Schulen Was macht Buddha in Borsod?

János Orsós im Unterricht
János Orsós im Unterricht | © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF

In Sajókaza, einem Dreitausend-Seelen-Dorf in Nord-Ungarn, gibt es eine besondere Schule, in der ein heroischer Kampf um die Schulbildung der Roma-Jugendlichen bestritten wird. Doch in Wahrheit geht es um viel mehr als nur um Bildung: Man bringt den Schülerinnen und Schülern nicht nur das Lernen bei, sondern lehrt sie auch die Welt und in ihr sich selbst mit neuen Augen zu sehen – dabei ist man ihnen ein persönliches Vorbild, schenkt ihnen individuelle Aufmerksamkeit und meditiert mit ihnen. Der junge deutsche Filmregisseur Stefan Ludwig kam für eine Woche und blieb schließlich drei Jahre, um diesen gemeinsamen Kraftakt der Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler zu dokumentieren. Er fand Zugang zu Orten und Situationen, in die vielleicht nicht einmal der Nachbar aus der nächsten Straße je Einblick bekommen hat.

Der Budapester Soziologe, Tibor Derdák und der aus Sajókaza stammende Pädagoge von Roma-Herkunft, János Orsós gründeten 2006 in Sajókaza ihre Schule, deren Konzept auf einem in Indien erfolgreichen bürgerrechtlichen Modell basiert. Die Gesellschaftsordnung Indiens stützt sich seit Jahrtausenden auf das Kastenwesen. Am untersten Ende der Hierarchie stehen die Unberührbaren (Dalits), die laut hinduistischer Tradition niemanden außerhalb ihrer Kaste berühren, nicht in die Schule gehen und nur niedere Arbeiten verrichten dürfen. Als so ein Paria wurde auch Bhimrao Ambedkar geboren, der dank eines Stipendiums des Maharadscha ein Studium in London absolvierte. Er wurde später Minister und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Verfassung des unabhängigen Indiens beteiligt. Er konvertierte zum Buddhismus, dessen Grundprinzip besagt, dass der Mensch sein Schicksal selbst in der Hand hat und selbst für sein Glück verantwortlich ist. Seinem Beispiel folgten Millionen, viele von ihnen wurden Ärzte oder Diplom-Ingenieure. Laut Derdák und Orsós – beide praktizierende Buddhisten – könnte sich dies auch für die Unberührbaren Ungarns, die Roma bewähren.

Ihre Schule bietet 16- bis 23-Jährigen die Möglichkeit auf einen Schulabschluss. Vielen Schülerinnen und Schülern bereiten Multiplikation oder Lesen sogar nach acht Jahren Schule noch Probleme. Und zwar nicht, weil sie dümmer oder fauler wären als die „Weißen“, sondern weil in ihren Familien einfach die Kultur des Lernens und Arbeitens fehlt und ihnen keine Hilfe, keine Vorbilder zur Verfügung stehen. Doch in der Dr. Ámbédkar Schule bekommen sie gesagt, dass sie sehr wohl in der Lage sind, zu maturieren. Ihre Lehrerinnen und Lehrer tun alles, um ihren Horizont zu erweitern: Damit sie nicht nur das Ghetto sehen, lernen sie Informatik, Englisch und Geschichte, außerdem werden Klassenausflüge etwa nach Innsbruck unternommen. Der Buddhismus ist in der Schule keine Pflicht, sondern eine Art Lebensphilosophie, eine Möglichkeit zur Konzentration und ausgeglichenen geistigen Entwicklung.

  • Amál Beri mit Großmutter © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Amál Beri mit Großmutter
  • András Lázi in der Romasiedlung © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    András Lázi in der Romasiedlung
  • Auf einer Jobbik-Kundgebung © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Auf einer Jobbik-Kundgebung
  • Ferenc Galyos als lebende Statue © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Ferenc Galyos als lebende Statue
  • Ferenc Galyos mit seiner Familie © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Ferenc Galyos mit seiner Familie
  • János Orsós im Unterricht © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    János Orsós im Unterricht
  • János Orsós meditierend © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    János Orsós meditierend
  • János Orsós © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    János Orsós
  • Mädchen in der Romasiedlung © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Mädchen in der Romasiedlung
  • Mónika Lázi © 2016 – Metafilm, Tellux Film , ZDF
    Mónika Lázi
 

Während seiner Suche nach einem Thema las der junge deutsche Regisseur zuerst im Internet von diesem Projekt. Da er hoffnungslos erscheinenden Unterfangen zugetan ist, nahm er Kontakt zu den Leitern der Schule auf. Orsós war zunächst skeptisch, er dachte, man wolle sie nur „beäugen“. Stefan Ludwig hingegen ließ nicht locker, drei Jahre lang kehrte er immer wieder zurück, schlief auf der Matratze, die man ihm zur Verfügung stellte. Er lebte mit den Protagonistinnen und Protagonisten zusammen, lernte Ungarisch und wurde langsam von ihnen akzeptiert, es gestaltete sich jedoch schwierig für ihn, sie zu überzeugen, in seinem Film mitzuspielen.

Der Film folgt János Orsós und vier seiner Schülerinnen und Schülern in ihrem Alltag. Das Schicksal dieser Jugendlichen vermittelt ein realistisches Bild der Möglichkeiten der Ortsansässigen. Von den vieren schafft es nur eine, die Matura abzulegen, was die Wirklichkeit widerspiegelt – Erfolgsgeschichten sind hier nicht allzu häufig anzutreffen. Der Film erklärt nicht, er hält nur fest und beleuchtet. Die zusammengesetzten Mosaike ergeben keine effekthascherischen, sondern stellenweise durchaus rührende Bilder, die veranschaulichen, warum es so gnadenlos schwierig ist, aus dem Elend auszubrechen, und auch, wie schwierig es ist, zu helfen. Geld und guter Wille allein sind zu wenig, der Wandel muss von Innen kommen. Es braucht Motivation, Glauben und Durchhaltevermögen, sowohl seitens der Schülerinnen und Schüler als auch der Lehrerinnen und Lehrer.

Móni ist die Entschlossenste von den vieren, sie möchte Anwältin werden. Sie lernt fleißig und legt auch die Matura ab, doch dann kommt die kalte Dusche, denn als sie einen Job sucht, wird sie komplett ignoriert. Sie bewirbt sich als Verkäuferin bei Penny, während der Ausbildung muss sie einmal pro Woche nach Miskolc, doch sie hat kein Geld für den Zug. „Sieh mich an, genau deshalb lohnt es sich nicht. Man nimmt mich doch sowieso nirgends. In einem Monat sind sechs Jahre Schule verpufft“, bricht es in einer der herzzerreißendsten Szenen des Films aus ihr heraus. Amál tut sich schwer beim Lernen, doch mit der Hilfe der Schule findet sie dennoch ihren Weg. Heute arbeitet sie in Budapest und besucht eine Theatergruppe. Mit gemachten Zähnen lächelt sie in die Kamera (fast alle Protagonistinnen und Protagonisten tragen das Stigma der Armut: kaputte Zähne). Feri ist als Teenager bereits Familienvater, er verlässt die Schule in der Hoffnung auf einen Lohn, seither macht er Gelegenheitsjobs. Der Gipfel seiner Träume ist ein kleines Häuschen, dessen Wände er mit seiner Frau streicht, die bereits mit ihrem zweiten gemeinsamen Kind schwanger ist. Der Halbwaise András schafft es nicht einmal so weit, seine Mutter und er leben vom Metallsammeln.

Viele verstehen nicht einmal, warum die Matura so wichtig ist. Die Eltern fragen ihre Kinder, warum sie nicht lieber „etwas Nützliches“ lernen – diese Frage bekommt man auch von den wohlmeinenden Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft oft zu hören. Die Leiter der Dr. Ámbédkar Schule sind der Meinung, dass diese Kinder sich dasselbe Ziel stecken müssen wie jeder andere im 21. Jahrhundert: mindestens Matura. Aber sie versuchen es auch mit etwas anderem: Heuer startet eine landwirtschaftliche Ausbildung, um jenen Jugendlichen, die in der Gegend bleiben, eine Alternative zum kommunalen Beschäftigungsprogramm zu bieten. Denn langfristig gesehen schadet dieses Programm, auch wenn es einen vorübergehend vor dem Verhungern bewahrt (was ja auch nicht gerade nebensächlich ist). Seitdem die Schulpflicht auf 16 Jahre gesenkt und das kommunale Beschäftigungsprogramm mit den dazugehörigen Ausbildungen eingeführt wurde, gibt es in den Schulen immer weniger Schülerinnen und Schüler. Während sie im Rahmen des Programms 50.000–70.000 Forint (ca. 160–230 Euro) verdienen können, bekommen sie im Gymnasium lediglich die Familienbeihilfe und ein geringes Stipendium.

Der Film zeigt aber auch das feindlich gesinnte politisch-gesellschaftliche Umfeld. Die rechtsextreme Partei Jobbik hat im Parlament Interpellation zur Schließung der Schule eingereicht, die Ortsansässigen stehen der Schule großteils ablehnend gegenüber. Zwischen Roma und Nicht-Roma herrscht in diesem kleinen Dorf eine riesige Kluft. Derdák erzählt, er kenne alle der hiesigen 1.000 Roma, von den 2.000 Nicht-Roma jedoch kaum jemanden. Diesem Aspekt ist es wohl auch geschuldet, dass der Blickwinkel der Nicht-Roma-Gemeinschaft im Film weniger gezeigt werden kann, nicht viele sind bereit, vor der Kamera zu sprechen. Diese Lücke spricht für sich selbst.

 

Der Film idealisiert seine Helden nicht und verschweigt auch die Enttäuschung und Verzweiflung nicht. Orsós schöpft Kraft aus der Meditation in der Natur, um Energie zu tanken, reist er von Zeit zu Zeit nach Indien, wo er von der Gemeinschaft aufgenommen und von niemandem als der Fremde gesehen wird. Seines Erachtens könnte sich das Schicksal der ungarischen Roma in 200 Jahren zum Besseren wenden, aber nur, wenn wir jeden Tag etwas dafür tun. Und das tut er auch – er ist durch und durch Buddhist, auch wenn er manchmal zornig wird: Er geht einen langen Weg mit kleinen Schritten. Der Film trägt zur Empathie- und Dialogbildung bei. Der ungarische Vertreiber des Films bietet dem Publikum auch bei öffentlichen Filmvorführungen in Wohnungen und Publikumsgesprächen die Möglichkeit, sich mit diesem brennenden Problem auseinanderzusetzen, das ein Teil unseres Lebens ist, von dem wir aber dennoch nur ein sehr oberflächliches und schablonenhaftes Wissen besitzen. Das große Interesse an den Filmvorführungen beweist jedoch, dass die Lage nicht hoffnungslos ist.