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Bauhaus100
Spuren des Bauhauses in Pécs

Hotel Mecsek in Pécs
Foto: Hans Engels

Beim Anblick der renovierten Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau stellte sich der deutsche Fotograf Hans Engels die Frage, ob es wohl in Europa noch unentdeckte Bauhaus-Architektur gibt. Bald fand er heraus, dass nicht einmal über die in Deutschland vorhandenen Gebäude ein umfassender Überblick existierte. Er machte sich also auf die Suche nach unbekannten Bauwerken – zuerst in Archiven, dann auf Reisen. Die südungarische Stadt Pécs erreichte er durch Vermittlung des Goethe-Instituts Budapest, das beabsichtigte, die wenig bekannten Bauhaus-Gebäude im Geburtsort einiger ungarischer Bauhaus-Künstler fotografisch aufzunehmen.

Von Zsolt László

Auch in Ungarn wird immer häufiger von den Pécser Bauhaus-Künstlern gesprochen, Bücher und andere Materialien zum Thema werden publiziert. Im Auftrag des Goethe-Instituts machte ich mich gemeinsam mit Hans Engels auf den Weg zu den noch existierenden Gebäuden und recherchierte ihre Geschichte in den auffindbaren Quellen. Die eingezeichnete Linie auf dem kleinen Stadtplan im Anhang zeigt dem Leser den Weg.

Die Anfänge

Der Modernismus und das Neue Bauen setzten sich vor allem in Budapest durch, obwohl die ersten ungarischen Bauhaus-Mitglieder zunächst in Weimar und später in Dessau aus Pécs stammten. Alfréd Forbát zog 1920 nach Weimar und arbeitete dort bei Walter Gropius. Ihn erwähnt ein ungarisches Architektur-Blatt 1923 in einem Bericht über die erste große Bauhaus-Ausstellung in Weimar: »… eine internationale Schau moderner Architektur überrascht den Besucher. […] Unter unseren Landsleuten präsentiert Alfréd Forbát Entwürfe für ein vielseitig kombinierbares Typenhaus aus Gussbeton und für ein Ein-Küchen-Haus in Pécs, während Farkas Molnár die Pläne eines Wohnhauses mit dem Namen Roter Kubus vorstellt, eines vielseitig gestalteten Hauses in Holzkonstruktion auf einer utopischen Straße.« Marcel Breuer traf 1921 in Weimar ein und leitete bald darauf die Bauhaus-Tischlerei. Als das Neue Bauen in Ungarn langsam Einzug hielt, waren die finanziellen Möglichkeiten vor allem außerhalb der Hauptstadt Budapest äußerst  beschränkt, die realisierten modernen Bauten blieben eher ein Kuriosum, sie bestimmten keinesfalls das Stadtbild. Marcel Breuer zum Beispiel konnte keinen einzigen Entwurf für ein Gebäude in Ungarn verwirklichen – auch deshalb, weil die Bauhaus-Ausbildung in technischer Hinsicht leider nicht der Ausbildung der Architekten in Ungarn entsprach und daher keine Anerkennung fand.

Zeitgenössische Fachzeitschriften

Über modernistische Bestrebungen und avantgardistische Initiativen wurde in der ungarischen Presse erstmals 1920 berichtet, und zwar in der Pécser Kunst-Zeitschrift Krónika, zu deren wichtigsten Mitarbeitern Andor Weininger zählte. Lajos Kassák gab 1926/27 beziehungsweise von 1928 bis 1939 die Blätter Dokumentum (Dokument) und Munka (Arbeit) heraus, die sich den Arbeiten namhafter ausländischer Baumeister widmeten, aber auch soziale, ethische und philosophische Themen behandelten. Ein renommiertes Fachblatt war das ab 1928 zwei Jahrzehnte lang von Virgil Bierbauer redigierte Monatsheft Tér és forma (Raum und Form).

Das neue Denken

Unaufhaltsam manifestierte sich der Ruf nach modernen Veränderungen in der Architektur, die nunmehr mit alten Formen brechen und ökonomischen wie sozialen Aspekten mehr Beachtung schenken sollte. Ausschlaggebend für diesen Aufstand gegen jene herkömmliche Architektur, die noch das überholte, konservative Bewusstsein widerspiegelte, waren insbesondere die neuen technischen Möglichkeiten, die sprunghafte Zunahme der Stadtbevölkerung  und das industrielle Wachstum in den frühen zwanziger Jahren. 1928 gründeten 28 namhafte europäische Architekten mit Le Corbusier an der Spitze den Internationalen Kongress für Neues Bauen (CIAM), auf dessen zweiten Konferenz, 1929 in Frankfurt, ging es um das Thema: Die Wohnung für das Existenzminimum. Der Architekt Ernst May stellte aus diesem Anlass fest: »Wir erleben den Morgen einer Epoche, die die vornehmste Aufgabe des Bauens in der Befriedung der Wohnbedürfnisse der breiten Massen der Völker erblickt.« Hoher Wohnkomfort bei bezahlbarem Mietpreis, möglichst ein Zimmer für jedes Haushaltsmitglied, fließend Wasser und Strom, viel Sonne und ein eigener Garten beziehungsweise ausreichend Grünflächen in der Nachbarschaft sowie möglichst geringe Entfernungen zum Arbeitsplatz lauteten die Kernforderungen Mays.
Eine wichtige Rolle bei der Propagierung dieser Ideen in Ungarn spielte das Komitee der Ländergruppen, das sich mit den Problemen des modernen Bauens und mit der Vorbereitung weiterer Kongresse beschäftigte: Hier wurde der Bau einer Budapester Mustersiedlung angeregt.
 
Der Anspruch auf hohe Wohnqualität für breite Massen, der um die Jahrhundertwende aufkam und Ende der zwanziger Jahre im Mittelpunkt stand, zog in Pécs die Gründung der Baugenossenschaft Megyeri Kertváros Épitő Szövetkezet (Megyeri Gartenstadt-Baugenossenschaft) nach sich. Zunächst entstand ein umfassender städtischer Bauplan unter Leitung des Technischen Baurats Lóránt Kalenda, der für Stadtplanung zuständig war. Die Urbanistik-Ausschreibung gewannen 1928 Endre Dörre, Károly Weichinger und Gyula Kőszeghy. Ihnen schwebte eine moderne Gartenstadt für Arbeiter und Angestellte vor. Sie erläuterten die Eckpunkte und Zielsetzungen ihres Konzepts, die Erschließung und Bebauung von neuem Gelände in ihrem Vortrag Das Pécser Stadtbild. Lóránt Kalenda plante daraufhin die Angestelltensiedlung mit Einfamilienhäusern am Südteil der Szigeti Landstraße, das Villenviertel hingegen an den Ausläufern des Mecsek-Gebirges.

Wohnhäuser

Bei der Planung der Wohnhäuser taucht erneut der Name Alfréd Forbát auf, der mehrere Villen entwarf, die das Stadtbild wesentlich prägten.
 
Den ersten Auftrag für eine Villa erhielt er von Endre Bálvány, einem General a. D., dessen Grundstück in der Kaposvári Strasse an den Familiensommersitz des Architekten grenzte. Forbát erwog ein Haus im Stil des Roten Kubus von Farkas Molnár, der seinerzeit Furore gemacht hatte. Doch er änderte schließlich wegen der markanten Lage des Grundstücks sein Vorhaben und passte die Größe des Gebäudes den benachbarten Bauten an. Abgesehen von der ohnehin stets logischen Strukturierung seiner Arbeiten erkundete er in diesem Fall den Lebensrhythmus und die Gewohnheiten seines Klienten noch eingehender, um ihm einen entsprechend bequemen Lebensraum zu schaffen. Die für Forbát typischen Bauelemente – Granitsockel, Eckloggia, vorgezogenes Flachdach als Schattenspender – sind auch hier anzutreffen.

Fecskefészek Fecskefészek | Foto: Hans Engels Bei einer anderen, etwas kleineren Villa am Mecsek-Abhang mit dem Namen Fecskefészek (Schwalbennest), ist Forbát noch kühner: Aufgrund des abschüssigen Geländes setzt er das Haus auf eine Stützmauer, so dass es wie eine Konsole vorragt und einen völlig freien Ausblick gestattet. Vorbote der heutigen Öko-Architektur ist das Bad – versorgt mit Regenwasser aus der Zisterne.

Villa der Sängerin Olga Kalliwoda Villa der Sängerin Olga Kalliwoda | Foto: Hans Engels Der Forbát-Entwurf für die Villa der Sängerin Olga Kalliwoda in der Surányi Miklós Straße wurde letztlich nicht realisiert. Der Auftrag ging stattdessen an Farkas Molnár, das Haus ist heute dessen einziges Bauwerk in Pécs. Seine geometrischen Grundformen zeigen eine kaum gegliederte Quaderfront sowie einen Zylinder an der Südwestseite. Eine Ergänzung bildet die Brüstung der Dachterrasse, die in horizontaler Stellung das durchgehende Fensterband des Wohnzimmers beschattet.
 
Im Stadtteil Megyeri südlich der Rákóczi Straße wollten die Stadtplaner zwei- und dreistöckige Mietshäuser und Einfamilienhäuser bauen. Den zentralen Platz, den heutigen Köztársaság tér, sollten mehrstöckige Universitätsgebäude umschließen.
 
Die Mietshäuser in der Pécser Innenstadt sind aufgrund der schmalen Gassen ziemlich flach und unauffällig. Das Mietshaus der Brüder Havas in der József Straße steht leicht zurückgesetzt, da Architekt Forbát für etwas mehr Freiraum sorgen wollte und auch eine mögliche Verbreiterung der Straße berücksichtigte. Die abgerundeten Balkone der vorspringenden oberen Etagen erweitern die Wohnflächen. In den größeren bürgerlichen Wohnungen verbinden erstmals Falt- oder Schiebetüren mehrere Zimmer.

Öffentliche Gebäude

Die moderne Sportstätte im Balokány-Wäldchen wurde zur sinnvollen Freizeitgestaltung angelegt. Die Lokalpresse schwärmte von dem Komplex als modernstes Schwimmbad seiner Zeit: Klinker verliehen dem Kabinentrakt und den Sonnentribünen eine attraktive und wetterfeste Fassade. Der spezielle Eozinschmuck des Eingangs, den die Zsolnay-Fabrik gestiftet hatte, verbreitete lokales Flair.

Uránia-Kino Uránia-Kino | Foto: Hans Engels Als die städtische Arbeiterschaft Ende der zwanziger-, Anfang der dreißiger Jahre immer größer wurde, wuchs der Bedarf an Filmtheatern, die einen unterhaltsamen Feierabend ermöglichten. Diese Bauprojekte wurden meistens ausgeschrieben, häufig präsentierten Architekten aus verschiedenen Städten einen gemeinsamen Entwurf. So entstand 1936 in Pécs auch das Uránia-Kino nach Plänen von Andor Nendtvich, Zoltán Visy und Károly Weichinger.
 
Auch Hotelbauten wurden ausgeschrieben. Die um die Jahrhundertwende oder noch früher gebauten Gasthäuser entsprachen nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen. Es gab keine Badezimmer, und die Räume waren übermäßig groß. Die Zimmer der alten Hotels wollten die häusliche Atmosphäre nachahmen, die Appartements sollten herrschaftlichen Gemächern ähneln. Die Architekten der modernen Hotels ließen sich bei der praktischen Gestaltung kleinerer Einheiten von den Bauhaus-Experimenten mit Minimalwohnungen inspirieren. Im Gegensatz zu den früheren eleganten Stadthotels wurden als Standorte für die Neubauten immer stärker Grünflächen bevorzugt, auch bewaldete, bergige Gebiete. Ein Beispiel dafür ist das Mecsek Szálló (auch Hotel Kikelet genannt, erstes Bild) außerhalb der Innenstadt von Pécs. Der vierstöckige gewölbte Zimmertrakt aus Feldsteinen ist mit dem niedrigeren, weiß verputzten Flügel des eigenständigen Restaurants verbunden. Der Bauplan wurde 1935 von László Lauber, Andor Nendtvich und Zoltán Visy entworfen. Von der unlängst erbauten Caféterrasse hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt.
 
Rettungsstation in der Kolozsvár Straße Rettungsstation in der Kolozsvár Straße | Foto: Hans Engels Die Errichtung von Krankenhäusern war gut mit den Ideen der modernen Baukunst in Einklang zu bringen. Das Einfache, die glatte, einheitliche Fläche und die leicht sauber zu haltende Einrichtung entsprachen den hygienischen Anforderungen. In der Zwischenkriegszeit förderten Organisationen wie die Landes-Sozialversicherung OTI oder die Sozialversicherung der Privat-Angestellten MABI Neubauten im Bereich der medizinischen Versorgung. Ihnen sind viele anspruchsvolle Gebäude zu verdanken, die dem damaligen europäischen modernsten Maßstäben durchaus gerecht wurden. Die erste ungarische Rettungsstation außerhalb der Hauptstadt entstand in Pécs in der Kolozsvár Straße nach einem Entwurf von Zoltán Visy. Der zweistöckige, leicht zurückgesetzte Komplex umfasst vier Garagen, im Obergeschoss befinden sich Dienst- und Ruheräume. Die vorgezogene Dachtraufe spendet Schatten. Im Nordwesten führt der Streifen als schmales Band abwärts, auf der anderen Seite flankiert er abgestuft den Eingang, so findet auch die Baulinie der benachbarten Häuser Berücksichtigung.

Sakrale Baukunst

Friedhofskapelle an der Siklósi Straße Friedhofskapelle an der Siklósi Straße | Foto: Hans Engels Als Andor Nendtvich Ende der zwanziger Jahre aus Amerika heimkehrte, war er der erste Architekt in Pécs, der dort nach den Ideen des Neuen Bauens ein Gebäude errichtete. Die Friedhofskapelle an der Siklósi Straße erlangte mit ihrer logischen Struktur, ihrer rationalen Raumgestaltung und ihrem sowohl modernen als auch den lokalen Traditionen verbundenem Erscheinungsbild exemplarische Bedeutung und untermauerte die Identität der Stadt. Die Baupläne wurden 1932 unter der Mitarbeit von Károly Weichinger fertiggestellt, der seinerseits anschließend die Kirche und das Kloster für den Paulinerorden entwarf.

Friedhofskapelle an der Siklósi Straße Friedhofskapelle an der Siklósi Straße | Foto: Hans Engels Der lyrische Stil der Anlage lockert die kubische Strenge durch eine harmonische Gruppierung und markant akzentuierte Bogenfenster auf, die am Ordenshaus als Arkaden erscheinen und auch den oberen Teil des Glockenturms schmücken. Die Gebäude bestehen aus Eisenbeton, doch die äußeren Mauersteine bilden eine passende Überleitung zur natürlichen Umwelt.
 
Die einstige Moschee des Gazi Kasim Pascha mit Kuppel und quadratischem Grundriss ist heute Innerstädtische Pfarrkirche der römisch-katholischen Kirche. Nándor Körmendy vergrößerte sie 1938 durch den Anbau eines halbrunden Kirchenschiffes, so dass die Struktur des Baudenkmals bei den Restaurierungsarbeiten erhalten blieb.

Spuren der Zeit

Durch Vermittlung der zahlreichen ungarischen Bauhaus-Studenten gelangte der Gedanke des Neuen Bauens recht schnell nach Ungarn. Allerdings drückte sich die Wirkung der neuen Ideen nicht in einer übermäßig umfangreichen Bautätigkeit aus, doch viele Spuren an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden verraten den großen Einfluss der Bauhausarchitektur. Ihre Geisteshaltung und Formenlehre haben in Ungarn auf eine indirekte Weise nachhaltig gewirkt.
 
Die hier erwähnten Pécser »Bauhaus-Gebäude« stehen auch heute noch, wurden allerdings im Laufe der Jahrzehnte in unterschiedlichem Maße verändert und umgebaut. Von diesen Veränderungen legen auch die Fotos von Hans Engels Zeugnis ab. »Beim Fotografieren von Architektur interessieren mich besonders die Spuren der Zeit und der Geschichte an und in den Gebäuden, Spuren, die ihre Erbauer und verschiedenen Bewohner hinterlassen haben.« Seine Intention ist, »das Bekannte wie das Vergessene, das Wiederhergestellte wie das Umgebaute oder Verfallene gleichberechtigt zu dokumentieren und damit ein vollständigeres Panorama der Bauhaus-Architektur im öffentlichen Bewusstsein entstehen zu lassen.«

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