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Da geht noch was!

Illustration Älteres Paar im Bett
Sonja Maximenko © Goethe-Institut Moskau

Sex im Alter ist neuerdings ein Thema in Deutschland. Auch deshalb, weil da eine ganz neue Generation von Frauen alt wird.

Von Brenda Strohmaier

Als sich die Fernsehredakteurin Hanne Huntemann mit 62 Jahren in den Ruhestand* verabschiedete, dachten sich die Kollegen schon sinnvolle Aufgaben für sie aus. Einer meinte sogar, sie könne dann seinem Sohn endlich Nachhilfe in Deutsch geben. „Ich fragte mich, warum keiner auf die Idee kam, dass ich vielleicht auch ein lustvolles Alter haben will“, erzählt Huntemann. Aber genau das fand sie quasi nebenbei, als sie für ein Buch zur Liebe 60+ recherchierte und sich probehalber bei einer Partnerbörse anmeldete.
 
Lange war „Liebe auf den späten Blick“, so der Titel des Buches, ein Tabu in Deutschland. Ob Altenheime, Wissenschaftler, Frauenärzte – kaum einer hatte auf dem Radar, dass ein faltiger Körper und ein erfülltes Sexualleben irgendwie miteinander einhergehenden könnten. Wenn Sex im Alter mal ein Thema war, dann meist als Gesundheitsproblem des Mannes, Stichwort Erektionsprobleme. Doch in den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Immer mehr Ratgeber, Studien und sogar Pornofilme widmen sich der Lust von Senioren. Die Botschaft: Da geht noch was!
 
Woher kommt die neue Aufmerksamkeit für das, was bislang gerne als Rentnersex verspottet wurde? Gleich mehrere Erklärungen drängen sich auf. Zum einen pflegt die Gesellschaft generell einen liebevolleren Blick auf Menschen jenseits des knackigen Schönheitsstandards. Seit ein paar Jahren gelten Plus-Size-Models als sexy, regelmäßig dürfen nun auch ältere Menschen High-Fashion-Laufstege betreten. Aber der wichtigste Grund für das aufflammende Interesse dürfte sein, dass gerade eine Generation von Menschen in die Jahre kommt, die von der sexuellen Revolution in den 1960ern geprägt wurde, einer Zeit, in der Sex auch für Frauen von der ehelichen Pflicht zu einem Hobby wurde, das man genießen durfte.
 
2019 veröffentlichen Berliner Forscher eine im In- und Ausland viel beachtete Studie über die Sexualität von über 1500 Berlinerinnen und Berlinern im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Neu daran war, dass die Forscher auch die Gefühle untersuchten, die beim Sex und Körperkontakt entstehen, Gefühle wie Geborgenheit, Sicherheit und Akzeptanz. Diese Daten verglichen sie mit einer Stichprobe von jüngeren Erwachsenen. Erwartungsgemäß waren ältere Menschen im Schnitt weniger sexuell aktiv und hatten weniger sexuelle Gedanken als jüngere. Aber für einzelne Senioren traf das Gegenteil zu. So gab fast ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen an, häufiger sexuell aktiv zu sein und häufiger sexuelle Gedanken zu haben als der Durchschnitt der 20- und 30-Jährigen. Zudem blieb vom Alter fast unberührt, wie die Menschen Intimität erleben.
 
„Wenn man Sexualität etwas breiter definiert, werden die Unterschiede zwischen jung und alt viel geringer“, sagt die Psychologin Karolina Kolodziejczak von der Berliner Humboldt Universität, die federführend an der Studie beteiligt war. Dann fällt plötzlich auf, dass Menschen sich bis ins hohe Alter physisch nah kommen und sich mit Lust berühren. „Unser Befund überrascht wohl deshalb, weil er zeigt, dass viele ältere Erwachsene auch noch gerne und häufig miteinander intim werden“, erklärt Kolodziejczak das große Echo auf die Studie.
 
Kürzlich veröffentlichte das Team um Kolodziejczak zusammen mit der Vrije Universiteit Amsterdam eine weitere Studie zum Thema. Darin untersuchten sie, ob und wie sich die Bedeutung von Sexualität im mittleren Lebensalter über die vergangenen 20 Jahre hinweg gewandelt hat. Wichtigstes Ergebnis: Im Vergleich zu 55- bis 65-Jährigen, die Anfang der 1990er Jahre befragt wurden, berichteten Gleichaltrige 20 Jahre später, dass Sexualität für sie wichtiger sei. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede nach Geschlecht: Den stärksten Anstieg verzeichnete die Studie bei alleinstehenden 55- bis 65-jährigen Frauen, bei Single-Männern fand sie keine messbare Veränderung. Ein Beleg dafür, dass sich gerade bei der Einstellung der Frauen viel getan hat.
 
Eben jene Einschätzung teilt Hanne Huntemann, Jahrgang 1948. Für ihr Buch hat sie mit sehr vielen Paaren gesprochen, die im Alter eine neue Liebe fanden, Sexualleben inklusive. „Ich habe immer wieder sehr deutlich gehört, dass auch die Frauen der Wunsch nach Sexualität zur Partnersuche motivierte“, erzählt sie. Was sie nur folgerichtig findet: „Meine Generation hat die Frauenbewegung in Bewegung gesetzt, wir waren politisch aktiv, haben ein gewisse Gleichberechtigung in der Sexualität eingeklagt. Wir sind jetzt auch im Alter diejenigen, die ein neues Rollenbild gestalten.“ Was sich im Kleidungsstil ihrer Generation niederschlägt: Zum Gespräch erscheint Huntemann in halbhohen Lederturnschuhen und einer sportlichen Hose mit Streifen an der Seite. Omalook geht anders.
 
Weiße Haare, Dutt, Kittelschürze: So sahen viele Frauen, die vor dem II. Weltkrieg geboren wurden, schon mit 50 aus. Etliche hatten auch in dem Alter keine eigenen Zähne mehr. Den neuen, oft fitten Alten sieht man dagegen ihr Alter oft nicht mehr an. So berichtet die Wiesbadener Frauenärztin und Bestsellerautorin Sheila de Liz von Patientinnen, die von anderen Ärztinnen und Ärzten ausgelacht wurden, als sie Rat wegen Hitzewallungen suchten. „Die Kollegen konnten einfach nicht glauben, dass diese Frauen schon in den Wechseljahren sein sollten.“ In ihrem jüngsten Buch „Women on Fire“ widmet sich de Liz der Menopause und der Frage, wie Frauen möglichst lange sexuell aktiv bleiben können. Darauf haben offenbar viele gewartet, das Buch landete gleich auf Platz 2 der Spiegel-Bestseller-Liste.
 
De Liz berichtet von einem riesigen Beratungsbedarf, was die sexuelle Gesundheit im Alter angeht. „Zu mir kommen viele, denen man in anderen Praxen gesagt hat, Sex dürfe doch so langsam nicht mehr wichtig sein.“ Was die Frauen häufig plagt, nennt sich „vaginale Atrophie“, besser bekannt als „Scheidentrockenheit“. Ein Begriff, den de Liz „superverharmlosend“ findet. „Vaginale Atrophie“ ist ein Verfall der Schleimhaut, sie wird papiertaschentuchdünn und ist somit nicht mehr belastbar.“ Enge Jeans tragen, Sex haben, all das wird damit zur Katastrophe. „Vaginale Atrophie ist leider so weit verbreitet wie Karies, sie betrifft mindestens 70 Prozent aller Frauen jenseits der Menopause.“ Selbst von den gynäkologischen Fachgesellschaften und der Pharmaindustrie sei sie lange ignoriert worden. Inzwischen gilt Östriolsalbe als wichtigstes Mittel zur Behandlung und wird von der Kasse bezahlt. Für das Rechtschreibprogramm von Microsoft Office, das lange schon Viagra kennt, ist das Hormon Östriol (auch Estriol) allerdings immer noch ein Fremdwort.
 
Aufklärerinnen wie de Liz, Kolodziejczak und Huntemann tun gerade viel dafür, dass die Welt etwas über sexuelle Bedürfnisse der Generation 60plus erfährt. So gab Huntemann kürzlich in der Berliner Bildungsinstitution Urania Tipps, wie man auf die alten Tage im Internet einen Partner findet. Sie erzählte dazu zahlreiche ermunternde Geschichten, wie jene einer guten Freundin. Die gab sich mit 80 bei der Partnersuche als 70-Jährige aus und lernte relativ schnell einen angeblich 75-Jährigen kennen. Beim ersten Treffen gestand sie ihm ihr wahres Alter. Woraufhin er den Ausweis aus der Tasche zog und sein Geburtsdatum zeigte. Er war auch schon 85. Die beiden seien übrigens jetzt, zehn Jahre später, immer noch zusammen. Und die inzwischen 90-Jährige sage: „Eine solche Intensität hatte ich noch nie zuvor gehabt in einer Beziehung.“
 
Bei der Partnersuche im Internet gelte für die Alten das Gleiche wie für die Jungen. „Man muss aufpassen, dass man in seinem Profil keine Allgemeinplätze verwendet wie ‚Ich fühle mich wohl in Jeans und Abendkleid.‘“ Auch zu tief stapeln sei wenig hilfreich, mal eben „sehe ganz passabel aus“ hinzutippen reiche nicht. Wer das Beste wolle, müsse auch das Beste geben. Ihr späterer Freund habe zum Beispiel geschrieben, er sei von Geburt aus verboten schön. „Das fand ich sehr lustig“, sagt Huntemann, die für ihren neuen Partner sogar die Stadt wechselte. „Das Gute ist doch, dass man in der zweiten Lebenshälfte frei ist, um so etwas zu tun.“
 
Frauen sollten sich keinesfalls von Statistiken entmutigen lassen, die zeigen, dass auf 3,6 Millionen alleinstehende Frauen über 65 gerade mal 1,6 Millionen Männer kommen. Dafür nähmen Männer, die noch nach einer Partnerin suchten, die Angelegenheit viel ernster. „Als ich Ende 40 war, konnte ich mir das alles nicht vorstellen. Da ging bei mir eine Beziehung zu Ende, und ich dachte, die Sache sei gelaufen“, sagt Huntemann und versichert: „Die Partnersuche wird tatsächlich leichter, weil bei den Männern der Testosteronspiegel sinkt und man ihnen plötzlich auf einer anderen Ebene begegnet. Vorher haben Männer noch eher das Bedürfnis, mal auszutesten, wie junge Frauen auf sie reagieren.“
 
Ansonsten sind sich jung und alt sehr ähnlich, sobald die Liebe sie erwischt hat, wie nicht nur Huntemann erzählt. So berichtete die heute 78-jährige Bestsellerautorin Isabel Allende vor zwei Jahren in einem Interview, sie habe eine neue Liebe gefunden, Roger, einen Anwalt aus New York. „Jetzt durchleben wir eine heiße Romanze.“ Liebe im Alter sei auch nicht anders als bei Teenagern – mit einem Unterschied: Man vergeude die Zeit nicht mehr für Engstirnigkeiten und Gehässigkeiten. „Liebe im Alter ist wie ein Schrei nach Leben, sie ist sehr besonders, weil du weißt, dass der Tod nicht mehr weit entfernt ist.“
 
Es muss aber nicht immer gleich „Liebe auf den späten Blick“ sein. Bei der Dating-Veranstaltung in der Urania wollte eine grauhaarige Frau unbedingt ergänzt wissen, dass nicht jeder ernsthaft nach einer Beziehung suche, nur weil er über 60 sei. Sie habe gleichaltrige Bekannte, die mit Hilfe der Dating-App Tinder lediglich nach Sex-Dates suchten. „Manchmal ist auch quick and dirty in Ordnung.“

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