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Eine Analyse der Medienbeiträge der Tageszeitungen Magyar Nemzet und Népszabadság zum Thema Roma-Morde im Zeitraum 2008–2011
Rassismus der Mehrheit oder der Minderheit?

Rassismus der Mehrheit oder der Minderheit?
© Goethe-Institut Budapest

In unserer Inhaltsanalyse untersuchten wir die mediale Darstellung der Mordserie an Roma [1] anhand der zwischen 2008 und 2011 erschienenen Artikel zweier großer Tageszeitungen: der linksliberalen Népszabadság und der rechtskonservativen Magyar Nemzet. Der gewählte Untersuchungszeitraum ermöglichte uns, über die Beiträge hinaus, die die Ereignisse in erster Linie als eine Serie von Verbrechen behandelten, auch die Medienberichterstattung über die erste Periode des im Frühjahr 2011 eingeleiteten Strafprozesses sowie die breiteren politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die Roma-Morde mit in die Analyse einzubeziehen. Im Zuge der Analyse haben wir die Artikel nach journalistischen Gattungen und nach Thematik untersucht, wie auch danach, welche Personen in den Beiträgen zu Wort kamen; des Weiteren galt unser Augenmerk auch den in den Beiträgen formulierten vermeintlichen Motiven für die Roma-Morde und dem durch die Art der Berichterstattung transportierten Erscheinungsbild (Medien-Image) der Roma.
 

Themen, journalistische Gattungen, Personen


Wir haben in den beiden Tageszeitungen insgesamt 441 Artikel zum Thema gefunden, die zwischen 2008 und 2011 erschienen sind: 263 davon in Magyar Nemzet und 178 in Népszabadság. Abbildung 1 zeigt deren zeitliche Verteilung, die auch verfolgen lässt, wie sich das Interesse an dem Thema in den beiden Tageszeitungen mit der Zeit änderte. Man merkt, dass die Blätter dem Thema im dritten Quartal 2009 die größte Aufmerksamkeit widmeten, in der Zeit also, als die Täter gefasst wurden. Zugleich fällt auch auf, dass Magyar Nemzet in der darauffolgenden Zeit viel mehr Artikel herausgebracht hat als Népszabadság.
Abbildung 1: Zeitliche Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen Abbildung 1: Zeitliche Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen Auf Abbildung 2 ist gut ersichtlich, dass die meisten zu den Roma-Morden verfassten Artikel der beiden Zeitungen die kriminalistischen und gerichtlichen Aspekte thematisierten. Gleichzeitig wurden die Ereignisse in Magyar Nemzet fast doppelt so oft (20,45 %) aus politischer Sicht erörtert als in Népszabadság (11,80 %), die ihrerseits den gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen [2] im Vergleich zu Magyar Nemzet (4,92 %) weit mehr Aufmerksamkeit (11,80 %) schenkte und sich auch etwas mehr mit der Trauer über die Roma-Morde und dem Gedenken an selbige sowie auch mit den minderheitenpolitischen Aspekten dieser Morde befasste. Darüber hinaus fällt auf Abbildung 2 auf, dass Népszabadság in unserem Untersuchungszeitraum jeweils genau die gleiche Anzahl (21:21) an Artikeln über die politischen und gesellschaftlichen Aspekte der Roma-Morde veröffentlichte, während der Anteil der Artikel betreffs der politischen Aspekte in Magyar Nemzet mehr als viermal höher war (54:13).
Abbildung 2: Thematische Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen Abbildung 2: Thematische Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen | © Goethe-Institut Budapest Abbildung 3: Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen nach journalistischen Gattungen Abbildung 3: Verteilung der analysierten Artikel der Tageszeitungen nach journalistischen Gattungen | © Goethe-Institut Budapest Sortiert man die Artikel nach journalistischen Gattungen (Abbildung 3), weist in Magyar Nemzet neben dem größeren Anteil von Autor*innen-Kommentaren auch der Umstand auf ein stärkeres Interesse an den politischen Aspekten der Roma-Morde hin, dass zwanzig der 31 im Blatt erschienenen Autor*innen-Kommentare ausdrücklich den (breiteren) politischen Kontext der Morde thematisierten (Abbildung 4) – während von den 15 Artikeln ähnlicher Gattung in Népszabadság nur fünf ausgesprochen politische, sechs aber eher gesellschaftspolitische und weitere drei minderheitenpolitische Themen aufgriffen (Abbildung 5).
Abbildung 4: Das Verhältnis zwischen journalistischer Gattung und Thematik der Artikel in Magyar Nemzet Abbildung 4: Das Verhältnis zwischen journalistischer Gattung und Thematik der Artikel in Magyar Nemzet | © Goethe-Institut Budapest Abbildung 5: Das Verhältnis zwischen journalistischer Gattung und Thematik der Artikel in Népszabadság Abbildung 5: Das Verhältnis zwischen journalistischer Gattung und Thematik der Artikel in Népszabadság | © Goethe-Institut Budapest In der zweiten Hälfte des Jahres 2009, nach der Festnahme der Täter, erschienen in Magyar Nemzet viel zahlreichere Artikel mit politischer Thematik als in Népszabadság, und auch nach Abschluss der Ermittlungen 2010 gab es dort bedeutend mehr Artikel zu kriminalistischen Aspekten. Ebenfalls waren in Magyar Nemzet nach der Einleitung des Gerichtsverfahrens im Frühjahr 2011 mehr Beiträge zu juristischen und gerichtlichen Themen zu lesen als in Népszabadság (Abbildungen 6 und 7). Im Zuge unserer Analyse fiel uns auch auf, dass Magyar Nemzet – im Gegensatz zu Népszabadság – im dritten Quartal 2010 eine Reihe von Artikeln zu den kriminalistischen Aspekten der Roma-Morde veröffentlichte. Diese wurden im August und September 2010 publiziert und hatten den Abschluss der Ermittlungen, die Bekanntmachung der Aktenlage sowie den Antrag auf Klageerhebung zum Thema: Dabei wurde häufig auf die Widersprüche der Ermittlungen hingewiesen, wozu auch Statements der Anwälte der Angeklagten gebracht wurden.
Abbildung 6: Zeitliche Veränderung der Themen der analysierten Artikel in Magyar Nemzet Abbildung 6: Zeitliche Veränderung der Themen der analysierten Artikel in Magyar Nemzet | © Goethe-Institut Budapest 7. ábra: Az elemzett Népszabadság cikkek témáinak időbeli változása 7. ábra: Az elemzett Népszabadság cikkek témáinak időbeli változása | © Goethe-Institut Budapest Bei der Betrachtung der Artikel beider Tageszeitungen zu den Roma-Morden wird besonders augenfällig (Tabelle 1), dass Magyar Nemzet jene Personen besonders oft zu Wort kommen ließ, die an der Gerichtsverhandlung über die Mordserie beteiligt waren, und dass dabei der Anteil der Anwält*innen besonders hoch war: Magyar Nemzet zitierte sie 74-mal, Népszabadság hingegen insgesamt nur fünfmal. Letzteres Blatt räumte wiederum den Äußerungen der Opfer oder von deren Angehörigen, von Lokalpolitiker*innen, vor allem offenbar von Bürgermeister*innen, sowie von Vertreter*innen verschiedener ziviler Menschenrechtsorganisationen und des Minderheiten-Ombudsmanns ein.

Tabelle 1: Personen, die in den analysierten Artikeln der beiden Tageszeitungen zu Wort kamen Tabelle 1: Personen, die in den analysierten Artikeln der beiden Tageszeitungen zu Wort kamen | © Goethe-Institut Budapest

Motive für die Morde: Rassismus oder geheime Verschwörung?

Während der Ermittlungen zu den Roma-Morden und dann nach der Festnahme der Täter wurden in den Zeitungen verschiedene Hypothesen über die Motive für die Straftat formuliert. Bei der Analyse der Inhalte konnten wir diesbezüglich vier Narrative erkennen, und wie auch Abbildung 8 gut verdeutlicht, wurden die Ereignisse in den beiden Tageszeichnungen recht unterschiedlich ausgelegt.

Zu Beginn der Mordserie gab es sogar in beiden Zeitungen Meinungen, die die Anschläge mit unter den Roma begangenen Verbrechen, vor allem mit dem Straftatbestand des Wuchers, in Verbindung brachten. Offenbar war aber in beiden Zeitungen die Auslegung als rassistisch motivierte Straftat das wichtigste Narrativ bezüglich der Mordmotive – und das hat sich später auch bewahrheitet.
Abbildung 8: Narrative über die Mordmotive in den analysierten Artikeln Abbildung 8: Narrative über die Mordmotive in den analysierten Artikeln | © Goethe-Institut Budapest Jedoch spielten in Magyar Nemzet zwei weitere Narrative eine Rolle, die in Népszabadság kaum auftauchten: Etwas mehr als ein Viertel der Beiträge bezüglich der Mordmotive in der rechten Tageszeitung meinte eine Art Verschwörung hinter den Ereignissen erkennen zu können, hauptsächlich eine zu den Geheimdiensten führende Spur, und hinzukam, dass in diesem Blatt mehrmals auch Meinungen geäußert werden konnten, die die rassistischen Motive der Morde ausdrücklich verneinten oder gar widerlegten. Gleich mehrere Publizist*innen von Magyar Nemzet waren der Ansicht [3], dass die Ereignisse „durch politisches Kalkül gelenkt worden waren, es bestand dringender politischer Bedarf, erneut auf die politische Rechte zu ,schießen‘“ – es wurden also Interessen im Hintergrund der Roma-Mordserie vermutet, die mit den Regierungsparteien in Verbindung gestanden haben sollen. [4]

Die Darstellung der Roma-Minderheit


Als weiteren Aspekt der Inhaltsanalyse befassten wir uns mit der Darstellung der Roma in den Artikeln beider Zeitungen. Ein wichtiges Thema der diesbezüglichen Forschung [5] ist die Untersuchung der Stereotype und Vorurteile gegenüber den Roma: Ob und wie also die vermeintliche Aggressivität der Roma-Minderheit und die angeblich dadurch generierten ethnischen Konflikte, die Charakterisierung der Roma als Kriminelle oder Armut und Elend in den Medienbeiträgen vorkommen. Es fanden sich in den Artikeln mitunter auch positive Stereotype, insbesondere auf die Opfer bezogen, als über die Roma als „fleißige“, „anständige“, das heißt: in die Mehrheitsgesellschaft integrierte Menschen gesprochen wurde. Um einen weiteren Bestandteil des Medien-Images der Roma auszumachen, gingen wir auch der Frage nach, wie über das Verhältnis der Mehrheit zu ihnen geschrieben wird: Ob und wie also die Ausgrenzung und Segregation der Roma oder eben die Solidarität den Opfern gegenüber Erwähnung finden. Wir konnten unterschiedliche Stereotype und die Darstellung der Roma als Gruppe feststellen und haben darüber hinaus im Zuge der Inhaltsanalyse auch diejenigen Beispiele erfasst, die sich auf persönliche, individualisierte Geschichten und Schicksale beziehen.

Der Diskurs über „Zigeunerkriminalität“


Auf Abbildung 9 ist augenfällig, dass man an der Häufigkeit der Erwähnung von negativen Stereotypen – beispielsweise von Kriminalität oder Aggressivität – bezüglich der Roma den Unterschied zwischen den über die Roma gezeichneten Medien-Images der beiden Tageszeitungen festmachen kann. Die negativen Stereotype kennzeichneten eher die Perspektive von Magyar Nemzet: 26-mal häufiger, also in fast dreimal so vielen Fällen als in Népszabadság (9), wurde darin an verschiedene durch Roma begangene Straftaten erinnert. Noch größer ist der Unterschied „zugunsten“ der rechten Tageszeitung (41:8), was die Häufigkeit der Erwähnung der ethnischen Konflikte und von durch Roma begangenen aggressiven Handlungen betrifft. Oft hat Magyar Nemzet die Roma im Kontext von Straftaten und Aggressivität auf die Art und Weise dargestellt, dass die Berichte – aber zuweilen auch die Autor*innen-Kommentare – von früheren ethnischen Konflikten an den Orten der Attentate oder von lokalen Konflikten und Spannungen zwischen ethnischen Gruppen erzählten, die erst infolge der Anschläge auf die Roma entstanden waren. Im untersuchten Zeitraum verfolgte Magyar Nemzet die redaktionelle Praxis, dass einige ihrer Artikel auch über Straftaten berichteten, die laut Meinung der Zeitung Roma begangen haben sollen.
Abbildung 9: Bestandteile des Medien-Images der Roma und Merkmale der Einstellung zu den Roma in den analysierten Artikeln der Zeitungen Abbildung 9: Bestandteile des Medien-Images der Roma und Merkmale der Einstellung zu den Roma in den analysierten Artikeln der Zeitungen | © Goethe-Institut Budapest

Dieser Usus von Magyar Nemzet verband nicht nur ethnische Herkunft und Kriminalität miteinander [6], sondern ging in einigen Fällen so weit, dass die Zeitung auch offen den recht(sextrem)en Diskurs vertrat, der in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre über die vermeintliche „Zigeunerkriminalität“ entstanden war. [7] Typisch für die Argumentation mehrerer Beiträge dieser Tageszeitung war, die Morde an Roma mit ähnlichen Straftaten zu vergleichen, deren Täter*innen den Artikeln zufolge „Zigeuner“ gewesen sein sollen. Mehrfach haben die Autor*innen der Zeitung die Argumente öffentlicher Personen über die rassistische Motivation der Morde als gegen die Mehrheit gerichteten „Minderheitenrassismus“ und als „ungarnfeindlich“ gebrandmarkt. [8]


Die Opfer und die Solidarität


Neben der Untersuchung der bisher erwähnten, mit verschiedenen Vorurteilen operierenden Bestandteile des Medien-Images der Roma ist es interessant, auch darauf einzugehen, ob die analysierten Artikel persönliche Geschichten und Schicksale enthalten, die über die ethnische Identität der Opfer und die darauf hinweisenden Stereotype hinausgehen und gar dazu beitragen könnten, dass sich die Leser*innen der Tageszeitungen mit den Opfern als Individuen identifizieren, ob also diese eventuell Mitgefühl und Solidarität auslösen können.

Gleich mehrere Reportagen der Tageszeitungen befassten sich im untersuchten Zeitraum mit den lokalen Gemeinschaften, die die Anschläge auf die Roma erleiden mussten. Dabei kamen Opfer zu Wort, die die Ereignisse erlebten, und auch deren Angehörige oder Bekannte. Népszabadság beispielsweise veröffentlichte im April 2009 einen Artikel über das Mordopfer von Tiszalök, Jenő Kóka [9], über den seine ehemaligen Kolleg*innen positiv sprachen. Beide Blätter gingen ähnlich sensibel auf die Situation des 14-jährigen Mädchens ein, die beim Anschlag in Kisléta ihre Mutter verloren hatte und seit der Tragödie von ihrer 76-jährigen Großmutter erzogen wurde. Tibor Nagy, der in Nagycsécs lebt und dessen Frau und Bruder von den Serienmördern getötet worden sind, äußerte sich sowohl in Népszabadság [10] als auch in Magyar Nemzet [11], und dabei kamen nicht nur seine soziale Situation und Lebenslage zur Sprache, sondern auch, wie er den Anschlag emotional erlebt hat.

Die dreiteilige Reportage-Reihe in Magyar Nemzet über Tatárszentgyörgy [12] zeigt, wie die individuelle Darstellung der Opfer und die persönliche Perspektive zur Rechtfertigung der zuvor aufgeführten negativen Stereotype genutzt werden können. Nach der Vorstellung der Familie des Opfers porträtierte die Reportage Tatárszentgyörgy als eine durch und durch mit Straftaten und ethnischen Konflikten belastete Siedlung und kriminalisierte dabei auch eines der Opfer: Er und seine Familie wurden mit kleineren Strafdelikten in Verbindung gebracht. Ziel aller dieser „Recherchen“ der Journalist*innen war, das rassistische Motiv für den Mord infrage zu stellen, das zur damaligen Zeit zunächst nur eine Annahme war.

Im Spiegel des oben Geschriebenen überrascht es nicht, dass Népszabadság fast fünfmal so oft als Magyar Nemzet über Beispiele berichtete, in denen den Opfern gegenüber Mitgefühl und Solidarität bekundet sowie Gesten der Hilfeleistung und Wohltätigkeit gezeigt worden sind (Abbildung 9). Der damalige Präsident der Republik, László Sólyom, sprach in beiden Tageszeitungen mehrmals über das Mitgefühl mit den Opfern – und auch mit der Roma-Minderheit im Allgemeinen –, jedoch zitierte Népszabadság im Vergleich zu Magyar Nemzet weitaus mehr derartige öffentliche Erklärungen: beispielsweise die Geistlichen, die bei der Beerdigung der Opfer über Beileid sprachen, den Ministerpräsidenten Gordon Bajnai, den Minderheiten-Ombudsmann Ernő Kállai oder gar Zoltán Balog von der Fidesz-Partei. Auch hat Népszabadság öfter lokale Bürgermeister*innen interviewt, die sich an den Kosten der Beerdigung beteiligt oder den Familien der Opfer Beihilfe geleistet hatten. Das Blatt brachte auch viele Berichte über weitere Wohltätigkeits-Initiativen verschiedener Stiftungen oder der Landesselbstverwaltung der Roma in Ungarn, beispielsweise über die Renovierung des Hauses der Opfer in Nagycsécs, die in Népszabadság in vier Fällen, in Magyar Nemzet hingegen nur einmal Erwähnung fand.

Die im Juni und November 2010 veröffentlichten Autor*innen-Kommentare aus der Feder von Ágnes Daróczi [13] sind vielleicht die besten Beispiele für die Artikel in Népszabadság zum Thema Solidarität mit den Opfern. Die Autorin berichtete, wie die Familie der Opfer des Doppelmordes von Tatárszentgyörgy auf Initiative des Deutschen Fußball-Bundes und der größten deutschen Roma-Organisation Unterstützung erhielt, und dass sich dieser Initiative weitere ungarische und deutsche zivile Organisationen anschlossen, die später bemüht waren, den Familien der Opfer in Piricse und Tiszalök zu helfen.

Zusammenfassung der Analyse


Im Zuge unserer Analyse konnten wir feststellen, dass die Mordserie in der Darstellung von Magyar Nemzet nachdrücklich in einem politischen Kontext beleuchtet wurde: Die Beiträge legten die Annahme bezüglich der rassistischen Motivation der Mordserie immer wieder als Panikmache linker Politiker*innen und Intellektueller aus und stellten Mutmaßungen an über politische Interessen im Hintergrund der auf die Roma verübten Anschläge, deren Ziel die Diskreditierung der politischen Rechten gewesen sein soll. Das Verhältnis zwischen der Minderheit und der Mehrheit wurde in Magyar Nemzet als konfliktbeladen dargestellt, und die Charakterisierung der Roma war stark vom zu jener Zeit kursierenden Diskurs über „Zigeunerkriminalität“ geprägt: Den Morden an den Roma wurden mehrfach von Roma begangene Straftaten gegenübergestellt; die rechte Zeitung war durchdrungen vom Image aggressiver und krimineller Roma. Népszabadság hingegen stellte das rassistische Motiv für die Morde nicht infrage, sondern betonte vielmehr wiederholt, dass den Roma in der Gesellschaft Ausgrenzung widerfahre und wie wichtig Solidarität ihnen gegenüber sei. Darüber hinaus schilderte die Zeitung in mehreren Fällen auch die persönlichen, individuellen Geschichten der Opfer.

(Eine Analyse von Jenő Bódi)


Verwendete Literatur


Bernáth, Gábor – Messing, Vera (2012): Szélre tolva: Roma médiakép 2011 [An den Rand gedrängt: Das Medienimage der Roma 2011], in: Médiakutató 1, S. 71–84.

Juhász, Attila (2010): A „cigánybűnözés” mint „az igazság” szimbóluma [„Zigeunerkriminalität“ als Symbol der „Wahrheit“], in: AnBlokk 1 (4), S. 12–18.

Polyák, Gábor (2013): Szabályozási eszközök és lehetőségek a kisebbségek médiaképének befolyásolására [Regulatorische Instrumente und Möglichkeiten zur Beeinflussung des Medien-Images von Minderheiten], in: Bogdán, Mária – Feischmidt, Margit – Guld, Ádám (Hrsg.): „Csak másban”: Romareprezentáció a magyar médiában [„Nur im anderen“: Die Darstellung der Roma in den ungarischen Medien], Gondolat, Budapest, S. 231–259.
 

Anmerkungen

[1] Die Anschlagsserie begann im Juli 2008 in Galgagyörk und endete im August 2009 in Kisléta, bevor die Polizei die verdächtigten und später verurteilten Personen in Debrecen festnehmen konnte. Infolge von sechs der an insgesamt neun Tatorten begangenen Anschlägen gab es Verletzte, und in vier Siedlungen – in chronologischer Reihenfolge: in Nagycsécs, Tatárszentgyörgy, Tiszalök und Kislét – töteten die Mörder sechs Menschen mit Roma-Abstammung.

[2] Als solche Themen kodierten wir zum Beispiel die Reportagen und Berichte, in denen die Opfer sowie die Siedlungen und Gemeinschaften an den Tatorten der Morde vorgestellt wurden. Zu dieser Themenkategorie zählten wir auch die Autor*innen-Kommentare, die die Ereignisse vornehmlich als gesellschaftliches Phänomen und Problem interpretierten, oder beispielsweise die Berichte über eine Konferenz zur sozialen Lage der Roma, sowie auch die Nachrichten über Beispiele für Solidaritätsbekundungen mit den Opfern.

[3] Lovas, István: És ha? [Und wenn?], in: Magyar Nemzet, 5. August 2009, S. 7.

[4] Németh, György: Cigányt ölni Magyarországon (3) [Zigeuner umbringen in Ungarn (3)], in: Magyar Nemzet, 15. August 2009, S. 6. Wie der Autor dieses Artikels formulierte: „Die hinter den Regierungsparteien stehenden Kreise haben ein finanzielles Interesse daran, dass diese an der Macht bleiben, und einer oder auch mehrere dieser Kreise könnte/n auch dazu fähig sein, Grenzen zu überschreiten, deren Überschreitung für undenkbar gehalten wird. Sie denken vielleicht, dass die Unterstützung ihrer Partei gestärkt werden könnte, wenn eine Reihe von Verbrechen über das Land hinwegfegt, die von politischen Extremisten begangen werden; weil die Bürger, die sich nach Sicherheit sehnen, sich in der Regel hinter der bestehenden Macht aufstellen und weil sie sich vor dem Täter im rechtsextremen Lager erschrecken.“

[5] Für diesen Zeitraum siehe: Bernáth – Messing (2012).

[6] Die Betonung der ethnischen Determiniertheit von Kriminalität kann das Image von Minderheiten negativ beeinflussen. Bereits vor 2010 hat der Medienrat aufgrund des Mediengesetzes von 1996 Beschlüsse gefasst, in denen mit ähnlichen Praktiken operierende Medien verurteilt wurden. Siehe dazu: Polyák (2013), S. 253–254.

[7] Parallel dazu, dass das Bild von aggressiven, gefährlichen „Zigeunern“ in der Öffentlichkeit immer kräftigere Konturen erhielt, hatte dieser Diskurs damals auch ständige Bezugspunkte, wie den Lynchmord in Olaszliszka und den Cozma-Mord in Veszprém. Zur damaligen Zeit beschränkte sich der Diskurs zunächst auf einen Kreis rechtsextremer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und durchdrang dann zunehmend, oft in latenter Form, die gesamte Öffentlichkeit: nicht nur die Äußerungen der rechten, sondern auch die der linken Politiker*innen über Roma. Siehe: Juhász (2010).

[8] Balavány, György: Rasszista cigány vezetők [Rassistische Zigeunerführer], in: Magyar Nemzet, 25. Februar 2009, S. 7; Intézményesült magyarellenesség [Institutionalisierte Ungarnfeindlichkeit], in: Magyar Nemzet, 30. September 2009, S. 2.

[9] Cservenyák, Katalin: Agyonlőttek egy férfit Tiszalökön [In Tiszalök wurde ein Mann erschossen], in: Népszabadság, 24. April 2009, S. 2.

[10] Doros, Judit – Cservenyák, Katalin: Szeretnénk végre nyugodtan aludni [Wir möchten endlich ruhig schlafen], in: Népszabadság, 28. August 2009, S. 5.

[11] Tolcsvai, László L.: Két halálos áldozat Nagycsécsen [Zwei Todesopfer in Nagycsécs], in: Magyar Nemzet, 4. November 2008, S. 5.

[12] Balavány, György – György, Zsombor: Éleslövészet. A tatárszentgyörgyi kettős gyilkosság nyomában (1.) [Scharfschießen. Auf den Spuren des Doppelmordes von Tatárszentgyörgy (1)], in: Magyar Nemzet, 11. April 2009, S. 26–27; Balavány, György – György, Zsombor: Gyulladáspont. A tatárszentgyörgyi kettős gyilkosság nyomában (2.) [Brennpunkt. Auf den Spuren des Doppelmordes von Tatarszentgyörgy (2)], in: Magyar Nemzet, 18. April 2009, S. 24–25; Balavány, György – György, Zsombor: Ég a ház. A tatárszentgyörgyi kettős gyilkosság nyomában (3.), [Das Haus brennt. Auf den Spuren des Doppelmordes von Tatarszentgyörgy (3)], in: Magyar Nemzet, 25. April 2009, S. 30–31.

[13] Daróczi, Ágnes: Tatárszentgyörgy – másképp [Tatárszentgyörgy – mal anders], in: Népszabadság, 9. Juni 2010, S. 15; Daróczi, Ágnes: Életveszélyben [In Lebensgefahr], in: Népszabadság, 15. November 2010, S. 14.

 

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