eine 24-Stunden-Konferenz über Performance-Kunst und Chronopolitik TODAY TOMORROW

TODAY TOMORROW © Goethe-Institut | beton

Fr, 06.10.2017 -
Sa, 07.10.2017

Konferenzteilnehmer: Armen Avanessian, Daniel Falb, Alexandra Laudo, Mikołaj Lewicki, Madeline Ritter oraz Brit Rodemund (DANCE ON ENSEMBLE), Bogna Świątkowska
Kuratorin: Joanna Warsza
Moderatoren: Joanna Warsza, Armen Avanessian

Today Tomorrow ist eine Begleitveranstaltung zum Festival Ciało/Umysł – eine Konferenz zum Thema Veränderungen in der Wahrnehmung des Zeit-Paradigmas im Kontext der Politik und Performance-Kunst. Unter den Teilnehmern sind Theoretiker, Choreografinnen, Kuratorinnen und Journalisten, die sich für das Thema Chronopolitik im weitesten Sinne interessieren.
Eröffnet wird die Konferenz mit einer Vortragsperformance von Alexandra Laudo, die mit einer etymologischen Untersuchung des Begriffs „clock“ beginnt. Der Begriff leitet sich von dem lateinischen Wort clocca für „Glocke“ ab – ein Hinweis auf die Tatsache, dass die Zeit ursprünglich durch das Hören wahrgenommen wurde.

Eine vollständige Umdrehung des Aussichtsrestaurants im Berliner Fernsehturm dauerte früher eine Stunde. Nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 beschleunigte man das Tempo – heute dauert eine Umdrehung nur noch eine halbe Stunde. Nach dem französischen Theoretiker Paul Virilio, dem Geografen David Harvey und später den Vertretern des Akzelerationismus ist die Verdichtung von Zeit und Raum ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit, in der Geschwindigkeit untrennbar mit Macht und Kapital verbunden ist. Wir leben in einer Tyrannei der Uhr, und obwohl wir immer mehr Werkzeuge besitzen, die uns dabei helfen sollen, Zeit zu sparen, sind wir ständig im Stress. Begriffe wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden neu definiert, insbesondere in den europäischen Gesellschaften, in denen in dreißig Jahren jeder Zweite über sechzig sein wird.

Die präsentierten Performances, Vorlesungen, Diskussionen und künstlerischen Arbeiten suchen nach einer Antwort auf die Frage, was heutzutage de facto mit der Zeit geschieht.

Begleitend zur Konferenz wird die Videoinstallation Standard Time von Mark Formanek (Berlin) zu sehen sein – eine philosophische Erfahrung der Materialisierung von Zeit, eine Betrachtung des Übergangs zwischen Vergangenheit und Zukunft, einer immateriellen, auf mühsamer Wiederholung beruhenden Arbeit. Und auch des menschlichen Bestrebens, die Technologie zu imitieren und ihrer Präzision gleichzukommen, der unruhigen Erwartung der Zukunft und schließlich der Choreografie der menschlichen Arbeit. Diese mit Muskelkraft betriebene, mit Schweizer Präzision funktionierende Uhr ist eine faszinierendere Version der elektronischen Zifferblätter auf dem Times Square, dem Trafalgar Square oder dem Tian'anmen-Platz.


PROGRAMM

6.10.2017
STUDIO teatrgaleria

Pałac Kultury i Nauki
pl. Defilad 1, Warszawa
 
19:00 Gastspiel im Rahmen des 16. Body/Mind Festivals:
DANCE ON ENSEMBLE/ Rabih Mroué (Deutschland / Libanon)
WATER BETWEEN THREE HANDS
20:30 Gastspiel im Rahmen des 16. Body/Mind Festivals:
Alexandra Laudo (Spanien)
AN INTELLECTUAL HISTORY OF THE CLOCK, lecture performance

7.10.2017
Goethe-Institut

ul. Chmielna 13A, Warszawa  
 
10:00–10:30 Eröffnung der Konferenz
 
10:30–11:00 Einleitung: Kurzdarstellung der Themen und Vorstellung der Teilnehmer
 
11:00–12:00 Armen Avanessian
Vortrag und Fragerunde
NACH DER VERGANGENHEIT KOMMT …
Der Akzelerationist Armen Avanessian behauptet, wir erlebten gegenwärtig eine Veränderung der Zeitrichtung. Es gebe keine lineare Zeit mehr im Sinne einer Vergangenheit, auf die die Gegenwart und die Zukunft folgen, sondern die Zukunft ereigne sich – infolge technologischer und kultureller Veränderungen – bereits vor der Gegenwart, da Algorithmen zunehmend Einfluss auf unsere Entscheidungen und unser Denken gewinnen.
 
12:15–13:30 Brit Rodemund und Madeline Ritter vom DANCE ON ENSEMBLE im Gespräch mit Bogna Świątkowska und Joanna Warsza
Ein Gespräch über das künstlerische Konzept des DANCE ON ENSEMBLE, einer Vereinigung von Tänzern und Choreografen, die über vierzig sind. Anhand von Ausschnitten aus Aufführungen des DANCE ON ENSEMBLE und anderen Aufführungen, werden Themen wie Altersdiskriminierung, körperliche Verfassung, die Alterung der Gesellschaft und kulturelle Normen angesprochen.
 
14:30–15:15 Daniel Falb (Deutschland)
Vortrag und Fragerunde
LEBEN IN PRÄHISTOIRE
Der Vortrag behandelt das Verständnis von Zeit im Anthropozän, einem Zeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten geologischen und biologischen Faktor der Erde geworden ist, erklärt Begriffe wie Tiefenzeit (deep time) und Tiefengeschichte (deep history) sowie den Unterschied zwischen Posthistoire und Prähistoire.
 
15:30–16:15 Mikołaj Lewicki (Polen)
Vortrag und Fragerunde
PERFORMANCE GEGEN DIE ZUKUNFT
Mikołaj Lewicki untersucht langfristige Verträge wie Hypothekendarlehen und Ehen als die einzigen Verpflichtungen, die uns aus dem Leben in einer ewig fortdauernden, fließenden Gegenwart herausreißen.
 
16:15–17:00 Fazit

Kurzbiografien

Armen Avanessian
Philosoph, Akzelerationist, seit 2014 Chefredakteur beim MERVE Verlag Berlin. Ab Herbst 2017 wird er Diskussionen an der Berliner Volksbühne leiten.
 
Daniel Falb
Lyriker und Philosoph, zurzeit arbeitet er an einem Buch über geophilosophische Metaphysik (Geospekulationen). Seine in drei Bänden beim Berliner Verlag kookbooks erschienenen Gedichte wurden ins Polnische übersetzt.
 
Alexandra Laudo
Freie Kuratorin aus Barcelona, Gründerin der Plattform Heroínas de la Cultura, Expertin für das Thema Zeit. Absolventin des CuratorLab an der Kunsthochschule Konstfack in Stockholm.
 
Mikołaj Lewicki
Soziologe an der Universität Warschau. In seiner Doktorarbeit untersuchte er gesellschaftliche Konstruktionen von Zeit im polnischen Diskurs der Moderne nach 1989.
 
Madeline Ritter
Gründerin und künstlerische Leiterin des DANCE ON ENSEMBLE, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Pina Bausch Foundation, ausgebildete Juristin. Initiatorin von Tanzplan Deutschland und der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft DIEHL+RITTER. Lehrt Kulturmanagement an verschiedenen europäischen Universitäten.
 
Brit Rodemund
Choreografin, Absolventin der Staatlichen Ballettschule Berlin. Tanzte u. a. in Choreografien von Rudolf Nurejew, George Balanchine, Patrice Bart und William Forsythe.
 
Bogna Świątkowska
Journalistin, Initiatorin mehrerer kultureller Veranstaltungen in Warschau, Chefredakteurin des Magazins „Notes na 6 tygodni“.
 
Joanna Warsza
Freie Kuratorin, künstlerische Leiterin der Ausstellungsreihe Public Art Munich 2018, Leiterin des CuratorLab an der Kunsthochschule Konstfack in Stockholm. Zuletzt erschien ihr Buch „I can’t work like this: On recent boycotts in contemporary art“ (Berlin: Sternberg, 2017).
 

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