„Wake Up“
Isaiah Lopaz

"Wake Up" by Isaiah Lopaz (Music by New Past) © Isaiah Lopaz | Courtesy of the Artist

Wake Up ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem Künstler Isaiah Lopaz und New Past, einem Kollektiv von Klangkünstler*innen. Der Song besteht aus einer komplexen Überlagerung verschiedener Instrumente, darunter Bass, Schlagzeug, Klavier, Orgel, Percussion, Synth-Bass, Trompete und Gesang.

Der Liedtext, der als Inspiration für Lopaz’ Serie von Collagen-Animationen diente, präsentiert zwei unterschiedliche, sich jedoch ergänzende Perspektiven. Zum einen verkörpern gottgleiche Figuren das überlegene Wesen, das Verhaltensweisen und Glaubenssätze diktiert. Selbstbewusst sagen sie den Menschen: „Ich kann alles tun, ich kann alles sein. Seht nur, wie ich fliege. Das Leben ist meine Freude; meine Zukunft ist so strahlend. Ich werde niemals sterben.“ Zweitens stellt der Refrain eine*n distanzierte*n Beobachter*in der sich entfaltenden Geschichte dar. Im weiteren Verlauf des Songs erklären Götter und Göttinnen, wie Menschen sich durch die Übernahme und sogar die Nachahmung ihrer Glaubenssätze einfügen und Akzeptanz und Liebe finden könnten: „Lasst euch einfach von uns führen; diesen ungeschützten Raum, macht ihn zu einer Leere, die ihr durch unsere Gnade mit Taubheit füllen könnt. Lächelt einfach, und ihr werdet es schaffen; das könnte Liebe sein, und ihr werdet niemals gehasst werden.“ Hier spielen New Past auf die Gefahren der Normalisierung von Gewalt gegenüber marginalisierten Gemeinschaften an. Dennoch gibt es eine andere Stimme, die die Gottheiten leise fragt: „Was ist eure Sicherheit, wenn sie nur an der Unruhe anderer gemessen wird? Was ist eure Vorliebe, wenn sie von gewalttätiger Angst abhängt? Was ist eure Liebe, wenn eure Abstammung euch taub gemacht hat? Wem verdankt ihr eure Identität?“ Beharrlich stellt diese Stimme die letzte Frage, bis schließlich beide Stimmen verklingen und das Lied endet.

Der Liedtext erinnert daran, wie leicht wir zu Kompliz*innen genau jener rassistischen und patriarchalen Systeme werden können, die unseren eigenen Gemeinschaften bereits schaden. Lopaz greift diese komplexe Geschichte auf und belebt Gottheiten und Szenen mit über neunzig Collagen. Die Ästhetik der Arbeit ist geprägt von der Rohheit, Taktilität, Textur, Schichtung und Fragmentierung der Collage und schafft so eine unruhige Bewegung und visuelle Erzählung, die die Aufmerksamkeit auf die konstruierte Natur sowohl von Identität als auch von Glaubenssystemen lenkt. Indem er Bilder aus Modemagazinen und der Populärkultur zerschneidet und in einen neuen Kontext stellt, geht Lopaz über schädliche Stereotype hinaus, um hybride und mythische Figuren zu schaffen, die die Konstruktion spekulativer Realitäten für Schwarze Gemeinschaften ermöglichen. In den Eröffnungsszenen werden sechs Götter und Göttinnen aus fragmentierten Gesichtern schwarzer Personen sowie Materialien wie Quarz, Ton(vasen), Stoff, Kopftücher und Muscheln geformt. Im Verlauf des Videos kommen andere Figuren, die Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften repräsentieren, miteinander in Kontakt und scheinen sich zeitweise sogar zu bekämpfen oder anzugreifen.

New Past nutzen Stille, Kontraste und Momente instrumentaler Überlastung, um den Kampf der beiden Perspektiven zu vermitteln, eine Vision in Einklang zu bringen, die darauf ausgelegt ist, eine Gruppe auf Kosten anderer zu privilegieren. Lopaz wiederum haucht diesen komplexen Geschichten Leben ein, indem er hybride, nur teilweise menschliche Formen schafft, die sich durch Temporalität und multidimensionale Räume bewegen. Durch die physische Überlagerung dieser fragmentierten Subjekte und Welten steht Lopaz’ Animation im Einklang mit dem Kern des Stücks: einem Aufruf zum kollektiven Erwachen, zum Ablernen von Vorurteilen und zur Annahme unserer gemeinsamen Pflicht, Solidarität innerhalb unserer Gemeinschaften zu schaffen.

Text von Erandy Vergara Vargas

Isaiah Lopaz

Isaiah Lopaz

Isaiah Lopaz | © Matt Lambert

Isaiah Lopaz ist ein transdisziplinärer Künstler, Autor und Archivar, der zwischen Brüssel und Rotterdam lebt. Ausgehend vonseiner jüngeren Familiengeschichte, die vom Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel geprägt ist, untersucht seine Arbeit, wie persönliche Erzählungen zu umfassenderen globalen Verflechtungen beitragen. Isaiah Lopaz ist Gründer von Black Visual Grammar, einem sich ständig weiterentwickelnden Workshop- und Ausstellungsprojekt, das schwarze Perspektiven durch Collagen und öffentliche Archivierung dokumentiert. Seine Arbeiten wurden unter anderem an folgenden Institutionen präsentiert: HAU, Neuer Berliner Kunstverein und DAAD-Galerie. Er war Gastdozent an der Kunsthochschule Weissensee, der UDK und St. Lucas Antwerpen und erhielt Fördermittel vom Berliner Senatsamt für Kultur und Europa sowie von der Stiftung Kunstfonds.