDO) rund 20.000 Busfahrerinnen und Busfahrer im öffentlichen Nahverkehr – Tendenz stark steigend. Bis 2030 könnten es über 60.000 sein, wenn zu wenige neue Kräfte nachrücken. Der Personalmangel führt in vielen Regionen bereits zu Fahrtausfällen. Für Bewerber aus dem Ausland bedeutet das: Die Einstiegschancen waren selten so gut wie jetzt.Alltag im Schichtsystem
Singh fährt in einem Zweischichtsystem„Die Frühschicht beginnt um vier Uhr morgens, die Spätschicht kann bis elf Uhr abends dauern. Aber ich mag das. Man kann seine Termine gut planen und zu unterschiedlichen Tageszeiten erledigen.“Besonders gefällt Singh der Umgang mit den Menschen. „Ich bin den ganzen Tag unterwegs, treffe ständig neue Leute.“ Hin und wieder bekomme er sogar kleine Geschenke von älteren Fahrgästen. „Das passiert schon mal, wenn sie sich freuen, dass man sie erkennt“, erzählt er lachen. Auch in seinem privaten Umfeld hat Singh bisher nur positive Erfahrungen gesammelt.„Ich hatte noch nie Streit mit jemandem. Vielleicht hatte ich einfach Glück, aber ich habe hier nur freundliche Menschen getroffen und viele Freunde gefunden.“
Sprache lernen – schon vor der Einreise
Wer aus Indien nach Deutschland kommen möchte, dem rät Singh vor allem eins: die Sprache lernen. Mindestens B1-Niveau sollte bereits in Indien erreicht sein. „Sonst wird vieles schwer – Arbeit, Alltag, Kontakte.“Auch ein Grundverständnis für die deutsche Kultur hilft seiner Meinung nach. „Wenn man weiß, wie der Alltag hier funktioniert, ist es einfacher, anzukommen.“Sein Tipp, um in Deutschland Freunde zu finden ist die Mitgliedschaft in einem Verein. „In Deutschland gibt esfür alles einen Verein – von den Wanderfreunden, bis zum Fußballverein“, erzählt Singh. Über 600.000 Vereinemitüber 50 Millionen Mitglieder gibt es in Deutschland. Oft suchen sie neue Mitglieder über Zeitungsanzeigenund Aushänge an regionalen Veranstaltungsorten. Informationen zu lokalen Vereinen finden sich auch im Internet.
Für den Berufseinstieg in Deutschland sieht Singh grundsätzlich zwei Möglichkeiten: eine Ausbildung – mit einer geringeren, aber gesicherter Bezahlung – oder eine direkte Festanstellung mit anerkanntem Qualifikationsnachweis. „Beides ist machbar, wenn man sich gut vorbereitet, aber ohne Sprache und Motivation geht es nicht“, ist sich Singh sicher.