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Berlinale-Blogger 2019
Neapolitanischer Alltag im Selfie-Film

Selfie
Selfie | Foto (Ausschnitt) © Selfie - Agostino Ferrente

Minutenlanger Applaus für „Selfie“ von Agostino Ferrente. Dessen Film über zwei neapolitanische Jugendliche ist ein gelungenes Experiment und zudem ein außergewöhnliches soziologisches Dokument.

Von Andrea D’Addio

Am 4. September 2014 wird der 15-jährige Davide Bifolco aus Neapel durch einen Schuss eines Polizisten getötet. Davide war nicht vorbestraft und hatte nichts verbrochen. Er saß auf dem Rücksitz eines Motorrollers, auf dem er mit zwei anderen Jugendlichen unterwegs war. Sie hatten eine Anhalteaufforderung der Ordnungskräfte ignoriert, was zu einer kurzen Verfolgungsjagd durch die Straßen des Rione Traiano geführt hatte. Der Schuss war ein Versehen, wie der schließlich wegen fahrlässiger Tötung verurteilte Polizist bekräftigt. Doch der Schmerz der Angehörigen und Freunde ist unermesslich. Wie bei allen, die Davide gekannt haben. Das tragische Ereignis veranlasst Agostino Ferrente, einen der bedeutendsten italienischen Dokumentarfilmer, mit Freunden von Davide in Kontakt zu treten. Er findet Alessandro und Pietro und überzeugt die beiden, auf der Großleinwand von ihrem Leben in einem besonders verwahrlosten Viertel von Neapel zu erzählen. Um den Alltag der Jugendlichen und ihres Umfelds nicht durch seine Präsenz zu beeinflussen, stattet er die beiden mit einem Smartphone und einem Selfie-Stick aus und macht die Jugendlichen damit selbst zu den Regisseuren des Films.

Die Geschichte von Alessandro und Pietro

Alessandro und Pietro sind beide 16 Jahre alt und beste Freunde. Während Alessandro als Hilfskraft in einer Bar arbeitet, träumt Pietro von einer Beschäftigung als Herrenfriseur, findet aber keine Gelegenheiten und Kunden, um zu üben – außer im elterlichen Wohnzimmer an den Haaren seines Vaters. Beide haben die Schule abgebrochen, die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Ausreden glauben nur sie selbst. Dennoch versuchen sie jeden Tag aufs Neue, ihrem Dasein einen Sinn zu geben: „Das Leben als Kriminelle ist nichts für uns.“ Die beiden Jugendlichen unterstützen einander. Nur wenn es um die Aufnahmen für den Film geht, sind sie uneins. Sollen sie die in ihrem Umfeld allgegenwärtige jugendliche Kleinkriminalität mit der Kamera einfangen oder nicht? „Wir müssen einen Film machen, der die schönsten Seiten unseres Viertels zeigt.“ „Nein, wir müssen realistisch bleiben und auf den Geschmack der Zuseher eingehen, die erwarten sich auch ein wenig Spektakel.“

Das Spannende daran: Gleich welche Entscheidung sie treffen, ihre Interviews und Monologe vor dem Selfiestick zeigen auch so deutlich, wie schwer es für jeden Einzelnen, auch die Motiviertesten, hier ist, sich stets an alle Regeln zu halten. Wenn aber sogar jemand wie Davide Bifolco, der das wirklich versucht hat, von einem Polizisten getötet wird, wie glaubwürdig ist dann ein Staat, der diese Situation ändern will?

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