Creative Mornings Gelungene Rezepte für Kreativität

Jürgen Siebert
Jürgen Siebert | Foto: © Creative Mornings Berlin

Creative Mornings ist eine mittlerweile weltweite Bewegung „von Kreativen für Kreative“. Eine dynamische morgige Veranstaltung, einem TED-Talk ähnlich, findet jeden Monat freitags in den meisten Weltmetropolen statt. Berlin und Moskau sind auch darunter. Von Tina Roth Eisenberg, einer Designerin aus der Schweiz in New York gegründet, vereinigen CM heute Tausende begeisterter Spezialisten, die beim Kaffee und Snacks einander ihre Visionen präsentieren. Mit welchem Zweck? Mit Jürgen Siebert, dem Berliner Host von CM, haben wir uns über die Besonderheiten der deutschen Hauptstadt und die Bedeutung von „vernetzt sein“ in der modernen Welt unterhalten.

Creative Mornings Foto: © Creative Mornings Berlin

Wieso ist es in der Kreativwirtschaft besonders wichtig, Leute zu kennen? Ist es überhaupt so?


Vernetzt sein ist heute wichtiger als jemals zuvor. Da wir doch meistens den ganzen Tag alleine vorm Rechner sitzen, hat die Begegnung mit Kollegen eine neue Bedeutung gewonnen. Wir kommunizieren zwar pausenlos in digitalen Kanälen, doch dies ersetzt keinen Dialog, bei dem wir unseren Gesprächspartner sehen und sofort auf ihn reagieren können. Außerdem besteht nur im echten Leben die Chance, exklusive Informationen zu bekommen … also Tipps und Anregungen, die nicht von Google geliefert werden.

Dienen die CM-Veranstaltungen diesem Zweck?

Nicht alleine. Die Creative Mornings verfolgen zwei verschiedene Ziele. Zum einen wollen sie eine Begegnungsplattform sein für Menschen, die kreativ tätig sind und Gleichgesinnte treffen möchten. Das ist besonders wichtig in Berlin, mit seinen vielen jungen Zuwanderern und der vitalen Start-up-Szene. Alleine aus diesem Grunde haben wir uns dazu entschlossen, unsere Vorträge in Englisch zu halten.
Zum anderen soll ein Creative-Morning-Vortrag natürlich lehrreich sein und einem als Zuschauer dazu anregen, mit neuer Motivation und frischen Ideen an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Creative Mornings Foto: © Creative Mornings Berlin

Die Idee von CM ist so, dass die Kreativen sich gegenseitig inspirieren und miteinander austauschen können. Ist es in der Praxis nicht so, dass man Präsentation lauscht, mit denen redet, mit wem man zur Veranstaltung kam und nach Hause geht? Findet tatsächlich ein Austausch statt?

Soweit ich das beobachten kann, findet durchaus ein Austausch statt. Natürlich gibt es Fälle, in denen zwei Freunde oder Kollegen die Veranstaltung besuchen, um sich untereinander zu unterhalten. Warum auch nicht? Vielleicht haben sie im Büro zu selten die Gelegenheit für ein Zwiegespräch. Auf der anderen Seite weiß ich von mehreren Besuchern die neu waren in unserer Stadt, dass sie beim Creative Morning Anschluss gefunden haben… ja sogar einen Job. Letztlich hängt es von jedem selbst ab, was er aus unserem Angebot macht.

Hat der Austausch von Kreativen in Berlin schon was gebracht? Gibt’s irgendwelche „substanzielle“ Ergebnisse? Kann man das verfolgen?

Wir kennen nur Einzelbeispiele, eine Befragung hat es noch nicht gegeben. Ich weiß aber, das alleine drei Freunde aus Australien über Creative Morning Top-Positionen bei Berliner Start-ups bekommen haben … was sicherlich mit ihrer Qualifikation und ihrem Auftreten zu tun haben wird, aber auch mit der Vernetzung. Unsere neue Webseite bietet seit einigen Monaten die Möglichkeit, innerhalb der CM-Gemeinde in Kontakt zu treten, Zitate aus Vorträge seinem Profil hinzuzufügen und die Präsentationen zu bewerten. Und schließlich gibt es sogar die Funktion, aus unserer CM-Gemeinde die Singles herauszufiltern.

Creative Mornings Foto: © Creative Mornings Berlin

Wie arbeiten die Organisatoren von CM in Berlin? Ist es eine freiwillige unbezahlte Arbeit? Wenn ja, dann wozu? Wie vereinbart man dies mit dem Hauptberuf?

Alle Arbeiten für den Creative Morning sind freiwillig und letztlich unbezahlt. Sponsoren helfen uns dabei, den Kaffee, das Gebäck und die Räumlichkeit zu finanzieren. Wir sind in der glücklichen Lage, als TYPO-Designkonferenz jede FontShop mit unserer 18 Jahre alten Menge Erfahrung gesammelt zu haben. Im Vergleich zu einer dreitägigen TYPO-Konferenz, setzen wir einen Creative Morning in wenigen Stunden auf die Schienen. Und eine fantastische Website hilft uns enorm bei der Organisation.

Wie sieht die Vorbereitung einer regulären Veranstaltung aus? Wie viel Zeit nimmt diese in Anspruch?

Wir brauchen im Prinzip nicht mehr als einen Raum und einen Sprecher oder eine Sprecherin. Das hört sich einfach an, ist es vielleicht auch für uns, weil wir sehr gut vernetzt sind und schon jahrelang Veranstaltungserfahrung haben. Den Zeitaufwand für die Konzeption eines Creative Mornings würde ich mit 10 Stunden veranschlagen … verteilt auf zwei Personen sind es noch fünf pro Nase.

Creative Mornings Foto: © Creative Mornings Berlin

Gibt es in Berlin etwas Spezifisches, was die Organisation des Projektes erschwert oder im Gegenteil – leichter macht?

Ein Nachteil in Berlin ist sicherlich, dass die Bewohner unserer Stadt nicht so gerne ihren Kiez verlassen. Dies bedeutet für uns, dass wir ständig auf der Suche nach wechselnden Locations sein müssen, um neue Besucher zu erreichen. Das gelingt nicht immer, denn wir sind auf ein Sponsoring der Location angewiesen. Unser Bestreben ist, die Creative-Morning-Gemeinde hier in Berlin kontinuierlich anwachsen zu lassen, und jeden Monat 100 bis 120 Besucher zu gewinnen … was meist binnen eine Stunde erledigt ist. Dabei profitieren wir natürlich von der vitalen Kreativszene in unsere Stadt.

Das Thema im Januar ist „Childhood“. Ist es, nach ihrer Meinung, wichtig, etwas kindisch zu sein, um kreativ zu bleiben? Oder haben sie Ihr eigenes Rezept der Kreativität?

Seit unserer Kindheit lernen und verbessern wir uns durch spielerisches Handeln: Wir ahmen nach, probieren aus, stehen auf und lernen hartnäckig. Am Ende entsteht etwas Neues. Übertragen in die Berufswelt lässt sich durch Spiel und kindliche Naivität leichter, effizienter und befriedigender arbeiten. Designer nenne das dann Storytelling, Gamification, Learning by Doing oder Trial and Error. Ich denke, das sind die gemeinsamen Nenner der Creative-Morning-Besucher und unser Rezept für Kreativität.