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Interview mit Winslow Porter
Pilze, virtuelle Realität und eine Portion Natur

Foragers, three Mushrooms
© Foragers Team

Wenn es darum geht, die Natur zu erkunden, können wir uns vorstellen, durch einen Wald zu schlendern, Hügel hinaufzuwandern oder einfach nur im Schatten eines Baumes zu sitzen. Winslow Porter hat jedoch einen anderen Ansatz, Natur mithilfe von Kunst zu erkunden, genauer gesagt, durch die Integration von Technologie, die diese Erfahrung interaktiver gestaltet und für jeden zugänglich macht, auch für Menschen, die in einem urbanen Umfeld leben.

Von Farah Qaiser

Wir für unseren Teil hoffen, dass wir mit unserem Projekt Pilze entmystifizieren und dass es die Tür öffnet zu einem besseren Verständnis des gesamten Königreichs Natur

Winslow Porter

Porter ist Regisseur, Produzent und kreativer Technologe, der sich auf Extended Reality und immersive Installationen spezialisiert hat. Er produzierte den Dokumentarfilm CLOUDS, der beim Tribeca Film Festival 2014 mit dem Transmedia Award ausgezeichnet wurde, sowie die von Kritikern gefeierten Virtual Reality-Filme Tree und Giant. Derzeit arbeitet Porter an „Forager“ im Rahmen des von Goethe-Institut unterstützten New Nature-Projekts.

eine Dosis Neugier auf die Natur 

Porter sprach mit Massive Science über Pilze, virtuelle Realität und über das, was ihn bei seinem neuen Projekt inspiriert hat. Hier ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung des Gesprächs.
 
Farah Qaiser: Was hat Sie ursprünglich hingezogen zur Kunstwelt, zu virtueller Realität und zum Einsatz von Technologie bei Kunstinstallationen über die Natur?

Winslow Porter: Ich meine, viele der Systeme, die wir in der Natur beobachten können, lassen sich auch auf andere Weise replizieren oder beobachten. Technologie kann uns da eine neue Perspektive geben.

Und ich würde sagen, dass alles, was während der Pandemie passiert ist, mich zurück in diese Welt der Natur versetzt hat. Viele Leute hatten wie ich Zeit, über ihr Leben und ihre Existenz nachzudenken, was ihr Lebensweck ist und wie sie der Natur näherkommen können, anstatt nur herumzusitzen und die Situation als Einbahnstraße zu betrachten. Es gibt viele Wege, wie man die Natur in den eigenen Lebensraum aufnehmen kann. Insbesondere Technologie ist ein Mittel, um Menschen aufzuklären und ihnen klarzumachen, auf welch vielfältige Weise die Natur erfüllend sein kann. Ich komme zwar aus der Unterhaltungsbranche und bin ein Geschichtenerzähler, ich habe dabei aber stets eine Dosis Neugier auf die Natur und suche nach Möglichkeiten. wie wir die Natur mittels Technologie beobachten können.

Was hat Sie zu “Forager” inspiriert?

Ich stamme aus einer Familie, die einen sehr praktischen Sinn dafür besitzt, selbst etwas anzubauen. In meiner Familie haben alle einen grünen Daumen, angefangen mit meiner Großmutter väterlicherseits. Wegen COVID-19 habe ich mich mit meiner Familie in Maine aufgehalten. Wenn wir andere Pilze essen wollten als die, die es in den Läden vor Ort zu kaufen gab, mussten wir sie selbst züchten.

ein eigenes soziales Netzwerk

So habe ich von einer Firma in Maine namens North Spore ein Pilzzuchtset gekauft und selbst einen Pilzzuchtkasten gebaut. Ich sah, wie schnell diese Pilze wachsen. Klar, man muss dem viel Aufmerksamkeit widmen und Pilzzucht ist ein aufwändiges Verfahren. Aber wenn man alles richtig macht, kann man dieses erstaunliche, jenseitig anmutende Gebilde und den Entstehungsprozess in den eigenen vier Wänden erleben. In weniger als einer Woche ist man Zeuge des gesamten Lebenszyklus, von der Aktivierung der Sporen bis zum Wachstum der Fruchtkörper aus dem Boden. Und wenn man die Pilze nicht alle erntet, kann man auch deren Zersetzung beobachten.

Es ist erstaunlich, den gesamten Lebenszyklus in einer kontrollierten Umgebung zu beobachten. Pilze sind nicht nur köstlich, sondern auch schön. Sie fühlen sich nur so abstrakt und fremd an, weil wir sie nicht verstehen. Viele Leute glauben, Pilze sind eher Tiere als Pflanzen. Sie sind eine Welt, die wir nicht vollständig verstehen. Ob man nun den Zugang über ihre Schönheit oder ihren Geschmack findet, es gibt viele Möglichkeiten, wie man zum Pilzenthusiasten werden und versuchen kann, mehr über sie zu erfahren. Pilze selbst zu züchten gehört mit Sicherheit dazu.

Für mich wurde es zu einer Art Leidenschaft, wie ein Haustier oder ein Quarantäne-Hobby. Es wurde zu einem Thema, über das ich sehr viel mehr lernen und lesen wollte, auch über das Pilze sammeln. Das verlagerte mein neues Hobby dann nach draußen, in die Wälder und Naturschutzgebiete der zentralen Küstenregion von Maine.

Pilze sammeln entwickelte sich fast zu einem eigenen sozialen Netzwerk. Genau wie die riesigen Myzeliumnetzwerke der Pilze verbreitet sich diese Leidenschaft unter den Menschen. Sobald man anderen zeigt, wie einfach es ist, Pilze zu züchten, und dass man dadurch Geld spart, fangen viele Leute an, ihre eigenen Pilzzuchtkästen zu bauen oder in ihrem Garten Strohballen für die Pilzzucht aufzustellen.
 
„Tree“ lädt Sie ein, eins zu werden mit einem Kapokbaum im Amazonas. „Tree“ ist eine virtuelle Erfahrung, ins Leben gerufen von Milica Zec und Winslow Turner Porter III von New Reality Company (den Machern von „Giant“), das die Schönheit und das Geheimnis des peruanischen Amazonas erforscht - und den Horror der Abholzung. Die Rainforest Alliance ist stolz darauf, der offizielle Naturschutzpartner für dieses bewegende Stück zu sein, das auf dem Sundance Film Festival 2017 Premiere feierte. © New Reality Company
Die Inspiration zu Forager kam also durch Tree, mein eigene Pilzzucht und als drittes durch die Arbeiten von Louie Schwartzberg. Um es gelinde auszudrücken, gute Fernsehproduktionen waren im vergangenen Sommer rar. Louie Schwartzberg ist ein Stop-Motion-Filmemacher, einer der renommiertesten in dem Metier. In seinem Film Fantastic Fungi zeigt er die verschiedensten Pilze und ihre Wachstumszyklen und lässt Experten zu Wort kommen über die Bedeutung von Pilzen nicht nur für die Ernährung, sondern auch für die psychische Gesundheit und für die Regulierung verschiedener Ökosysteme auf der Erde.

Für „Forager“ planen Sie den gesamten Lebenszyklus der Pilze von den Sporen bis zur Zersetzung volumetrisch mit 3D-Scans zu erfassen und dabei mit Elie Zananiri, Hugues Bruyere und Ariel Nevarez sowie mit Adam DeMartino von Smallhold Mushrooms und Ivin Ballen von Lenscloud 3D zusammenzuarbeiten. Erzählen Sie mir etwas über die Technologien, die dieses Projekt möglich machen.

Ich wollte das Fachwissen nutzen, das meine Kolleginnen und Kollegen durch Forschung gewonnen und umgesetzt haben. Wie nutzen wir Capture-Technologie, um diese Pilze zum Leben zu erwecken und sie den Menschen näherzubringen? Wie nutzen wir nicht nur die Zeitraffertechnik, um den Lebenszyklus zu erfassen, sondern wie können wir das Geschehen aus allen Blickwinkeln zeigen?

das Erfassen von Natur 

Zeitraffer-Fotografie ist zwar unglaublich fesselnd ist, aber sie ist auch einschränkend in dem Sinn, dass die Bilder nur aus einer Perspektive aufgenommen werden. Daher habe ich ein Team zusammengestellt von Leuten, die wirklich fasziniert von Pilzen sind und sich mit Videospiel-Engines, Kunsttechnologie und Capture-Technologie auskennen.

Mein langjähriger Kollege Elie Zananiri ist ein mit dem Emmy Award ausgezeichneter Spezialist für Capture-Technologie und Engine-Software für Videospiele. Ich sprach mit ihm über die Idee, etwas nicht nur über einen bestimmten Zeitraum zu erfassen, und wollte wissen, ob es auch möglich ist, Pilze aus all den verschiedenen Blickwinkeln festzuhalten. So begannen wir gemeinsam über die Entwicklung eines besonderen Kameraträgers nachzudenken.

Ausgehend von dem, was wir bisher herausgefunden haben, wurde so etwas noch nie gemacht. Bisher gab es zwar Zeitrafferfotografie – einzelne Standbilder werden aufgenommen und dann zu einem Video zusammengeschnitten, so dass es so aussieht, als ob es sich vor unsere Augen abspielt. Volumetrische Erfassung gibt es auch, dabei wird ein Objekt aus den verschiedensten Blickwinkeln erfasst. Das können 100 Standbilder sein oder ein Video, das anschließend in Standbilder unterteilt wird. Weil hierbei jeder einzelne Blickwinkel erfasst werden kann, lässt sich das Ganze dann als 3D-Objekt zusammenfügen und wird zu einem echten Bild. In einer computergenerierten virtuellen Umgebung sieht es dann so aus, als ob es wirklich lebendig ist.

Es überrascht mich, dass bisher niemand den gesamten Lebenszyklus von Pilzen volumetrisch mithilfe von 3D-Scaning erfasst hat. Wissen Sie warum?

Richtig, der Lebenszyklus von Pilzen wurde erfasst, aber unseres Wissens nach hat das noch niemand mit volumetrischer Erfassung versucht. Ich denke, der Grund, warum das niemand gemacht hat, ist, dass es sehr zeitaufwändig ist und ein hohes Maß an Automatisierung erfordert. Es ist also ein technologisch kompliziertes Problem, nicht nur die Erfassung und Automatisierung, sondern auch die Animation der 3D-Aufnahmen vom kleinsten bis zum größten Zustand der Pilze und ihrem Zersetzungszyklus.

Unser erstes Ziel ist die Entwicklung dieser Verfahrenspipeline, denn es handelt sich hier um eine experimentelle Pipeline, die unseren Nachforschungen zufolge noch nie erkundet wurde. Die Pilze, die wir erfassen wollen, sind der Igel-Stachelbart, die Herbsttrompete und der Austernpilz.

Wir haben das Gefühl, dass in der Filmproduktion eine Welle der volumetrischen Kunst und Capture-Technologie kommen wird. Und es wird in der Tat etwas Neues sein, denn diese Technologie erlaubt uns das Erfassen von Natur auf eine Weise, die vorher einfach nicht möglich war. Außerdem ist sie nutzerfreundlich. Als Ausrüstung benötigen wir lediglich eine Kompaktkamera und einen Tiefensensor von Microsoft, der etwas mehr als 300 US-Dollar kostet. 

ein stark vorbelastetes Thema

Zum einen wollen wir in der Lage sein, den kompletten Lebenszyklus auf eine ganz neue Weise festzuhalten und zum anderen wollen wir diese Technologie nutzen, um die Menschen an etwas Neues heranzuführen und sie selbst zu befähigen – indem diese 3D-Aufnahmen für sie verfügbar sind, ähnlich wie eine Enzyklopädie, die man erkunden und wo man Dinge entdecken und mit ihnen experimentieren kann. Es ist also ein zweigliedriger Ansatz, bei dem wir einerseits ein Instrument entwickeln wollen und andererseits mit diesem Instrument in der Lage sein wollen, Kunst zu schaffen. Es ist faszinierend, dass wir so viel noch nicht wissen. Wir dokumentieren daher wir jede Phase unseres Projekts, damit andere davon lernen und wir es einem breiteren Publikum zugänglich machen können.

Welchen Effekt meinen Sie wird “Forager” auf die Betrachtenden haben?

Ich denke, sie werden so etwas wie kindliches Erstaunen oder eine erneuerte Verbundenheit mit der Natur verspüren, wenn sie sehen, wie mannigfaltig, kraftvoll und umfassend die Natur ist. Auch dann, wenn wir uns in einem urbanen Umfeld in unseren Häusern einigeln, ist die Natur noch präsent. Sie ist überall um uns herum. Selbst ein virtueller Pilz auf einem Smartphone, vergrößert oder durch eine Virtual Reality-Brille betrachtet, stellt eine Verbindung mit der Natur dar.

Ein weiteres Ziel ist, mithilfe des Projekts Normen für volumetrische Erfassung und Zeitraffer auf einer fundierten wissenschaftlichen oder technischen Messlatte zu entwickeln. Das eigentliche Wunder dieses Projekts findet statt, wenn diese beiden zusammenkommen.

Kürzlich habe ich einen Artikel über einen Studenten in Nebraska gelesen, der ein voll funktionierendes Kanu aus Myzelium gebaut hat, denn Pilze können Plastik aufnehmen und könnten damit sogar eine Lösung für Verpackungsrecycling sein. Welche Rolle spielen Pilze Ihrer Meinung nach im Umweltschutz, in der Welt insgesamt und potenziell auch beim Klimawandel?

Pilze sind meiner Ansicht nach ein stark vorbelastetes Thema. Wenn wir von unserem Projekt erzählen, denken die Leute, es geht dabei um Bewusstseinsveränderung, was nicht der Fall ist. Dies hat viel Verwirrung gestiftet, wenn es um die Frage geht, welche Rolle Pilze in dieser Welt innehaben. Mit mehr Forschung und zunehmender Entmystifizierung wird sich die Wahrnehmung von Pilzen in der Öffentlichkeit wandeln und sie werden erkannt als etwas, das die Schadstoffe von fossilen Brennstoffen, biochemische Verbindungen und Kunststoffe abbauen kann.

Wir für unseren Teil hoffen, dass wir mit unserem Projekt Pilze entmystifizieren und dass es die Tür öffnet zu einem besseren Verständnis des gesamten Königreichs Natur, das es schon immer gegeben hat und das nur darauf wartet, von uns erkundet zu werden.

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