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Tanz digital im Golem-Labor
Mit Mut auf neuen Pfaden

Golem-Labor
© Goethe-Institut Israel

In den letzten zwei Jahren wurden unzählige Tanzdarbietungen ins Internet hochgeladen. Diese Shows, die zunächst auf Bühnen zu sehen waren, wurden gefilmt und anschließend auf den Bildschirm gebracht. Mit der Integration von Motion-Capture-Technologien in die ersten Stadien des kreativen Prozesses geht Golem-Labor einen weiteren Schritt nach vorn.

Von Ori J. Lenkinski

Als ich bei dem Workshop zum Golem-Labor-Projekt erscheine, ist das Team gerade in einer technisch bedingten Pause. Der Motion-Capture-Anzug, das Herzstück des Projekts, ist offline gegangen. Der Avatar auf einem Bildschirm an einer Wand im Konferenzraum des Goethe-Instituts bewegt sich nicht. Auf einer zweiten, größeren Leinwand ist das Gesicht der amerikanischen Choreografin Carly Lave zu sehen. Lave, die zur Zeit in Berlin lebt, hat das Golem-Labor-Projekt initiiert. Geduldig schwebt ihr überlebensgroßes Gesicht über den Bemühungen, den Anzug wieder online zu bringen. Yuval Barlev, Ella Isman-Liwer und Inbar Perry, drei TänzerInnen der Tel Aviver  Maslool School of Contemporary Dance sitzen auf Stühlen in einer Ecke und warten auf Updates. Offir Dagan, einer der künstlerischen Leiter von Maslool, bespricht mit Carola Dürr, der Leiterin des Goethe-Instituts in Israel, das weitere Vorgehen. Die Atmosphäre im Raum ist unbeschwert und doch liegt eine spürbare Aufregung in der Luft. Trotz der momentanen Herausforderung überwiegt das Gefühl, Geschichte zu schreiben. Technische Schwierigkeiten sind nun mal der Preis von Innovationen.  Es gibt kein anderes Projekt, das die technologischen Grenzen des Tanzes so klar und mutig wie Golem-Labor auslotet.

Die Motion-Capture-Technologie ist nicht neu. Die technische Ausrüstung gibt es schon seit vielen Jahren. Sie wurde meist im Bereich Gaming und Animation genutzt. Der springende Punkt dieses Projekts ist die Aneignung der Technologie durch Choreographen und Tänzer. Die praktische Anwendung der von den Teams in Riga, Bogota, Prag und Tel Aviv gesammelten Daten wird nicht in Mainstream-Medien überführt, sondern zur Verbesserung der Präsenz und des Verständnisses von zeitgenössischem Tanzes in der virtuellen Sphäre genutzt. Alle Beteiligten sind sich einig: Es gibt keinen besseren Zeitpunkt. Die Kluft zwischen dem Physischen und Virtuellen wird von Tag zu Tag deutlicher. Der Tanz muss diesen Sprung wagen.
 

Dieses Projekt ist ein Experiment. Für den Tanz ist es ein erster Schritt von der physischen in die digitale Welt

Carola Dürr


Wir wechseln in ein Klassenzimmer mit Retro-Postern verschiedener Regionen Deutschlands und bodentiefen Fenstern auf der anderen Seite.

„Wir hätten eigentlich im Studio von Maslool arbeiten sollen, aber da gab es zu viel Metall. Das hat die Kommunikation gestört. Also sind wir im letzten Moment umgezogen“, erklärt Dagan. Veränderungen in letzter Minute sind Maslool-Studenten nicht fremd. "Tech-Tage gehören zum Unterricht, sind Teil der Tanzausbildung", sagt Dagan. "Sie sind es gewohnt, mit Licht- und Tontechnikern zu arbeiten. Aber dies hier ist eine völlig neue technische Erfahrung. Was wir hier erleben, ist die nächste Generation technischer Schwierigkeiten."

Jenseits von Kabeln und Computermonitoren befindet sich eine neue Dimension, ein tiefgründiges Neuland, welches gerade vom Golem-Labor entdeckt wird. „Bei diesem Projekt geht es nicht darum, existierende Tänze in die virtuelle Welt zu verlagern“, sagt Dürr. "Hier wird etwas Neues geschaffen."

Der Impetus der jüngsten Pandemie ist unschwer zu erkennen. „Wir wissen nicht, was als Nächstes passieren wird, wie wir zukünftig reisen werden, wann wir uns wieder persönlich treffen können. Ich gehe am Rabin-Platz vorbei und denke mir, wie schön es doch wäre, wenn ich dort eine Aufführung sehen könnte, ohne zu einer bestimmten Zeit erscheinen zu müssen. Wir gewöhnen uns zunehmend an künstliche Realität. Pokemon Go! ist ein großartiges Beispiel. Und ich frage mich, wie es wohl sein wird, wenn wir diese Technologie auch für den Tanz nutzen können. Sie schlägt ein neues Kapitel auf, eröffnet eine Welt ganz neuer Möglichkeiten“, sagt Dürr.

Kunst steht im Dialog mit der Zeit

In den letzten zwei Jahren wurden unzählige Tanzdarbietungen ins Internet hochgeladen. Diese Shows, die zunächst auf Bühnen zu sehen waren, wurden gefilmt und anschließend auf den Bildschirm gebracht. Auf diese Weise können Werke ohne Flugzeug von einem Land in ein anderes gelangen, sind aber auf eine bestimmte Anwendungstechnik für den Tanz beschränkt: Sie müssen geteilt und verbreitet werden. Mit der Integration von Motion-Capture-Technologien in die ersten Stadien des kreativen Prozesses geht Golem-Labor einen weiteren Schritt nach vorn.

„Noch haben wir keinen Tanz, den man lieber digital als live erleben möchte“, meint Dagan. "Kunst steht im Dialog mit der Zeit. Diese Technologie ist ein wesentlicher Teil der Welt um uns herum."

Für die sechs Tänzer, die in zwei separaten Experimentierrunden teilnahmen, sind Glitches und Bugs die Intrigen einer anderen Welt. Tänzer sind es gewohnt, sich beim Tanzen gefilmt zu sehen. Leo Terris, Shelly Stolpner, Zohar Rubin, Yuval Bar Lev, Ella Isman-Liwer und Inbar Perry erhalten im Golem-Labor eine völlig andere Perspektive auf ihre Bewegungen.

Mein Körper verwandelt sich in Farbblöcke. Diese simple Schlichtheit hat meine Bewegungen beeinflusst. Ich habe mich anders gesehen und dann auch anders bewegt.

Inbar Perry


Isman-Liwer findet es faszinierend, Bar Lev bei der Arbeit mit dem Anzug zuzusehen. "Es ist interessant, was der Avatar von Yuval übernommen hat. Es gibt weniger Dimensionen als im wirklichen Leben." Die Drei erinnern sich an den Moment, in dem Bar Lev zu Boden schliddert. Im wirklichen Leben liegt sein Körper wie erschlagen auf dem Teppich des Konferenzraums. Auf dem Bildschirm zerfällt die Gestalt seines Avatars zu Nichts. "Ich wurde vom Boden aufgesaugt", sagt Bar Lev. Die drei sind sich einig.  Dieses phantastische Ereignis hat es ihnen ermöglicht, sich ihre Bewegung jenseits der physikalischen Gesetze der Erde vorzustellen. Dies trifft nicht zuletzt ins Herz eines jeden Tänzers.

"BalletttänzerInnen wollten fliegen. Deshalb haben sie Spitzenschuhe erfunden", sagt Niv Marinberg, der neu ernannte Co-Direktor von Maslool. "Tänzerfantasien bewegen sich jenseits von Naturgesetzen."

Lave wartet noch immer geduldig auf Neuigkeiten von den Technikern und entschuldigt sich. Die vom Golem-Labor verwendeten Motion-Capture-Anzüge gehören der zweiten Generation an und sind noch immer im Erkundungsmodus. Sobald das Projekt stand, hatte Lave ursprünglich geplant, für die Tel-Aviver Version in Israel zu sein. Sie hatte Konzept und Workshop-Modell dem Goethe-Institut präsentiert. Covid-Beschränkungen zwangen sie jedoch, Anweisungen und Aufgaben für Tanzimprovisationen per Zoom zu geben. Lave arbeitet mit gamelab.berlin, das sie als "Schnittstelle von Game-Design, Internet, Medien, Kultur und Kunst" bezeichnet. Auch sie brütet über den technischen Pannen aus einer anderen Welt. „Wenn die TänzerInnen springen, schwebt der Avatar davon. Sie landen auf dem Boden, während er weiter nach oben driftet“, lächelt sie.

Die Gelder für das Golem-Labor wurden 2019 bewilligt und umfassen die Goethe-Institute in Tel Aviv, Prag (als federführendes Institut), Riga und Bogota sowie Partnerorganisationen an den jeweiligen Standorten. Jede Stadt veranstaltete Workshops mit lokalen Tänzern, um Material für eine Live-Veranstaltung zu generieren. Der erste Workshop fand im Oktober letzten Jahres in Prag statt. Die Ausschreibung richtete sich an Nerds. Der zweite Workshop wurde im September 2021 in Riga abgehalten. Das Resultat dieser Veranstaltung ist online zu sehen. Es ist eine Art Bewegungsmuseum mit eingefangenen Bewegungen von vier Tänzern - eine Fotogalerie, Interviews mit den teilnehmenden Tänzern sowie Texte zum Projekt. Im November fanden dann die Workshops in Tel Aviv und Bogota statt.

Marinberg hat sich die Rigaer Version angesehen. Während die Avatare weit weniger nuanciert als die Tänzer waren, konnte er bestimmte Muster entschlüsseln. "Anhand des Avatars kann ich erkennen, ob es sich um einen Tänzer oder eine Tänzerin handelt, wie alt sie sind und welche Art von Bewegungstraining sie erhalten haben", sagt er. Marinberg ist Doktorand an der Hebräischen Universität. Als erfahrener Probenleiter hat er einen unglaublich scharfen Blick für Bewegungen. So erkennt er beispielsweise, wenn einer der Tänzer hinter dem Avatar eine frühere Verletzung hatte. "Es gab einen Avatar, der seinen Knien nicht richtig traute."

Tänzer sind für ihre Selbstkritik berüchtigt. Dem kann der Avatar entgegen wirken. „Früher haben Tänzer stundenlang vor einem Spiegel trainiert. In den letzten zehn Jahren haben wir mit Videos gearbeitet. Wir haben uns aufgenommen und den Film nachher angesehen. Der Avatar eliminiert ästhetische Aspekte. Unsere Maße und Farben verschwinden. Für mich ist das ein Vorteil", erklärt Marinberg.

Wer könnte virtuelle Realität für den Tanz weiter entwickeln? Das ist eine der zentralen Fragen, die sich im Zusammenhang mit Motion-Capture-Technologien stellen. Die Kosten für das Golem-Labor sind immens. Ohne die finanzielle Unterstützung von Kulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut würde die Tanz-Community bei VR wohl außen vor bleiben.

Erste Skizzen einer neuen Landkarte zur Zukunft des Tanzes

Für Dagan, Marinberg und die Tänzer von Maslool bietet dieses Projekt die seltene Gelegenheit, mit technischen Geräten zu experimentieren, die nur sehr wenige israelische Tänzer gesehen, geschweige denn benutzt haben. „Das Angebot des Goethe-Instituts hat den Anstoß gegeben. Als Carola (Dürr) uns eingeladen hat, interessierte uns die mögliche künstlerische Wirkung des Projekts. Wir sind mit Tänzern und Tänzerinnen aus der ganzen Welt zusammengebracht worden und sind zu einem Team geworden“, meint Dagan. Diesem Team gehören viele Experten an, mit denen Dagan normalerweise nicht zusammenarbeitet. „Wir sind es gewohnt, Leute aus unserem Bereich zu treffen. Hier stehen wir im Dialog mit Computer-Experten. Mit ihnen zusammen entwickeln wir unsere Ideen. Für uns ist das eine völlig neue Facette der Zusammenarbeit.“

Im Mittelpunkt des Projekts steht die künstlerische Anwendung von Motion-Capture. Sie ist vielleicht am schwierigsten zu fassen. „All diese Technologien finden bei Film und wissenschaftlicher Forschung Anwendung. Die Arbeit mit dieser Technologie ist extrem teuer, weil das noch sehr neu ist. Um künstlerische Lösungen zu finden, müssen wir mehr damit arbeiten. Leider sehen wir VR auf hohem künstlerischem Niveau nicht so oft. Gute Choreografen hatten bisher nicht die Ressourcen, damit zu arbeiten", so Marinberg. „Was wir hier machen, würde viel Geld kosten“, ergänzt Dürr. Ihrer Meinung nach wird diese Technologie bald weit verbreitet sein. „Irgendwann wird jeder einen Motion-Capture-Anzug zu Hause haben. Ich halte es für wichtig, dass die Tanz-Community diese Technik kennt. Dies ist ein perfektes Beispiel dafür, wie eine Kulturinstitution wie das Goethe-Institut heute arbeitet“, sagt Dürr. "Wir schaffen etwas, was keiner der Partner ohne den anderen geschafft hätte. Das ist die Idee globaler Kulturarbeit."

Alle Partner sind sich einig. Motion-Capture ist kein Ersatz für Live-Auftritte. „In der Tanzwelt meiden wir Technologie oft“, erklärt Marinberg. "Wir haben Angst, das Magische der Aufführung zu ruinieren."

"Es gibt durchaus eine gewisse Gegenbewegung zur Durchdringung der Kunst mit diesen Technologien", sagt Dürr. "Menschen verlassen die digitale Welt zugunsten physischer Räume. Auftritte in der realen Welt wird es immer geben. Insbesondere beim Tanz. Die Faszination für das, was der menschliche Körper kann, werden wir nie verlieren."
 

Dieses Projekt wirft viele Fragen auf: Was war Tanz, was ist Tanz, was wird er in Zukunft sein?

Offir Dagan



Gemeinsam bemühen sich das israelische Team und das Netzwerk um das Golem-Labor-Projekt um die Beantwortung einiger dieser Fragen. Zunächst offerieren sie ihre Erfahrungen, erste Skizzen einer neuen Landkarte zur Zukunft des Tanzes.
 

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