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„Man braucht im Alter Struktur und Anerkennung“

Sonja Maximenko | © Goethe-Institut Moskau
Sonja Maximenko | © Goethe-Institut Moskau

Wie man sich auf das Altwerden vorbereitet, was Lebenszufriedenheit im Alter garantiert und welche Vorteile das Alter bringen kann – darüber hat die Korrespondentin des Goethe-Instituts Anna Laletina mit Prof. Dr. Ursula M. Staudinger, Psychologin, Alternsforscherin und Rektorin der Technischen Universität Dresden, gesprochen.

Wie kann bzw. sollte man sein Leben gestalten, damit man sich auf das Altwerden freut? Man muss bestimmt proaktiv werden und kann nicht einfach darauf warten, dass die Gesellschaft sich von sich aus ändert und dass das Altern plötzlich als etwas überwiegend Positives gesehen wird.

Es ist eine Tatsache, dass wir alle gern alt werden wollen, aber nicht so gerne alt sein wollen. Wenn Sie jemanden fragen, wie alt er/sie werden möchte, sagen viele Menschen „etwa um die 80“. Das ist recht nah an der durchschnittlichen Lebenserwartung in Deutschland. Die Schwierigkeit beginnt da, wo man das Älterwerden wirklich selbst erlebt. Wenn wir an das Alter denken, fallen uns häufig mehr negative als positive Dinge ein. Die meisten haben beispielsweise Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit, vor allem vor dem Verlust ihrer Autonomie. Aber dass diese Dinge eintreten ist mehr die Ausnahme als die Regel im Alter: Ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung wird im Alter tatsächlich pflegebedürftig, und wenn, dann tritt es eher in den letzten Jahren oder gar nur Monaten des Lebens oder bei den wirklich Hochaltrigen ein. Also, wir haben häufig ein verzerrtes Bild im Kopf, was das Alter wirklich bedeutet. Man muss sich mit diesen stereotypen Vorstellungen auseinandersetzen, die häufig veraltet sind und aus einer Zeit stammen, wo das Altern noch anders verlaufen ist.

Wenn man selbst etwas tun möchte, um gesund zu altern, muss man einige Hinweise berücksichtigen was den Lebensstil angeht. Das erste ist: Je älter wir werden, desto wichtiger ist es, dass wir uns körperlich fit halten. Sowohl was die Ausdauerfähigkeit, als auch was die Muskelkraft, den Gleichgewichtssinn und die Flexibilität angeht. Je älter wir werden – und das beginnt schon ab Mitte 30 – desto mehr bauen unsere Muskeln an Substanz ab. Dem müssen wir deshalb aktiv etwas entgegensetzen. Wenn wir in den Ruhestand treten und nicht mehr jeden Tag zur Arbeit gehen, nicht mehr gezwungen sind, bestimmte Wege zu machen, wird der Körper weniger gefordert. Dann muss man Sorge tragen, dass man sich anderweitig körperlich betätigt. Besser ist es daher, schon vor 65 angefangen zu haben. Trotzdem kann man natürlich auch im Alter noch anfangen – besser als überhaupt nicht.

Der zweite große Bereich ist die Ernährung: Man muss darauf achten, was man zu sich nimmt, ob man ausgewogen und nicht zu viel isst. Man muss aber nicht gertenschlank sein. Im Gegenteil: Man weiß, dass es im fortgeschrittenen Alter, ab ca. 60-70, besser ist, wenn man kleine Fettpolster hat, denn bei Krankheiten z.B. kann man sehr schnell viel an Gewicht verlieren. Wenn man dann nicht genug Reserven hat, kann es sogar es lebensbedrohlich werden.

Drittens muss man sein Gehirn auf Trab halten, sprich sich immer wieder mit neuen Dingen auseinandersetzen, die manchmal auch anstrengend oder kräftezehrend sein können. Da man lieber die Dinge macht, die man sowieso schon kann und kennt, bedarf es hier einer bewussten Entscheidung und Anstrengung. Manche Menschen machen das von sich aus schon, andere hingegen sträuben sich und argumentieren, dass sie keine Zeit hätten und es so mühsam sei. Das ist auch in Ordnung; man muss sich jedoch bewusst machen, dass dies mit bestimmten Konsequenzen einhergeht. In der Regel. Natürlich gibt es auch Menschen, die nichts von dem machen, was ich gerade genannt habe, und trotzdem 110 Jahre alt werden und lange körperlich und geistig fit sind. Unsere genetische Ausstattung bestimmt etwa 20% der Lebenslänge.
 
Was machen Staat und Unternehmen bzw. was müssten sie machen, um das negative Altersbild zu ändern?

Es beginnt damit, dass man sich Folgendes bewusst machen muss: Je mehr ältere Menschen – damit meine ich jene, die über 60 oder sogar über 65 Jahre alt sind – aktiv am Arbeitsmarkt teilnehmen, desto positiver wird das Altersbild. Wenn ich ältere Menschen bei der Arbeit beobachte, merke ich, dass es nicht sein kann, dass alle Alten dement oder unproduktiv sind. Man muss deswegen die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt verändern: Es muss auch nach der Rente gut und einfach möglich sein, wieder bezahlt zu arbeiten, falls man das möchte. Man darf dann auch nicht durch Steueraufschläge oder ähnliche Maßnahmen dafür „bestraft“ bzw. von der Arbeit abgehalten werden.

Es ist auch wichtig, dass wir unser Bildungssystem an das längere Leben anpassen: Es muss selbstverständlich sein, dass man auch später im Leben noch bilden kann – dass man sich nicht nur weiterbildet, sondern auch eine ganz neue Ausbildung anfängt und z.B. an der Universität ein Studium beginnt. Das System Bildung und Ausbildung darf nicht nur für die 20- bis 30-Jährigen konzipiert sein, sondern muss auch die 40-, 50-, 60-Jährigen beachten.

Die Präsenz auf dem Arbeitsmarkt und die Teilnahme am Bildungssystem auch im Alter sind zwei sehr wichtige Bereiche. Hinzu kommt mit dem Gesundheitssystem ein dritter Bereich. Man müsste es so umgestalten, dass es seinen Namen auch wirklich verdient. Momentan ist es eher ein Krankheitssystem, in dem hauptsächlich dann Geld fließt, wenn jemand schon krank ist. Präventive Maßnahmen sind immer noch im Hintertreffen.
 
„Das Interesse an den leistungsfähigen Senioren steigt“, haben Sie mehrmals in Ihren Interviews gesagt. Sie betonen immer wieder, dass Arbeit – unter der auch Teilzeitbeschäftigungen verstanden werden – für das Wohlbefinden der Senioren sehr wichtig ist. Meiner Meinung nach ist dies ein sehr kapitalistischer Ansatz, denn diese Überbetonung der Arbeit lässt an eine „Bewertung“ des Menschen nur anhand seiner Fähigkeit und Bereitschaft zur Verrichtung der Arbeit denken. Kann man auch außerhalb des Arbeitskontexts über erfolgreiches Älterwerden sprechen? Oder ist bezahlte Arbeit ein derart wichtiges Element für ein gutes Altern?

Altern ist keineswegs nur eine Frage der Arbeit, gelungenes Altern kennt viele Wege. Wichtig ist aber dennoch, dass ich auch im Alter Wege finde Verantwortung zu übernehmen und eine verpflichtende Struktur in meinem Alltag habe, die mich dazu ‚zwingt, bestimmte Dinge zu tun, auch wenn es mich anstrengt. Der Vorteil von bezahlter Arbeit ist, dass sie diese Verpflichtung mit sich bringt. Deshalb quäle ich mich morgens aus dem Bett, auch wenn mir nicht danach ist, und gehe aus dem Haus, selbst wenn es mir nicht so gut geht. Wir wissen, dass Arbeit auch gut ist aufgrund der Sozialkontakte die man dort hat und die Tatsache, dass man außerhalb der Familie wahrgenommen wird. Das sind alles Dinge, die in diesem Paket „Arbeit“ enthalten sind. Wenn ich mir alle diese Dinge in einem anderen Paket zurecht legen kann, dann muss das nicht bezahlte Arbeit sein. Z.B. wenn ich mich um meine Enkel kümmere und damit meinen Kindern helfe, ihre Work-Life-Balance zu halten, kann dies den gleichen Zweck wie bezahlte Arbeit erfüllen: Ich übernehme regelmäßig Verpflichtungen, bekomme dafür aber auch Anerkennung von meinen Kindern, die wissen, dass mein Engagement nicht selbstverständlich ist. Ich könnte mir zu diesem Zweck aber natürlich auch eine ehrenamtliche Tätigkeit suchen. Das interessante am Leben ist: Es ist schlecht für mich, wenn ich zu vielen Forderungen nachkommen muss, aber auch, wenn ich zu wenig zu tun habe. Das optimale Maß an Forderungen ist natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Wenn man aber gar nichts zu tun hat, kann es eine Weile gut gehen, doch irgendwann merkt man, dass man diese Verpflichtungen sucht, weil man Abwechslung und Herausforderungen braucht. Dann muss man beginnen, sich Strukturen zu schaffen. Darum geht es eigentlich.
 
Die Rolle der Familie ist mittlerweile in der gesamten Gesellschaft umstritten. Vor allem die Kernfamilie, die aus Ehepartner*in und Kindern besteht, wird von vielen für das Alter als sehr wichtig eingeschätzt. Dennoch sagen besonders jüngere Menschen, dass andere Arten von menschlichen Bündnissen die Kernfamilie selbst im Alter ersetzen können. Was sagen Sie dazu?

Die Daten sprechen in dieser Hinsicht eine eindeutige Sprache: Es muss nicht die Familie sein. Es müssen aber Menschen sein, zu denen man Vertrauen hat, bei denen man sich öffnen kann und sich nicht verstellen muss und man sich auch rückhaltlos aufeinander verlassen kann. Diese Erlebnisse haben viele Menschen jedoch nur in ihrer Familie. Untersuchungen haben dennoch festgestellt, dass Menschen, die keine Familie haben, sich ebensolche engen Beziehungen suchen. Wir haben beispielsweise im Rahmen der Berliner Altersstudie Frauen getroffen, die ihre Verlobten oder Ehemänner im Krieg verloren und sich in ihrem Leben keinen neuen Partner mehr gesucht haben, weil sie noch so stark an ihrer alten Liebe hingen. Diese Frauen haben sich aber trotzdem andere Menschen gesucht, die ihnen nahestehen und sozusagen zu ihren „Wahlfamilien“ geworden sind. Dort wurden die Probandinnen wie in biologischen Familien auch geschätzt und gebraucht und hatten ein hohes Wohlbefinden mit ihren sozialen Beziehungen. Man kann hier also gut sehen, dass der Mensch in dieser Hinsicht wirklich erfinderisch ist. 
 
Lassen Sie uns zusätzlich über positive Veränderungen der Persönlichkeit im Alter sprechen. Sie sagen, dass sich Letztere auch gegen Ende des Lebens noch entwickeln kann. Welche wertvollen Eigenschaften gibt es, die nur im Alter erreicht werden können?

Da fällt mir direkt die Ausgeglichenheit ein – das zeigen Studien auf der ganzen Welt. Im Alter werden wir ausgeglichener, was unsere Emotionen angeht. Es gibt weniger Ausreißer, weder nach unten als nach oben. Dieser berühmte Ausdruck „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ trifft auf ältere Menschen selten zu. Man wird gelassener, weil man so viel erlebt hat und weiß, dass das Leben einfach weitergeht.
 
Die Menschen, die jetzt jung sind, zeichnen sich durch höhere Ansprüche und Dynamik im Berufsleben aus und sind zudem sehr offen – denken Sie, dass ihnen der Übergang ins hohe Alter leichter fallen könnte als den Generationen zuvor? Ihre These ist bekanntermaßen, dass Offenheit bei den Älteren gefördert werden muss. Bei den Jüngeren ist diese jedoch eindeutig vorhanden.

Jede Generation muss unterschiedliche Herausforderungen bewältigen. Es ist z.B. sehr wahrscheinlich, dass das „kranke Alter“, also das Einsetzen von Krankheiten am Lebensabend, noch einmal ein Stück herausgezögert wird und die jüngere Generation somit länger aktiv bleiben kann als die heutigen Alten. Ausserdem wird diese Generation höchstwahrscheinlich auch mit weniger Begrenzungen im Alter und mit anderen Vorstellungen des Alterns konfrontiert werden. Diese werden jetzt verändert, denn die Babyboomer zeigen gerade, was es auch bedeuten kann, 60, 65 oder 70 zu sein. Davon profitieren natürlich die nachwachsenden Generationen, wenn sie alt werden.

Wir müssen auch beobachten, welche Auswirkungen die Digitalisierung und die stets wachsende Informationsdichte, an die die nachwachsenden Generationen sich anpassen und mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, haben. Es kann sehr gut sein, dass die jüngeren Generationen geistig fitter ins Alter kommen, weil sie kognitiv mehr gefordert sind als ihre Eltern und Großeltern. Die Offenheit, die Sie angesprochen haben, ist eine sehr interessante These. Aber wissen Sie: auch heutige Alte, die oft als festgefahren wahrgenommen werden, waren als junge Menschen offen. Es kann aber sein, dass durch die von der Gesellschaft immer stärker forcierte Flexibilität der Rückgang der Offenheit immer weiter herausgezögert wird. Das halte ich für wahrscheinlich, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.
 
Es ist bemerkenswert, dass Sie selbst ihr Leben ca. alle zehn Jahre drastisch ändern. Lange Zeit waren Sie an der Bremer Jacobs University, danach Forscherin an der Columbia University in New York und vor kurzem haben Sie an der TU Dresden noch einmal neu angefangen. Sie haben mehrmals gesagt, dass Vielfalt und Abwechslung für Sie wichtig sind. Möchten Sie mit Ihrem Beispiel demonstrieren, wie man sein Leben gestalten kann?

Ich glaube, das ist eher ein persönliches Bedürfnis. Oft untersucht man die Dinge, die einem selbst wichtig sind. Als ich mir jeweils überlege, ob ich mein Leben so stark verändern möchte, wie ich es einige Male getan habe, musste ich mich auch überwinden, denn natürlich sind solche Veränderungen auch sehr aufwendig, verunsichernd und anstrengend. Ich weiß aber, dass mich das weiterbringt als wenn ich einfach das weitermache, was ich die letzten zehn Jahre getan habe. Ich versuche also schon, die Ergebnisse aus der Alternsforschung auf mein eigenes Leben anzuwenden. Ich mache das aber nicht, um andere zu beeinflussen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

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