Pop 2015 Rum Kokos für’s Karma

Deichkind auf dem Festival Southside 2010
Deichkind auf dem Festival Southside 2010 | Foto (Ausschnitt): Olaf (i-workz), CC BY-SA 2.0

Über die Qualität des deutschen Pop wird sich gerne bitter beklagt. Tatsächlich gibt es dafür gute Gründe. Im Moment vielleicht sogar mehr denn je. Trotzdem macht die Bilanz des deutschen Popjahrs 2015 erstmal allerbeste Laune.

Allen ewigen Miesepetern und grimmigen Flitzpiepen zum Trotz: Das deutschsprachige Popjahr 2015 war fantastisch. Vielleicht sogar eines der besten seit langem. Denn es gab etwa endlich eine eindrucksvolle deutsche Post-Punk-Band: Die Nerven aus Stuttgart, der mit ihrer EP Out und Songs wie Barfuß durch die Scherben das eigentlich Unmögliche gelang: fatalistisch, düster und zornig wie eine deutsche Version von Joy Division zu klingen – und doch nicht peinlich zu sein. Es gab den von Jamie Lidell gesungenen, ziemlich unwiderstehlich pumpenden Elektro-Soul-Streich So Simple von Funkstörung, alten Helden eines Genres, das man in England und den USA liebevoll IDM nennt, Intelligent Dance Music. Und es gab den grandiosen Stop-And-Go-Schieber I Haven’t Been Everywhere, But It’s On My List von DJ Koze, einem anderen nimmermüden deutschen IDM-Helden, dem die guten Ideen nicht auszugehen scheinen.

Der klügste Song des Jahres

Tocotronic wiederum veröffentlichten auf ihrem neuen Roten Album den vielleicht schönsten, klügsten und anrührendsten Folksong der deutschen Popgeschichte: Solidarität, den man unbedingt auch zum allerbesten der jüngeren deutschen Lyrik rechnen müsste, wenn das der Pop denn noch nötig hätte (zumal man gelegentlich um den Eindruck nicht herum kommt, dass die deutsche Pop-Dichtung da, wo sie gut ist, schon seit Längerem in ungleich besserer Form ist als die deutsche Lyrik): „Ihr, die ihr euch unverzagt / mit der Verachtung plagt /Gejagt an jedem Tag / von euren Traumata / Die, ihr jede Hilfe braucht / unter Spießbürgern Spießruten lauft / Von der Herde angestielt / Mit ihren Fratzen konfrontiert / Die ihr nicht mehr weiter wisst / Und jede Zuneigung vermisst / Die ihr vor dem Abriss steht / Ihr habt meine Solidarität.“

Und zuletzt legte sogar Gabi Delgado noch ein bemerkenswertes neues, elektronisches Doppelalbum vor. Mit DAF dachte er sich Ende der Siebziger eine der spektakulärsten deutschen Gaga-Dada-New-Wave-Bands aus und tanzte den Mussolini. Inzwischen lebt er zwar wieder in seinem Geburtsland Spanien, weit weg vom deutschen Pop, aber vor allem mit einem kleinen Kommentar anlässlich der neuen Platte 2 bewies er, dass ihm nichts vom Biss und der klarsichtigen Cleverness der frühen Tage verlorengegangen ist: „Es gibt im Deutschen ja sehr viele Silben, weswegen der Imperativ die kürzeste Form ist, etwas zu sagen.“ Präziser lässt sich der Fluch, der auf dem deutschen Pop liegt, kaum auf den Punkt bringen. Oder der Segen, wenn man denn damit umgehen kann, dass deutsche Popmusik deshalb im Grunde schon vor dem ersten Takt ihre Unschuld verloren hat.

Anders gesagt: Wenn man etwas wirklich kurz und knapp sagen will – und darum geht es schließlich im Pop – dann klingt das im Deutschen nun mal sehr schnell wie ein ziemlich ungalanter Befehl und nicht so freundlich-flehend wie, sagen wir, Love me do. Bands wie DAF, Die Tödliche Doris, F.S.K. oder S.Y.P.H. machten damals (und teilweise bis heute) das Beste daraus: Sie versuchten mit aller Macht, dem Hippie-Authentizitäts-Kitsch der Siebziger ein Ende zu bereiten: „Zurück zur U-Bahn / zurück zum Beton“.

Dieses Projekt hat die Hamburger Krawall-Elektro-Rap-Combo Deichkind womöglich am konsequentesten in die Gegenwart gerettet. Seit Jahren schafft sie nun schon das eigentlich Unmögliche, also so etwas wie sehr, sehr lässige Ideologiekritik. Man höre nur Like mich am Arsch vom jüngsten Deichkind-Album Niveau Weshalb Warum, das im Februar auch noch auf dem ersten Platz der deutschen Album-Charts landete. Alles wird gut.

Und dann waren da ja auch noch die beiden österreichischen Pop-Sensationen: Die beiden Wiener Bands Wanda und Bilderbuch. Bilderbuch veröffentlichten im Februar ihr Album Schick Schock, das sie als die so superlässige wie formvollendet funky Indiepop-Band zeigte, als die sie sich mit Singles wie Plansch oder Maschin schon 2014 ins Spiel gebracht hatten. Man höre nur die fabelhaft wabbelnde Single OM, in dem Sänger Maurice Ernst vor Coolness fast die Stimme erstirbt, aber eben genau nur fast. Wenn es überhaupt so etwas wie deutschen R’n’B geben kann, dann muss er so klingen: „Tijuana, New Mexico, First-Class / Immer hin mit uns, runter vom Gas / Ich sagte: ,Mädel / Komm mit mir da hin! / Bling, Bling, Bling und sing: / Rum Kokos für’s Karma / Relax and don’t pay tax“. Das Video zum Song ist übrigens auch feinster Irrsinn. Eh klar.

Wanda wiederum ritten zunächst auf der Welle des Ruhms, die ihr Singles wie Bologna, Schick mir die Post oder Auseinandergehen ist schwer bescherten, die noch vom 2014 erschienenen Debüt-Album Amore stammten. Im Oktober legten sie dann ihr zweites Album Bussi nach und lieferten fast noch besseres Material. Zeilen zum Beispiel wie in „Lieber dann als wann“ : „Wenn Du Du selber bist / bist Du so fad, dass niemand mit Dir spricht / Es schaut Dich keiner an / Wenn Du Dich selbst nicht spielen kannst.“ Zeilen waren das, die einem ideologische Abgründe des Alltags so knapp und gescheit zwischen die Ohren stellten, dass man fast das Mitgrölen vergaß. Mit fleißiger Hilfe der Band, die in Interviews darauf bestand, nicht zum Denken anregen zu wollen, sondern „zu Ekstase und Leidenschaft“, gab’s oben drauf sogar noch eine kleine feine Indie-Kontroverse im Land. Was für die einen nämlich eine fabelhaft halsbrecherische und morbid-ironische Feier der Uneigentlichkeit im Gewand einer „Gossenrocksensation“ (Musikexpress) war, war für andere bloß ein ideologischer Rückschritt des deutschen Indierock mit Siebenmeilenstiefeln, selbstverliebter Männer-Kitsch.

Im Video zu Bussi Baby spielte dann auch noch die 25-jährige Journalistin Ronja von Rönne die Hauptrolle, die kurz zuvor mit einem wüsten antifeministischen Pamphlet im Feuilleton der Tageszeitung Die Welt für Aufsehen gesorgt hatte. In der Süddeutschen Zeitung schrieb die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel: „Dabei trägt er (Sänger Marco Michael Wanda) seine Lederjacke und eine Hose, die er nie wechselt und ich glaube auch nie wäscht. Das hat er sich so ausgedacht, sagt er, weil er es männlich findet wie Hemingway lesen, Schnaps trinken und fischen. Genau diese Ästhetik ist es, die auch viele Menschen abstößt. Wenn Marco beim Konzert Fickbewegungen in die Luft macht, muss ich trotz aller Gänsehaut, die ich noch kurz davor hatte, erschrocken das Youtube-Video schließen.“

Das fieseste Genre

Allzu ausgestellte Männlichkeit ist ansonsten ja eher die Spezialität des deutschen Gangster-Rap: Nachdem 2014 Haftbefehl das kaum noch zu überblickende Genre in Songs wie Ich rolle mit meim Besten endlich auf beinahe amerikanisches Niveau bugsierte, gab’s 2015 erstmal wieder eher Unrundes von der Stange, das in Sachen Gewaltverherrlichung, Misogynie, Allmachtsphantasien, Antisemitismus und Humorlosigkeit kaum Wünsche offen ließ. Jahreshöhepunkt des deutschen Gangster-Rap war im Grunde eine gut gemachte Gangster-Rap-Parodie samt Videoclip des Moderators und Satirikers Jan Böhmermann und hieß POL1Z1ZISTENSOHN. Die Szene kapierte nichts und verhängte reflexhaft allen Ernstes „Stadtverbote“ für Jan Böhmermann. Immerhin Rap.de, eine der populären, aber notorisch unkritischen Hip-Hop-Netzseiten, sah in der Debatte bald etwas klarer: „(…) das grundsätzliche Problem lässt sich überhaupt nicht leugnen: Der Großteil der Berichterstattung über Rap ist nichts als Promo. Keine Kritik an antisemitischen Aussagen, keine Kritik an Gewaltverherrlichung, keine Kritik an der massenhaften Verbreitung von dummen Verschwörungstheorien und Vorurteilen jeglicher Art.“

Die Überraschungen kamen von den Rändern des Geschehens. Mit ihrem neuen Album What’s goes? und Singles wie Papa Willi und der Zeitgeist konnte man Die Orsons trotz all ihrem Klamauk, der gelegentlich fast zwanghaft wirkt, deutlich als avancierteste Hip-Hop-Crew des Landes erkennen. Die Beats zappeln, zischen, stolpern und rummsen so fabelhaft nervös-rollend voran, wie man das sonst nur aus den interessanteren amerikanischen und britischen Produktionen gewohnt ist und die Raps sind maximal eklektisch und doch grandios gelenkig. Das Steif-unrunde, das den deutschen Rap noch immer so oft so schwer genießbar macht, fehlt hier.

Erträglich machte das ins Unrunde Gesprochene im deutschen Rap in diesem Jahr eigentlich nur der Berliner Roman Geike alias Romano, der auf seinem Debüt Jenseits von Köpenick mit Songs wie Metalkutte oder Brenn die Bank ab den Vogel abschoss als Schöpfer der zweifellos irrsten deutschen Popfigur des Jahres: einer Art liebenswürdigem Stadtindianer-Pimp mit engen Hosen, Football-Blouson und Pipi-Langstrumpf-Zöpfen, der auch einfach mal nur über seine Lieblingsmetalbands rappt. Die üblichen Ironie, mit der derlei Berliner Hipster-Ideen normalerweise aufgeführt werden, schien ihm dabei völlig fremd, was nachhaltig verstört.

Noch weniger allerdings als über Hip-Hop und Gangster-Rap darf, wer über deutschen Pop schreibt, natürlich über den deutschen Schlager schweigen. Denn, so bitter das auch sein mag, an der Erkenntnis, dass die mit Abstand erfolgreichste deutsche Popmusik der Schlager ist, führt kein Weg vorbei. Wenn ein neues Album von Andrea Berg, den Flippers oder Semino Rossi erscheint, ist es auf Anhieb mindestens in den Top-Ten der deutschen Charts, meistens sogar gleich auf dem ersten Platz. Weshalb es kein Zufall ist, dass mit Helene Fischer der deutsche Pop-Superstar schlechthin eine Schlagersängerin ist. Ihre erste Stadion-Tour fällt übrigens auch ins Jahr 2015, ihr aktuelles Album Farbenspiel hat sich inzwischen weit über zwei Millionen Mal verkauft, ihr erstes Weihnachtsalbum Weihnachten in wenigen Wochen fast eine Million Mal. In Zeiten, in denen immer weniger Geld mit dem Verkauf einzelner Tonträger verdient wird, weil das Musikstreaming aus dem Netz zum Mainstream-Phänomen geworden ist, ist das ein Erfolg, der kaum noch vorstellbar schien.

Die Top-Ten-Überraschung

Fast ein bisschen überrascht war man im Juni dann darüber, dass kein Schlagerstar ganz oben stand, als es erstmals zum Äußersten kam: In der letzten Juni-Woche standen in den deutschen Alben-Top-Ten (die immer die meistverkauften Alben der jeweils letzten Woche dokumentieren) zehn deutschsprachige Platten. Das hatte es bislang noch nie gegeben. Selbst wenn heute wenige zehntausend verkaufte Einheiten für eine Top-Ten-Platzierung reichen können, staunte man. „Deutschsprachige Musik ist so beliebt wie nie zuvor“, konstatierte Mathias Giloth, der Geschäftsführer vom Konsumforschungsunternehmen GfK Entertainment, das die Charts ermittelt.

Für das Ausland gilt das freilich weiterhin nicht. Popmusik aus Deutschland hat es dort traditionell schwer, einen echten internationalen Hit wie 2012 den Wankelmut-Remix von Asaf Avidans One Day/Reckoning Song oder 2013 den Stolen Dance von Milky Chance gab es 2015 nicht. Für deutschsprachigen Pop gibt es im Grunde nach wie vor ohnehin keinen echten ausländischen Markt außerhalb von Österreich und der Schweiz. Einzige Ausnahme ist da seit jeher Rammstein. Und Deutsche Techno-DJs genießen in den Clubs der Welt natürlich weiter einen hervorragenden Ruf. In avancierteren Indiepop-Kreisen des Westens, insbesondere Großbritanniens, ging 2015 ansonsten das ewige Krautrock-Revival weiter.

Deutscher Hip-Hop/Gangster-Rap und Schlager teilten sich in den Rekord-Charts übrigens das Feld beinahe brüderlich. Vier Hip-Hop-Alben waren vertreten, darunter auf dem ersten Platz der Woche der Essener Rapper KC Rebell mit Fata Morgana, Marsimotos Ring der Nibelungen (Marsimoto ist das fiese Alter Ego des deutschen Hip-Hop-Stars Materia) stand auf dem dritten, die Hamburger Rapper LX & Maxwell mit Obststand auf dem fünften und die Haftbefehl-Schützlinge Celo & Abdi mit Bonchance auf dem achten Platz. Bestenfalls solide Werke allesamt. Irgendwie hat man den Eindruck, dass der deutsche Rap ein bisschen zu zufrieden mit sich selbst ist. Aber vielleicht ist die erstaunliche Menge an deutschen Hip-Hop-Projekten ja auch nötig, um irgendwann einmal etwas wirklich Erstaunliches hervorzubringen.

Nicht einmal diese letzte kleine Hoffnung bietet einem der immer wieder erschreckend formelhafte deutsche Schlager und Schlager-Pop, auch das bewies die Rekordwoche: Xavier Naidoo landete mit dem zweiten Sampler seiner Fernsehshow Sing meinen Song auf dem zweiten Platz, Sarah Connor mit Muttersprache auf dem vierten und Gregor Meyle mit dem ersten Sampler seiner Fernsehshow Meylensteine auf dem sechsten. Gefolgt vom Shanti-Schlager-Männerchor Santiano Von Liebe, Tod und Freiheit (7. Platz), Christina Stürmers Best-of-Album Gestern. Heute (9. Platz) und Purs Hits Pur – 20 Jahre eine Band (10. Platz).

Nun ja, aber vielleicht wird der Mainstream ja doch eines Tages besser. Bis es so weit ist, kann man ja unverzagt abwechselnd Romanos Brenn die Bank ab und Deichkinds Like mich am Arsch hören.