Energiearmut Lichtbringer

Lichtbringer
Lichtbringer | © Romaversitas

In einigen Wochen wird die in Ungarn bahnbrechende Initiative Lichtbringer im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Leben von mehr als zehn mittellosen Familien bringen. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Stiftung Romaversitas für Roma-Studierende haben nämlich kürzlich mit Lichtgeschwindigkeit so viel Geld gesammelt, dass sie nun mit Hilfe von solarbetriebener Beleuchtung die Energiekosten der ärmsten Haushalte in Baks, einem Dorf in Südungarn, senken können.

Die Geschichte begann jedoch schon viel früher, und zwar bereits vor ein paar Jahren: Die Studierenden der Romaversitas hatten es satt, sich in den gut beheizten Vorlesungssälen die aufschlussreichen Diskussionen über die Aussichtslosigkeit in der Armut anzuhören, weshalb sie zusammen mit dem damaligen Direktor der Stiftung Gábor Daróczi beschlossen, im Rahmen ihrer eigenen Mittel etwas zu unternehmen. Die Grundidee war damals noch die Gestaltung einer Wissensbasis im Zusammenhang mit erneuerbaren, alternativen Energien und ihrer einfachen Nutzung.

Mit der immer näheren Auseinandersetzung mit dem Thema kam bald die Erkenntnis, dass eigentlich sogar sie selbst in der Lage wären, einige einfache Gerätschaften zu beschaffen beziehungsweise zusammenzusetzen. Zu reinen Demonstrationszwecken begannen sie also zu experimentieren. In Nagyecsed – so steht es auf der Homepage – bauten sie unterschiedliche, Sonnenenergie verwertende Vorrichtungen gemeinsam mit den begeisterten, interessierten Einwohnern der benachteiligten Siedlung, mit denen sie im Zuge ihrer Berufsarbeit in Kontakt kamen. Die umgesetzten Ideen ähnelten damals noch eher den Basteleien eines fleißigen Fachzirkels aus dem Gymnasium als später einmal erfolgreichen Produkten. Unter den Vorrichtungen waren ein Solar-Grill, ein mithilfe eines Sonnenkollektors betriebener Obstdörrer aus leeren Bierdosen sowie eine aus einer solarbetriebenen Gartenlampe umfunktionierte Leselampe. Die Lehre des ersten Treffens war eindeutig: Den gravierendsten Nachteil für die in Armut lebenden Familien bedeuten der Mangel an elektrischem Licht und das Problem der Energiearmut – also arbeitete man in dieser Richtung weiter.

Eine Familie in Bicske war zwei Monate lang ohne elektrisches Licht Eine Familie in Bicske war zwei Monate lang ohne elektrisches Licht | © Romaversitas

Sonnenlicht aus der Flasche

Die Idee wurde dann von zwei Privatunternehmern unterstützt, die insgesamt mehr als drei Millionen Forint (ca. 10.000 Euro) in die Entwicklung und in die in mehreren Siedlungen durchgeführte Testung des bis heute verwendeten Systems investierten.

Das Lichtbringer-Set in seiner heutigen Form wurde von einem ehemaligen Studenten der Romaversitas, dem Physik-Absolventen Mihály Orsós entwickelt. Die Energieversorgung des Sets übernimmt ein fast ein Quadratmeter großer 120- bis 260-Watt-Sonnenkollektor, der aufs Hausdach montiert werden kann. Für die Lagerung der Solarenergie sind ein Autoakkumulator und ein Laderegler notwendig, damit das Sonnenlicht am Abend zur Lichtquelle werden kann. Die Leuchtkörper, als deren Basis einfache Holzbretter oder PET-Flaschen dienen, werden unter der Verwendung von billigen und energieeffizienten LED-Streifen gebaut. Die von den Solarbatterien gelieferte Energie reicht neben der Erleuchtung der gesamten Wohnung seit Kurzem sogar für das Aufladen des Mobiltelefons aus.

Gábor Daróczi freut sich über die fertigen Lampen Gábor Daróczi freut sich über die fertigen Lampen | © Romaversitas Die nächste Station war die Gemeinde Bag im Komitat Pest. Das solarbetriebene Beleuchtungssystem, das hier auf ein Haus am Rande der Roma-Siedlung montiert wurde, und das Team der Lichtbringer erlangten bald in ganz Ungarn Bekanntheit. In den vergangen zwei Jahren wurde das Programm in Sajókaza, in Bódvalenke – einer Siedlung, die durch ihre mit Fresken verzierten Häuser berühmt geworden ist – und zuletzt in Bicske weiterverfolgt.

Licht in die Köpfe

Laut Gábor Daróczi hat das Projekt Lichtbringer drei grundlegende Ziele. Erstens biete es eine Art von Unterstützung, für die ein riesiger Bedarf bestehe – und genau hier setze das Programm auch an: Es leiste sofortige Hilfestellung in den Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens.

Andererseits sei es ihnen sehr wichtig, dass die Betroffenen diese Initiative nicht als von oben kommende, aufgezwungene Aktion erleben. Deshalb sei man von Anfang an bestrebt, die Sets mit den Hausbewohnerinnen und -bewohnern gemeinsam zu montieren. Diese Methode ermögliche gleichzeitig, das Wissen den in Armut lebenden Menschen weiterzugeben, die dann die Installation der übrigen Sets bereits alleine erledigen könnten.

Montage-Vorführung in Sajókaza Montage-Vorführung in Sajókaza | © Romaversitas Die Initiative Lichtbringer schaffe außerdem auch die Möglichkeit, eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu bauen. Im Rahmen des Projekts kämen die Roma- und Nicht-Roma-Aktivistinnen und Aktivisten nämlich mit Familien und Lebenslagen in Kontakt, denen sie in ihrem eigenen Umfeld nie begegnen würden. Diese Erfahrungen hälfen ihnen, sich als zukünftige intellektuelle Führungskräfte und Entscheidungsträgerinnen und -träger ein realistischeres Bild von der Welt, die sie umgibt, zu machen.

Crowdfunding in Lichtgeschwindigkeit

Das Programm Lichtbringer erreichte im November 2016 einen neuen Meilenstein, indem es ein Crowdfunding-Projekt startete. Auf der Website adjukössze.hu wurde um Unterstützung gebeten, um bei zehn mittellosen Familien aus Baks die Lichtbringer-Sets installieren zu können. Die Initiative wurde ein voller Erfolg, die notwendigen 650.000 Forint (etw. 2.100 Euro) waren deutlich vor der 90-Tage-Frist, nämlich bereits nach 25 Tagen gesammelt. Und als wäre das noch nicht genug, spendete ein freundlicher, langjähriger Unterstützer des Projekts weitere 210.000 Forint (ca. 680 Euro), was bedeutet, dass im April nicht zehn, sondern fünfzehn Häuser mit den Beleuchtungsvorrichtungen ausgestattet werden können.

Die Kampagne brachte auch eine unerwartete Medienpräsenz mit sich – nicht nur die ungarische Presse berichtete über die Initiative, sogar in den internationalen Medien schlug sie Wellen: Reuters veröffentlichte einen Artikel über das Projekt und drehte sogar einen Film darüber.

Am meisten stolz seien sie aber darauf, sagt Daróczi, dass sie im Frühling unter anderen auch einer Pensionistin helfen könnten, die schon seit sechs Jahren keinen Strom mehr hat!

Das Programm Lichtbringer ist heute dem Tätigkeitsbereich der sich grundlegend Studierenden widmenden Stiftung Romaversitas bereits entwachsen. Nach der Aktion in Baks wird die Initiative auf eigene Beine gestellt und ihre Arbeit bei der Zöldműhely Alapítvány (Stiftung Grüne Werkstatt) fortgeführt werden, welche ihrer Tätigkeit einen viel besseren Rahmen bieten kann. Die Ziele und die Mitwirkenden blieben jedoch dieselben, verspricht Gábor Daróczi.

Installation der Anlagen: ein Roma-Student bei der freiwilligen Arbeit Installation der Anlagen: ein Roma-Student bei der freiwilligen Arbei | © Romaversitas

Was bedeutet Energiearmut?

Als energiearm gelten Haushalte, in denen nach Bezahlung der Energierechnungen nicht mehr genügend Geld für die übrigen Lebenskosten da ist. Aufgrund verschiedener Statistiken können in Ungarn mindestens 800.000 Haushalte als energiearm bezeichnet werden. Im Großteil der betroffenen Familien stellt die Entscheidung zwischen Essen und Licht ein wahres Dilemma dar. Kein Wunder, dass sich von den zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Ungarns fast eine Million der Stromverbraucherinnen und -verbraucher mindestens ein Monat im Zahlungsrückstand befindet. Bei einem Teil von ihnen wird der Strom sogar abgestellt.