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Rexhep Qosja
Kosovo

Nora Sefa interviewed Rexhep Qosja
Collage (Detail) © privat / Tobias Schrank

Nora Sefa wurde 1992 in Pristina, Kosovo, geboren und lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Sie studierte Russische Sprache und Kultur, Politikwissenschaft sowie Soziologie in Würzburg, Moskau und Sankt Petersburg und macht derzeit einen Master in Friedens-und Konfliktforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Darüber hinaus ist sie als freie Journalistin und für das Deutsche PEN-Zentrum tätig.

Sefa: Sie wurden in Vuthaj [Vusinje] geboren, einem Dorf in Montenegro, das meines Wissens bis heute eine albanische Enklave ist. Können Sie sich an Ihre Kindheit dort erinnern? Wie war das Leben in Vuthaj? 

Qosja: Ich wurde in Vuthaj geboren. Das Dorf befindet sich an der Grenze zu Albanien. Eigentlich gehört es zum Tal von Plav und Guci [Plav-Gusinje-Tal]. Das Tal besteht aus diesen zwei kleinen Städten, die eine einzigartige historische Rolle zur Zeit der Liga von Prizren spielten. Während der Ära der Liga von Prizren, die sich in der Stadt Prizren im Kosovo versammelte, hatte das Plav-Guci-Tal seinen eigenen Repräsentanten entsandt. Eine bedeutsame Figur, namens Ali Pasha Gucia. 

Shkodra war zu der Zeit für die Albaner dort die größte und wichtigste Stadt und es war die nächste Stadt zu Vuthaj. Als diese verfluchten politischen Grenzen neu gezogen wurden [am Ende der Balkankriege 1912-1913], konnten die Albaner, die im Tal angesiedelt waren, mit den Albanern auf der anderen Seite, in Shkodra, in Albanien nicht mehr kommunizieren. Sie waren gezwungen, sich in Richtung Peja, im Kosovo zu orientieren. All die Güter, für die, die Dorfbewohner immer nach Shkodra reisten, also für Zucker, Salz und Gas um ihre Häuser zu beleuchten, konnten von nun an nur noch in Peja erworben werden. Ausschließlich in Peja. 

Ich ging in Vuthaj zur Grundschule und absolvierte die Mittelstufe in Guci. Zu dieser Zeit, als ich noch jung war, dauerte die Grundausbildung nur sieben, nicht acht Jahre. 

Sefa: Wie haben Sie sich als Kind in Vuthaj die Zukunft vorgestellt? Dachten Sie, Sie würden dort immer bleiben oder träumten sie von einem Leben an einem anderen Ort? 

Qosja: In der Grundschule, am Ende des Zweiten Weltkrieges, lernte ich… lernte ich mit Büchern, die in Tirana verlegt worden waren. In diesen Büchern las ich zum ersten Mal die Gedichte von Naim Frashëri und ich wuchs auf mit der Vision und der Liebe zu dieser Poesie, zu diesem Dichter und zu dieser Stadt: Tirana. Als ich also zur Grundschule ging, hörte ich…hörte ich und las die Gedichte von Naim Frashëri, Ndre Mjeda und Gjergj Fishta [albanische Schriftsteller und Dichter]. Wissen Sie, ich konnte viele Gedichte von Naim Frashëri auswendig. Auch konnte ich einen Großteil von Gjergj Fishtas Epos „Lahuta e Malësisë“ (dt.: „Die Laute vom Hochgebirge“) rezitieren. Zu dieser Zeit, als ich gerade eingeschult worden war, befand sich in jedem albanischen Haushalt eine Ausgabe des Buchs. Ich konnte das meiste auswendig aufsagen. Doch dann verbot die montenegrinische Regierung Fishtas Werk. 

Sefa: Worum geht es in „Lahuta e Malësisë“? 

Qosja: „Lahuta e Malësisë“? Es handelt sich dabei um ein Heldengedicht. Ein Epos, das der Freiheit und der Unabhängigkeit des albanischen Volkes gewidmet ist. Es ist ein wunderbares patriotisches Poem. Darin werden auch Figuren aus Plav und Guci erwähnt und besungen. 

Sefa: Wie haben Sie als Kind in Vuthaj den zweiten Weltkrieg erlebt? 

Qosja: Bis zum Jahr 1943 befanden sich die Italiener in meinem Geburtsort, denn Plav und Guci waren zu diesem Zeitpunkt Teil Albaniens. 1943, dann, ich weiß nicht mehr genau in welchem Monat, vermutlich im Herbst, kapitulierten sie und zogen ab. Die übrigen Jahre waren geprägt von Angst und Grauen, denn wir hatten gehört, dass die Tschetniks nach Plav und Guci kommen könnten, davor fürchteten wir uns sehr. Wir flohen also und verbrachten drei Monate in Krasniqi, in Albanien. Krasniqi heißt die Region, die an Vuthaj angrenzt.  

Sefa: Wussten Sie als Kind von der Existenz Europas als Kontinent oder von Europa als Idee? 

Qosja: Ja, das wusste ich, ich wusste, dass es einen Kontinent mit dem Namen „Europa“ gibt. Gjergj Fishtas Poem „Lahuta e Malësisë“ handelt auch von Europa. Aber dort, wo ich lebte, gab es ein negatives Bild von Europa, denn es hatte uns geteilt, es hatte die albanischen Gebiete geteilt. Und Fishtas Epos war  dementsprechend sehr kritisch gegenüber Europa. Darin heißt es, dass Europa großes Unrecht an den Albanern verübt hat, in dem es sie auf fünf Länder verteilt 
hatte. Ich wuchs unter dem Einfluss dieses Poems auf. 

Sefa: Diese Teilung fand noch vor dem ersten Weltkrieg statt? 

Qosja: Europa teilte die albanischen Gebiete auf der Botschafterkonferenz in London 1913, das heißt zur Zeit der Balkankriege, und dann noch einmal nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Grenzen wurden später auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 bestätigt. Und es war zu dieser Zeit, dass unter den Albanern dieses Bild von Europa kreiert wurde, von Europa, das großes 
historisches Unrecht am albanischen Volk begangenen hatte. 

Sefa: Wie steht es heute um dieses Bild? 

Qosja: Es hat sich definitiv verändert. Als ich in die Oberstufe ging, lernte ich die Geschichte Europas und ihrer Völker. Es gibt nun ein anderes Bild von Europa. Die Albaner haben eine sehr positive Meinung von Europa, die sich substantiell von dem in „Lahuta e Malësisë“ kreierten Bild unterscheidet. Es herrscht nun eine Idee von Europa, die, vor allem von den beiden Schriftstellern Naim und Sami Frashëri beeinflusst wurde. Eine Idee geprägt von der Europäischen Aufklärung, von der „Sonne, die im Westen aufgeht“, wie Naim Frashëri in einem Gedicht schreibt. 

Sefa: Sie haben sowohl als Schriftsteller, als Wissenschaftler und als Publizist gewirkt, als auch politisch. Worauf sind Sie stolzer, auf Ihr literarisches Werk oder auf Ihr politisches Wirken? 

Qosja: Sehen Sie, ich habe historische und literarische Texte verfasst, Monographien, Kritiken, viele Polemiken; Ich habe Dramen, Romane und Meinungsartikel geschrieben, sehr viele. Meine Berufung ist nicht die Politik, es ist die Wissenschaft und die Kunst. 

Meine Zeitgenossen, unsere Generation, sah sich mit einem schweren Schicksal konfrontiert und hatte das Glück und Unglück in einer Zeit zu leben, die man „historisch“ nennt. Ich nenne Zeiten „historisch“, in denen ein Volk großen, sehr großen Herausforderungen gegenübersteht und versucht diese zu Ihrem Vorteil zu lösen. Die Probleme, mit denen sich das albanische Volk in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts konfrontiert sah, waren zunächst die Albanische Frage, sowie der Kosovo-Konflikt, also die Freiheit und Unabhängigkeit des Kosovo. Ich habe mein Leben und mein Werk diesen Themen 
gewidmet. 

Die zweite Frage, die mich beschäftigte, war die der Demokratisierung nach dem Ende des Kommunismus. Ich habe mein Leben auch der Demokratie verschrieben. Und die dritte große Frage, der ich mich gewidmet habe, ist die Frage nach der Vereinigung Kosovos und Albaniens. Die sind die drei Themen, die sich durch mein Lebenswerk ziehen – drei große Fragen, die die Substanz meines Lebenswerks ausmachen. 

Sefa: Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Werk geschätzt, ausreichend gewürdigt wird, sowohl von der Gesellschaft als auch von der politischen Elite? 

Qosja: Ich habe immer gedacht und das denke ich noch immer, dass ein Schriftsteller unversöhnlich ist mit der Realität und, dass er das Böse in der Gesellschaft, in der Politik etc. bekämpfen muss. Diejenigen die diesem kreativen Ansatz nicht zustimmen, werden zu servilen Schreibern. Einst nannte man diese „Hofschreiber“. Ich bin kein „Hofschreiber“, ich bin kein serviler Schreiber. Ich bin ein Autor, den man einst in Europa „subversiv“ nannte, ein Autor gegen alles Böse. Ich habe die Übel, die das Leben der Albaner und der Menschen im Allgemeinen erschwert haben, adressiert. Und in dem ich diese Übel behandelte, schaffte ich 
Raum für das Gute, für das, was richtig ist, für die Wahrheit. Meine schöpfungskraft und mein Werk sind ein Kampf um Gerechtigkeit und Wahrheit – für eine universelle Gerechtigkeit und Wahrheit, für das kollektive Gute. 

Sefa: Lassen Sie uns über ein Thema sprechen, dass wir „politisches Bewusstsein“ nennen. Wann wurden Sie „politisch“ und engagierten sich auch politisch? Oder waren Sie das schon immer? 

Qosja: Nicht schon immer. Ich kann sagen, dass ich mich ab dem Jahr 1968 kontinuierlich politisch engagierte, ab dem Jahr der Demonstrationen. Aber auch bereits 1966, als das Brioni Plenum stattfand und wir alle realisierten, welches Ausmaß an Terror die UDBA [Uprava Državne Bezbjednosti – der Geheimdienst Jugoslawiens] verübt hatte. Damals wurden Informationen öffentlich, die uns zuvor nicht bekannt waren. Von diesem Moment an, begann ich politisch zu denken und mich auch zu engagieren. „Mit dem Stift“ begann ich hingegen erst nach 1981 [große studentische Proteste gegen die Regierung in Belgrad und für die 
Unabhängigkeit des Kosovo] mich zu engagieren. Damals schrieb ich über die Haltung Serbiens und Jugoslawiens gegenüber den Albanern. Diese Artikel konnte ich nicht im Kosovo publizieren, also veröffentlichte ich sie in Zagreb und Ljubljana. 

Sefa: Warum publizierten Sie gerade dort? Hatten Sie dort Unterstützer? 

Qosja: Dort wurden meine Artikel, die die Gewalt und den Terror seitens Serbiens und Jugoslawiens im Kosovo kritisierten, publiziert, weil man mit meiner Kritik an den großserbischen Regimebestrebungen übereinstimmte. Kroatien und Slowenien hatten ihre eigenen nationalen Bewegungen. Sie hatten ihre Bemühungen um eine nationale Emanzipation begonnen. Die Artikel, die ich dort veröffentlichte, waren Ausschnitte meines Buchs „Populli indaluar“ (dt.: „Das verbotene Volk“). Man bezeichnete uns als „nationale Minderheit“, aber ich gab dem Buch den Titel „Verbotenes Volk“ und indem ich das Wort „Volk“ verwendete, betonte ich, dass die Albaner in Jugoslawien keine Minderheit sind, sondern ein Volk! Ein Volk, dem verboten wird, eines zu sein. Denn ein Volk hatte in Jugoslawien das Recht auf Selbstbestimmung. Und jenes Buch wurde in Zagreb veröffentlicht. 

Sefa: Eines ihrer wichtigsten Werke. 

Qosja: Ja, sehr wichtig. In dieser Zeit begann die De-Jugoslawisierung der Politik im Kosovo. 

Sefa: Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie wohl keine andere Wahl, als sich politisch zu engagieren? Intellektuelle lehnen es häufig ab, sich in die Politik einzumischen? 

Qosja: Ich konnte kein Intellektueller sein, der sich stumm verhielt, nein. Ich war zwar keiner Partei beigetreten, aber ich dachte und arbeitete politisch. Das Ergebnis war, dass mein Büro und auch mein Zuhause, zu einem Ort wurden, in dem ich Politiker, Diplomaten, Journalisten, hohe Beamte und ausländische Intellektuelle empfing. Sie alle wollten über die Gegenwart und Zukunft des Kosovo sprechen. Und schließlich gründete ich mit einer Gruppe anderer Intellektueller, eine Organisation, die sich mit der Kosovo-Frage befasste. Wir veröffentlichten 
Artikel, die die terroristische Gewalt des Milošević-Regimes anprangerten. 

Sefa: Wie steht es um ihre politische Identität? Ich nehme an Sie fühlen sich als Albaner, fühlen Sie sich auch als Europäer? 

Qosja: Ich kann sagen, dass ich ein Albaner bin, der möchte, dass die Albaner Teil Europas werden. Ich bin ein Albaner, der möchte, dass das albanische Volk und die albanischen Politiker, die ständig die Worte „Europa, Europa, die Europäische Union“ wiederholen, tatsächlich auch die europäischen Werte in ihrem Leben verankern – und die Menschen nicht mit leerer Rhetorik betrügen. 

Sefa: Dies wurde bisher nicht erreicht? 

Qosja: Nein. 

Sefa: Warum? 

Qosja: Ohne Werte kann sich ein Volk, eine Gesellschaft und auch ein Staat nicht erhalten. Naturgemäß gibt es in unserem Leben vererbte Werte und solche die konstruiert werden, aber ich spreche von neuen, modernen, politischen, sozialen, staatlichen, europäischen Werten, an denen es uns mangelt. 

Demokratie ist beispielweise ein Wert, ein Wert, den die albanische Renaissance von Europa entlehnt hat. Die Demokratie hat sich in unserem Leben jedoch nicht verfestigt. Sie wurde nicht angemessen institutionalisiert. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens, ist es nicht einfach einem Volk europäische Werte einzuflößen, wenn es sich hinsichtlich der Geographie zwar in Europa befindet, aber nicht mit Herz und Seele Teil davon ist. Und zweitens, ist es nicht einfach, ein Volk mit europäischen Werten auszustatten, das [nach der Unabhängigkeit des Kosovo 2008] zum ersten Mal überhaupt an demokratischen Prozessen teilnimmt. 

Sefa: Vertrauen Sie in die europäischen Institutionen? Sind diese aus der Perspektive eines Kosovo-albaners oder des Kosovo, das die EU-Mitgliedschaft anstrebt, glaubwürdig? 

Qosja: Ich kenne mich mehr oder weniger gut aus mit der Geschichte der europäischen Völker. Der europäische Kontinent hat einen großen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit geleistet. Europa hat insbesondere die Wissenschaften entwickelt, die das Leben der Menschen erheblich verbessert haben. Europa hat die Künste entwickelt, alle Künste. Europa hat die Philosophie entwickelt. Europa hat zu einem gewissen Grad die Zivilisation vorangebracht. Ich 
denke, auf der ganzen Welt. Aber es gibt auch negative Seiten an Europa. Europa war eine Kolonialmacht, die andere Länder ausbeutete und sich an ihnen bereicherte. Europa hat einige bedeutsame demokratische Modelle hervorgebracht, doch Europa führte auch den Faschismus in die Welt ein, den Nazismus, den Stalinismus und die Inquisition. Wie Sie sehen, hat Europa 
zwei Gesichter, aber das gute, das gütige, das menschliche, das progressive, das schöne Gesicht Europas ist sichtbarer, substantieller und langlebiger. Glücklicherweise. 

Sefa: Sie meinen also die positiven Seiten Europas sind signifikanter, als die negativen, die all diese Übel hervorgebracht haben? 

Qosja: Diese schlechten Seiten Europas sind Teil der europäischen Geschichte, die wir erinnern, die wir studieren um sicherzustellen, dass sie sich niemals wiederholen. Die Albaner, Albanien und Kosovo wollen Teil Europas werden. Und dieser Wunsch ist ehrlich und sie arbeiten hart dafür, mit großem Einsatz. Aber heute treten in Europa auch einige rechte Kräfte hervor, regressive rechte Kräfte, tauchen hier und dort auf und sie könnten Europa Schaden zufügen. Wir müssen hoffen, dass diese Kräfte Europa nicht dominieren werden – dass Europa von den 
Kräften dominiert wird, die es vorwärtsbringen, die einem demokratischen Europa 
verschrieben sind. Ich höre mit Besorgnis einige Interviews mit dem ungarischen 
Premierminister, Victor Orbán, mit polnischen, einigen tschechischen und anderen Politikern ehemaliger kommunistischer Staaten. 

Sefa: Sie meinen anti-europäische Strömungen, die sich gegen eine tiefergehende Integration Europas aussprechen? 

Qosja: Dort hören wir Ideen, die nicht wünschenswert und nicht akzeptabel sind. Ideen von einem Europa, die anti-europäisch sind! Ich stelle mir Europa multikulturell vor. Ich stelle mir Europa hinsichtlich seiner Kulturen, Glaubensrichtungen und ethnischen Identitäten pluralistisch vor. Ich möchte, dass die autochthonen Kulturen der Völker auf unserer Welt erhalten bleiben. Die Vielfalt der Kulturen ist der Reichtum unserer Welt.  

Sefa: Westeuropa und Osteuropa waren lange getrennt. Wie hat sich diese Trennung auf die europäische Kultur ausgewirkt? 

Qosja: Ich habe bereits Ungarn erwähnt, Polen und Tschechien, drei ehemalige 
kommunistische Länder, in denen einige Vertreter die Idee äußern, dass sie Europa nicht bräuchten und die, die Entwicklung eines multikulturellen und multireligiösen Europas behindern. Das europäische Projekt ist außergewöhnlich, sehr groß und sehr wichtig. Ein großartiges Projekt. Das Europa, das einst eine koloniale Macht war, dasselbe Europa, das einige, wie ich bereits sagte, gefährliche Ideologien und Praktiken hervorgerbacht hat, ist heute ein vereintes Europa. Das ist das starke ideal der Völker Europas. Ich möchte, dass dieses 
Europa sich weiterentwickelt, stärker wird, humaner, kultivierter wird, seine Zivilisation weiter voranbringt und dies muss erreicht werden, es wird erreicht werden. Ich möchte dieses Europa wirklich, denn es ist ein großes Versprechen, an die Völker Europas. Europa hat zwei grausame Kriege erlebt, in denen viel Blut vergossen wurde, „Berge an Knochen und Tale voll Blut“! Aber ein vereintes Europa befreit seine Völker von Kriegen. Ein vereintes Europa, wird ein Europa 
der Freiheit sein, nicht des Krieges. Dies macht es zu einem wahrhaft großen Projekt. 

Sefa: Lassen Sie uns über Freiheit sprechen. Ich denke das Wort „Freiheit“ ist für Sie ein sehr wichtiges Wort. 

Qosja: Selbstverständlich. 

Sefa: Freiheit ist ein zentrales Motiv in Ihrem Werk. Glauben Sie das Freiheit erreicht wurde? Wurde die Freiheit im Kosovo erreicht? Sind die Menschen nun frei? 

Qosja: In gewisser Hinsicht sind wir frei: Wir wurden befreit von der Herrschaft Serbiens und Jugoslawiens. Davon wurden wir befreit, aber –! Freiheit ist ein Wort voll Bedeutung, eine Idee mit viel Inhalt, mit vielen Wünschen, vielen Bemühungen, vielen realisierten und nicht realisierten Rechten. 

Sefa: Rechten, die im Kosovo noch nicht umgesetzt wurden? 

Qosja: Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger André Gide hat einmal einen wichtigen Satz formuliert, mit dem ich ein Buch von mir beendet habe. Er sagt: „Zu wissen, wie man sich befreit, bedeutet gar nichts; das Eigentliche besteht darin, zu wissen, was man mit seiner Freiheit macht.“ Wir haben unsere Freiheit durch einen Krieg errungen, den Krieg der „Befreiungsarmee des Kosovo“ und durch die Intervention der NATO, eigentlich der USA. Ihnen gebührt Dank. Sie waren entscheidend für die Befreiung des Kosovo. Aber meiner Meinung nach, nutzen wir die Freiheit, die wir errungen haben, nicht angemessen, nein. Die politische Klasse des Kosovo hat heute den demokratischen Test nicht bestanden. Es herrscht keine Gerechtigkeit im Kosovo, kollektive Güter wurden gestohlen, es gibt Korruption, Nepotismus, Armut, es gibt viele Familien, die von zwei Dollar am Tag leben müssen – verstehen Sie, zwei Dollar am Tag – es herrscht große Ungerechtigkeit! Und so sollte es nicht sein. Einige derjenigen, die an der Macht sind, haben sich durch ihre politischen und offiziellen Positionen bereichert, sie haben sie genutzt um reich, um Millionäre zu werden. Die Armen wurde zu 
Millionären! Erst, wenn Kosovo von all diesem Übel befreit ist, wird es tatsächlich frei sein. Dann wird es demokratisch sein. Wahrhaftig frei. 

Sefa: Wie stehen Sie zu Grenzen? Habe Sie sich jemals von Grenzen eigenengt gefühlt, haben sie Sie behindert auf Reisen? Auch vor dem Hintergrund, dass die Visa-Liberalisierung für den Kosovo noch immer nicht gilt? 

Qosja: Die Visa-Liberalisierung muss endlich umgesetzt werden. Europa tut nicht gut darin, Kosovo in diesem Aspekt zu diskriminieren. Dies schränkt die Reisefreiheit der Kosovaren ein. Es wurde ein neuer Begriff geprägt, der „Westbalkan“. Ich weiß nicht, was dieser Begriff zu bedeuten hat! 

Sefa: Ein sehr politischer Begriff. 

Qosja: Erst gab es nur den Balkan und nun gibt es plötzlich auch einen Westbalkan! In letzterem befinden sich Albanien, Nordmazedonien, Kosovo, Montenegro, Bosnien und Herzegowina und auch Serbien. In allen diesen Ländern lebt eine beträchtliche Anzahl an Muslimen. Hat Europa diesen Begriff geschaffen, weil in diesen Staaten so viele Menschen muslimischen Glaubens leben? So ein Gedanke ist nicht förderlich! So sollte nicht gedacht werden in einem vereinten 
Europa. 

Sefa: Weil dieser Teil Europa getrennt wird von…? 

Qosja: Der Westbalkan wird vom restlichen Balkan getrennt. 

Sefa: Sie meinen von dem Teil, der eher katholisch und orthodox geprägt ist? 

Qosja: Kroatien und Slowenien sind katholisch, hier und da gibt es auch Muslime. Sehen Sie, ich halte so eine Kategorisierung für falsch. Die Albaner als Volk vereinen drei Glaubensrichtungen: katholisch, orthodox, muslimisch. Die Albaner haben keine Glaubenskriege geführt, wie es sie einst in Europa gab. Europa kennt den Begriff des Glaubenskriegs. Europa kennt den Begriff des Dreißigjährigen Kriegs. 

Ich denke Europa muss verstehen, dass die Albaner eine historische Mission erfüllen können. Der große griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis, schreibt in seinem geistreichen Roman „Rechenschaft vor El Greco“, dass, das zwischen dem Osten und dem Westen liegende Griechenland,, als „geografischer und seelischer Überschneidungspunkt der Welt, die Aufgabe hat diese beiden Welten zu versöhnen, in dem es ihre Synthese anstrebt.“ [frei übersetzt]. Ich denke, dass das albanische Volk mit drei Glaubensrichtungen und der geografischen Lage, die 
es hat, dazu berufen ist, den Osten und Westen zu vereinen und nicht zu trennen, sondern Brücken zu schlagen zwischen Ost und West. Auf dem Balkan sahen sich West und Ost über Jahrhunderte konfrontiert, haben um die Vorherrschaft gekämpft, meist zu Lasten des Balkans. Aber auf dem Balkan haben sich zeitgleich auch die Zivilisationen der westlichen und östlichen Kulturen getroffen, vereint, gegenseitig beeinflusst und in ineinander verliebt. Kulturen, Zivilisationen führen keine Kriege gegeneinander. Kulturen und Zivilisationen treffen sich und 
lernen voneinander. Sie reichern sich an, wachsen, wenn sie aufeinandertreffen. Die albanische Kultur ist sehr reich, die Volksmusik, die Volkstänze. Warum? Weil sich dort die Kultur und Künste der Albaner mit den historischen kulturellen Einflüssen durch die Griechen, die Italiener, die Türken, die Araber verschmolzen hat. Die albanische Kultur ist dadurch reicher geworden, das albanische Volk ist dadurch reicher geworden. Das heißt, die Albaner sind dazu berufen, geografisch, religiös, kulturell und historisch, nicht den Westen und Osten zu teilen, sondern 
Brücken zu schlagen, Brücken des Friedens, des gegenseitigen Verständnisses, der Zusammenarbeit, des Zusammenlebens. Brücken für die Gegenwart und für die Zukunft. 

Sefa: Sie denken also, dass die Albaner so eine Rolle auch innerhalb der EU einnehmen könnten? 

Qosja: Ja, warum nicht. 

Sefa: Wie stellen Sie sich Europa in 50 Jahren vor, also im Jahr 2070? Wo wird das europäische Projekt dann sein? 

Qosja: Ich lese viele Autoren, die über Europa schreiben. Unter ihnen gibt es Pessimisten, sie schreiben ganz verzweifelt von der Zukunft Europas. Ich? Ich glaube an die Zukunft Europas. Ich glaube und will daran glauben. In Europa gab es schon immer kluge, clevere Menschen, die nicht nur einiges für Europa, sondern für die gesamte Menschheit getan haben. Diese Menschen werden Europa nicht fallen lassen. Ich denke, dass Europa neu erbaut wird, entwickelt, angereichert, institutionalisiert wird – und dies auf eine Art, die besser ist als die 
heutige. Wir sehen, dass es in Europa korrupte Menschen gibt, dass es eine korrupte Bürokratie gibt. Ich hoffe, dass Europa sich hiervon befreien kann und besser wird im politischen, demokratischen, sozialen, moralischen und ethischen Sinne. Ich glaube also an die Zukunft eines besseren Europas. Die Welt braucht ein vereintes Europa. 

Sefa: Fürchten Sie, dass sich vergangene Fehler wiederholen könnten? Ich denke da an Kriege, Nationalismus, Brexit? 

Qosja: Das Unerwartete, heißt es, regiert die Welt. Man kann das Unerwartete nicht ausschließen, aber ich denke, dass uns die Europäische Union erhalten bleiben wird, mit verbesserten Institutionen. Es sind einige Reformen notwendig. Ein reformiertes, vereintes Europa wird unerwartete Herausforderungen bewältigen können. 

Sefa: Welchen Rat haben Sie für die junge Generation? 

Qosja: Hier ist ein Rat von mir: Montesquieu, einer der Begründer der Demokratietheorie, hat einmal etwas gesagt, von dem ich mir wünsche, dass es immerzu erinnert und wiederholt wird. Er sagte, dass die Tyrannei des Prinzen – des Herrschers – weniger schädlich für das Gemeinwesen ist, als die Apathie des Volkes. Ich möchte, dass ihr, die junge Generation nicht apathisch seid. Ich möchte, dass ihr aktiv seid, hart arbeitet, Forderungen stellt, denn nur auf 
diese Weise, mit euren Ideen, euren Wünschen, euren Rechten, könnt ihr Europa 
vorwärtsbringen.  

Interview und Übersetzung aus dem Albanischen von Nora Sefa (gekürzte Fassung) 

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