Ausstellung if it is no war today, it doesn’t mean there is NO war

wystawa .

Fr, 24.06.2022 -
Fr, 22.07.2022

Goethe-Institut Krakau

Die Ausstellung ist vom Donnerstag bis Sonntag vom 14 Uhr bis 19 Uhr geöffnet.

Am frühen Morgen des 24. Februar 2022 marschierte die Armee der Russischen Föderation in der Ukraine ein. Dieses konkrete Datum markiert im gesellschaftlichen Bewusstsein den symbolischen Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine. Die Genese dieser Ereignisse muss hingegen an anderer Stelle gesucht werden – und das nicht nur angesichts des seit 2014 währenden Kriegs in der Ostukraine, sondern auch mit Blick auf die territorialen Forderungen der Russen gegenüber der Ukraine und die autokratische Einstellung gegenüber dem ukrainischen Volk. Die Ausstellung „if it is no war today, it doesn’t mean there is NO war” ist als Geste der Solidarität mit den vom Krieg betroffenen Einwohnerinnen und Einwohnern der Ukraine entstanden und stellt eine ganz eigene Dokumentation der Ereignisse der vergangenen Monate sowie der damit verbundenen Gefühle und Emotionen dar.
 
Die aus dem Bedürfnis heraus geborene Ausstellung, selbst aktiv zu werden, ist für uns zu einem Weg geworden, den Krieg zu verstehen – nicht nur im historischen oder geopolitischen Kontext, sondern insbesondere auch anhand von Einzelschicksalen. Vor diesem Hintergrund sind die präsentierten Werke als Träger persönlicher Gewalterfahrungen und als Instrument der Reaktion zu betrachten. Eine ähnliche kreative Strategie ist in den Arbeiten von Alevtina Khakhidze zu erkennen, für die das tägliche Zeichnen eine wahre Überlebensstrategie darstellt. Ihre seit Kriegsbeginn entstandenen Zeichnungen haben die Form eines heilenden Tagebuchs: sie helfen dabei, die Erfahrungen des Vortags zu verarbeiten und sind Ausdruck ihres Widerstands, indem sie den Alltag dokumentieren. Die tägliche schöpferische Aktivität ist auch ein Mittel, um die Kontrolle wiederzuerlangen und den persönlichen Protest gegen das Dahinvegetieren widerzuspiegeln. Für Kateryna Alijnyk hat das Malen ähnliche Bedeutung. Ihre Darstellungen von Pflanzenwurzeln entstanden noch als Reaktion auf den Krieg im Donbas – einer Region, mit der sich die Künstlerin verbunden fühlt. Die Bomben auf ihren Bildern schlagen Wurzeln, werden zu einer Metapher für die versteckten Kriegsopfer (wie etwa die Natur) und warnen vor den unsichtbaren Folgen des Krieges, mit deren Wurzeln die unterdrückten Menschen in der Ukraine künftig zu kämpfen haben werden.

Den Stimmen der Künstlerinnen Gehör zu verschaffen, ist für uns ein Weg, um die Geschichte dieses Krieges ohne Rücksicht auf globale Interessen zu schreiben – es ist der Versuch, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden, ohne zu relativieren. Hier werden aggressive Angriffe mit den passenden Worten beschrieben und die Gewalt offen dargestellt, ohne sie jedoch zu historisieren. Die Ausstellung bildet somit das Fundament für antiimperialistische Allianzen unterdrückter Minderheiten aller Art. Individuelle Kriegserfahrungen sind nämlich universell und unabhängig von der Herkunft. Krieg bedeutet Terror, Angst und Tod. Dieses Bild spiegelt sich auch in den Werken von Sana Shahmuradova wider. Die aus Georgien stammende Künstlerin verknüpft Darstellungen nackter Frauen mit Symbolen, die traditionell mit der weiblichen „Natur“ assoziiert werden, wie etwa Sonne, Pflanzen und Brot. Die Szenen, die die Künstlerin zeichnet, haben jedoch nur wenig mit Idylle gemeinsam – sie sind eine schmerzvolle Erinnerung an die Verlassenheit und die unvermeidliche Katastrophe. Die Ästhetik des Krieges kann aber auch anziehend wirken. Für die Bildhauerin Kinder Album ist das Porträtieren der Zerstörung und des Zerfalls ein Weg, um die nicht greifbaren Folgen des Kriegs zu materialisieren. Ihre Keramikobjekte werden zu einem Symbol des Überdauerns, trotz der Unmöglichkeit, zu existieren – zu einem Artefakt des ukrainischen Widerstands und einer realen Abbildung individueller Geschichten.
 
Zu betonen ist, dass die Ausstellung als Teil eines größeren Forschungsprojekts in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Krakau entstanden ist, im Rahmen dessen eine Reihe von Veranstaltungen, Diskussionen und die Premiere des Online-Portals SONIAKH geplant sind. Das übergeordnete Ziel unserer Arbeit ist es, den Fall des zeitgenössischen Russlands mit Hilfe von Instrumenten zu dekonstruieren, die im Kontext des Entkolonialisierungs- und Antiimperialismus-Diskurses entwickelt wurden. Die negative Rezeption der russischen Politik in den ehemaligen Ostblockländern wird in anderen geopolitischen Kontexten häufig gerechtfertigt und zugunsten des Aggressors ausgelegt. Unserer Überzeugung zufolge hat die Darstellung Russlands als Opfer des westlichen Imperialismus – und insbesondere die dualistische „Antikriegshaltung“ der privilegierten Staaten – nur wenig mit Solidarität gemeinsam und macht eine Diagnose des russischen Faschismus unmöglich. Dieses Narrativ reduziert den ukrainischen Widerstand auf eine Resultante imperialistischer Intrigen und bagatellisiert die Gouvernementalität und Handlungsmacht der ukrainischen Gesellschaft im Kontext der Formierung eines unabhängigen Staates. Unser Forschungsprojekt entsteht als Antwort auf die unvorstellbare Gewalt, die die Einwohnerinnen und Einwohner der Ukraine gegenwärtig erleben. Unsere Aktivitäten, die im Rahmen des Projekts in Zusammenarbeit mit eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern realisiert werden, die im Alltag ganz persönlich mit der russischen Aggression konfrontiert sind, drücken unser klares Nein zur Politik Russlands aus. Einer Politik, die die Resultante eines mit der kolonialen Expansion der weißen Europäer vergleichbaren Prozesses ist, angetrieben durch die Ausbeutung von Minderheiten und legitimiert durch westliche Interessen – einer faschistischen Politik des russischen Regimes.

Die Ausstellung „if it is no war today, it doesn’t mean there is NO war” ist ein Projekt des Goethe-Institut als Teil eines umfassenden Maßnahmenpakets, für welches das Auswärtige Amt Mittel aus dem Ergänzungshaushalt 2022 zur Abmilderung der Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine bereitstellt.




 

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