Postsowjetische Literatur Auszüge aus dem noch ungeschriebenen Lexikon

Eugenia Dwoskina
Eugenia Dwoskina | Foto: © Eugenia Dwoskina

In der Welt der Literatur vollziehen sich gerade große Veränderungen. Es sind neue Berufe entstanden, wie beispielsweise der Literaturagent (in Russland freilich ist dieses Phänomen noch wenig bekannt), Berufe, die für die Ewigkeit schienen, haben sich verändert. Hier einige Auszüge aus dem noch ungeschriebenen Lexikon, die die offensichtlichsten „Neuerscheinungen“ der letzten Jahre ins Visier nehmen.

Der preisgekrönte Schriftsteller

© Eugenia Dwoskina Foto: © Eugenia Dwoskina Es gibt Schriftsteller, bei denen alles bestens läuft – die Zeitungen lieben sie, sie bekommen Preise, und wenn man ihnen besondere Anerkennung zollen will, werden sie sogar im Fernsehen gezeigt. Aus Rache müssen sie viel schreiben, die Auflagen werden dabei in der Regel immer größer und die Qualität der Texte immer geringer. Mit dem Erhalt von Prämien hört der preisgekrönte Schriftsteller nicht auf, eben dies sein gesamtes restliches Leben zu machen, welches sich in ein Vorher und Nachher aufteilt. Beide Lebensabschnitte sind von Ängsten geprägt. Vor allem sind sie ängstlich darum bemüht, a) nicht zu den Leuten zu gehören, die auf Buchmessen, Literaturfestivals und Sektempfängen in der Kulturszene herumgereicht werden, und b) sollte es dann doch passiert sein, rechtzeitig den Absprung zu schaffen (d.h. bis zur Beerdigung auf dem Wagankowsker Friedhof (ehrlicher wäre allerdings der Nowodewitschi-Friedhof).

Der erfolglose Schriftsteller

ist der aktivste Leser der Shortlists für alle existierenden Literaturpreise. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er zu Hause oder auf dem Wochenendgrundstück seiner Frau, die seine treueste Leserin ist. Dabei erweist sich allerdings am Ende seines Lebens die Flasche als seine beste Freundin. Er ist bereit, jede Nebentätigkeit auszuüben, vom Prüfen von literarischen Werken bis hin zum Verfassen von Autobiographien von Literaten, die keiner braucht.

Dabei hat er eine gute Beobachtungsgabe und schreibt oft auch gut. Ihm fehlt einfach nur das Quäntchen Glück beim „russischen Roulette“.

Der unsichtbare Schriftsteller

beschäftigt sich zuweilen mit Dingen, die nur entfernt etwas mit Literatur zu tun haben, wobei er aber mit seiner beharrlichen und uneigennützigen Arbeit manchmal den Jackpot zu knacken vermag: Nach der ersten Veröffentlichung ist er plötzlich über Nacht berühmt. Seine Karriere als Schriftsteller ist in der Regel nur kurz und endet entweder mit der Migration in angrenzende Bereiche oder aber mit der Rückkehr dorthin, von wo er gekommen ist – in die endlosen Weiten des Internets oder an einen Lehrstuhl an der Universität.

Der gelehrte Kritiker

kommt in der Regel aus dem sprachwissenschaftlichen Umfeld. Er ist der naiven Überzeugung, dass viel Wissen mit gutem Geschmack gleichzusetzen ist. Übersichten literarischer Entwicklungen begeistern ihn mehr als die zeitgenössische Literatur, von der er erfahrungsgemäß wenig versteht, da er meist auf diejenigen setzt, die als erstes wieder in Vergessenheit geraten. Wenn man mit ihm ins Gespräch kommt, erweist er sich als im Grunde liebenswerter Mensch.

Der nicht gelehrte Kritiker

kommt aus dem journalistischen Umfeld, trifft mit seinen Ausführungen zwar ins Schwarze, neigt aber übermäßig zu Verallgemeinerungen, Flüchtigkeits- und Tippfehlern. Während der gelehrte Kritiker sein ärgster Widersacher ist, sind ihm die Leser wohlgesonnen und wissen seine Energie und das Fehlen von Hochmut zu schätzen.

Der Fernsehkritiker

sieht aus wie ein bunter Papagei, spricht schnell wie ein Showmaster und ist so universell wie eine Küchenmaschine. Er kann auf allen Kanälen gleichzeitig präsent sein, da es kein Gebiet der Weltliteratur gibt, auf dem er sich nicht für kompetent hält. Mitglied in zahlreichen Jurys zu sein, hält ihn nicht davon ab, seinen eigenen Geschäfte nachzugehen – Läden zu eröffnen, Prozente von fremden Urheberrechten einzustreichen und vor allem die richtigen Leute am richtigen Ort zur richtigen Zeit zusammenzubringen.

Der Verleger

Der von sich überzeugte Verleger weiß, wie man die Geschäfte korrekt führt und vor allem, wo man Geld auftreiben kann. Er vermag seine Fahne immer nach dem Wind zu hängen, hervorragende Interviews zu jedem beliebigen Thema zu geben und eine intellektuelle Mode zu begründen und ihr nicht nur zu folgen. Wenn man allerdings etwas an der Oberfläche kratzt …, aber das unterlässt man lieber, um nicht womöglich auf eine ganze Reihe von zweifelhaften Handlungen zu stoßen und so den hartnäckig geschaffenen Mythos zu zerstören.

Der nicht von sich überzeugte Verleger ist so mit der Vorbereitung der Bücher beschäftigt, dass er sie zu verkaufen vergisst. Er ist gebildet und hat Geschmack, pflegt aber die erforderlichen Beziehungen nicht genug, und mit potentiellen Sponsoren steht er lediglich auf freundschaftlichem Fuße und ist – ganz anders als der von sich überzeugte Verleger – nicht in der Lage, sie auch entsprechend auszunehmen zu melken.

Der Buchgestalter

ist am Aussterben. Früher hat er den Blick ganzer Generationen bestimmt, heute kann er nur noch jene erfreuen, die sich bislang nicht von dem vor langer Zeit geformten Sehen verabschiedet haben. Aus den Reihen der Grafiker entwickeln sich oft Berühmtheiten in einem Bereich, der nichts mit Büchern zu tun hat, aber wenn es nicht dazu kommt, kann das ein Glück für die Bücher und mitunter auch für die „große Kunst“ sein.

Der Redakteur

Auch der Redakteur ist – wie der Gestalter – ein Beruf, der langsam aus der Buchkultur verschwindet. Er existierte überwiegend in jenen Zeiten, da die Bücher über viele Jahre geschrieben und noch länger herausgebracht wurden. Dank seiner Arbeit wurde ein guter Text noch besser und einen schlechten konnte man wenigstens bis zum Ende des ersten Absatzes lesen.

Der moderne Leser

© Eugenia Dwoskina Foto: © Eugenia Dwoskina ist immer auf dem letzten Stand. Er liest alles hintereinander weg, vor allem deshalb, damit die anderen darüber sprechen und schreiben. Er kennt Bücher und Hochglanzzeitschriften, von der Existenz von Literaturzeitschriften hat er noch nicht einmal etwas gehört. Bei seiner Lektüre bewegt er sich praktisch nicht außerhalb der Liste der Top-10 der populärsten Autoren. Wenn das dann aus Versehen doch einmal passiert, fühlt er sich wie ein tapferer Held, ein Reisender in unbekannte Welten, ein Entdecker gefährlicher Landstriche. Wenn er sich zu Büchern äußert, sind „O“ und „A“ die einzigen Laute, die er begeistert ausruft. Er ist der Meinung, dass Homer und Dante irgendwann im 20. Jahrhundert tätig waren, und er kann auf Anhieb alle Preisträger des letzten Jahres nennen. Für ihn gibt es nur einen einzigen Typus von Verfasser, und zwar den, der im Fernsehen gezeigt wird, und sei es auch nur in einer Koch-Show, und der von den angesagten monatlich erscheinenden Zeitschriften gedruckt wird, und sei es auch nur in der Rubrik „Gesellschaft“.

Der Leser aus dem Bücherschrank

© Eugenia Dwoskina Foto: © Eugenia Dwoskina hat für die Gegenwart in all ihren Erscheinungsformen nicht viel übrig, hält den Fernseher für eine Brutstätte von Hexen und geht nur, wenn es absolut unumgänglich ist, ins Internet. Aber Bücher liest er leidenschaftlich gern, am liebsten mit Bildern. Er weiß jede Menge interessante Dinge und kann lange und interessant darüber sprechen. Die Frage ist nur − mit wem?

Der Redakteur einer Literaturzeitschrift


denkt oft, dass er der einzige ist, der sich in der Literatur auskennt. Die Naivität einer solchen Überzeugung wird durch seinen Enthusiasmus und seine Uneigennützigkeit wettgemacht, was sich im Übrigen auf der Ebene der Behörden rächt. Aus der Sicht des Schriftstellers, und zwar sowohl des Neulings als auch des angesehenen Literaten, gab es früher weit und breit keine einflussreichere und schrecklichere Person. Glücklicherweise hat der Mangel an guten Texten die Sachlage radikal verändert. Jetzt sind beide, sowohl der Schriftsteller als auch der Redakteur, bereit sich als Opfer auf dem Altar der Kultur zu fühlen, nur dass die Reihenfolge der Opfer vom Redakteur bestimmt wird.