Autobiografisches Schreiben in Deutschland „Um nicht vergessen zu werden“

Coverbild der Autobiographie „Wie’s daheim war“ von Luise Braun
Coverbild der Autobiographie „Wie’s daheim war“ von Luise Braun | Foto: privat

Immer mehr Deutsche verfassen ihre Memoiren alleine oder mit der Unterstützung eines professionellen Biografen. Was motiviert sie zum Schreiben und welche Geschichten erzählen sie?

„‚Mutter, der Brief kommt von einem Krankenhaus aus München, dort ist bestimmt unser Josef.‘ Wir hatten ja noch nichts von ihm gehört. Den Brief öffnete ich und las vor. [...] Josef kam am 30. Mai ins Nymphenburger Schloss, welches als Lazarett eingerichtet war. Barmherzige Brüder pflegten ihn. Er sagte immer: ‚ Wenn nur die daheim wüssten, wo ich bin und wie es mir geht. ‘ [...] Dann weinte ich. Er starb am 30. Juni 1945 im obigen Krankenhaus.“

Was Luise Braun (88) als schlimmsten Moment ihres Lebens bezeichnet, steht auf den DIN-A-Seiten einem schmalen weinroten Buchs, das ihre Kindheit im Spessart beschreibt. Unter dem Titel „Wie’s daheim war“ ist die Verfasserin selbst an ihrem ersten Schultag zu sehen: Zöpfe, ernster Blick nach oben und vergilbte Sütterlinschrift im Hintergrund. Sie hat noch vier weitere Bücher über ihre Vergangenheit und das Leben in ihrem Dorf geschrieben.

Ein wachsender Sektor

Es existiert keine Statistik, wie viele solche Lebenserinnerungen in deutschen Familien kursieren, es muss sich aber um eine beachtliche Zahl handeln, wenn man bedenkt, wie viele Workshops zum Thema „Autobiograpisches Schreiben“ an Seniorenheimen und Volkshochschulen angeboten werden. Auch die Fülle von genealogischen Vereinen, deren Mitglieder Ahnenforschung betreiben, spricht für ein großes Interesse an der Vergangenheit. Durch die digitale Entwicklung ist es für Privatpersonen so einfach wie noch nie, Bücher im Eigenverlag zu drucken und im Kreis ihrer Familie oder darüberhinaus zu verbreiten. Seit es zumindest diese Hürde nicht mehr gibt, lässt insbesondere der Wunsch nach Unterstützung beim Schreibprozess den biographischen Sektor immer weiter wachsen.

So wurde 2006 in Berlin an der Alice Salomon Hochschule der Master „Biografisches und Kreatives Schreiben“ ins Leben gerufen und schon zwei Jahre zuvor das Biographiezentrum – Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen. Es vernetzt über 70 Autoren, die im deutschsprachigen Raum als Ghostwriter tätig sind und Seminare zu autobiographischen Schreiben anbieten. Für den Gründer des Zentrums, Andreas Mäckler, ist es vor allem eine Geldfrage, ob eine Biographie in Auftrag gegeben oder selbstgeschrieben wird: „Die Kosten für eine längere Biographie belaufen sich schnell auf 7.000 bis 10.000 Euro. Deshalb schreibt, wer noch physisch und psychisch dazu in der Lage ist, seine Lebengeschichte in der Regel selbst auf.“

Viele Frauen über 50

Besucht werden Mäcklers Seminare vor allem von Frauen. Unter zehn Anmeldungen seien höchstens ein oder zwei Männer. Diese Diskrepanz, erklärt sich unter anderem durch die unterschiedlichen Herangehensweisen, welche Mäckler bei den Teilnehmern beobachtet: „Männer schreiben eher eine Berufsbiographie oder Familienchronik und sind archivarisch tätig. Frauen schreiben eher Familiengeschichte, wobei erzählerische und psychologische Elemente eine wichtige Rolle spielen.“ Michaela Frölich, die ebenfalls Mitglied des Biographiezentrums ist, berichtet jedoch auch von einer wichtigen Gemeinsamkeit: „Meine Seminarteilnehmer sind überwiegend Menschen ab der Lebensmitte bis ins hohe Alter hinein. Sie setzen sich gerne mit ihrem gelebten Leben auseinander und interessieren sich für die Lebensgeschichten der anderen, weil sie dadurch zeitgeschichtliche Parallelen ziehen oder unterschiedliche Lebensgestaltungen miteinander vergleichen können.“

Das Leben im Rückblick

Es gibt viele Gründe, eine Biographie zu schreiben. Luise Braun nennt die neugierigen Fragen ihrer Enkel nach ihrer Kindheit und Jugend als Inspiration und Artur Brust (84), der ebenfalls vor zwei Jahren eine Biographie verfasst hat, berichtet von einem ähnlichen Motiv: „Ich wurde von meiner Familie angetrieben. Von mir aus hätte ich mit dem Schreiben vermutlich nicht angefangen.“

Andreas Mäckler definiert eine Biographie, als Dokument um nicht vergessen zu werden und somit als Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses: Wer seine Lebensgeschichte aufschreibt, hinterlässt etwas Bleibendes, auch wenn das Leben selbst vorbei ist.

Allerdings ist es nicht allein die Aussicht auf das fertige Buch, was die Schreibenden antreibt. Michaela Frölich beschreibt den Prozess des Schreibens selbst als wichtiges Motiv: „Es gibt viele, die ihr Leben im Rückblick bilanzieren möchten und sich fragen: Was ist gut gelaufen, wo habe ich Fehler gemacht, was lerne ich daraus und wo ist der rote Faden in meinem Leben? Autobiographisches Schreiben hilft dabei, das eigene Leben zu verstehen, Erlebnisse zu verarbeiten und sich nach Abschluss der Autobiographie wieder verstärkt der Gegenwart und Zukunft widmen zu können. Diese Menschen schreiben sich sozusagen frei.“