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Eda Sagarra | Professorin für Germanistik, Trinity College Dublin

Goethe Dublin: Making a difference
Erinnerungen aus 45 Jahren

Als das Dubliner Goethe Institut 1961 sein leuchtend rotes Eingangstor am Merrion Square aufmachte, einem der schönsten Plätze der irischen Hauptstadt, war ‚Goethe‘ für mich, Jahrgang 1933 und damals Dozentin für neuere Germanistik an der Manchester Universität, längst kein unbekannter Name mehr: Das Manchester Institut war nämlich selbstverständlicher Teil meiner dortigen Lehrtätigkeit. Unter der Leitung des damaligen Direktors und späteren Stellvertretenden Generalsekretärs Dr Hans-Peter Krüger bestand ein reger Austausch zwischen unseren beiden Instituten. Unsere Uni-Studenten erhielten im Goethe Institut einen Teil ihres Sprachunterrichts. Frau Oberstudienrat Irmgard Krüger wurde unsere Kollegin – ich teilte mit ihr sogar das Arbeitszimmer.

So war es selbstverständlich, als ich 1975 nach zwanzig Jahren ‚Exil‘ in der Bundesrepublik, der Schweiz, Österreich und Großbritannien dem Ruf auf den germanistischen Lehrstuhl am Trinity College Dublin folgte, dass mein erster beruflicher Kontakt dem Goethe Instituts-Direktor Herrn Dr Dobiess galt. Hier standen mir gleich alle Türen offen. Zur 200 Jahres-Feier unseres 1776 gegründeten Trinity Instituts bot uns Herr Dobiess eine Ausstellung deutscher Zeichnungen und Gravierungen aus der Zeit um 1800 an, die ein großer Erfolg wurde und den Auftakt zu einer fruchtbaren und andauernden Partnerschaft zwischen Institut und den irischen Universitäten bilden sollte.

Aus unserer reichen Zusammenarbeit der Folgejahre, als Goethe Dublin zu einem leitenden Zentrum und echten Ausstrahlungspunkt der deutschen Kultur im Lande wurde, möchte ich im Folgenden zwei Momente reflektieren. Denn diese wirkten in der Geschichte deutsch-irischer Beziehungen tatsächlich systemändernd.

 ‚Männer und Frauen machen Geschichte‘. In hiesigem Fall waren es zu Beginn der 80er Jahre zwei Menschen:  Goethe-Institutsdirektor Dieter Kreplin und die neue Leiterin des Sprachinstituts im Fitzwilliam Square Gabriele Schmitz, der ihr Chef volle Freiheit ließ und deren Vermächtnis in den Schulen Irlands noch heute nachwirkt.

Als beide nach Irland kamen, war die Situation für Deutschlehrer und -lernende alles anders als ideal. Deutsch war im schulischen Unterricht schwach vertreten, die Leaving Certificate-AbsolventInnen (1982) bildeten knapp 4% der Gesamtzahl. Die Arbeitsmoral unter den irischen Deutschlehrern, das muss noch eigens betont werden, war mit wenigen Ausnahmen zu jener Zeit sehr herunter. Unbefriedigend war das Niveau des schulischen Lehrprogramms, und – das muss man offen zugeben –, unzulänglich waren leider auch die Sprachkenntnisse von mancher Lehrkraft, der nie die Gelegenheit zu längerem Deutschlandaufenthalt gegönnt worden war. Von Unterstützung in Form von Fortbildungskursen oder in-service training durch das irische Erziehungsministerium war trotz wiederholter Anträge darauf seitens der Lehrerschaft keine Spur. Dazu kam noch, dass die damalige Wirtschaftslage Irlands für junge Menschen desolat war und bis in die 9oer Jahre auch so blieb. Einer jungen anstrebenden Bildungsschicht boten sich als offensichtlich einzige Möglichkeiten Arbeitslosigkeit oder Auswanderung. Die Situation in den irischen Universitäten war besser, doch galt die Germanistik weithin als Orchideenfach. Forschungsurlaub war bei den kleinen Instituten rar, eigentlich den Lehrstuhlinhabern vorenthalten, aber für sie aus Mangel an Arbeitskräften selten realisierbar.

Kaum war sie im Amt, als sich Gabriele Schmitz daran machte, Kontakte mit den Schulen aufzunehmen, und zwar auch mit den einzelnen Individuen, die für den Sprachunterricht zuständig waren. Sie insistierte gleich von Anfang auf ein partnerschaftliches Verhältnis. Durch ihre Wärme und persönliche Ausstrahlung gewann sie bald das volle Zutrauen ihrer AnsprechpartnerInnen, während ihre erstaunliche Arbeitskraft und ihr Systemdenken bald bedenkenswerte Ergebnisse erzielten. Unter irischer – nicht deutscher – Leitung, darauf bestand sie, wurde die Gesellschaft Deutschlehrer Irlands (GDI) aus der Taufe gehoben, der sie stets beratend und mit diplomatischem Feingefühl sowie Tatkraft zur Seite stand. Nun wurden mit großzügiger Hilfe von der Münchner Zentrale Fortbildungskurse arrangiert, und durch Frau Schmitz und ihre irischen Partner ein halbes Jahr lang andauernde Austauschprogramme mit deutschen Schulen in die Wege geleitet, die noch heute bestehen und mehrere Hunderte von irischen Deutschlehrern und deutschen Englischlehrern ins Partnerland gebracht haben. Dazu kamen die regelmäßigen Fachseminare, an denen wir Germanisten uns gern beteiligten und dabei manches für den Ausbau der universitären Sprachunterrichtspraxis lernten. Der Lehreraustausch hatte einen echten ‚Scheeball-Effekt‘ – LehrerInnenkinder reisten in beide Richtungen in den Schulferien: heute sind oft deren Kinder und zumal Enkelkinder dran, – und aus deren Bekanntenkreisen wiederum andere … Wie oft hört man heute unter Iren das Wort, ‚o ja, ich war mal auch als Schuldkind in Deutschland‘.

Bis 1989 hatten wir, Goethe Dublin, wir Germanisten und unsere Freunde und Partner in der GDI, es so weit gebracht, dass 22% der Leaving-Certificate AbsolventInnen Deutsch als eines ihrer sechs obligaten Fächer hatten.

Die irische Germanistik verdankt Dr Kreplin sehr viel. Kurz nach seiner Ernennung zum Dubliner Goethe-Institutsdirektor machte er mir und meinem damals neuen University College Dublin Kollegen Hugh Ridley seine Aufwartung. Statt uns seine Vorstellungen zu unterbreiten, bat er uns ihm zu sagen, in welcher Weise Goethe der irischen Germanistik förderlich sein könne. Wir drei saßen nun mehrere Wochen beisammen, um ein Programm und zugleich eine ‚Propaganda-Aktion‘ auszuarbeiten, die junge Menschen für die Germanistik- bzw. die deutsche Sprache als Einfallstor in die deutsche Kultur gewinnen sollten. Für unseren geplanten Germanistischen ,Fünf- bzw. Zehnjahresplan‘ gewannen wir die Mitarbeit unseres Galway Kollegen Timothy Casey, und als wichtigen Aktions-Partner, wie es sich bald erwies, den Präsidenten der Irish-Deutschen Handelskammer, Liam Connellan. Der damalige Generaldirektor des Verbands irischer Industriellen und Vorstandsmitglied des Confederation of European Industry Connellan hatte es sich zur Ausgabe seiner Amtszeit gemacht, die Bundesrepublik als wichtigen Partner im Bewusstsein der makers and shakers der irischen Handels- und Industriewelt zu etablieren. Er unterhielt ausgezeichnete Beziehungen zu den irischen Medien, die sich nun zusehends für irisch-deutsche ,Ereignissie‘ und Kulturveranstaltungen zu interessieren begannen.

Ein Schnittpunkt in der Werbungsaktion für die deutsche Sprache in Irland bildete Mitte der 80er Jahre die ‚Monster-Meeting‘ nach Vorbild der Versammlungen, durch die der irische Freiheitskämpfer Daniel O’Connell seine Landsleute einst politisierte, die Kollege Ridley gemeinsam mit dem Goethe Institut und Trinity College in UCD veranstaltete und zwar unter der Rubrik:
 
Why learn German? – But why not?

An jenem denkwürdigen Abend lauschten die 700 Anwesenden, darunter Studenten, und Schüler aber auch ihre Eltern, zusammen mit Vertretern der Berufswelt und der Median der zündenden Rede Connellans mit der These:
 
The Federal Republic is the place to do business: but you need to know German.

Wir Wissenschaftler richteten unsererseits die ‚Botschaft‘ eher an die Eltern als die Studierenden, denn jene hatten noch im damaligen Irland großen Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder:
 
If you want to see your children in good employment and not having to emigrate to other continents where you may never see them again, get them to do German at school and/ or study German in whatever combination at third level.

Solche Aktionen waren freilich für uns Wissenschaftler nur means to an end, unserer germanistischen Wissenschaft dienlich zu sein: wir brauchten mehr und besser qualifizierte Studierende. Das, was wir Fachleute vor allem benötigten, waren Begegnungen mit unseren deutschen Kollegen, war die Möglichkeit, germanistische Tagungen hier in Irland zu veranstalten. Kontakte hatten die meisten von uns seit der Studienzeit und aus gemeinsamen Forschungsinteressen, nur fehlten uns die Mittel. Wir konnten die Kollegen in unsere Wohnungen aufnehmen, gut bewirten und unterhalten, so dass Zeit für wissenschaftliche Gespräche gewonnen werde; nur die Reisekosten überstiegen um ein weites unsere kargen Institutsetats. Zusammen mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und mit Goethe-Dublins stets findungsreicher Hilfe wurden in der Folgezeit alle Jahre wissenschaftliche Tagungen in Dublin oder Galway veranstaltet; deren Ergebnisse wurden ein oder zwei Jahre darauf bei angesehenen deutschen Verlagen veröffentlicht. Das machte uns mit der Zeit bekannt, zumal eine Irlandtagung immer gute Bewirtung und gute Gespräche versprach. Manchmal kamen ein paar ‚Große‘ zu uns, wie etwa der spätere Deutsche Forschungsgesellschaftspräsident Wolfgang Frühwald oder der Vorstehende des Verbands deutscher Germanisten. Meist aber galten unsere Einladungen deren Assistentenbereich, nicht zuletzt aus Klugheitserwägungen: So viele Auslandseinladungen würden Assistenten doch nicht haben, und wenn sie selber mal Institutsleiter werden sollten, würden sie uns und unsere Studierenden nicht vergessen.
Und so wurde es dann auch.

Wir auf unserer Seite machten fleißig mit. Institutssprache am Trinity College wurde fortan Deutsch, auch bei zufälligem Begegnen mit den Studierenden auf dem Korridor oder in der Stadt: Wir ‚verstanden‘ kein Englisch mehr!  Im Lauf der 80er Jahre warben wir durch neue, mit der Zeit interdisziplinäre Studienprogramme, so mit Deutsch als obligates Fach. Darunter waren etwa Informatik mit Linguistik und Deutsch, Betriebs- und Wirtschaftswissenschaft oder Jura mit Deutsch als Fremdsprache (o, wie unsere JuristInnen über das BGB stöhnten, während ihre deutschen KommilitonInnen sich an den Debattierklubs am Trinity College ergötzten!) Nicht nur unser Germanistikstudium, alle unsere Programme beinhalteten einen Jahresaufenthalt in den dafür zuständigen führenden deutschen Instituten, ermöglicht durch offizielle interuniversitäre Partnerschaften. Und das alles noch vor Beginn des europaweiten Erasmusprogramms. Nach Einführung eines intensiven Anfängerstudienprogramms stieg die Zahl hochqualifizierter und -motivierter StudentInnen, von denen mehrere heute in Leitpositionen in Irland, der Bundesrepublik, Brüssel und gelegentlich in Übersee anzutreffen sind. Unserer aller Arbeitspensum wuchs und wuchs, aber es machte uns halt enormen Spass.

Wenn ich die weiteren ertragreichen Jahre unserer universitären Partnerschaft mit dem Dubliner Goethe Institut übersprungen habe, so war es aus der Überlegung, dass jene nun mehr als ein Drittel Jahrhundert zurückliegende Epoche für deutsch-irische Beziehungen in der Tat strukturbildend waren, im institutionellen Sinn aber wichtiger noch in der Kultur- und Mentalitätsgeschichte meiner irischen Landsleute sind.

So gilt mein letztes Wort unserem Dubliner Goethe Institut im Zeichen seiner Sechzigjahresfeier:
Wir danken!   
Wir gratulieren!
 
Goethe Dublin: Lebe hoch!

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