Interview mit Charlotte Morache
Nachhaltiges Bühnenbild
Ein Bühnenbild komplett aus Pilzen – was futuristisch klingt, ist Realität in der Arbeit der Bühnen- und Kostümdesignerin Charlotte Morache. Gemeinsam mit Student*innen der TU Berlin verband sie wissenschaftliche Forschung mit künstlerischer Praxis und entwickelte ein außergewöhnliches Set für das Stück „Gegengift“ der Neuköllner Oper.
Beim Seminartag „Create Sustainable: Sustainable Scenography“ gewährte sie spannende Einblicke in dieses Projekt und ihre Arbeitsweise. Dort präsentierten drei Künstler*innen ihre individuellen Ansätze zu nachhaltiger Szenografie in eigenen Workshops. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut Français, dem Goethe-Institut Budapest und dem Trafó-Haus für zeitgenössische Kunst.
In unserem Interview sprechen wir mit Charlotte Morache über ihre Vision einer ökologisch verantwortungsvollen Bühne und die Zukunft nachhaltiger Gestaltung.
Dein Workshop stand unter dem Motto “A material for a better (scenographic) future – stage design from Fungal Mycelium”. Wie kamst Du auf die Idee, Pilzmyzel als Bühnenbildmaterial auszuprobieren?
Ich kam tatsächlich nicht selbst direkt auf die Idee. Das Projekt wurde vom damaligen künstlerischen Leiter der Neuköllner Oper Bernhard Glocksin initiiert. Er hat sich eine Zusammenarbeit mit Vera Meyer, die Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare und Angewandte Mikrobiologie an der Technischen Universität Berlin, gewünscht. Ich wurde sozusagen als Bühnenbildnerin dazugeholt, um das Bühnenbild aus Pilzmyzel-Komposit zu gestalten und umzusetzen. Ab da hat sich die wunderbare Welt der Kunst mit Pilze und der Mikrobiologie für mich offenbart.
Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten traten bei der Arbeit mit dem Myzel auf?
Das Material bringt viele Herausforderungen mit, weil es so unberechenbar ist und immer noch im Forschungsprozess ist. Viele Faktoren können sein Aussehen ändern, viele Merkmale des Materials sind noch nicht hundertprozentig für Konstruktions-Standards geprüft, zum Beispiel seine Schwerentflammbarkeit (B1).
Nichtsdestotrotz war es der ganze Prozess wert, denn man kann so viel von dem Material lernen und es fordert eine andere Form der Kreativität. Eine kreative Art der Arbeit, bei welcher z.B. das Material mit entscheidet, was das Endergebnis sein wird, weil man nicht genau im Voraus sagen kann, welche Färbung und Struktur die Platte bekommen wird.
Was hat Dich am Meisten überrascht, als du mit den Pilzen experimentiert hast?
Wahnsinnig vieles der fantastischen Welt der Funghi hat mich überascht!
Aber direkt im Bezug auf das Pilzmyzel-Komposit, bin ich sehr begeistert von dem nachhaltigen und erneuerbaren Aspekt, den es mit sich bringt. Man kann sozusagen aus alten geschroteten Holzmöbeln- oder Agrikulturresten ein komplett neues Material entwickeln. Grob gesagt, ernährt sich der Pilz von diesem Substrat, wächst drum herum und bindet sie zugleich. Am Ende bekommt man ein organisches und bio-abbaubares Material.
Könntest du Dir vorstellen, dass Pilzmyzel eines Tages ein fester Bestandteil von Theatern werden?
Ich denke, dass es noch ein paar Jahre dauert, bis man das Material einwandfrei und sehr zugänglich in der Architektur und dann auch für Bühnenbild verwenden kann.
Aber natürlich kann ich mir das gut vorstellen und hoffe, dass bis dahin solche Theater- und Forschungsprojekte wie “Gegengift“ ermöglicht werden.
Wenn Du in fünf Jahren zurückblickst, was wäre ein Zeichen dafür, dass sich nachhaltige Szenografie etabliert hat?
Als ich vor ca. 10 Jahren mit Bühnen- und Kostümbild angefangen habe, war das Thema Nachhaltigkeit in den Theater- und Kunstinstitutionen viel weniger im Gespräch. Mittlerweile wird in fast allen Verträgen gebeten, auf Nachhaltigkeit zu achten. Sowie in der kreativen Arbeit, als auch in der Art, wie man zum Arbeitsort anreist, zum Beispiel.
Es gibt mittlerweile auch Ressourcen, wo man gebrauchte Bühnenbildmaterialien kaufen kann, oder Anleitungen wie beispielsweise der “Grüne Bühne” Leitfaden von Szenografie-Bund, die Szenograf*innen unterstützen und ermutigen, nachhaltig zu arbeiten.
Auch dieses Seminar vom Goethe-Institut ist ein super Beispiel dafür, dass nachhaltige Szenografie sich mehr und mehr etabliert.
Trotzdem ist es, denke ich, noch nicht ausreichend etabliert, weil noch Ressourcen dafür fehlen. Man hat immer noch zu viel Zeit- und Gelddruck bei den Projekten.
Nachhaltig zu arbeiten braucht zusätzliche Zeit und Energie vom Kreativteam, um neue Materialien auszuprobieren oder um gebrauchte Objekte zu transformieren. Aber vor allem braucht es eine Wendung im kollektiven Bewusstsein und eine Akzeptanz, dass unsere Arbeitsweise verändert werden kann und das langfristig auch muss.