St. Petersburg | Heinrich Bölls Film über Dostojewski Das „Material“ St. Petersburg

Das „Material“ St. Petersburg © Goethe-Institut

Mi, 17.10.2018

Filmstudio „Lenfilm“ (Kino)

Kamennoostrovski Prospekt 10
U-Bahn-Station „Gorkovskaja“
St. Petersburg

Der Dichter und seine Stadt:
F. M. Dostojewski und St. Petersburg

Ein Film von Heinrich Böll und Erich Kock
Regie: Uwe Brandner
Kamera: Peter Kaiser
Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln, Nowosti Moskau
Erstsendung: 15.5.1969
Schwarzweiß, in deutscher und russischer Sprache mit Untertiteln
57 Min
„Fernsehfilm“ oder „underground movie“? Beinahe könnte man ins Grübeln kommen. Was für ein Film ist, oder war, das?
 
Dostojewskis St. Petersburg. Lange Kamerafahrten durch Straßen und Kanäle, in Schwarz-Weiß gedreht, Menschenmengen die mit einem langen Teleobjektiv auf den Bildschirm geholt werden, dazu Sentenzen aus den Romanen und ungeschminkte Stadtansichten – so filmte, im Herbst 1966, ein Team des Westdeutschen Rundfunks die Stadt an der Newa. Ein Enkel von Dostojewski zeigte Orte, die vielleicht Schauplätze jener Romane gewesen sind. Mit dabei waren Drehbuchautor Heinrich Böll, damals einer der populärsten deutschen Schriftsteller in der Sowjetunion, und sein Sohn René Böll.
 
Die Stadt St. Petersburg war oft schon das „Material“ für einen literarischen Text – bei Fjodor M. Dostojewski ist sie beinahe selbst eine „handelnde Person“. Was Böll seinerzeit antrieb hat er einmal in einem Brief an Lew Kopelew und Raissa Orlowa (22.2.1969) erläutert:
 
„Damit Ihr´s wißt: Es ist kein Film über Dostojewski, auch kein Film über Petersburg (oder gar Leningrad), sondern der Versuch, das Material Petersburg in Dostojewskis Romanen und Erzählungen zu zeigen und Dostojewskis Optik von Petersburg, die ja keine sehr optimistische war (…)“
 
Mit solchen Ideen jedoch hatten es die Filmemacher nicht eben leicht. Die sowjetischen Ko-Produzenten hatten ganz andere Vorstellungen. Auch darüber schrieb Böll an seinen Freund Kopelew:
 
„Ach, wir hatten eine fast zweitätige, sehr heftige und sehr bittere Diskussion hier mit einem Herrn von der Mosfilm und einem Vertreter der Botschaft. Es wird böse enden, ich werde keineswegs ´beliebter´ durch diesen Film, obwohl ich ihn ja gar nicht gedreht habe! Ich habe lediglich am Drehbuch mitgearbeitet und einen etwa 15 Minuten langen, stückweise zu bestimmten Partien gesprochenen Kommentar geschrieben. An dem Kommentar ist nicht zu rütteln – aber an den Bildern: Da sieht man doch wirklich in Leningrad Arbeiter auf der Straße an einem Kiosk Bier trinken! Schlimm, schlimm, wo doch der  ´Alkoholismus ´bekämpft wird und fast ausgerottet ist, und da sieht man natürlich den Hinterhof des Hauses, in dem Raskolnikow wohnte! Schlimm, nein sogar bösartig – fast ´Völkerhetze´(wörtlich!), weil es doch in der SU so viele neue und schöne Wohnungen gibt. Es war schlimm, lieber Lew, und erst jetzt weiß ich, wie süß und herrlich es ist, als Autor in der SU zu leben. Ich bleibe weiterhin auf meiner Linie: alle, alle Sympathie den Völkern der Sowjetunion, auch dem Sozialismus, aber unerbittlich gegenüber der CSSR-Politik und der Zensur. Nun, wir werden sehen, wie es weitergeht, was meine offizielle Beliebtheit angeht.“
 
(Zitate aus: Heinrich Böll, Lew Kopelew – Briefwechsel. Hrsg. Elsbeth Zylla. Mit einem Essay von Karl Schlögel, Göttingen 2011; Genrich Bjoll, Lev Kopelev – Perepiska. M.: Libra 2017. Perevod Aleksandra Filippova-Tschechova)
 
Am Ende des Films, im Gegenlicht vor einem Fenster gefilmt, erscheint der junge Dichter und spätere Nobelpreisträger Iosif Brodskij, der in der Sowjetunion nicht publizieren konnte – es ist Brodskijs erster Auftritt vor einer Filmkamera, 1972 wird er ausgebürgert und kehrt Zeit seines Lebens nicht mehr nach Russland zurück.
 
„Der Dichter und seine Stadt“ ist ein inspirierendes, ungewöhnliches Stadtporträt von St. Petersburg. Und ungewöhnlich ist allemal, dass man solche Autorenfilmer-Ästhetik vor fünfzig Jahren in Deutschland im Fernsehen gesendet hat – im Kommerz-Zeitalter ist so etwas nur noch schwer vorstellbar.
 
Trotz seiner melancholischen Grundierung ähnelt der Film einer Liebeserklärung. In seiner Jugend hatte Böll Dostojewski „verschlungen“, und für diesen Film, wie er schreibt, „den ganzen Dostojewski“ noch einmal gelesen.
 
Fern, so scheint es, waren sich Böll und Dostojewski nur zeitlich und geografisch.

Anschließend findet eine Diskussion statt, moderiert von German Moyzhes (Lew-Kopelew-Forum St. Petersburg).
Teilnehmer:
Konstantin Asadowski, Germanist, Autor, Übersetzer
Lew Lurie, Historiker, Autor, Journalist
Pawel Prigara, Leiter des zentralen Ausstellungssaal „Manege“  
 

„Eine moralische Instanz wie Böll, ein derart nachdenklicher, mutiger, engagierter und gleichzeitig immer freundlicher Einmischer fehlt. „Böll hat der BRD gutgetan und würde uns aktuell guttun“, erklärte Fritz Pleitgen, der Böll in der Sowjetunion traf und beim WDR mit ihm zu tun hatte“.
(Der Tagesspiegel, Heinrich Böll - ein Mann, der uns guttun würde. Text: Ulrike Baureithel. 24.08.2018)
 

„Ferngespräche“
Die Filmvorführung ist Teil des Projekts „Ferngespräche. Heinrich Böll und Lew Kopelew“ – weitere Informationen dazu hier.
 
Veranstalter
Goethe-Institut St. Petersburg in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung Moskau.
Filmkopie und Untertitlung: Heinrich-Böll-Stiftung Moskau.
Wir danken „Lenfilm“ für die Kooperation.

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