Rede über die (düstere) Zeit

Symposium|Brechts Denken damals und heute

  • Slowenisches Theaterinstitut, Ljubljana

  • Sprache Englisch, Slowenisch
  • Preis kostenlos

Brecht-Symposium © SLOGI/AGRFT

Brecht-Symposium © SLOGI/AGRFT

In dem kurzen, aber außerordentlich scharfsinnigen Fragment aus Der Messingkauf, das er „Rede über die Zeit“ nannte, liefert Bertolt Brecht eine präzise Analyse der damaligen – nicht nur deutschen, sondern auch globalen – gesellschaftlichen Situation. Darin stellt eine Figur mit dem generischen Namen Philosoph fest, dass die „unsägliche Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Gemetzel in den Kriegen und die vielfältigen Erniedrigungen im Frieden auf dem ganzen Erdball schon beinahe etwas Natürliches geworden sind“. Trotz der zeitlichen Distanz klingt dieser Gedanke noch immer wie ein bemerkenswert aktueller Kommentar zu unserer Gegenwart, die von kapitalistischer Ausbeutung, Gewalt gegen Leben (nicht nur menschliches), Krieg und Klimakrise geprägt ist. Wir leben in einer Zeit, in der zahlreiche regressive, autoritäre (Mikro-)Politiken zunehmend an Popularität gewinnen und sogar institutionell verankert werden. Sie erinnern an die dunklen Kräfte vergangener Epochen und beruhen auf Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus, Xenophobie, Transfeindlichkeit, Homophobie, Sexismus, Klassendiskriminierung, rücksichtsloser Ausbeutung, (Neo-)Kolonialismus, religiösem Fundamentalismus, Umweltzerstörung, Militarismus usw.

„Es scheint, als beherrschten wir die Dinge nicht, sondern als beherrschten die Dinge uns“, sagt Brechts Philosoph und fährt fort: „Dieser Eindruck entsteht jedoch nur deshalb, weil einige Menschen mithilfe der Dinge andere Menschen beherrschen.“ Diese Herrschaft und Unterordnung – ökonomisch, politisch, ideologisch usw. – bleibt gewöhnlich verborgen, vielen unverständlich und undurchschaubar. Daher stellt er fest, dass „viel Nachdenken und viel Handeln nötig sein wird, wenn wir ein solches gesellschaftliches Verhalten der Menschen erhellen wollen“.

Gerade deshalb laden wir die Teilnehmer*innen des kommenden Amfiteater-Symposiums dazu ein, über die Frage nachzudenken: Wie würde heute Brechts „Rede über die Zeit“ aussehen – und wie könnte unsere eigene aussehen? Die Zeit, von der er spricht, ist „düster“ – so düster, dass „ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, / weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ (An die Nachgeborenen). Wie können uns Brechts historische Erfahrungen und seine oft feinsinnigen und luziden Überlegungen dabei helfen zu verstehen, warum auch unsere Zeit immer „düsterer“ wird? Und zugleich: Wie können wir zur Schaffung anderer Verhältnisse beitragen, in denen Gespräche über Bäume, über Theater und über dies und das kein Verbrechen mehr sind, weil die Zeiten heller geworden sein werden als heute?

Als Brecht Mitte der 1920er Jahre mit der Arbeit an dem Theaterstück Joe Fleischhacker begann, in dem er die zerstörerischen Wirkungen des Kapitalismus und die Mechanismen der Finanzwelt untersuchen wollte, stellte er fest, dass die vorhandenen theatralen Mittel dafür nicht mehr ausreichten. „Petroleum“, erklärte er lapidar in einer Berliner Zeitung, „verträgt keine fünf Akte.“ „Wenn unsere heutige Welt nicht mehr in das Drama passt“, sagte er vor genau hundert Jahren seiner Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, „dann passt auch das Drama nicht mehr in die Welt.“ Daraufhin begann er, eine „Dramatik der großen Themen“ zu entwickeln: das epische Theater. Sein Theaterprojekt scheint also von Anfang an als Versuch angelegt gewesen zu sein, dass das Theater auf seinen unmittelbaren historischen Moment reagieren und sogar in ihn eingreifen kann. Das Symposium bietet die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie eine wirksame theatralische und/oder brechtsche Antwort auf unsere Gegenwart aussehen könnte, die von Neoliberalismus und dem Aufstieg autoritärer Politiken geprägt ist.

Auf dem Symposium werden wir daher die Beziehungen zwischen Kunst (Theater, Dramatik, Literatur usw.) und dem gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Kontext untersuchen sowie potenzielle theatrale und andere Strategien erkunden, die Brechts Maxime aus Die Maßnahme und Der Messingkauf folgen könnten: „Ändert die Welt, sie braucht es!“ Deshalb laden wir zur Einreichung von Vorschlägen für Vorträge und Präsentationen ein, die die Diskussionen des Symposiums über Brecht anregen und dabei ein breites Spektrum konzeptioneller Instrumente sowie ein offenes epistemologisches Feld unterschiedlicher theoretischer Ansätze nutzen – von philosophischen, soziologischen, theaterwissenschaftlichen und philologischen bis hin zu dekolonialen, feministischen, ökologischen, queeren und anderen Perspektiven. Ziel des Symposiums ist es, im Dialog mit Brecht und den Fragen, die die „Rede über die Zeit“ aufwirft, nicht nur über seine, sondern auch über unsere eigene, gegenwärtige „düstere Zeit“ nachzudenken.

Leitung des Symposiums: Aldo Milohnić und Jakob Ribič
Organisationskomitee: Aldo Milohnić, Maja Murnik, Jakob Ribič, Tomaž Toporišič, Gašper Troha, Markus Wessendorf und Noah Willumsen

Veranstalter: Slowenisches Theaterinstitut (SLOGI), Akademie für Theater, Radio, Film und Fernsehen der Universität Ljubljana (UL AGRFT) und Amfiteater
In Zusammenarbeit mit: dem Bertolt-Brecht-Archiv, der Internationalen Brecht-Gesellschaft und dem Goethe-Institut Ljubljana

Wir freuen uns auf Sie!