Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Mehrsprachigkeit in Deutschland
Migration und Sprache

Eine Mischung verschiedener Kulturen – schwarze Pelmeni
Eine Mischung verschiedener Kulturen – schwarze Pelmeni | © colourbox.com

In multikulturellen Metropolen wie Berlin oder Köln ist die deutsche Sprache im Wandel. In von Migration geprägten Stadtvierteln sind vereinfachte Formen wie „Gehst du Bahnhof“ zu hören. Wie diese Prozesse verlaufen, erklärt der Sprachwissenschaftler Prof. Uwe Hinrichs.

Von Uwe Hinrichs

„Migration und Sprache“  wird wahrscheinlich das beherrschende Thema in der Linguistik der nächsten Jahrzehnte sein. Weltweite Migrationen sind neben Klimawandel, einer globalisierten Wirtschaft und neuen Kriegsgefahren ein starkes Symptom des 21. Jahrhunderts. Migrationen gab es natürlich schon immer. Die neuen Migrationen bringen aber eine neue Qualität mit: sie sind sehr schnell, meistens unkontrolliert, oft vernetzt und mit Flucht, Exil und Asyl vermischt (Bacci 2015). Die Politik und die Wissenschaften des Abendlandes sind hierauf jedoch kaum vorbereitet; sie müssen nun schnell reagieren: das bringt große Risiken.
 
Dabei kommen viele Kulturen und Sprachen miteinander in Kontakt und beeinflussen sich intensiv. Solche Kontakte gab es natürlich schon immer: die großen Kontaktgebiete in Indien, der Karibik oder auf dem Balkan sind sogar relativ gut erforscht. Und auch die Sprachen in Europa bilden einen historisch gewachsenen Sprachkontakt-Bund (Hinrichs 2010). Und trotzdem steckt die „Migrationslinguistik“ noch in den Kinderschuhen. Wie kommt das? Es geht heute nicht mehr um Sprachkontakte auf fernen Kontinenten, sondern um Prozesse, die sich vor unseren Augen abspielen: Intensive Sprachmischungen und wachsende Mehrsprachigkeiten bestimmen überall die Sprachsituation, besonders massiv in den europäischen Ländern. Dieser Multilingualismus ist schon jetzt dabei, die Zielsprachen zu verändern und viele ihrer Strukturen an die neuen Situationen anzupassen. 

Mehrsprachigkeit und Code-switching 

In Großstädten wie Berlin oder Köln treffen Dutzende Fremdsprachen aufeinander und beeinflussen sich. Waren es früher vor allem Türkisch, Italienisch, Polnisch oder Russisch, kommen jetzt Arabisch, Persisch oder Hindi hinzu, gar nicht zu reden von vielen weiteren Sprachen aus Asien oder Schwarzafrika. Dabei springen die Sprecher im Alltag oft zwischen den Sprachen hin und her: zuhause sprechen sie Arabisch, auf der Straße notgedrungen Deutsch. Dieses „Codeswitching“, das eine Unzahl von Tandems wie Türkisch-Deutsch oder Polnisch-Deutsch erzeugt, bewirkt, dass sich beide Sprachen mit der Zeit verändern: sie werden einfacher. Das Wichtigste ist, dass es vor allem in den vielen Migranten-Deutschs nicht mehr zuerst auf grammatische Korrektheit ankommt, sondern darauf, dass man sich möglichst effektiv verständigen kann. Die Linguistik spricht hier von „Destandardisierung“: die Ebenen einer Sprache vermischen sich unter dem Druck von Mündlichkeit und Effektivität und erzeugen dabei hybride Sprachformen, die auf den ersten Blick oft „falsch“ aussehen. Dabei wird die hochsprachliche Grammatik vereinfacht und es kommt zu vielen Überschneidungen – und dies mag ein Grund sein, warum sich Länder wie Ungarn, Serbien oder Polen gegenüber zuviel Migration politisch noch reserviert zeigen.

Extreme Sprachveränderungen: „Kiezdeutsch“ 

Die deutsche Sprache ist ein Musterbeispiel für Sprachwandel unter dem Einfluss von neuen intensiven Sprachkontakten. In den multikulturellen Ballungszentren sind in den letzten Jahrzehnten extreme Pidgin-Formen entstanden, an denen Menschen aus vielen Nationen beteiligt waren: Russen und Türken, Polen und Araber, Portugiesen und Serben. Die Grammatik des sogenannten „Kiezdeutsch“ (Wiese 2012) vereinfacht sich radikal, weil zuviel Grammatik hier eher stört als nützt. Typische Äußerungen sind:

Isch geh ­_ Görlitzer Park. (für: zum Görlitzer Park)
Isch frag mein_ Schwester. (für: meine Schwester)
Hat er Protest gemacht. (für: protestiert)
Hat sie aufgemacht die Tür Fatima. (für: Fatima hat die Tür aufgemacht)

Eine noch größere Verbreitung in der Jugendsprache hat eine weitere Sprechweise, die auf Artikel und Präpositionen oft verzichtet („Kurzdeutsch“; Marossek 2016):

Gehst du ­_ Bahnhof?
Kaufst du _ Auto!
Isch werde ­_ zweiter Mai 18.

Wenn man hier nach Erklärungen sucht, kommen einige Linien zusammen: Effektive Kommunikation, die alles Überflüssige weglässt; Chat-Formen aus Facebook, Twitter & Co; Pidginformen; schnelle Mündlichkeit und eine gewisse Protesthaltung gegenüber schriftsprachlichen Normen. Aber auch die Herkunftssprachen selber haben großen Einfluss:

• Im gesprochenen Arabisch werden die Kasusendungen der Schriftsprache fast ganz weggelassen.
• Das neue Modell / _ gibt Leute die kein Fleisch essen / (statt: es gibt/ kommt aus dem Türkischen, Arabischen, Russischen und Albanischen, z.B. russisch est‘ ljudi.
• Das weitverbreitete lexikalische Modell / Protest machen / (statt: protestieren) kommt aus dem Türkischen, Persischen und dem Hindi (türk. telefon etmek „telefonieren“).
• Schließlich kennen die meisten Migrantensprachen keinen Artikel (Slawische Sprachen; Türkisch), und deshalb wird er im Migrantendeutsch oft weggelassen.

Und natürlich gibt es bereits Hunderte von türkischen und arabischen Fremdwörtern, die immer mehr den deutschen Alltag prägen wie Döner, Kebab, Raky, Halva, Hamam, Ramadan, Burka, Dzhihad, Hadzh, Koran, Bayram etc.

Sprachveränderungen in der Umgangssprache   

Kiezdeutsch und Kurzdeutsch sind natürlich Extreme, die an soziale Schichten und das Bildungsniveau gebunden sind. Aber auch in der Umgangssprache der Deutschen gibt es deutliche Spuren dieser Tendenzen. Wenn fast 20 Millionen Menschen mehrsprachig sind und täglich irgendeine Art von Migrantendeutsch sprechen, muss dies auf die Mehrheitssprache irgendwie abfärben. Allgemein kann man sagen: die hohe Grammatik wird zurückgefahren und macht immer mehr „Kompromiss-Phänomenen“ Platz, die aus dem Sprachkontakt stammen. Die „echten“ Deutschen arrangieren sich mit der neuen Sprachsituation (Hinrichs 2013, 225ff.):
 
• Alle vier Kasus des Deutschen schwanken im Gebrauch: so hört man oft das Auto von meinem Vater (statt: meines Vaters), er hat es ihn versprochen (statt: ihm), wir sprechen mit den Präsident_ (statt: mit dem Präsidenten); er hat ihm ein_ Vorwurf gemacht (statt: einen Vorwurf) etc.
• Oft werden die Fälle auch schon halb ersetzt, und zwar durch Präpositionen: Die Rechtsprechung in Deutschland; die Zukunft für die Banken; die Lehren aus der Geschichte.
• Der Zusammenhalt im Satz gelockert: es entstehen Lücken und Bruchstellen, die früher als „Fehler“ galten, heute aber mehr und mehr toleriert werden. Ob man korrekt sagt (im Zoo) mit einem niedlichen Eisbären oder mit ein niedlichen Eisbär oder noch anders – das wird kaum noch korrigiert.
• Immer mehr greift im Deutschen das Modell mit machen um sich: einen Film machen, ein Tor machen und ersetzt die alten Wendungen wie einen Film drehen etc.
• Schwierige Kategorien wie Konjunktiv oder Plusquamperfekt werden mündlich kaum noch verwendet.

All das entspringt dem multilingualen Milieu. Es führt dazu, dass sich die Schere zwischen der Hochsprache und dem gesprochenen Deutsch immer weiter öffnet. Es bildet sich langsam eine neue Sprechnorm heraus (Hinrichs 2016a), die sich von der Schreibnorm der Schule immer weiter entfernt: eine neue Schwierigkeit für Migranten.  

Die Rolle des Englischen 

Der neue Sprachwandel des Deutschen wird durch die Rolle des Englischen noch einmal forciert. An den Universitäten wird in den Wissenschaften oft Englisch gesprochen, und Englisch ist für Migranten und Studenten aus dem Ausland die allgemeine lingua franca für den Alltag (Fiedler, Brosch 2018). Auch die Wirtschaft wird längst vom Englischen regiert und erzeugt Mischformen, die in Deutschland „Denglish“ heißen und zuweilen groteske Sätze produzieren wie etwa:
„Ich musste die Harddisk neu formatieren, weil der falsch gesteckte Jumper zur data corruption geführt hat und der Computer gecrasht ist.“
Solchen Auswüchsen wird zunehmend dadurch begegnet, dass auch wieder mehr deutsche Ausdrücke verwendet werden, bald vielleicht auch chinesische oder noch andere. Wichtig ist aber: Englisch ist eine Sprache, die bereits in ihrer Geschichte durch Sprachkontakte zum Neuenglischen umgeformt wurde und viele von jenen Zügen aufweist, die sich in anderen Sprachen erst herausbilden, zum Beispiel die Rückbildung der Fälle. Englisch ist schon, wie die Linguisten sagen, „analytisch“ und erfüllt so auch strukturell eine Vorbildfunktion.
 

Literaturhinweise

Bacci, Massimo Livi (2015): Kurze Geschichte der Migration. Berlin: Wagenbach.

Fiedler, Sabine, Brosch, Cyril (Hrsg.) (2018): Flucht, Exil, Migration. Sprachliche Herausforderungen. Leipziger Universitätsverlag.

Hinrichs, Uwe (2009), Sprachwandel oder Sprachverfall? Zur aktuellen For­schungs­situation im Deutschen. In: Muttersprache 1, S. 47-57.

Hinrichs, Uwe (2013): Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert. München: C.H. Beck.

Hinrichs, Uwe (2016): Die deutsche Sprache wirft Ballast ab. In: DIE ZEIT Nr. 16, S. 50.

Hinrichs, Uwe (2016a): Sprachliche Wurmlöcher. Wie sich unser Sprechen verändert. In: Schmitz, Colleen M., Weiss, Judith E. (Hrsg.), Sprache. Ein Lesebuch von A bis Z. Göttingen: Wallstein. S. 150-153.

Hinrichs, Uwe (Hrsg.) (2010), Handbuch der Eurolinguistik. Wiesbaden: Harrassowitz.

Krefeld, Thomas (2004): Einführung in die Migrationslinguistik. Von der Germania italiana in die Romania multipla. Tübingen: Narr.

Luft, Stefan (2016): Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen. München: C.H.Beck.

Marossek, Diana (2016): Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? München: Carl Hanser.

Radtke, Caroline (2017): Bereicherung oder Bedrohung? Veränderungen der deutschen Sprache durch Migration aus arabischen Ländern. Unv. Bachelor-Arbeit. Leipzig.

Wiese, Heike (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C.H. Beck.


 

Top