22.02.2023, 19:00

Nebel des Krieges

Ausstellung|Regional Projekt

  • Goethe-Institut Georgien , Tbilissi

  • Preis Eintritt frei. Am Sonntag geschlossen

Nebel des Krieges Goethe-Institut

„Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit”, Carl von Clausewitz, Vom Kriege (1816-30)

Fast alle Länder unserer Region sind in den letzten Jahren von Kriegsereignissen unterschiedlicher Intensität heimgesucht worden. Als Folge der Auflösung der Sowjetunion gab es eine schwindelerregende Kaskade von bewaffneten Konflikten in Tschetschenien, wo Putins Aufstieg als Kriegsherr begann, in der Republik Moldau, (Transnistrien), Georgien (Abchasien und s.g. Südossetien), Armenien und Aserbaidschan (Berg-Karabach), Belarus, Kasachstan und nun zum wiederholten Male und als tragischer Gipfel in der Ukraine, wobei in allen Fällen Russland als Hauptprotagonist beteiligt war. Fast immer ging es dabei um Territorial- und Nationalitätsfragen, wie sie im 19. Jahrhundert oder gar noch früher formuliert wurden.

In seinem Kriegstagebuch (1917-22) ahnte der sowjetische Literaturtheoretiker Viktor Schklowskij kommendes Unheil: “Aus dem leeren, schwarzen Russland wehte ein schwarzer Luftzug herüber, der Luftzug des Wahns”.

Viele Goethe-Institute der Region operieren streng genommen seit Jahren immer wieder unter Kriegsbedingungen.

Die kriegerischen Handlungen werden dabei unweigerlich von gegenseitigen Schuldzuweisungen, bizarren historischen Begründungen und haarsträubender, von Nationalismus und Revanchismus triefender Rhetorik begleitet, so dass die Wahrheit in einer undurchdringlichen Nebelwand verschwindet.

Ebenso unkalkulierbar sind die ungeahnten internationalen Verwicklungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, bricht nun über Nacht zusammen.

Über allem türmt sich aber unermessliches menschliches Leid.

In seinem Traktat “Zum ewigen Frieden” setzt Kant dem Krieg eine “republikanische Verfassung” der Staaten entgegen. Nur sie kann den Frieden garantieren, denn wenn die Bürger selbst über die “Drangsale des Kriegs” befinden dürfen, werden sie kaum “ein so schlimmes Spiel” beginnen wollen. Wenn aber der Bürger Untertan ist und der Präsident sich als “Staatseigentümer” versteht, sind dem Krieg und der Willkür Tür und Tor geöffnet. Angesichts dieser Asymmetrie im politischen Denken fragen sich nun die westlichen Gesellschaften, ob sie bei allem lobenswerten Pazifismus nicht doch gut beraten wären, sich ein Mindestmaß an Wehrhaftigkeit zu erhalten.

Gleichzeitig rücken längst in Vergessenheit geratene Tugenden wie Unerschrockenheit, Zivilcourage und Vaterlandsliebe wieder in den Vordergrund, so wie sie etwa vom ukrainischen Präsidenten und seiner aus Freiwilligen bestehenden Territorialverteidigung, die Clausewitz Volkskrieg nennt, mustergültig vorgelebt werden. Und was gestern noch, etwa im Fall des Kiewer Bürgermeisters und früheren Boxweltmeisters, in die Nähe toxischer Männlichkeit gerückt wurde, gilt nun als Tapferkeit.

Wenn der Ukraine-Krieg einerseits unmenschliche Barbarei zu Tage fördert, dann offenbart er andererseits auch in der Zivilbevölkerung Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und heldenhaften Mut.
Ein noch nicht ausgemachter militärischer Erfolg der einen Seite kann den moralischen Sieg der anderen Seite nicht aufhalten.

Das vorliegende Projekt vereint Künstlerinnen und Künstler der Region Osteuropa und Zentralasien sowie aus Deutschland und Norwegen in einer Ausstellung, welche ganz subjektive Annäherungen an die Tragödie des Kriegs erlaubt. Dabei geht es weniger um dokumentarische Reportagen als um Einblicke in die conditio humana an sich, also um der “Seelen Schatz, der so vielen abgezwungen wurde” wie Andreas Gryphius in seinem Sonett “Tränen des Vaterlands” mitten im Dreißigjährigen Krieg klagt.

Vielleicht gelingt es ihnen sogar, im symbolischen Raum der Kunst “die Toten zu wecken und das Zerschlagene zusammenzufügen”, wie Walter Benjamin dem Engel in Paul Klees Zeichnung “Angelus Novus” zuruft.

Als Kulturinstitut wollen wir die Deutung des Geschehens nicht allein den Politikern, Generälen und Journalisten überlassen, sondern dem unbestechlichen Blick der Kunst aussetzen, in der Hoffnung, dass sich der Nebel des Kriegs etwas lichten möge.

Künstler: Karo Akpokiere, Gigi Guledani, Verena Issel, Frank Thiel, Maria Kulikovska, Dmytro Kozatskyi, Sipa Labakhua/Levan Varazi, Almagul Menlibayeva, Orxan Hüseynov, Sabina Shikhlinskaya

Kurator der Ausstellung: Alfons Hug, Lieter Goethe-Zentrum Baku