Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Agnieszka Drotkiewicz empfiehlt
Ein Buch-Geschenk

„Am Fluss“ von Esther Kinsky ist ein persönliches Notizbuch oder ein Reiseführer, in dem uns die Protagonistin durch Londoner Seitengassen und Läden mit Waren aus verschiedenen Ecken der Welt führt. Sie unterhält sich auch mit Menschen, denen sie auf kürzeren und längeren Reisen begegnet.

Buchcover „Nad rzeką“, Esther Kinsky © Biuro Literackie, Pressematerial Während eines Frühlings, den ich in Berlin verbrachte, stattete ich der bekannten Übersetzerin und Schriftstellerin Esther Kinsky einen Besuch ab. Wir tranken zusammen Tee in ihrer wunderschönen Wohnung in Neukölln, die voller Bücher, Fotografien und Reiseandenken war. Auf ihrem riesigen Schreibtisch stapelten sich Papiere, eine Katze strich zwischen unseren Beinen umher. Ich war völlig gefangen von Esther, von ihren Erzählungen über ihre Reisen, über die Städte, in denen sie gelebt hatte, und über ein ungarisches Dorf, in dem sie an ihren Übersetzungen gearbeitet hatte. Ihre Berliner Wohnung ist mir als ein Raum voller Schätze in Erinnerung geblieben, ein spezieller Raum, in dem andere Gesetze herrschen als in der Außenwelt. Es war ein Raum, in dem ich selbst gern eine Weile gewohnt, in dem ich selbst gern heimisch geworden wäre.

Ein wenig später gelang mir dies tatsächlich – nicht so sehr in Esthers Wohnung, sondern vielmehr in der Welt ihres Romans Am Fluss. Ich fand darin all das wieder, was mich während meines Besuches so fasziniert hatte: Schätze, eine Zeit, die ein wenig anders verlief, Seitengassen und Randbezirke. Der meditative Rhythmus des Romans bietet eine willkommene Auszeit von der Hektik des Alltags. Am Fluss wirkt wie ein literarisches Notizbuch, er ist Reiseliteratur und Lokalliteratur zugleich, denn er dokumentiert das Heimisch-Werden der Protagonistin.

„Am Fluss“ wirkt wie ein literarisches Notizbuch, er ist Reiseliteratur und Lokalliteratur zugleich, denn er dokumentiert das Heimisch-Werden der Protagonistin.

Die Welt des Romans wird von Flüssen bestimmt. Von Flüssen, die Leben spenden, die Wasser und Nahrung bieten, und von Flüssen, die voller Poesie sind und die sich mit Veränderung verbinden. Von todbringenden und zugleich Hoffnung machen Flüssen. Von Flüssen, die als Kommunikationswege dienen und die gleichzeitig Menschen voneinander trennen. Die Erzählerin des Romans wird zu unserer Reiseführerin durch diesen Raum. Sie streunt durch den Osten Londons, entlang dem Ufer des Themse-Zuflusses River Lea, und unternimmt längere und kürzere Reisen. Durch London bewegt sie sich entweder zu Fuß oder mit dem Bus, wodurch sie zwei unterschiedliche Perspektiven gewinnt: Vom Bürgersteig blickt sie in die Fenster der Erdgeschossräume und vom oberen Deck des Doppeldeckerbusses in die Fenster der oberen Stockwerke.

Sie spaziert auch durch ihren eigenen Stadtrandbezirk oder blickt einfach aus dem Fenster. Sie beobachtet den Alltag der dort lebenden chassidischen Juden, sie besucht einen Laden mit koscheren Eiern, einen Trödelladen, der von einem Kroaten geführt wird, und einen Lebensmittelladen mit osteuropäischen Spezialitäten: „Ich suchte das Geschäft öfter auf, auch wenn ich dort wenig zu kaufen fand, doch ich betastete und betrachtete gerne die Dinge, die mir aus Osteuropa vertraut waren und sich immer mit einem kleinen Stich deplatzierten Heimwehs verbanden, einer Art Heimweh zweiter Hand, wie man es für Orte empfindet, von denen man unter Auslassung der sogenannten Wirklichkeitsform meint, sie hätten Heimat sein können.“ Daneben begleiten wir die Protagonistin des Romans auch auf längeren Reisen: nach Kanada, Israel und Indien, nach Słubice und Kroatien. Ein wichtiger Bestandteil dieser Reisen sind Unterhaltungen. Die Protagonistin macht sich die Welt zu eigen, indem sie Gespräche mit anderen Menschen, vor allem mit Frauen führt, wie zum Beispiel Sonja, die ein Faible für Lochkameras hat, ihrer Mitbewohnerin in Kanada, die in einer Bäckerei arbeitet, einer älteren Dame, die nach Warschau zurückkehrt, um dort zu sterben, oder einer indischen Hotelbesitzerin, die ihren Hund mit selbst gemachter Pastete füttert…

Esther Kinsky macht uns mit Am Fluss ein großes literarisches Geschenk, indem sie uns an ihren Reisen, Spaziergängen und Gesprächen teilhaben lässt.
 
Esther Kinsky: Am Fluss, Matthes und Seitz, Berlin 2014
 

Top