Juliane Lorenz über Fassbinder „Die meisten haben gesagt, wie schwierig er sei“

Juliane Lorenz und Rainer Werner Fassbinder
Juliane Lorenz und Rainer Werner Fassbinder | Foto: privat

Die Cutterin für die wichtigsten Fassbinder-Filme erzählt davon, wie es damals war, in den 70er Jahren in der BRD zu leben, einen Film in 20 Tagen zu drehen und ihn in einer Nacht zu schneiden.
 

Sie sehen sehr jung aus. Sie müssen also noch überaus jung gewesen sein, als Sie Fassbinder kennengelernt haben.

Ja, so ist es. Manchmal sage ich, dass ich neunzehn war. Aber tatsächlich war ich zwanzig. Damals habe ich darüber nachgedacht, mit dem Schreiben anzufangen – Schriftstellerin wäre ich sehr gern geworden.

Haben Sie Literatur studiert?

Nein, stellen Sie sich vor, ich habe eigentlich Politik studiert. Einfach nur so, um überhaupt etwas zu studieren. Das war sehr langweilig.

Aber es war die beste Zeit. Die Zeit der Sozialdemokraten, die Zeit Willi Brandts. Die Menschen wollten sich ändern. Wollten raus aus den zwar stabilen, aber sehr konservativen 50er, 60er Jahren.

Gleichzeitig waren die Gesellschaften in der DDR und der BRD natürlich ganz unterschiedlich. In der BRD beispielsweise waren die Frauen rechtlos. In Osteuropa war alles viel besser. In Westdeutschland konnte der Ehemann seiner Frau verbieten arbeiten zu gehen: Das ging noch bis 1976 so. Ich wusste davon gar nichts; Margarethe von Trotta hat mir das erzählt. Die Frauen sind deshalb von ihren Männern weggegangen, haben sie verlassen.

Meine Mama hat sich im Jahr 1972 scheiden lassen. Weil ihr zweiter Mann sehr despotisch war. Eigentlich war er kein schlechter Kerl, aber er wollte kategorisch nicht, dass Mama arbeitet. Und sie wollte doch so gern. So bin ich schon mit ganz anderen Werten aufgewachsen. Ich habe eine fortschrittliche Bildung bekommen. Aber die Realität um mich herum war noch eine ganz andere.

Sie haben Fassbinder also als Studentin kennengelernt?

Ja, ich habe an der damaligen Hochschule für Politik studiert, die heute eine Universität ist. Fassbinder war zu dem Zeitpunkt schon ein Star: Er hatte bereits 24 Filme gedreht. Als Künstler war er damals schon sehr selbstbewusst. Andererseits hatte er immer wieder große Probleme: Im Jahr 1975 zum Beispiel bezichtigte man ihn des Antisemitismus (bei dem Skandal ging es um das Stück von Fassbinder „Müll, Stadt und Tod, in dem die Figur des Reichen Juden vorkommt. – die Red.). Aber über Probleme hat er nie gesprochen, das spielte sich alles tief in seinem Innern ab. Alles, was er nach außen trug, das war das nächste Projekt. Und danach wieder das nächste.

Liebte man ihn als Regisseur?

Tja, wie soll ich das sagen. Die meisten haben gesagt, wie schlecht er doch sei. Wie schwierig. Aber man rezipierte ihn immer als die Verkörperung des „neuen deutschen Films“, und irgendwie war er wohl auch ein Star. Weil er so produktiv und machtvoll war, ein Film nach dem anderen drehte. Die Menschen waren schockiert, dass so etwas überhaupt möglich ist; all das wurde diskutiert.

Er hat zwar eine private Schauspielschule besucht, aber eine abgeschlossene Grundschulausbildung hatte er nicht – und das wird auch aus seinen Filmen klar. Seine Lebensumstände waren eben so, ähnlich wie das bei mir der Fall war.

Aber ich war wenigstens nicht allein – ich lebte mit meiner Mama, meiner Schwester und meinem Bruder zusammen, wir hielten nach Mamas Scheidung zusammen. Und sie hat immer gearbeitet – mein Stiefvater hat Filme gedreht, und sie hat ihm dabei geholfen.

Als sie geheiratet haben, war ich fünf. Und mein Stiefvater hat mich immer mit ins Kino genommen. Deshalb habe ich ab dem fünften Lebensjahr wahllos alles gesehen. Manchmal auch sehr schlechte Filme. Es war gerade die Anfangszeit der französischen „neuen Welle“. Ich wusste mitunter gar nicht, was ich da sehe. Die einprägsamen Sachen kamen später, mit Rainer.

Aber haben Sie denn in dieser Zeit Filme von Fassbinder gesehen?

Nein, in der Kindheit nicht. Obwohl, in den Film „Angst frisst Seele auf“ bin ich gegangen. Ich wusste überhaupt nicht, worum es da geht und wer diesen Film gedreht hat, aber irgendwas hat er in mir ausgelöst, so etwas in der Art hatte ich vorher noch nie gesehen. Ich wollte auch Regisseurin sein und begann eigene Filme zu machen. Dann habe ich Werner Schroeter kennengelernt, der mich wiederum Fassbinder vorstellte. Genauer gesagt, eine Cutterin von Schroeter machte mich mit Fassbinder bekannt. Sie wollte gerade bei ihm anfangen und sagte: Du kannst meine Assistentin sein. Das ist Schicksal. Ich wusste bis dahin nichts von seiner Reputation.

Ihr erster gemeinsamer Film war „Chinesisches Roulette“?

Ja, genau. Ich habe damals so viel gelernt, wie ich in keiner einzigen Universität gelernt hätte. Natürlich las ich Pudowkin, aber die eigentliche Ausbildung fand während der Arbeit statt. Er hat nie neben mir gesessen und gesagt: Du musst das so oder so machen. Er hat eigentlich überhaupt nie etwas gesagt. Ob ich Angst hatte etwas falsch zu machen? Aber ja, das ist doch ganz normal. Und dabei hat er mich die ganze Zeit immer wieder ermutigt!

„Chinesisches Roulette“ liebe ich. Wegen der Kameraführung und der Geschichte selbst. Denn genau das war es, was der neue deutsche Film tat – Geschichten erzählen, zum Beispiel über Familien. Außerdem ist das eine Geschichte, die sich auch in meiner Biographie wiederfindet: Als sich meine Mama scheiden ließ, wurde ich in diese Scheidung mithineingezogen. Ich habe sogar einen Brief an den Anwalt geschrieben, so sehr wollte ich ihr helfen. Rainer und ich hatten eine sehr ähnliche Geschichte. Daran konnten wir arbeiten – ich wollte gerade sagen, dass wir darüber hätten „sprechen“ können, aber wir haben in der Tat viel mehr gearbeitet als gesprochen. Wir hatten eine magische Fähigkeit: Wir mussten nicht alles bis ins Detail besprechen.

Szene aus dem Film „Chinesisches Roulette“

Er war nicht sehr gesprächig?

Eher mochte er nicht gern erklären. An Menschen, die die Dinge nicht von selbst verstanden, hatte er kein Interesse. Er hatte nicht gern die Führungsposition inne, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Und die deutsche Gesellschaft in jener Zeit hat eben stark darauf geachtet, wer der Anführer war und wer die Anhänger. Natürlich war er letztlich derjenige, der für alles verantwortlich war. Aber ausnahmslos alle Abteilungen – der Schnitt, Ton, Kostüm – waren für sich selbst verantwortlich und ziemlich autonom. Nur die Drehbücher schrieb er selbst. Rainer hat erwartet, dass jeder einzelne, mit dem er arbeitet, seine eigene Meinung hat. Er wollte, dass der Film das Produkt eines Kollektivs ist, und nicht das des Hausherrn und seiner Angestellten. Er war ein großer Freidenker. Er vergötterte die Frauen, aber wenn du als Frau dich nicht mitverantwortlich für die Beziehung gefühlt hast, dann hat er sich einfach nicht für dich interessiert. Er hat oft gesagt: „Denk doch mal nach!“ Meine Mama hat nie zu mir gesagt: „Denk doch mal nach“. Sie wollte nie wissen, was ich zu einer Sache zu sagen habe, was ich darüber denke. Später, als ich dann schon seine Lebensgeschichte kannte, begann ich zu begreifen, woher dieses Freidenkertum kam.

Wie viele Filme haben Sie insgesamt mit ihm gemacht?

Vierzehn. Mi t zwanzig Jahren wurde ich Cutterin. Wenn Sie in diesem Alter Cutterin werden und in sechs Jahren vierzehn Filme machen, einschließlich „Berlin Alexanderplatz“, dann werden Sie erwachsen. Sie fangen als Kind an und hören als erwachsener Mensch auf. In der Praxis – und damals war das Schneiden Handarbeit – lernte es sich leicht, wenn man lernen wollte. Wenn man solch einen Start hat, dann kann einen dieses Handwerk das ganze Leben hindurch ernähren. Ich habe danach mit vielen anderen gearbeitet – mit Werner Schroeter, Romuald Karmakar, habe einige zeitgenössische deutsche Filme gemacht.

Und ich war irgendwie der Überzeugung, dass Fassbinder autoritär war.

Zu keinem Zeitpunkt war er das. Was die Drehbücher anbelangt, so war er in der Tat pedantisch genau. Selbst wenn das Drehbuch von jemand anderem geschrieben war, wie beispielsweise bei den Filmen „ Die Ehe der Maria Braun“, „Lola“, „[Die Sehnsucht der] Veronika Voss“ und „Lili Marleen“ hat er es immer für sich passend gemacht. Immer war er auch Co-Autor des Drehbuchautors. Hat Anweisungen hineingeschrieben, die vorbereitenden Arbeiten gemacht, fotografiert, gesagt, wo die Kamera stehen muss… Damals war alles insgesamt auch noch leichter: er malte kleine Bildchen und danach konnte man arbeiten. Es wäre wunderbar, wenn der eine oder andere Ihrer Leser nach Berlin kommen würde und sich die Fassbinder-Ausstellung „ NOW“ anschauen würde, die wir im Martin-Gropius-Bau gemacht haben. Dort gibt es einen großen Raum, den wir „workshop“ genannt haben: Dort können Sie sehen, wie wir uns auf die Dreharbeiten vorbereitet haben. Für das Drehbuch „Berlin Alexanderplatz“ hat er den Roman von Döblin genommen und auf den Seiten seine Kommentare geschrieben, dann hat er diese auf ein Extrablatt geschrieben und fertig war das Drehbuch!

Ich erinnere mich daran, dass ich mal irgendwelche Probleme beim Schneiden hatte. Daraufhin meinte ich zu ihm: „Ich glaube, ich muss mir mal deine ersten Filme ansehen.“ Daraufhin rief er: „Nein! Das musst du nicht! Wir sind jetzt hier und nicht dort!“ Ich habe mir trotzdem „Katzelmacher“ angeschaut, aber er mochte diesen Film überhaupt nicht! Er meinte: „Vergiss ihn am besten“.

Und das Tempo seiner Arbeit? War das für Sie normal?

Durchaus! Es ist alles eine Frage der Konzentration. Wir waren sehr konzentriert bei der Sache, darum hatten wir nicht das Gefühl zu hetzen oder außer Atem zu sein. Und damals schien es mir eigentlich auch gar nicht so, dass wir in einem großen Tempo gearbeitet haben. Wenn Du heute für das Fernsehen einen Film machst, der eine Stunde und 45 Minuten lang ist, dann hast Du einen Plan für 20 Tage – das war damals nicht anders. Die Dreharbeiten zum Film „Die Ehe der Maria Braun“ liefen vielleicht über 26 Tage.

Angefangen mit „Berlin Alexanderplatz“ hatten wir keine unvorhergesehenen Zwischenfälle oder Wettrennen. Es gab die jeweilige Szene, einige Proben und ein Double. Vielleicht noch jemanden als Ersatz-Double. Heutzutage machen mehrere Regisseure mit ihren Digitalkameras von allen Seiten Aufnahmen. Eine reicht nicht, es muss zur Sicherheit noch aus einer anderen Perspektive gedreht werden. Fassbinder hat ja nicht viel Material verbraucht. Er hatte da seine ganz eigene Einstellung. Er hatte bereits vor den Dreharbeiten eine absolut klare Vorstellung von der Szene, seine Regieanweisungen waren exakt und deutlich. Man wusste immer, wie die Abfolge ist, welcher Winkel, welche Größe oder Optik genommen werden musste – all das war seine Arbeit. Er machte das perfekt. Selbst die Kameraleute sagten: Ja, wir haben natürlich das Licht angeschaltet, aber er war es, der die Kamera auf den jeweiligen Schauspieler in der jeweiligen Situation gelenkt hat.

Mit dem Schneiden war ich dann etwa zehn Tage nach Abschluss der Dreharbeiten fertig. Natürlich habe ich 14, manchmal 16 Stunden am Stück gearbeitet. Das ist normal. Beim Schneiden von „Lola“ habe ich sogar gefragt: „Wollen wir es in einer Nacht schneiden?“ Obwohl wir eine Woche Zeit dafür hatten, was damals ein ungewöhnlicher Luxus war. Und er erwiderte: „Oder noch schneller?!“ Und wir haben bis vier Uhr morgens, bis zur Morgendämmerung, geschnitten. Es war Sommer, die Sonne ging gerade auf und er meinte: „Ich bin müde.“ Und ich antwortete: „Ich nicht!“

War das wie ein Wettkampf? Ging es darum, besser als Fassbinder zu sein?

Ich war einfach jünger. Wenn du deine Arbeit gern machst, dann ermüdet sie dich nicht. Aber ansonsten war es bei uns wie bei anderen Leuten auch. Die Dreharbeiten begannen jeden Tag um 10 Uhr. Rainer kam gegen 9 Uhr zum Drehort oder ins Studio. Ich war bis vier-fünf Uhr mit dem Schneiden beschäftigt. Um sieben Uhr machte er Schluss, und um acht Uhr gingen wir was essen oder waren schon Zuhause.

Das klingt ziemlich deutsch, ich würde sogar sagen, ziemlich bürgerlich.

Sie haben vollkommen Recht. Was seine Zeitplanung betrifft, da war er durch und durch deutsch. Ein sehr organisierter Mensch. Und sehr ökonomisch bei seinen Dreharbeiten. Ich erinnere mich an ein Treffen mit Tarkowski, der damals den Film „Der Spiegel“ gedreht hat. Als sie gerade beim Belichten waren, bekam er einen Herzanfall. Und Rainer … er hat eine Szene nicht noch einmal gedreht, wenn sie nichts geworden ist — er hat sie dann einfach weggelassen.

Sie beschreiben einen unkomplizierten Menschen.

Für mich war er sehr unkompliziert. Ich bin sicher, dass es einige anders sehen. Besonders die Schauspieler. Er hat es gehasst, wenn sie auf der Bühne erschienen und ihren Text noch nicht auswendig konnten. Er zwang alle dazu, sehr gut vorbereitet zu sein. Hanna Schygulla konnte er mehr Zeit geben; sie war eine Ausnahme. Sie hat nie darum gebeten, aber er wusste, dass sie Zeit braucht. Besonders bei Großaufnahmen. Aber von den Kameraleuten und dem gesamten technischen Team verlangte er Präzision. Er war easy-going. Für mich.

Irm Hermann sagt im Film von Christian Braad Thomsen, dass sie sich wie eine Sache gefühlt hat, wie Fassbinders Eigentum.

Oh, das ist ganz normal, dass sie so redet. Sie hat es so empfunden. Sie war damals schon eine gestandene Schauspielerin und Fassbinder war damals erst 19 Jahre alt! Das war ein ganz anderer Mensch!

Das Einzige, weswegen man aus meiner Sicht mit Rainer ein Problem haben konnte, war seine Ungeduld. Er war kein Freund von langen Proben. Er liebte es überrascht zu werden. Er mochte es, wenn man ihm Vorschläge machte. In der Zeit, als er mit Irm Hermann gedreht hat, ließ er andere nicht gern an seinen Gedanken teilhaben. Er konnte sich dann darauf beschränken zu sagen: „Geh dahin.“ „Stell dich dort hin“. Solange er noch das Regiehandwerk erlernte, konnte er auf die Menschen Druck ausüben – so erzählt man es jedenfalls.

Aber Sie haben das nie am eigenen Leib erfahren?

Nun ja, er hätte vermutlich die Kontrolle über sich verloren, wenn ich gesagt hätte: „Das war’s, ciao, ich haben einen neuen boyfriend“ oder „ Ich habe einen neue Arbeit gefunden“ oder „Ich möchte für einen anderen Regisseur als Cutterin arbeiten“. Er hat einfach zu viel in mich investiert. Das habe ich sehr gut verstanden.

Das heißt, Sie haben sich doch als sein Eigentum gefühlt.

Nein, niemals! Ich habe mich als seine Partnerin empfunden! Ich habe ihn Geduld gelehrt, ihm beigebracht, dass er mir Zeit für meine Entwicklung geben muss. Das ist eine unserer Geschichten. Wenn ich mich dazu nicht in der Lage gefühlt hätte, dann hätte ich ihm schon gesagt: „Es tut mir leid, stopp, ich muss hier weg.“ Und das hätte er dann verstehen müssen!

Sind Sie unabhängig?

Ja, von meinem Charakter her bin ich unabhängig. Das liegt ganz in der Tradition der Frauen in meiner Familie. Und Rainer hat das sehr gefallen. Wenn ich ein Problem hatte, haben wir es besprochen. Manchmal weigerte ich mich auch zu reden und erklärte: „ Ich habe nicht vor, das zu besprechen, ich brauche meine freie Zeit und die steht mir auch zu.“ Einmal bin ich sogar für ein paar Tage von Zuhause weg gewesen! Wir hatten also einen wunderbaren ungeschriebenen Vertrag. Rainer hatte auch viel aus seinen vorhergehenden Beziehungen gelernt. Irm Hermann war, wie er mir einmal gesagt hat, die einzige Frau, die sich über ihn beschweren durfte. Weil er ihr gegenüber auch wirklich ein A-loch war. So hat er es mir selbst gesagt!

Wir haben oft über seine Vergangenheit gesprochen. In seinen Augen war da genauso viel Liebe wie das Flehen: „Bitte hilf mir, ein guter Mensch zu sein!“ Er hat sich so sehr darum bemüht ein guter Junge zu sein. Ich bin die einzige Frau, mit der er wirklich zusammengelebt hat. Ohne dass daran noch zehn andere Menschen teilhatten. Ich hatte also Glück.

Natürlich war ich in seine Filme verliebt. Einige sagen, meine Art des Umgangs mit ihm war so gewesen, dass ich mich von den Problemen distanzierte, die Augen davor verschloss. Dem ist nicht so. Ich habe sie schon gesehen. Ja, es gab Probleme, und er redet ja auch in seinen Interviews darüber. Er hasste es allein zu sein, deswegen war ich immer in seiner Nähe. Im letzten Jahr fühlte ich mich schon fast mit ihm auf Augenhöhe, und er hat das bemerkt. Und war stolz darauf.

Ich habe mit ihm so ein bestimmtes Gefühl von Freiheit erfahren, dass alles Schlechte irgendwie in den Hintergrund trat. Wir bemühten uns darum, alles mit Humor zu tragen. Ja, er hat Drogen genommen, als wir uns kennenlernten. Natürlich konnte mir das nicht gefallen. Natürlich war ich strikt dagegen. Aber er hat ja mehr oder weniger damit aufgehört.

Das heißt, Sie haben nicht in einer Kommune gelebt?

Nein. In dieser Kommune hat er eigentlich nur in jungen Jahren gelebt, als er Theater gemacht hat. Das war im Jahr 1976. Dann war er mit Ingrid Caven verheiratet. Sie haben sich wirklich größte Mühe gegeben und sechs Wochen zusammengelebt. Aber es hat nicht funktioniert.

Als wir uns kennenlernten, lebte er mit Armin Meier zusammen. Als Armin starb, hat es wohl irgendwie Click gemacht in Rainers Kopf. Er beschloss zur Vernunft zu kommen. Und vielleicht hat das Leben mit einer Frau seinen Vorstellungen von Vernunft entsprochen.

Aus dem Film von Christian Braad Thomsen („Fassbinder: Leben ohne zu fordern“. – die Red.) habe ich auch den Gedanken mitgenommen, dass Fassbinder sich wohl eine Familie wünschte...

Als diese Familie haben wir ja auch gelebt. Wir wollten auch ein Kind. Leider hatte ich eine Fehlgeburt; das war schrecklich.

Sie kommen in den Dokumentarfilmen über Fassbinder praktisch nicht vor…

In jener Zeit wurde über seine Person, seine Vergangenheit in Deutschland so breit diskutiert, dass er in den letzten vier Jahren seine Tür ganz verschlossen hielt. Sie werden keine Filme über seine letzten vier Lebensjahre – mit mir – finden. Er wollte, dass das sein ganz persönlicher Raum ist. Wenn er nicht gestorben wäre, weiß ich nicht, wie es weitergegangen wäre: Möglicherweise hätten sich unsere Wege getrennt. Ich habe nie getrunken und nie Drogen genommen, ich hatte gar keine Vorstellung davon, was das überhaupt ist. Und wahrscheinlich war ich deshalb ein wichtiger Teil seines Lebens.

Selbst meine Mama hat zu mir gesagt: Nimm nicht so viel auf dich, du hättest Rainer nicht vor seinem Schicksal bewahren können.

Acht Jahre lang habe ich überhaupt nicht über Fassbinder gesprochen. Zu niemandem. Keine Interviews gegeben. Ich habe seine Filme nicht gesehen, gar keine Berührung damit gehabt. Ich habe mich in meine Arbeit gestürzt und war weiterhin als Cutterin tätig. Das war eine schwierige Arbeit. Aber es wurde auch belohnt. Ich bekam einen wichtigen, mit Geld dotierten Preis für den Film „Malina“ von Werner Schroeter. Und da habe mir gesagt: „Die Filme von Rainer müssen jetzt neu entdeckt werden.“ Das war der Beginn der Arbeit für die Foundation. Ich habe gelernt, wie ich Rainers Arbeit professionell verwalte.

Das mache ich bis heute. Es gab eine private Stiftung, die seine Mutter gegründet hatte. Und ich habe eine andere kleine private Stiftung gegründet. Heute sind beide zusammengeführt. Die Arbeit geht immer weiter, aber die die Frage des Geldes wird immer wichtiger, da die Filme von Fassbinder nicht oft im deutschen Fernsehen gezeigt werden. Und wir müssen noch fünf Filme und die Serie „Acht Stunden sind kein Tag“ restaurieren. Noch ist die Serie völlig unbekannt. Ich bin immer auf der Suche nach Geld. Leider leben wir in einer solchen Welt, so sieht meine Realität aus.

Hat er wirklich im Bett geraucht und ist mit der Zigarette eingeschlafen?

Nicht so viel im Bett. Aber geraucht hat er tatsächlich die ganze Zeit. Mir ist das nicht besonders aufgefallen, obwohl ich selbst nicht geraucht habe. Aber wir hatten die Vereinbarung, dass er nie im Gästezimmer raucht. Er konnte einfach nicht aufhören damit, das hat mich rasend gemacht.

Das heißt, Sie hatten keine Angst, dass Sie einschlafen und plötzlich die Wohnung brennt?

Nein, er war in solchen Dingen sehr korrekt. Er benahm sich ganz… normal. Wie alle Menschen. Tat die Kippe in den Aschenbecher. Als ich ihn in jener Nacht tot fand, hatte er noch den Rest der Zigarette in der Hand. Sie war ausgegangen, was ein weiteres Mal beweist, dass Zigaretten selten einen Brand auslösen.

Sie waren nicht Zuhause?

Ich war beim Schneiden. In jener Nacht hatten wir einen Freund zu Besuch, mit dem Rainer ein Interview gemacht hat, den Regisseur Wolf Gremm.

Mussten Sie nach seinem Tod oft Kämpfe ausfechten um Fassbinder und sein Erbe?

Natürlich, oft. Aber am Anfang hat seine Mutter die Kämpfe geführt. Ich ging meinen eigenen Weg – ich war ja erst 26 Jahre alt. Ich habe studiert. War auf der Suche nach anderen Regisseuren. Alle Publikationen mussten in Ordnung gebracht und archiviert werden. Sie musste sich mit dem Archiv von Rainer sehr intensiv beschäftigen. Damals war sie 59 Jahre alt; sie hatte bis zu ihrer Rente noch fünf Jahre zu arbeiten. Alles in allem hat sie wohl fünf-sechs Jahre den Juristen gewidmet, um alle Papiere und Recht zu organisieren. Sie war ja sehr in die Arbeit des Sohnes involviert. Er hatte jede Menge Schulden noch aus den Zeiten des „Antitheaters“. Sie war Übersetzerin und als ihr zweiter Mann starb, begann sie als Sekretärin zu arbeiten, weshalb sie einige der Drehbücher getippt hat. Ihm hat es sehr gefallen, dass sie ihm hilft.

Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu ihr?

Ja, bis hin zu ihrem Tod im Jahr 1993. Wir waren beste Freundinnen. Er war ja ihr einziges Kind. Und ich musste lernen, ohne Fassbinder zu leben. Und zeigen, was ich ohne ihn wert bin. Und das habe ich getan. Und ich bin zurückgekommen, um mich auch um seine Angelegenheiten zu kümmern.