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Frühe Mehrsprachigkeit
Basis für zukünftige Erfolge

Kinder in der Schulklasse
© colourbox.de

Gilt das Sprichwort „Je früher desto besser“ auch für die Mehrsprachigkeit? Wie viele neurolinguistische Forschungsergebnisse zeigen, beginnen Veränderungen im menschlichen Gehirn, die den Spracherwerb beeinflussen, im Vorschulalter. Wenn der Erwerb der zweiten Sprache zu Beginn dieses Zeitraums beginnt, ähnelt er dem Erwerb der ersten Sprache. Michaela Sambanis und Christian Ludwig schreiben über die Vorteile der Auseinandersetzung mit der Fremdsprache im frühen Kindesalter.

Kinder entwickeln sich, indem sie die Welt entdecken, mit Menschen in Kontakt kommen, vieles ausprobieren, beobachten, nachmachen und auf diesem Weg nach und nach Strukturen in ihrem Gehirn aufbauen, die es ihnen erlauben, zurecht zu kommen und eigene Ziele zu erreichen. Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie ermöglicht es, mit anderen in Kontakt zu treten, Dinge zu verstehen und diese in Gedanken zu verarbeiten. Eigentlich wird so ziemlich alles zu Sprache in unserer Welt und in unserem Kopf! 

Als Eltern möchte man seinem Kind die besten Chancen geben, damit es gut aufwachsen und die Anregungen finden kann, die es im jeweiligen Alter braucht. Es soll auch erleben, dass Lernen Spaß machen kann: Wenn man vor eine Herausforderung gestellt wird und diese meistert, belohnt sich das Gehirn selbst mit einem Botenstoff namens Dopamin. Dieser löst ein sehr gutes Gefühl aus und macht Lust auf weitere Herausforderungen. Eine zweite Sprache kann eine solche Herausforderung sein und zwar eine mit großem Wert für das weitere Leben des Kindes. Wenn es früh schon Sprachlernerfahrungen sammelt, kann das weiteres Sprachenlernen während der späteren Schulzeit erleichtern, Bildungschancen, z.B. ein Praktikum oder Studium im Ausland, erhöhen, Berufsaussichten verbessern etc. Frühe Mehrsprachigkeit kann, wenn das Sprachenlernen altersangemessen gestaltet wird, sowohl Freude bringen als auch eine wichtige Investition in das Kind und seine Zukunft darstellen.

Warum Deutsch?

Die deutsche Sprache ist auch in Polen immer noch lebendig. So gibt es eine verfassungsmäßig anerkannte deutschsprachige Minderheit, wie z.B. in Oberschlesien, wo Schlesisch gesprochen wird, und einige Kinder wachsen zweisprachig mit Polnisch und Deutsch auf. Des Weiteren ist Polen immer noch das Land mit den meisten Deutschlernenden weltweit und Deutsch ist nach Englisch weiterhin die beliebteste Fremdsprache. Dies liegt nicht nur an der geografischen Nähe zu Deutschland, sondern auch an den engen und immer noch wachsenden kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Dennoch verringert sich die Zahl der Deutschlernenden in Polen seit Einführung des flächendeckenden Englischunterrichts. Dies liegt z.B. daran, dass bei Lernenden die Motivation Deutsch zu lernen abnimmt, wenn sie merken, dass sie in der zweiten, oft erst in der 7. Klasse beginnenden Fremdsprache Deutsch, nicht das Niveau der ersten Fremdsprache Englisch erreichen.

Früher oder später? – Überfordere ich mein Kind vielleicht?

Das Gehirn bleibt das ganze Leben lang anpassungsfähig, d.h. wir können immer dazulernen. Aber das Kindesalter stellt eine besonders wertvolle Entwicklungsphase dar, die günstige Voraussetzungen bietet, um, ohne zu überfordern, mehr als nur die Muttersprache zu erwerben: „Früh Fremdsprache zu lernen ist eine Horizonterweiterung und kein Hinderungsgrund für die Kinder“ (Festman 2018: 127).

Das Alter, in dem mit dem Sprachenlernen begonnen wird, entscheidet zwar nicht alleine darüber, wie gut die Kinder die Fremdsprache schließlich können, aber es ist einer der Faktoren, der zusammen mit anderen – vor allem affektiven Faktoren (Mag ich die Sprache? Habe ich Freude an dem, wie ich sie lernen soll? usw.) und sozialen Faktoren (Kann ich im Sprachunterricht mit anderen spielen und etwas erleben? Ist die Lehrkraft nett? usw.) – dazu beitragen, dass gute Kompetenzen aufgebaut werden können. Wichtig ist, dass man als Erwachsener nicht ungeduldig wird: Kinder brauchen Zeit! Das kindliche Gehirn ist auf Sprachenlernen eingestellt, dafür bereit, sogar hungrig nach Sprache, aber es lässt sich nicht hetzen. Sprachenlernen sollte eine schöne Erfahrung sein, Freude machen und Druck vermeiden.

Auch Teenager und Erwachsene können noch Fremdsprachen lernen, aber ihr Leben ist bereits von vielen Interessen und Verpflichtungen geprägt, sodass es oftmals schwieriger wird, für das Lernen einer Fremdsprache die nötige Zeit und Motivation aufzubringen. In der früheren Kindheit ist das Entdecken der Welt zentral, was, wie gesagt, aufs Engste mit Sprache bzw. Sprachen verbunden ist. Im Alltag des Kindes ist ganz viel Platz für Sprache, und dieser Platz kann genutzt werden!

Wie kommt das kindliche Gehirn mit Sprachen zurecht?

Das kindliche Gehirn ist auf Sprachenlernen programmiert. Es kann mehr als eine Sprache meistern, und es ist gar nicht ungewöhnlich, wenn es mit mehreren Sprachen in Kontakt kommt.

Das Gehirn durchläuft während der Kindheit und Jugend drei große Wachstumsschübe: Der erste dauert bis das Kind etwa dreieinhalb Jahre alt ist. In dieser Zeit lernt es viele Wörter dazu – an manchen Tagen bis zu 10! – und beginnt, Wörter zu Sätzen zusammenzufügen. Kurz darauf setzt die Phase ein, in der das Kind ständig Fragen stellt. Angeblich stellen Vierjährige alle zwei Minuten eine Frage, besonders Warum-Fragen. Das zeugt von Neugier, die für vieles, auch sehr gut für das Lernen einer Fremdsprache, genutzt werden kann.

Durch sprachförderliche Interaktionen, die das Kind auf spielerische Weise einbeziehen, kann das Sprachenlernen erleichtert werden. Als förderlich hat sich z.B. erwiesen, wenn Kindern vorgelesen wird und zwar besonders, wenn die Kinder dabei nicht nur zuhören, sondern sich beteiligen dürfen, indem sie Fragen stellen oder Vermutungen darüber äußern, wie die Geschichte weitergehen könnte usw. Zum jeweiligen Entwicklungsstand passende sprachförderliche Interaktionen sind für jedes Lerneralter wichtig, für Kinder sogar entscheidend.

Auf das Wie? kommt es an!

Vor allem im frühen Fremdsprachenunterricht werden die Weichen für das spätere Fremdsprachenlernen gestellt. Spielerische Aktivitäten eignen sich dazu, die kindliche Neugier zu wecken und Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass Deutsch lernen Spaß machen kann. Dabei ist es wichtig, ihnen ein vielfältiges Angebot zu machen und Materialien und Übungen zu nutzen, die sie nicht nur mit der Fremdsprache in Kontakt bringen, sondern sie dazu anregen, diese selbst, z. B. durch kleine Spiele mit alltagsnahen Wörtern, auf natürlichem Wege zu entdecken. Des Weiteren bietet gerade der frühe Fremdsprachenunterricht die Möglichkeit, nicht nur die Sprachaufmerksamkeit und die Sprachebewusstheit der Lernenden anzubahnen, die sich positiv auf das spätere Lernen weiterer Sprachen auswirken, sondern auch ihr Bewusstsein dafür, dass mehrere Sprachen nebeneinander existieren. Ein einfaches, aber wirksames Vorgehen zur Förderung des Mehrsprachigkeitsbewusstseins ist das Sprachenportrait (vgl. Abb. 1), eine Körpersilhouette, die es auch bereits jungen Lernenden erlaubt, ihr Spracherleben und die unterschiedlichen Funktionen von Sprachen in ihrem Leben abzubilden.
Abbildung 1: Das Sprachenportrait eines deutschen Studierenden mit polnischen Wurzeln Abbildung 1: Das Sprachenportrait eines deutschen Studierenden mit polnischen Wurzeln | © Dominik Grubecki Die Silhouette illustriert, wie die verschiedenen Sprachen unterschiedliche Funktionen erfüllen, verschiedene Rollen im Alltag spielen, mehr oder weniger mit Gefühlen assoziiert werden und vor allem eng mit der Biographie des Verfassers verknüpft sind.

Auch Eltern haben die Gelegenheit, das (frühe) Fremdsprachenlernen ihrer Kinder zu unterstützen, indem sie sie dazu anregen, sich z. B. durch Suchspiele aktiv mit einer Geschichte auseinanderzusetzen, oder indem sie sich von ihren Kindern einfache Geschichten in der Fremdsprache vorlesen oder erzählen lassen. Abbildung 2:  Ausschnitt aus „Der kleine Prinz“ / Mały Książe Abbildung 2: Ausschnitt aus „Der kleine Prinz“ / Mały Książe | @ Schulbuchverlag Anadolu In dem Bilderbuch Der kleine Prinz Mały Książe wird die Geschichte sowohl in polnischer als auch deutscher Sprache erzählt sowie durch Illustrationen ergänzt. Dies erlaubt Kindern nicht nur einen kreativen Umgang mit dem Text, sondern auch, Bezüge zwischen den Sprachen herzustellen. „Das Interesse für andere Sprachen wird angeregt, die Neugierde wird geweckt“ (Hüsler 2009: 34). So können sich junge Leser u.a. auf die Suche nach zentralen Wörtern der Geschichte in der jeweils anderen Sprache machen und dadurch auch mehr über die eigene Sprache lernen. Das Verständnis für beide Sprachen wird entwickelt und im Gehirn entstehen Verbindungen zwischen den Sprachen, die über die Bilder zusätzlich gestärkt werden.

Die Auseinandersetzung mit der Fremdsprache lohnt sich bereits im frühen Kindesalter, denn hier werden wichtige Grundsteine gelegt, um auch in späteren Jahren Deutsch sowie andere Fremdsprachen erfolgreich zu lernen bzw. weiterhin zu lernen.

Literatur

Festman, J. (2018): Von Psycholinguistik und Neurowissenschaften zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer. In: Böttger, H. / Sambanis, M. (Hrsg.): Focus on Evidence II – Netzwerke zwischen Fremdsprachendidaktik und Neurowissenschaften. Tübingen: Narr, 107-117.

Hüsler, S. (2009): Bilderbücher und viele Sprachen. Warum mehrsprachige Bilderbücher unbedingt in die Kita gehören und wie sie eingesetzt werden können. TPS – leben, lernen und arbeiten in der Kita 10, 34-37.

Lundquist-Mog, A. / Widlok, B. (2015): DaF für Kinder. DLL – Deutsch Lehren und Lernen 8. München: Klett-Langenscheidt.

Saint-Exupéry, A. de (2017): Der kleine Prinz / Mały Książe. Nacherzählt von Dr. Heiner Lohmann, illustriert von Buket Topakoğlu. Wassenberg: Schulbuchverlag Anadolu.


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